SigPhi · Gotthold Ephraim Lessing

Laokoon, oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie

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unserer Bewunderung unendlich verlieren? Wie kömmt es, dass wir dem Künstler nichts von unserer Hochachtung entziehen, wenn er schon weiter nichts thut, als dass er die Worte des Dichters mit Figuren und Farben ausdrückt? 5 Die Ursach scheinet diese zu sein. Bei dem Artisten dünket uns die Ausführung schwerer, als die Erfindung; bei dem Dichter hingegen ist es umgekehrt, und seine Ausführung dünket uns gegen die Erfindung das Leichtere. Hätte Virgil die Verstrickung des Laokoon und seiner Kinder fJci^M/ 10 von der Gruppe genommen, so würde ihm das Verdienst, welches wir bei diesem seinem Bilde für das schwerere und vwot "ifi^^- grössere halten, fehlen, und nur das geringere übrig bleiben. Denn diese Verstrickung in der Einbildungskraft erst schaffen, ist weit wichtiger, als sie in Worten ausdrücken. 15 Hätte hingegen der Künstler diese Verstrickung von dem Dichter entlehnet, so würde er in unsern Gedanken doch noch immer Verdienst genug behalten, ob ihm schon das Verdienst der Erfindung abgehet. Denn der Ausdruck in Marmor ist unendlich schwerer als der Ausdruck in Wor- , 20 ten; und wenn wir Erfindung und Darstellung gegen .ayzu^i^il!^ einander abwägen, so sind wir jederzeit geneigt, dem IMeister u~cc ") *,i,e-^j^ an der einen so viel wiederum zu erlassen, als wir an der "ff^^^ andern zu viel erhalten zu haben meinen, ^^^'tk^ Es giebt sogar Fälle, wo es für den Künstler ein grösseres ,,^^t^c^ 25 Verdienst ist, die Natur durch das Medium der Nachahmung t^^^tlT'^ des Dichters nachgeahmet zu haben, als ohne dasselbe. 0^. ".yf»^ j)gj. Maler, der nach der Beschreibung eines Thomsons J^^^ill^y^ eine schöne Landschaft darstellt, hat mehr gethan, als der e.**-*-i c^^- gjg gerade von der Natur copiret. Dieser siehet sein Urbild rw^.4^u<:^3o vor sich; jener muss erst seine Einbildungskraft so anstrengen, ',^,Sy bis er es vor sich zu sehen glaubet. Dieser macht aus leb- haften sinnlichen Eindrücken etwas Schönes; jener aus schwan- ken und schwachen Vorstellungen willkürlicher Zeichen.

LAOKOON. XI. 95 So natürlich aber die Bereitwilligkeit ist, dem Künstler das Verdienst der Erfindung zu erlassen, eben so natürlich j hat daraus die Lauigkeit gegen dasselbe bei ihm entspringen *^J2plXX' müssen. Denn da er sähe, dass die Erfindung seine glän- ^\^!^i^^l^j^ zende Seite nie werden könne, dass sein grösstes Lob von 5 der Ausführung abhänge, so ward es ihm gleichviel, ob jene alt oder neu, einmal oder unzähligmal gebraucht sei, ob sie ihm oder einem anderen zugehöre. Er blieb in dem engen Bezirke weniger, ihm und dem Publico geläufig gewordener Vorwürfe, und liess seine ganze Erfindsamkeit auf die blosse 10 Veränderung in dem Bekannten gehen, auf neue Zusam- '\a» mensetzungen alter Gegenstände. Das ist auch wirklich ^''«-•^'^ die Idee, welche die Lehrbücher der Malerei mit dem Worte Erfindung verbinden. Denn ob sie dieselbe schon sogar in malerische und dichterische eintheilen, so gehet 15 doch auch die dichterische nicht auf die Hervorbringung des Vorwurfs selbst, sondern lediglich auf die Anordnung oder den Ausdruck ^ Es ist Erfindung, aber nicht Er- findung des Ganzen, sondern einzelner Theile und ihrer Lage unter einander. Es ist Erfindung, aber von jener geringern 20 Gattung, die Horaz seinem tragischen Dichter anrieth: ' Tuque Rectius lliacum Carmen dcducis in actus. Quam si proferres ignota indictaque ])rimusV Anrieth, sage ich, aber nicht befahl. Anrieth, als für ihn 25 leichter, bequemer, zuträglicher; aber nicht befahl, als besser und edler an sich selbst.

In der That hat der Dichter einen grossen Schritt voraus, "welcher eine bekannte Geschichte, bekannte Charaktere behandelt. Hundert frostige Kleinigkeiten, die sonst zum 30 Verständnisse des Ganzen unentbehrlich sein würden, kann j.o-'Gx-i^ g6 LAGKOON. XI.

er übergehen; und je geschwinder er seinen Zuhörern verständlich wird, desto geschwinder kann er sie interessiren.

Diesen Vortheil hat auch der Maler, wenn uns sein Vorwurf nicht fremd ist, wenn wir mit dem ersten Blicke die Absicht 5 und Meinung seiner ganzen Composition erkennen, wenn wir auf eins, seine Personen nicht bloss sprechen sehen, sondern auch hören, was sie sprechen. Von dem ersten ^-- Blick hangt die grösste Wirkung ab, und wenn uns dieser y^J^ zu mühsamem Nachsinnen und Rathen nöthiget, so erkaltet 10 unsere Begierde, gerühret zu werden; um uns an dem " ^''"uts^^ unverständlichen Künstler zu rächen, verhärten wir uns gegen Ay, den Ausdruck, und weh ihm, wann er die Schönheit dem Ausdrucke aufgeopfert hat! Wir finden sodann gar nichts, ■, was uns reizen könnte, vor seinem Werke zu venveilen; was l/^jv^ 15 wir sehen, gefällt uns nicht, und was wir dabei denken sollen, wissen wir nicht.

Nun nehme man beides zusammen; einmal, dass die Erfindung und Neuheit des Vorwurfs das vornehmste bei weitem nicht ist, was wir von dem Maler verlangen; zweitens, 20 dass ein bekannter Vorwurf die Wirkung seiner Kunst befördert und erleichtert: und ich meine, man wird die Ursache, warum er sich so selten zu neuen Vorwürfen My-<ju entschliesst, nicht mit dem Grafen Caylus in seiner Bequem- ^^,^^j lichkeit, in seiner Un\vissenheit, in der Schwierigkeit des 25 mechanischen Theiles der Kunst, welche allen seinen Fleiss, alle seine Zeit erfordert, suchen dürfen; sondern man wird sie tiefer gegründet finden, und vielleicht gar, was Anfangs Einschränkung der Kunst, V'erkümmerung unseres Vergnü- gens zu sein scheinet, als eine weise und uns selbst nützliche '»ö*^^^*-'-^ 30 Enthaltsamkeit an dem Artisten zu loben geneigt sein. Jh^ Ich fürchte auch nicht, dass mich die Erfahrung widerlegen werde. Die IMaler werden dem Grafen für seinen guten Willen danken, aber ihn schwerlich so allgemein nutzen, als LAOKOON. XI. 97 er es erwartet. Geschähe es jedoch: so würde über hundert Jahr ein neuer Caylus nöthig sein, der die alten Vorwürfe wieder ins Gedächtniss brächte, und den Künstler in das Feld zurückführte, wo andere vor ihm so unsterbliche Lor- beeren gebrochen haben. Oder verlangt man, dass das 5 Publicum so gelehrt sein soll, als der Kenner aus seinen Büchern ist.? Dass ihm alle Scenen der Geschichte und der Fabel, die ein schönes Gemälde geben können, bekannt und geläufig sein sollen? Ich gebe es zu, dass die Künstler f*-^"-*^!^-"^ besser gethan hätten, wenn sie seit Raphaels Zeiten, anstatt lo des Ovids, den Homer zu ihrem Handbuche gemacht hätten. Aber da es nun einmal nicht geschehen ist, so lasse man das Publicum in seinem Gleise, und mache ihm sein Vergnügen h;;j J^Tr^Ju.--^ nicht saurer, als ein Vergnügen zu stehenj^ommen muss, um cx«^ das zusein, was es sein soll. 15 Protogenes hatte die Mutter des Aristoteles gemalt. Ich weiss nicht wie viel ihm der Philosoph dafür bezahlte. Aber entweder anstatt der Bezahlung, oder noch über die Bezah- lung, ertheilte er ihm einen Rath, der mehr als die Bezahlung werth war. Denn ich kann mir nicht einbilden, dass sein 20 Rath eine blosse Schmeichelei gewesen sei. Sondern vor- nehmlich weil er das Bedürfniss der Kunst erwog, allen 'uJ^si<^JX^ verständlich zu sein, rieth er ihm, die Thaten des Alexanders zu malen; Thaten, von welchen damals alle Welt sprach, und von welchen er voraussehen konnte, dass sie auch 25 der Nachwelt unvergesslich sein würden. Doch Protogenes war nicht gesetzt genug, diesem Rathe zu folgen; ' impetus ^^^^i>w, K''**^ animi,' sagt Phnius, ' et quaedam artis libido ^' ein gewisser jr*'^^*'^ Uebermuth der Kunst, eine gewisse Lüsternheit nach dem '^^fzt^^^^ Sonderbaren und Unbekannten, trieben ihn zu ganz andern 30 Vorwürfen. Er malte lieber die Geschichte eines Jalysus '", * Richardson nennet dieses Werk, wenn er die Regel erläutern will, 98 LAOKOON. XI.

einer Cydippe und dergleichen, von welchen man jetzt auch nicht einmal mehr errathen kann, was sie vorgestellet haben.

XII.

ARGUMENT.

Connt Caylus invites the painter to choose bis snbjects in Homer and to adhere faithfully to the original. But how is this possible in scenes where Homer describes the supematural agency of the gods interfering in the struggle of the fighting armies? The artist cannot represent the gigantic size which the poet ascribes to them, as they would look monstrous in the picture; nor can he introduce them as ordinary war- riors, for how could we recognise their divine nature? And how can he represent them at all, invisible as they frequently are to mortal eye, dass in einem Gemä'de die Aufmerksamkeit des Betrachters durch nichts, es möge auch noch so vortiefflicli sein, von der Hauptfigur abge- zogen werden müsse. ' Protogenes.' sagt er, ' hatte in seinem berühmten Gemälde Jalysus ein Rebhuhn mit angebracht, und es mit so vieler Kunst ausgemalet, dass es zu leben schien, und von ganz Griechenland bewundert ward; weil es aber aller Augen, zum Nachtheil des Haupt- werks, zu sehr an sich zog, so löschte er es gänzlich wieder aus.' ^Traite de la Peinture, t. i. p. ^6.) Richardson hat sich geirret. Dieses Reb- huhn war nicht in dem Jalysus, sondern in einem andern Gemälde des Protogenes gewesen, welches der ruhende oder müssige Satyr, Sdri/poi a.va-navoi>.iv(js, hiess. Ich würde diesen Fehler, welcher aus einer miss- verstandenen Stelle des Plinius entsprungen ist, kaum anmerken, wenn ich ihn nicht auch beim Meursius fände (^Rhodi, Hb. i. cap. 14. p. 38): ' In eadem, tabula sc, in qua lalysus, Satyrus erat, quem dicebant Ana- pauomenon, tibias tenens.' Desgleichen bei dem Herrn Winckelmann selbst. (.Von der Nachahm. der Gr. W. in der Mal. und Bildh., s. 56.) Strabo ist der eigentliche Währmann dieses Histörchens mit dem Reb- huhne, und dieser unterscheidet den Jalysus, und den an eine Säule sich lehnenden S.ityr, auf welcher das Rebhuhn sass, ausdrücklich. ^Lib. xiv. p. 750, edit. Xyl., p. 652 C.) Die Stelle des Plinius Jib. xxxv. sect. 36. § 104 sqq. p. 699) haben Meursius und Richardson und Winckel- mann deswegen falsch verstanden, weil sie nicht Acht gegeben, dass von zwei verschiedenen Gemälden daselbst die Rede ist: demeinen, dessent- wegen Demetrius die Stadt nicht übeikam, weil er den Ort nicht angreifen wellte, wo es stand; und dem andern, welches Protogenes während dieser Belagerung malte. Jenes war der Jalysus, und dieses der Satyr.

LAOKOON. XI L 99 tinless he makes use of a cloud in order to hide the god, — wliich cloxid would, in tliis case, be a mere hieroglyphic, a symbol, an arbitrary, not a natural sign?

Homer bearbeitet eine doppelte Gattung von Wesen und Handlungen: sichtbare und unsichtbare. Diesen Unterschied kann die Malerei nicht angeben: bei ihr ist alles sichtbar; und auf einerlei Art sichtbar.

Wenn also der Graf Caylus die Gemälde der unsichtbaren 5 Handlungen in unzertrennter. Folge mit den sichtbaren fort- laufen lässt; wenn er in den Gemälden der vermischten Handlungen, an welchen sichtbare und unsichtbare Wesen Theil nehmen, nicht angiebt, und vielleicht nicht angeben '^^ kann, wie die letztern, welche nur wir, die wir das Gemälde 10 betrachten, darin entdecken sollten, so anzubringen sind, dass die Personen des Gemäldes sie nicht sehen, wenigstens sie nicht nothwendig sehen zu müssen scheinen können: so muss nothwendig sowohl die ganze Folge, als auch manches einzelne Stück dadurch äusserst verwirrt, unbegreiflich und 15 widersprechend werden.

Doch diesem Fehler wäre, mit dem Buche in der Hand, noch endlich abzuhelfen. Das schlimmste dabei ist nur.

dieses, dass durch die malerische Aufhebung des Unter- (^Jrxr<M^^^ schiedes der sichtbaren und unsichtbaren Wesen, zugleich 20 alle die charakteristischen Züge verloren gehen, durch welche sich diese höhere Gattung über jene geringere '*^'"^ ''**n erhebet. '^ Z. E. Wenn endlich die über das Schicksal der Trojaner getheilten Götter unter sich selbst handgemein werden: so 25 gehet bei dem Dichter ^ dieser ganze Kampf unsichtbar vor, und diese Unsichtbarkeit erlaubet der Einbildungskraft die Scene zu erweitern, und lässt ihr freies Spiel, sich die Personen der Gölter und ihre Handlungen so gross, und lOO LAOKOON. XII.

Über das gemeine Menschliche so weit erhaben zu denken, als sie nur immer will. Die Malerei aber muss eine sichtbare Scene annehmen, deren verschiedene nothwendige Theile der Massstab für die darauf handelnden Personen werden; ein 5 Massstab, den das Auge gleich dameben hat, und dessen Un- proportion gegen die höhern Wesen, diese höhern Wesen, die bei dem Dichter gross waren, auf der Fläche des Künst- lers ungeheuer macht.

Minerva, auf welche Mars in diesem Kampfe den ersten 10 Angriif waget, tritt zurück und fasset mit mächtiger Hand von dem Boden einen schwarzen, rauhen, grossen Stein auf, den vor alten Zeiten vereinigte Männerhände zum Grenzsteine hingewälzet hatten. [II. xxi. 403.]

*H S ava^acrcra^evrj \i6ov eiXtro x^'P' ""^X^'.Vi 15 KeifXfvov iv TTföiw, yLfXava, TpT]\vv re, fjtyav rf, Tov p avBpes TTpörepoi, ßeaav tp.p.(vaL ovpov äpovprjs.

Um die Grösse dieses Steins gehörig zu schätzen, erinnere man sich, dass Homer seine Helden noch einmal so stark macht, als die stärksten Männer seiner Zeit, jene aber von 20 den Männern, wie sie Nestor in seiner Jugend gekannt hatte, noch weit an Stärke übertrefifen lässt. Nun frage ich, wenn INIinerva einen Stein, den nicht Ein Mann, den IMänner aus Nestors Jugendjahren zum Grenzsteine auf- gerichtet hatten, wenn INIinerva einen solchen Stein gegen 25 den Mars schleudert, von welcher Statur soll die Göttin sein? Soll ihre Statur der Grösse des Steins proportionirt sein, so fällt das Wunderbare weg. Ein INIensch, der dreimal grösser ist als ich, muss natürlicher Weise auch einen dreimal grössern Stein schleudern können. Soll aber 30 die Statur der Göttin der Grösse des Steins nicht ange- messen sein, so entsteht eine anschauliche Unwahrscheinlich- keit in dem Gemälde, deren Anstössigkeit durch die kalte Ueberlegung, dass eine Göttin übermenschUche Stärke LAOKOON. XII. lOI haben müsse, nicht gehoben wird. Wo ich eine grössere Wirkung sehe, will ich auch grössere Werkzeuge wahr- nehmen.

Und Mars, von diesem gewaltigen Steine niedergeworfen, bedeckte sieben Hufen [ib. 407]. Unmöglich kann der Maler dem Gotte diese ausserordentliche Grösse geben. Giebt er sie ihm aber nicht, so liegt nicht Mars zu Boden, nicht der Homerische Mars, sondern ein gemeiner Krieger \ 10 Longin sagt [de subl. 9. 7], es komme ihm öfters vor, als habe Homer seine Menschen zu Göttern erheben, und seine * Diesen unsichtbaren Kampf der Götter hat Quintus Calaber in seinem zwölften Buche 'ver. 158-185' [157-18S] nachgeahmet, mit der nicht undeutlichen Absicht, sein Vorbild zu verbessern. Es scheinet nämlich, der Grammatiker habe es unanständig gefunden, dass ein Gott mit einem Steine zu Boden geworfen werde. Er lässt also zwar auch die Götter grosse Felsenstücke, die sie von dem Ida abreissen, gegen- einander schleudern; aber diese Felsen zerschellen an den unsterblichen Gliedern der Götter, und stieben wie Sand um sie her [ver. 1S5 sqq.]: Ol h\ KoXwvas Xfpalv dnopp-fj^avTes dn ovSfOj [/. ovptos] 'ISaloto 'BdWov Itt' d\\r]\ovs' at S« \papLdOoiai ufioiai 'Peia StfffKiSvavTO' 6ea/v nepl 5' dax^fa yvta 'FTjyvviJ.tvcu 5iä rvrOd.,. Eine Künstelei, welche die Hauptsache verdirbt. Sie erhöhet unsem Begriff von den Körpern der Götter, und macht die Waffen, welche sie gegen einander brauchen, lächerlich. Wenn Götter einander mit Steinen werfen, so müssen diese Steine auch die Götter beschädigen können, oder wir glauben muthwillige Buben zu sehen, die sich mit Erdklössen werfen. So bleibt der alte Homer immer der Weisere, und aller Tadel, mit dem ihn der kalte Kunstrichter belegt, aller Wettstreit, in welchen sich geringere Genies mit ihm einlassen, dienen zu weiter nichts, als seine Weisheit in ihr bestes Licht zu setzen. Indess will ich nicht läugnen, dass in der Nachahmung des Quintus nicht auch sehr treffliche Züge vorkommen, und die ihm eigen sind. Doch sind es Züge, die nicht sowohl der bescheidenen Grösse des Homers geziemen, als dem stürmischen Feuer eines neuem Dichters Ehre machen würden. Dass das Geschrei der Götter, welches hoch bis in den Himmel und tief bis in den Abgrund ertönet, welches den Berg und die Stadt und die Flotte erschüttert, von den Menschen nicht gehöret wird, dünkt mich eine sehr vielbedeutende Wendung zu sein. Das Geschrei war grösser, als dass es die kleinen Werkzeuge des menschlichen Gehörs fassen konnten.

I02 laokoon: XII.

Götter zu IMenschen herabsetzen wollen. Die Malerei voll- führet diese Herabsetzung. In ihr verschwindet vollends alles, was bei dem Dichter die Götter noch über die göttlichen Menschen setzet. Grösse, Stärke, Schnelligkeit, 5 wovon Homer noch immer einen höhern, wunderbarem Grad für seine Götter im Vorrath hat, als er seinen vor- züglichsten Helden beileget \ müssen in dem Gemälde auf das gemeine IMass der Menschheit herabsinken, und Jupiter und Agamemnon, Apollo und Achilles, Ajax und * In Ansehung der Stärke nnd Schnelligkeit wird niemand, der den Homer auch nur ein einzigesmal flüchtig durchlaufen hat, diese Asser- tion in Abrede stellen. Nur dürfte er sich vielleicht der Exempel nicht gleich erinnern, aus welchen es erhellt, dass der Dichter seinen Göttern auch eine körperliche Grösse gegeben, die alle natürliche Masse weit übersteiget. Ich verweise ihn also, ausser der angezogenen Stelle von dem zu Boden geworfenen Mars, der sieben Hüten bedecket, auf den Helm der Minerva {^wk7\v tKaröv iroXiwv irpvKiiaa' apapviav. Iliad, E. 744), unter welchem sich so viel Streiter, als hundert Städte in das Feld zu stellen vermögen, verbergen können; auf die Schritte des Neptunus (Iliad, N. 20); vornehmlich aber auf die Zeilen aus der Beschreibung des Schildes, wo Mars und Minerva die Truppen der belagerten Stadt anführen (Iliad, 2. 516-519): .. ^Hpx* 2' dpa. a<ptv ""Ap-qs Kai IlaXXaj 'XOj]vrj "AfKpoj xpvaüw, xpvatia 5« tipiaTa %a6r)v KaAoi Kai fi(y6.\a) aiiv revxfoiv, ws t6 Oiw Trip, 'AiJ.<ph dpi^rjKoj' Kaol 5' vtt' oKi^ovts ^crav. Selbst Ausleger des Homers, alte sowohl als neue, scheinen sich nicht allezeit dieser wunderbaren Statur seiner Götter genugsam erinnert zu haben; welches aus den lindernden Erklärungen abzunehmen, die sie über den grossen Helm der Minei"va geben zu müssen glauben. (S. die Clarkisch-Emestische Ausgabe des Homers an der angezogenen Stelle.) Man verliert aber von der Seite des Erhabenen unendlich viel, wenn man sich die Homerischen Gölter nur immer in der gewöhnlichen Grösse denkt, in welcher man sie, in Gesellschaft der Sterblichen, auf der Leinewand zu sehen verwöhnet wird. Ist es indess schon nicht der Malerei vergönnet, sie in diesen übersteigenden Dimensionen darzu- stellen, so darf es doch die Bildhauerei gewissermassen thun; und ich bin überzeugt, dass die alten Meister, so wie die Bildung der Götter über- haupt, also auch das Kolossalische, das sie öfters ihren Statuen ertheilten, aus dem Homer entlehnet haben. (Herodot. lib. ii. p. 130. edit. Wessel. c. 53.) Verschiedene Anmerkungen über dieses Kolossalische insbesondere, nnd warum es in der Bildhauerei von so grosser, in der Malerei aber von gar keiner Wirkung ist, verspare ich auf einen andern Ort.

LAOKOON. Xir. 103 Mars werden vollkommen einerlei Wesen, die weiter an nichts als an äusserlichen verabredeten IMerkmalen zu kennen sind.

Das INIiltel, dessen sich die Malerei bedienet, uns zu ver- stehen zu geben, dass in ihren Compositionen dieses oder 5 jenes als unsichtbar betrachtet werden müsse, ist eine dünne Wolke, in welche sie es von der Seite der mithandelnden Personen einhüllet. Diese Wolke scheinet aus dem Homer selbst entlehnet zu sein. Denn wenn im Getümmel der Schlacht einer von den wichtigern Helden in Gefahr kömmt, 10 aus der ihn keine andere, als göttliche Macht retten kann: so lässt der Dichter ihn von der schützenden Gottheit in einen dicken Nebel, oder in Nacht verhüllen, und so davon führen; als den Paris von der Venus ^ den Idäus vom Neptun^, den Hektor vom Apollo'. Und diesen Nebel, 15 diese Wolke wird Caylus nie vergessen, dem Künstler bestens zu empfehlen, wenn er ihm die Gemälde von dergleichen Begebenheiten vorzeichnet. Wer sieht aber nicht, dass bei dem Dichter das Einhüllen in Nebel und Nacht weiter nichts, als eine poetische Redensart für unsichtbar machen, sein soll? 20 Es hat mich daher jederzeit befremdet, diesen poetischen Ausdruck realisiret und eine wirkliche Wolke in dem Gemälde angebracht zu finden, hinter welcher der Held, wie hinter einer spanischen Wand, vor seinem Feinde verborgen stehet. Das war nicht die Meinung des Dichters. Das heisstaus den 25 Grenzen der Malerei herausgehen; denn diese Wolke ist hier eine wahre Hieroglyphe, ein blosses symbolisches Zeichen, das den befreiten Held nicht unsichtbar macht, sondern den Betrachtern zuruft: ihr müsst ihn euch als unsichtbar vor- stellen. Sie ist hier nichts besser, als die beschriebenen Zet- 3° telchen, die auf alten gothischen Gemälden den Personen aus dem Munde gehen.

104 LAOKOON. XII.

Es ist wahr, Homer lässt den Achilles, indem ihm Apollo den Hektor entrückt, noch dreimal nach dem dicken Nebel mit der Lanze stossen: rpis S' ^/pa rvy^e ßade'iav \ Allein auch das heisst in der Sprache des Dichters weiter nichts, als dass 5 Achilles so wüthend gewesen, dass er noch dreimal gestossen, ehe er es gemerkt, dass er seinen Feind nicht mehr vor sich habe. Einen wirklichen Nebel sähe Achilles nicht, und das ganze Kunststück, womit die Götter unsichtbar machten, be- stand auch nicht in dem Nebel, sondern in der schnellen lo Entrückung. Nur um zugleich mit anzuzeigen, dass die Entrückung so schnell geschehen, dass kein menschliches Auge dem entrückten Körper nachfolgen können, hüllet ihn der Dichter vorher in Nebel ein; nicht weil man anstatt des entrückten Körpers einen Nebel gesehen, sondern weil wir ^5 das, was in einem Nebel ist, als nicht sichtbar denken. Daher kehrt er es auch bisweilen um, und lässt, anstatt das Object unsichtbar zu machen, das Subject mit Blindheit geschlagen werden. So verfinstert Neptun die Augen des Achilles, wenn er den Aeneas aus seinen mörderischen 2o Händen errettet, den er mit einem Rucke mitten aus dem Gewühle auf einmal in das Hintertreffen versetzt^ In der That aber sind des Achilles Augen hier eben so wenig verfinstert, als dort die entrückten Helden in Nebel gehüllet; sondern der Dichter setzt das eine und das andere nur 25 bloss hinzu, um die äusscrste Schnelligkeit der Entrückung welche wir das Verschwinden nennen, dadurch sinnlicher zu machen.

Den Homerischen Nebel aber haben sich die Maler nicht blo-s in den Fällen zu eigen gemacht, wo ihn Homer selbst 30 gebraucht hat, oder gebraucht haben würde; bei Unsichtbar- werdungen, bei Verschwindungen: sondern überall, wo der Betrachter etwas in dem Gemälde erkennen soll, was die LAOKOON. XII. 105 Personen des Gemäldes entweder alle, oder zum Theil, nicht erkennen. Minerva ward dem Achilles nur allein sichtbar, als sie ihn zurückhielt, sich mit Thätigkeiten gegen den Agamemnon zu vergehen. Dieses auszu- drücken, sagt Caylus, weiss ich keinen andern Rath, als 5 dass man sie von der Seite der übrigen Rathsversammlung in eine Wolke verhüllet. Ganz wider den Geist des Dichters. Unsichtbar sein, ist der natürliche Zustand seiner Götter; es bedarf keiner Blendung, keiner Abschneidung der Licht- strahlen, dass sie nicht gesehen werden '; sondern es bedarf 10 einer Erleuchtung, einer Erhöhung des sterblichen Gesichts, wenn sie gesehen werden sollen. Nicht genug also, dass die Wolke ein willkürliches, und kein natürliches Zeichen bei den Malern ist; dieses willkürliche Zeichen hat auch nicht einmal die bestimmte Deutlichkeit, die es als ein solches 15 * Zwar lässt Homer auch Gottheiten sich dann und wann in eine Wolke hüllen, aber nur alsdann, wenn sie von andern Gottheiten nicht wollen gesehen werden. Z. E. Iliad, H, 2S2, wo Juno und der Schlaf ■)]ipa (craanivoj sich nach dem Ida verfügen, war es der schlauen Göttin höchste Sorge, von der Venus nicht entdeckt zu werden, die ihr, nur unter dem Vorwande einer ganz andern Reise, ihren Gürtel geliehen hatte. In eben dem Euche ^ver. 344) muss eine güldene Wolke den wollusttrunkenen Jupiter mit seiner Geniahlia umgeben, nm ihren züchtigen Weigerungen abzuhelfen: na;s «' 601 ei Ttr viüi dtuiv aUiyeveTäojv EvSovT ä.6prjaei(;...ver. 333. Sie fürchtete sich, nicht von den Menschen gesehen zu werden, sondern von den Göttern. Und wenn schon Homer den Jupiter einige Zeilen daraufsagen lässt, ver. 342: "HpT), iJ.r]Tf öfuiv Tü7« Setdiöt, /jtjt« tii'' ävSpSll/ "OipfaOat' roiuv toi eyui t>i<pus df^cpiKaKvif/o} 'Xpvafov so folgt doch daraus nicht, dass sie erst diese Wolke vor den Augen der Menschen würde verborgen haben; sondern es will nur so viel, dass sie in dieser Wolke eben so unsichtbar den Göltern werden solle, als sie es nur immer den Menschen sei. So auch, wenn Miner\-a sich den Helm des Pluto aufsetzet i Iliad, E. 845), welches mit dem Verhüllen in eine Wolke einerlei Wirkung hatte, geschieht es nicht, um von den Trojanern nicht gesehen zu werden, die sie entweder gar nicht, oder unter der Gestalt des Sthenelus erblicken, sondern lediglich, damit sie Mars nicht erkennen möge.

ic5 LAOKOON. XIII.

haben könnte; denn sie brauchen es eben sowohl, um das Sichtbare unsichtbar, als um das Unsichtbare sichtbar zu machen.

XIII. ARGUMENT.