SigPhi · Immanuel Kant

Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (German)

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152 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

paart, d. i. die Form, was das Wohlgefallen an dem- selben hervorbringt; denn nur die Form ist es, was des Anspruchs auf eine allgemeine Regel für das Gefühl der Lust fähig ist. Von der Sinnenempfindung, die, nach Verschiedenheit der Sinnesfähigkeit des Subjects, sehr verschieden sein kann, darf man eine solche allgemeine Regel nicht erwarten. — Man kann also den Geschmack so erklären: „Geschmack ist das Vermögen der ästhetischen Urtheilskraft, allgemeingültig zu wählen".

Es ist also ein Vermögen der gesellschaftlichen Beurtheilung äusserer Gegenstände in der Einbildungs- kraft. — Hier fühlt das Gemüth seine Freiheit im Spiele der Einbildungen (also der Sinnlichkeit); denn die Socialität mit andern Menschen setzt Freiheit voraus, — und dieses Gefühl ist Lust. — Aber die Allgemeingültig- keit dieser Lust für Jedermann, durch weiche die Wahl mit Geschmack (des Schönen) sich von der Wahl durch blosse Sinnenempfindung (des blos subjectiv Gefallenden, d. i. des Angenehmen, unterscheidet, führt den Begriff eines Gesetzes bei sich; denn nur nach diesem kann die Gültig- keit des Wohlgefallens für den Beurtheilenden allgemein sein. Das Vermögen der Vorstellung des Aligemeinen aber ist der Verstand. Also ist das Geschmacksurtheil sowohl ein ästhetisches, als ein Verstandesurtheil, aber in beider Vereinigung (mithin das letztere nicht als rein; gedacht. — Die Beurtheilung eines Gegenstandes durch Geschmack ist ein Urtheil über die Einstimmung oder den Widerstreit der Freiheit im Spiele der Einbildungs- kraft und der Gesetzmässigkeit des Verstandes, und geht also nur die Form (diese Vereinbarkeit der Sinnen- vorstellungen) ästhetisch zu beurth eilen, nicht Producte, in weichen jene wahrgenommen wird, hervorzubringen, an; denn das wäre Genie, dessen aufbrausende Lebhaftigkeit durch die Sittsamkeit des Geschmacks gemässigt und eingeschränkt zu werden oft bedarf.

Schönheit ist allein das, was für den Geschmack gehört; das Erhabene gehört zwar auch zur ästhetischen Beurtheilung, aber nicht für den Geschmack. Aber es kann und soll die Vorstellung des Erhabenen doch an sich schön sein* sonst ist sie rauh, barbarisch und geschmackwidrig. Selbst die Darstellung des Bösen oder Hässlichen (z. B. die Gestalt des personificirten 2. Buch. Das Gefühl der Lust und Unlust. §. 65 Todes bei Milton) kann und muss schön sein, wenn einmal ein Gegenstand ästhetisch vorgestellt werden soll, und wenn es auch ein Thersites wäre; denn sonst bewirkt sie entweder Unschmackhaftigkeit oder Ekel, welche beide das Bestreben enthalten, eine Vor- stellung f), die zum Genuss dargeboten wird, von sich zu stossen, dahingegen Schönheit den Begriff der Einladung zur innigsten Vereinigung mit dem Gegen- stande, d. i. zum unmittelbaren Genuss bei sich führt. — Mit dem Ausdruck einer schönen Seele sagt man Alles, was sich, sie zum Zwecke der innersten Vereinigung mit ihr zu machen, sagen lässt: denn Seeleng rosse und Seelenstärke betreffen die Materie (die Werk- zeuge zu gewissen Zwecken); aber die Seelengüte, die reine Form, unter der alle Zwecke sich vereinigen lassen müssen, und die daher, wo sie angetroffen wird, gleich dem Eros der Fabelwelt, urschöpferisch, aber auch überirdisch ist, — diese Seelengüte ist doch der Mittelpunkt, um welchen das Geschmacksurtheil alle seine Urtheile der mit der Freiheit des Verstandes vereinbarten sinnlichen Lust versammelt.

Anmerkung. Wie mag es doch gekommen sein, dass vornehmlich die neuere Sprachen das ästhetische Beurtheilungsvermögen mit einem Ausdruck (gusius, sapor), der blos auf ein gewisses Sinnenwerkzeug (das innere des Mundes) und die Unterscheidung sowohl, als die Wahl geniessbarer Dinge durch dasselbe hinweist, bezeichnet habe? — Es ist keine Lage, wo Sinnlich- keit und Verstand in einem Genüsse vereinigt so lange fortgesetzt und so oft mit Wohlgefallen wiederholt werden können — als eine gute Mahlzeit in guter Ge- sellschaft. — Die erstere wird aber hiebei nur als Vehikel der Unterhaltung der letzteren angesehen. Der ästhetische Geschmack des Wirths zeigt sich nun in der Geschicklichkeit, allgemeingültig zu wählen; welches er aber durch seinen eigenen Sinn nicht bewerkstelligen kann; weil seine Gäste sich vielleicht andere Speisen oder Getränke, Jeder nach seinem Privatsinn, auswählen würden. Es setzt also seine Veranstaltung in der 154 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

Mannichfaltigkeit: dass nämlich für Jeden nach seinem Sinn Einiges angetroffen werde; welches eine comparative Allgemeingültigkeit abgiebt. Von seiner Geschicklichkeit, die Gäste selbst zur wechselseitigen allgemeinen Unter- haltung zu wählen (welche auch wohl Geschmack genannt wird, eigentlich aber Vernunft in ihrer Anwendung auf den Geschmack, und von diesem noch verschieden ist), kann in der gegenwärtigen Frage nicht die Rede sein. Und so hat das Organgefühl durch einen besonderen Sinn den Namen für ein ideales, nämlich einer sinnlich- allgemeingültigen Wahl überhaupt, hergeben können. — Noch sonderbarer ist es, dass die Geschicklichkeit der Erprobung durch den Sinn, ob etwas ein Gegenstand des Genusses eines und desselben Subjects (nicht ob dessen Wahl allgemeingültig) sei {$apor)y sogar zur Be- nennung der Weisheit (sapientia) hinaufgeschroben worden: vermuthlich deswegen, weil ein unbedingt nothwendiger Zweck eines Ueberlegens und Versuchens bedarf, sondern unmittelbar gleichsam durch Schmecken des Zuträglichen in die Seele kommt. e3) Das Erhabene {sublime ist die ehrfurchterregende Grossheit (tnagnitudo reverenda)* dem Umfange oder dem Grade nach, zu dem die Annäherung (um ihm mit seinen Kräften angemessen zu sein) einladend, die Furcht aber, in der Vergleichung mit demselben in seiner eigenen Schätzung zu verschwinden, zugleich ab- schreckend ist (z. B. der Donner über unserem Haupte oder ein hohes wildes Gebirge); wobei, wenn man selbst in Sicherheit ist, Sammlung seiner Kräfte, um die Er- scheinung zu fassen, und dabei Besorgniss, ihre Grösse nicht erreichen zu können, Verwunderung fein an- genehmes Gefühl durch continuirliche Ueberwindung des Schmerzens) erregt wird.

Das Erhabene ist zwar das Gegengewicht, aber nicht das Widerspiel vom Schönen; weil die Bestrebung und der Versuch, sich zu der Fassung (apprehen?i<> des Gegenstandes zu erheben, dem Subject ein Gefühl seiner eigenen Grösse und Kraft erweckt; aber die Ge- dankenvorstellung desselben in der Beschreibung oder Darstellung kann und muss immer schön sein. Denn 2. Buch. Das Gefühl der Lust und Unlust. §. 67. 155 sonst wird die Verwunderung Abschreckung, welche von Bewunderung, als einer Beurtheilung, wobei man des Verwunderns nicht satt wird, sehr unterschieden ist.

Die Grossheit, die zweckwidrig ist (magnitudo mort- strosa), ist das Ungeheuere. Daher haben die Schrift- steller, welche die weitläufige Grösse des russischen Reichs erheben wollten, es schlecht getroffen, dass sie es als un- geheuer betitelten; denn hierin liegt ein Tadel: als ob es, für einen einzigen Beherrscher zu gross sei. Aben- teuerlich ist ein Mensch, der den Hang hat, sich in Begebenheiten zu verflechten, deren wahre Erzählung einem Roman ähnlich ist.

Das Erhabene ist also zwar nicht ein Gegenstand für den Geschmack, sondern für das Gefühl der Rührung; aber die künstliche Darstellung desselben in der Be- schreibung und Bekleidung (bei Nebenwerken, parerga) kann und soll schön sein; weil es sonst wild, rauh und abstossend und so dem Geschmack zuwider ist.64) Der Geschmack enthält eine Tendenz zur äusseren Beförderung der Moralität.

Der Geschmack (gleichsam als formaler Sinn) geht auf Mittheilung seines Gefühls der Lust oder Unlust an Andere und enthält eine Empfänglichkeit, durch diese Mittheilung selbst mit Lust afficirt, ein Wohlgefallen (complacentia) daran gemeinschaftlich mit Anderen (ge- sellschaftlich) zu empfinden. Nun ist das Wohlgefallen, was nicht blos als für das empfindende Subject, sondern auch für jeden Andern, d. i. als allgemeingültig betrachtet werden kann, weil es Nothwendigkeit (dieses Wohlgefallens), mithin ein Princip desselben a priori enthalten muss, um als ein solches gedacht werden zu können, ein Wohlgefallen an der Uebereinstimmung der Lust des Subjects mit dem Gefühl jedes Anderen nach einem allgemeinen Gesetz, welches aus der allgemeinen Gesetzgebung des Fühlenden, mithin aus der Vernunft entspringen muss: d. i. die Wahl nach diesem Wohlgefallen steht der Form nach unter dem Princip der Pflicht. Also hat der ideale Geschmack eine Tendenz zur äusseren Beförderung der Moralität. — Den Menschen für seine gesellschaftliche Lage gesittet zu 156 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

machen, will zwar nicht ganz so viel sagen, als ihn sittlich -gut (moralisch) zu bilden, aber bereitet doch, durch die Bestrebung, in dieser Lage Anderen wohl- zugefallen (beliebt oder bewundert zu werden), dazu vor. — Auf diese Weise könnte man den Geschmack Moralität in der äusseren Erscheinung nennen; obzwar dieser Aus- druck, nach dem Buchstaben genommen, einen Wider- spruch enthält; denn Gesittetsein enthält doch den An- schein oder Anstand vom Sittlichguten und selbst einen Grad davon, nämlich die Neigung, auch schon in den Schein desselben einen Werth zu setzen.

Gesittet, wohlanständig, manierlich, geschliffen mit Abstossung der Rauhigkeit) zu sein, ist doch nur die negative Bedingung der Geschmacks. Die Vorstellung dieser Eigenschaften in der Einbildungskraft kann eine äusserlich intuitive Vorstellungsart eines Gegenstandes oder seiner eigenen Person mit Geschmack sein, aber nur für zwei Sinne, für das Gehör und Gesicht. Musik und bildende Kunst (Malerei, Bildhauer-, Bau- und Garten- kunst) machen Ansprüche auf Geschmack, als Empfänglich- keit eines Gefühls der Lust für die blossen Formen äusserer Anschauung, erstere in Ansehung des Gehörs, die andere des Gesichts. Dagegen enthält die discursive Vor- stellungsart, durch laute Sprache oder durch Schrift, zwei Künste, darin der Geschmack sich zeigen kann: die Beredtsamkeit und Dichtkunst.,;:> Anthropologische Bemerkungen über den Geschmack.

A.

Vom Modegeschmack.

Es ist ein natürlicher Hang des Menschen, in seinem Betragen sich mit einem Bedeutenderen (des Kindes mit den Erwachsenen, des Geringeren mit den Vor- nehmeren) in Vergleichung zu stellen und seine Weise nachzumachen. Ein Gesetz dieser Nachahmung, um blos nicht geringer zu erscheinen als Andere, und zwar in 2. Buch. Das Gefühl der Lust und Unlust. §.69. 157 dem, wobei übrigens auf keinen Nutzen Rücksicht ge- nommen wird, heisst Mode. Diese gehört also unter den Titel der Eitelkeit, weil in der Absicht kein innerer Werth ist; ingleichen der Thorheit, weil dabei doch ein Zwang ist, sich durch blosses Beispiel, das uns Viele in der Gesellschaft geben, knechtisch leiten zu lassen. In der Mode sein, ist eine Sache des Ge- schmackes; der ausser der Mode einem vorigen Ge- brauch anhängt, heisst altvaterisch; der gar einen Werth darin setzt, ausser der Mode zu sein, ist ein Sonderling. Besser ist es aber doch immer, ein Narr in der Mode, als ein Narr ausser der Mode zu sein; wenn man jene Eitelkeit überhaupt mit diesem harten Namen belegen will; welchen Titel doch die Modesucht wirklich verdient, wenn sie jener Eitelkeit wahren Nutzen oder gar Pflichten aufopfert. — Alle Moden sind schon ihrem Begriffe nach veränderliche Lebensweisen. Denn wenn das Spiel der Nachahmung fixirt wird, so wird diese zum Gebrauch; wobei dann auf den Geschmack gar nicht mehr gesehen wird. Die Neuigkeit ist es also, was die Mode beliebt macht, und erfinderisch in allerlei äusseren Formen zu sein, wenn diese auch öfters in's Abenteuerliche und zum Theil Hässliche ausarten, gehört zum Ton der Hofleute, vornehmlich der Damen, denen dann Andere begierig nachfolgen und sich in niedrigen Ständen noch lange damit sehleppen, wenn jene sie schon abgelegt haben. — Also ist die Mode eigentlich nicht eine Sache des Geschmacks (denn sie kann äusserst geschmackwidrig sein), sondern der blossen Eitelkeit, vor- nehm zu thun, und des Wetteifers, einander dadurch zu übertreffen. (Die elegants de la cour, petits - maitres ge- nannt, sind Windbeutel).

Mit dem wahren, idealen Geschmack lässt sich Pracht, mithin etwas Erhabenes, was zugleich schön ist, ver- binden (wie ein prachtvoll bestirnter Himmel, oder, wenn es nicht zu widrig klingt, eine St. Peterskirche in Rom). Aber Pomp, eine prahlerische Ausstellung zur Schau, kann zwar auch mit Geschmack verbunden werden, aber nicht ohne Weigerung des letzteren; weil der Pomp für den grossen Haufen, der viel Pöbel in sich fasst, be- rechnet ist, dessen Geschmack, als stumpf, mehr Sinnen- empfindung als Beurtheilungsfähigkeit erfordert.

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B.

Vom Kunstgeschmack.

Ich ziehe hier nur die redenden Künste: B e r e d t - samkeit und Dichtkunst, in Betrachtung, weil diese auf eine Stimmung des Gemüths angelegt sind, wodurch dieses unmittelbar zur Thätigkeit aufgeweckt wird, und so in einer pragmatischen Anthropologie, wo man den Menschen nach dem zu kennen sucht, was aus ihm zu machen ist, ihren Platz hat.

Man nennt das durch Ideen belebende Princip des Gemüths Geist. — Geschmack ist ein blosses regula- tives Beurtheilungsvermögen der Form in der Verbindung des Mannichfaltigen in der Einbildungskraft; Geist aber das productive Vermögen der Vernunft, ein Muster für jene Form a priori der Einbildungskraft unter- zulegen. Geist und Geschmack: der erste, um Ideen zu schaffen, der zweite, um sie für die den Gesetzen der productiven Einbildungskraft angemessene Form zu be- schränken, und so ursprünglich (nicht nachahmend) zu bilden (fingendi). Ein mit Geist und Geschmack abgefasstes Product kann überhaupt Poesie genannt werden und ist ein Werk der schönen Kunst; es mag den Sinnen vermittelst der Augen oder der Ohren unmittebar vorgelegt werden, welche auch Dichtkunst (poetica in sensu lato) genannt werden kann; sie mag Maler -, Garten -, Baukunst oder Ton - und Versmacher- kunst {poetica in sensu stricto) sein. Dichtkunst aber, im Gegensatz mit der Beredtsamkeit, ist von dieser nur der wechselseitigen Unterordnung des Ver- standes und der Sinnlichkeit nach unterschieden, so, dass die erstere ein Spiel der Sinnlichkeit durch den Verstand geordnet, die zweite aber ein Geschäft des Verstandes durch Sinnlichkeit belebt, Beide aber, der Redner sowohl als der Poet (in weitem Sinne) Dichter sind und aus sich selbst neue Gestalten (Zu- sammenstellungen des Sinnlichen) in ihrer Einbildungs- kraft hervorbringen. *) *) Die Neuigkeit der Darstellung eines Begriffes ist eine Hauptforderung der schönen Kunst an den Dichter, 2. Buch. Das Gefühl der Lust und Unlust. §. 69. 159 Weil die Dichtergabe ein Kunstgeschick und, mit Geschmack verbunden, ein Talent für schöne Kunst ist, die zum Theil auf (obzwar süsse, oft auch indirect heil- same) Täuschung ausgeht, so kann es nicht fehlen, dass von ihr nicht grosser (oft auch nachtheiliger) Gebrauch im Leben gemacht werde. — Ueber den Charakter des Dichters also, oder auch über den Einfluss, den sein Geschäft auf ihn und Andere hat, und die Würdigung desselben verlohnt es wohl einige Fragen und Bemerkungen aufzustellen f ).

wenngleich der Begriff selbst auch nicht neu sein sollte. — Für den Verstand aber (abgesehen vom Geschmack) hat man folgende Ausdrücke für die Vermehrung unserer Kenntnisse durch neue Wahrnehmung. — Etwas entdecken, zuerst wahrnehmen, was schon da war, z. B. Amerika, die magnetische, nach den Polen sich richtende Kraft, die Luftelektricität. — Etwas erfinden (was noch nicht da war, zur Wirklichkeit bringen), z. B. den Compass, den Aerostat f f ). — Etwas ausfindig machen, das Verlorene durch Nachsuchen wieder- finden. — Ersinnen und ausdenken (z. B. von Werk- zeugen für Künstler, oder Maschinen). — Erdichten, mit dem Bewusstsein, das Unwahre als wahr vorstellig machen, wie in Romanen, wenn es nur zur Unterhaltung geschieht. — Eine für Wahrheit ausgegebene Erdichtung aber ist Lüge.

— — Turpiter atrum Desinit in piscem mulier formosa superne. Horat.

(Hässlich endet unten in einen schwarzen Fisch das schöne Weib von oben.)

f) 1. Ausg.: [Ueber] „den Charakter des Dichters also, oder auch, was sein Geschäft...Andere für Einfluss habe, und wie es zu würdigen sei, verlohnt...aufzustellen, die seine eigenthümliche Lage betreffen".

ff) Hier folgen in der 1. Ausg. noch folgende Worte, die nur eine Wiederholung der §. 55, Anmerk. *) stehenden sind: „Der Mönch Schwarz mag wohl die Natur des Schiesspulvers zuerst entdeckt haben, wenn er etwa die Bestandtheile desselben durch Auslaugen, Glühen u. dergl. herausbrachte; denn erfunden hat er's nicht, weil es lange vor ihm schon in der Belagerung von Algeziras gebraucht worden war".

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Warum gewinnt unter den schönen (redenden Künsten die Poesie den Preis über die Beredtsamkeit bei ebendenselben Zwecken? — Weil sie zugleich Musik (singbar) und Ton, ein für sich allein angenehmer Laut ist, dergleichen die blosse Sprache nicht ist. Selbst die Beredtsamkeit borgt von der Poesie einen dem Ton nahe kommenden Laut, den Accent, ohne welchen die Rede der nöthigen dazwischen kommenden Augenblicke der Ruhe und der Belebung entbehrte. Die Poesie gewinnt aber nicht blos den Preis über die Beredtsamkeit, sondern auch über jede andere schöne Kunst: über die Malerei (wozu die Bildhauerkunst gehört), und selbst über die Musik. Denn die letztere ist nur darum schöne (nicht blos angenehme) Kunst; weil sie der Poesie zum Vehikel dient. Auch giebt es unter den Poeten nicht so viel seichte (zu Geschäften untaugliche Köpfe als unter den Tonkünstlern; weil jene doch auch zum Verstände, diese aber blos zu den Sinnen reden. — Ein gutes Gedicht ist das eindringenste Mittel der Be- lebung des Gemüths. Es gilt aber nicht blos vom Poeten, sondern von jedem Besitzer der schönen Kunst: man müsse dazu geboren sein und könne nicht durch Fleiss und Nachahmung dazu gelangen; ingleichen, dass der Künstler zum Gelingen seiner Arbeit noch einer ihn anwandelnden glücklichen Laune, gleich als dem Augenblicke einer Eingebung, bedürfe (daher er auch vates genannt wird), weil, was nach Vorschrift und Regeln gemacht wird, geistlos (sklavisch) ausfällt, ein Product der schönen Kunst aber nicht blos Geschmack, der auf Nachahmung gegründet sein kann, sondern auch Originalität des Gedanken erfordert, die als aus sich selbst belebend Geist genannt wird. — Der Naturmaler mit dem Pinsel oder der Feder i^das Letztere sei in Prose oder in Versen) ist nicht der schöne Geist, weil er nur nachahmt; der Ideenmaler ist allein der Meister der schönen Kunst.

Warum versteht man unter dem Poeten gewöhnlich einen Dichter in Versen, d. i. in einer Rede, die scandirt (der Musik ähnlich, tactmässig gesprochen) wird? Weil er, ein Werk der schönen Kunst an- kündigend, mit einer Feierlichkeit auftritt, die dem feinsten Geschmack (der Form nach) genügen muss: denn 2. Buch. Das Gefühl der Lust und Unlust. §. 69. 161 sonst wäre es nicht schön. — Weil diese Feierlichkeit aber am meisten zur schönen Vorstellung des Erhabenen erforciert wird, so wird dergleichen affectirte Feierlich- keit ohne Vers (von Hugo Blair) „tollgewordene P r o s e " genannt. — Versmacherei ist andererseits auch nicht Poesie, wenn sie ohne Geist ist.

Warum ist der Reim in den Versen der Dichter neuerer Zeiten, wenn er glücklich den Gedanken schliesst, ein grosses Erforderniss des Geschmackes in unserem Welttheile?* dagegen ein widriger Verstoss gegen den Vers in Gedichten der alten Zeiten, so dass z. B. im Deutschen reimfreie Verse wenig gefallen, ein in Reim gebrachter lateinischer Virgil aber noch weniger be- sagen kann? Vermuthlich, weil bei den alten classischen Dichtern die Prosodie bestimmt war, den neueren Sprachen aber grossentheils mangelt, und dann doch das Ohr durch den Reim, der den Vers gleichtönend mit dem vorigen schliesst, dafür schadlos gehalten wird. In einer prosaischen feierlichen Rede wird ein von ungefähr zwischen andere Sätze einfallender Reim lächerlich.

Woher schreibt sich die poetische Freiheit, die doch dem Redner nicht zusteht, dann und wann wider die Sprachgesetze zu Verstössen? Vermuthlich davon, dass er durch das Gesetz der Form nicht gar zu sehr beengt werde, einen grossen Gedanken auszudrücken.

Warum ist ein mittelmässiges Gedicht unleidlich, eine mittelmässige Rede aber noch wohl erträglich? Die Ursache scheint darin zu liegen, dass die Feierlich- keit des Tones in jedem poetischen Product grosse Er- wartungen erregt und eben dadurch, dass diese nicht befriedigt wird, wie gewöhnlich, noch tiefer sinkt, als der prosaische Werth desselben es etwa noch verdienen würde. — Die Endigung eines Gedichtes mit einem Verse, der als Sentenz aufbehalten werden kann, wirkt ein Vergnügen im Nachschmacke, und macht dadurch manches Schale wieder gut, gehört also auch zur Kunst des Dichters.

Dass im Alter die poetische Ader vertrocknet, zu einer Zeit, da Wissenschaften dem guten Kopf noch immer gute Gesundheit und Thätigkeit in Geschäften ankündigen, kommt wohl daher, dass Schönheit eine Kant, Anthropologie. 11 162 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

Blüthe, Wissenschaft aber Frucht ist, d. i. die Poesie eine freie Kunst sein muss, welche der Mannichfaltigkeit halber Leichtigkeit erfordert, im Alter aber dieser leichte Sinn (und das mit Recht) schwindet; weil ferner Ge- wohnheit, in derselben Bahn der Wissenschaften nur fortzuschreiten, zugleich Leichtigkeit bei sich führt, Poesie also, welche zu jedem ihrer Producte Originalität und Neuigkeit (und hiezu Gewandtheit) erfordert, mit dem Alter nicht wohl zusammenstimmt; ausser etwa in Sachen des kaustischen Witzes, in Epigrammen undXenien, wo sie aber auch mehr Ernst als Spiel ist.

Dass Poeten kein solches Glück machen als Advocaten und andere Professionsgelehrte, liegt schon in der An- lage des Temperaments, welches überhaupt zum ge- borenen Poeten erforderlich ist: nämlich die Sorgen durch das gesellige Spiel mit Gedanken zu verjagen. — Eine Eigenheit aber, die den Charakter betrifft, nämlicli die, keinen Charakter zu haben, sondern wetter- wendisch, launisch und (ohne Bosheit) unzuverlässig zu sein, sich muthwillig Feinde zu machen, ohne doch eben Jemand zu hassen, und seinen Freund beissend zu bespötteln, ohne ihm wehe tinin zu wollen, liegt |) in einer über die praktische Urtheilskraft herrschenden zum Theil angeborenen Anlage des verschrobenen Witzes.06) Von der Ueppigkeit.

Ueppigkeit (luxus) ist das Uebermaass des gesell- schaftlichen Wohllebens mit Geschmack in einem ge- meinen Wesen (der also der Wohlfahrt desselben zu- wider ist). Jenes Uebermaass, aber ohne Geschmack, ist die öffentliche Schwelg er ei (luxuries). — Wenn man beiderlei Wirkungen auf die Wohlfahrt in Betrach- tung zieht, so ist Ueppigkeit ein entbehrlicher Auf- wand, der arm macht, Schwelgerei aber ein solcher, der krank macht. Die erste ist doch noch mit der f) 1. Ausg.: „Dass aber, was den Charakter betrifft. zu wollen, liegt" u. s. w.

2. Buch. Das Gefühl der Lust und Unlust. §. 70. 163 fortschreitenden Cultur des Volkes (in Kunst und Wissen- schaft) vereinbar; die zweite aber überfüllt mit Genuss und bewirkt endlich Ekel. Beide sind mehr prahlerisch (von aussen zu glänzen) als selbstgeniessend; die erstere durch Eleganz (wie auf Bällen und in Schauspielen) für den idealen Geschmack; die zweite durch Ueberfluss und Mannichfaltigkeit für den Sinn des Schmeckens (den physischen, wie z. B. ein Lordmayorschmaus). — Ob die Regierung befugt sei, beide durch Aufwandsgesetze ein- zuschränken, ist eine Frage, deren Beantwortung hieher nicht gehört. Die schönen aber sowohl, als die an- genehmen Künste, welche das Volk zum Theil schwächen, um es besser regieren zu können, würden mit Eintretung des rauhen Laconicismus der Absicht der Regierung ge- rade zuwider wirken.

Gute Lebensart ist die Angemessenheit des Wohl- lebens zur Geselligkeit (also mit Geschmack). Man sieht hieraus, dass der Luxus der guten Lebensart Abbrueh thut, und der Ausdruck: „er weiss zu leben", der von einem begüterten oder vornehmen Mann gebraucht wird, be- deutet die Geschicklichkeit seiner Wahl im geselligen Genuss, der Nüchternheit (Sobrietät) enthält, beiderseitig den Genuss gedeihlich macht und für die Dauer be- rechnet ist.

Man sieht hieraus, dass, da Ueppigkeit nicht eigent- lich dem häuslichen, sondern nur dem öffentlichen Leben vorgerückt werden kann, das Verhältniss des Staats- bürgers zum gemeinen Wesen, was die Freiheit im Wett- eifer betrifft, um in Verschönerung seiner Person oder Sachen (in Festen, Hochzeiten und Leichenbegängnissen und so herab bis zu dem guten Ton des gemeinen Um- ganges) dem Nutzen allenfalls vorzugreifen, schwerlich f) mit Aufwandsverboten belästigt werden dürfe; weil sie doch den Vortheil schafft, die Künste zu beleben, und so dem gemeinen Wesen die Kosten wieder erstattet, welche ihm ein solcher Aufwand verursacht haben möchte. 67) f) 1. Ausg.: „gemeinen Wesen, in dem, was die Freiheit...Sachen dem Nutzen allenfalls vorzugreifen (in Festen...Umganges), sich zu erweitern, schwerlich mit" u. s. w.

Drittes Buch, f) Vom Begehr ungsrer mögen.

Begierde (appetitio) ist die Selbstbestimmung der Kraft eines Subjects durch die Vorstellung von etwas Künftigem, als einer Wirkung derselben. Die habituelle sinnliche Begierde heisst Neigung. Das Begehren ohne Kraftanwendung zur Hervorbringung des Objects ist der Wunsch. Dieser kann auf Gegenstände gerichtet sein, zu deren Herbeischaffung das Subject sich selbst unver- mögend fühlt, und ist dann ein leerer (müssiger) Wunsch. Der leere Wunsch, die Zeit zwischen dem Begehren und Erwerben des Begehrten vernichten zu können, ist Sehn- sucht. Diese in Ansehung des Objects unbestimmte Be- gierde (appetitio vaga), welche das Subject nur antreibt, aus seinem gegenwärtigen Zustande herauszugehen, ohne zu wissen, in welchen es dann eintreten will, kann der launische Wunsch genannt werden (den nichts be- friedigt).

Die durch die Vernunft des Subjects schwer oder gar nicht bezwingliche Neigung ist Leidenschaft. Dagegen ist das Gefühl einer Lust oder Unlust im gegen- wärtigen Zustande, welches im Subject die Ueb er- leg ung (die Vernunftvorstellung, ob man sich ihm über- lassen oder weigern solle) nicht aufkommen lässt, der Affect.

Affecten und Leidenschaften unterworfen zu sein, ist wohl immer Krankheit des Gemüths; weil beides die Herrschaft der Vernunft ausschliesst. Beide sind auch gleich heftig dem Grade nach; was aber ihre Qualität betrifft, so sind sie wesentlich von einander unterschieden, sowohl in der Vorbeugungs -, als in der Heilmethode, die der Seelenarzt dabei anzuwenden hätte. 68) Von den Affecten in Gegeneinanderstellung derselben mit der Leidenschaft.