Weil Erfahrung empirisches Erkenntniss ist, zum Erkenntniss aber (da es auf Urtheilen beruht) Ueber- legung ireflexiö), mithin Bewusstsein, d. i. Thätigkeit in Zusammenstellung des Mannigfaltigen der Vorstellung nach einer Regel der Einheit desselben, d. i. der Begriff und (vom Anschauen unterschiedenes) Denken über- haupt erfordert wird, so wird das Bewusstsein iu das discursive (welches, als logisch, weil es die Regel giebt, vorangehen muss) und das intuitive Bewusst- sein eingetheilt werden; das erstere (die reine Apper- ception seiner Qemüthshandlung) ist einfach. Das Ich der Reflexion hält kein Mannichfaltiges in sich und ist in allen Urtheilen immer ein und dasselbe, weil es blos dies Förmliche des Bewusstseins, dagegen die innere Erfahrung das Materielle desselben und ein Mannich- faltiges der empirischen inneren Anschauung, das Ich der Apprehension (folglich eine empirische Anschauung f) enthält.
Ich, als denkendes Wesen, bin zwar mit mir, als Sinneswesen, ein und dasselbe Subject; aber, als Object der inneren empirischen Anschauung, d. i. sofern ich fj 1. Ausg.: „empirische Apperception".
26 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
innerlich von Empfindungen in der Zeit, so wie sie zu- gleich oder nach einander sind, afficirt werde, erkenne ich mich doch nur, wie ich mir selbst erseheine, nicht als Ding an sich selbst. Denn es hängt doch von der Zeitbedingung, welche kein Verstandesbegriff (mithin nicht blosse Spontaneität) ist, folglich von einer Bedingung ab, in Ansehung deren mein Vorstellungsvermögen leidend ist (und gehört zur Receptivität). — Daher erkenne ich mich durch innere Erfahrung immer nur, wie ich mir erscheine; welcher Satz dann oft böslicher Weise so verdreht wird, dass er so viel sagen wolle: es scheine mir nur {mihi videri), dass ich gewisse Vorstellungen und Empfindungen habet)* ja überhaupt dass ich existire. — Der Schein ist der Grund zu einem irrigen Urtheil aus subjectiven Ursachen, die fälschlich für objectiv gehalten werden; Erscheinung ist aber gar kein Urtheil, sondern blos empirische Anschauung, die durch Reflexion und den daraus entspringenden Ver- standesbegriff zur inneren Erfahrung und hiemit Wahr- heit wird.
Dass die Wörter, innerer Sinn und Apperception* von den Seelenforschern gemeinhin für gleichbedeutend genommen werden, unerachtet der erstere allein ein psychologisches (angewandtes) die zweite aber blos ein logisches (reines) Bewusstsein anzeigen soll, ist die Ur- sache dieser Irrungen. Dass wir aber durch den ersteren uns nur erkennen können, wie wir uns erscheinen, erhellt daraus, weil Auffassung (apprehensio) der Ein- drücke des ersteren eine formale Bedingung der inneren Anschauung des Subjects, nämlich die Zeit voraussetzt, welche kein Verstandesbegriff ist und also blos als sub- jective Bedingung gilt, wie nach der Beschaffenheit der menschlichen Seele uns innere Empfindungen gegeben werden, also diese uns nicht, wie das Object an sich ist, zu erkennen giebt. r, f) 1. Ausg.: „gewisse Vorstellungen und Empfindungen zu haben," Diese Anmerkung gehört eigentlich nicht zur Anthro- pologie. In dieser sind nach Verstandesgesetzen ver- einigte Erscheinungen Erfahrungen, und da wird nach der Vorstellungsart der Dinge, wie sie auch ohne ihr Verhältniss zu den Sinnen in Betrachtung zu ziehen (mithin an sich selbst) sind, gar nicht gefragt; denn diese Untersuchung gehört zur Metaphysik, welche es mit der Möglichkeit der Erkenntniss a priori zu thun hat. Aber es war doch nöthig, so weit zurückzugehen, um auch nur die Verstösse des speculativen Kopfes in Ansehung dieser Frage abzuhalten. — Da übrigens die Kenntniss der Menschen durch innere Erfahrung, weil er darnach grossentheils auch Andere beurtheilt, von grosser Wichtigkeit, aber doch zugleich von vielleicht grösserer Schwierigkeit ist, als die richtige Beurtheilung Anderer, indem der Forscher seines Inneren leichtlich, statt blos zu beobachten, Manches in das Selbstbewusstsein hinein trägt; so ist es rathsam und sogar nothwendig, von beobachteten Erscheinungen in sich selbst an- zufangen, und dann allererst zu Behauptung gewisser Sätze, die die Natur des Menschen angehen, d. i. zur inneren Erfahrung, fortschreiten.9) Apologie für die Sinnlichkeit.
Dem Verstände bezeigt Jederman alle Achtung, wie auch die Benennung desselben als oberen Er- kenntnissvermögens es schon anzeigt; wer ihn lobpreisen wollte, würde mit dem Spott jenes das Lob der Tugend erhebenden Redners {stulte! quis unquam vituperavit?) abgefertigt werden. Aber die Sinnlichkeit ist in üblem Ruf. Man sagt ihr viel Schlimmes nach: z. B. 1) dass sie die Vorstellungskraft verwirre; 2) dass sie das grosse Wort führe und als Herrscherin, da sie doch nur die Dienerin des Verstandes sein sollte, halsstarrig und schwer zu bändigen sei; 3) dass sie sogar betrüge, und man in Ansehung ihrer nicht genug auf seiner Hut sein könne. — Andererseits fehlt es ihr aber auch nicht 28 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
an Lobrednern, vornehmlich unter Dichtern und Leuten von Geschmack, welche die Versinnlichung der Verstandesbegriffe nicht allein als Verdienst hochpreisen, sondern auch gerade hierin, und dass die Begriffe nicht so mit peinlicher Sorgfalt in ihre Bestandtheile zerlegt werden müssten, das Prägnante (die Gedankenfülle) oder das Emphatische (den Nachdruck) der Sprache und das Einleuchtende (die Helligkeit im Bewusstsein) der Vorstellungen setzen, die Nacktheit des Verstandes aber geradezu für Dürftigkeit erklären. *) Wir brauchen hier keinen Panegyristen, sondern nur Advocaten wider den Ankläger.
Das Passive in der Sinnlichkeit, was wir doch nicht ablegen können, ist eigentlich die Ursache alles des Uebels, was man ihr nachsagt. Die innere Voll- kommenheit des Menschen besteht darin, dass er den Gebrauch aller seiner Vermögen in seiner Gewalt habe, um ihn seiner freien Willkür zu unterwerfen. Dazu aber wird erfordert, dass der Verstand herrsche, ohne doch die Sinnlichkeit (die an sich Pöbel ist, weil sie nicht denkt) zu schwächen; weil ohne sie es keinen Stoff geben würde, der zum Gebrauch des gesetzgebenden Ver- standes verarbeitet werden könnte. 10) Rechtfertigung der Sinnlichkeit gegen die erste Anklage.
Die Sinne verwirren nicht. Dem, der ein gegebenes Mannichfaltige zwar aufgefasst, aber noch nicht geordnet hat, kann man nicht nachsagen, dass er es verwirre. Die Wahrnehmungen der Sinne (em- pirische Vorstellungen mit Bewusstsein) können nur innere Erscheinungen heissen. Der Verstand, der *) Da hier nun vom Erkenntnissverinögen und also von Vorstellung1 (nicht dem Gefühl der Lust oder Unlust) die Rede ist, so wird Empfindung nichts weiter, als Sinnenvorstellung (empirische Anschauung), zum Unterschiede sowohl von Begriffen (dem Denken), als auch von der reinen Anschauung (des Raums und der Zeitvorstellung) bedeuten.
hinzukommt und sie unter einer Regel des Denkens ver- bindet (Ordnung in das Mannichfaltige hineinbringt), macht allererst daraus empirisches Erkenntniss, d. i. Erfahrung. — Es liegt also an dem seine Obliegen- heit vernachlässigenden Verstände, wenn er keck urtheilt, ohne zuvor die Sinnenvorsteliung nach Be- griffen geordnet zu haben, und dann nachher über die Verworrenheit derselben klagt, die der sinnlich gearteten Natur des Menschen zu Schulden kommen müsse. Dieser Vorwurf trifft sowohl die ungegründete Klage über die Verwirrung der äusseren, als der inneren Vorstellungen durch die Sinnlichkeit.
Die sinnlichen Vorstellungen kommen freilich denen des Verstandes zuvor und stellen sich in Masse dar. Aber desto reichhaltiger ist der Ertrag, wenn der Ver- stand mit seiner Anordnung und intellectuellen Form hinzukommt und z. B. prägnante Ausdrücke für den Begriff, emphathische für das Gefühl und interessante Vorstellungen für die Willensbestimmung in's Bewusstsein bringt. — Der Reichthum, den die Geistesproducte in der Redekunst und Dichtkunst dem Verstände auf einmal (in Masse) darstellen, bringt diesen zwar oft in Ver- wirrung, wenn er sich alle Acte der Reflexion, die er hierbei wirklich, obzwar im Dunkeln anstellt, deutlich machen und auseinandersetzen soll. Aber die Sinnlichkeit ist hierbei in keiner Schuld, sondern es ist vielmehr Ver- dienst von ihr, dem Verstände reichhaltigen Stoff, wo- gegen die abstracten Begriffe desselben oft nur schim- mernde Armseligkeiten sind, dargeboten zu haben.
Rechtfertigung der Sinnlichkeit gegen die zweite Anklage.
Die Sinne gebieten nicht über den Verstand. Sie bieten sich vielmehr nur dem Verstände an, um über ihren Dienst zu disponiren. Dass sie ihre Wichtig- keit nicht verkannt wissen wollen, die ihnen vornehmlich in dem zukommt, was man den gemeinen Menschen- sinn (sensus commuuis) nennt, kann ihnen nicht für Anmaassung, über den Verstand herschen zu wollen, 30 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Diktatik.
angerechnet werden. Zwar giebt es Urtheile, die man eben nicht förmlich vor den Richterstuhl des Ver- standes zieht, um von ihm abgeurtheilt zu werden; die daher unmittelbar durch den Sinn dictirt zu sein scheinen. Dergleichen enthalten die sogenannten Sinnsprüche, oder orakelmässigen Anwandlungen (wie diejenigen, deren Ausspruch Sokrates seinem Genius zuschrieb). Es wird nämlich dabei vorausgesetzt, dass das erste Urtheilf) über das, was in einem vorkommenden Falle zu tliun recht und weise ist, gemeiniglich auch das richtige sei, und durch Nachgrübeln erst verkünstelt werde. Aber sie kommen in der That nicht aus den Sinnen, sondern aus wirklichen, obzwar dunkeln ff) Ueberlegungen des Verstandes. — Die Sinne machen darauf keinen An- spruch und sind, wie das gemeine Volk, welches, wenn es nicht Pöbel ist {ignobile vulgas), seinem Obern, dem Verstände, sich zwar gern unterwirft, aber doch gehört werden will. Wenn aber gewisse Urtheile und Einsichten als unmittelbar aus dem innern Sinn (nicht vermittelst des Verstandes) hervorgehend, sondern dieser als für sich gebietend und Empfindungen für Urtheile geltend angenommen werden, so ist das bare Schwärmerei, welche mit der Sinnenverrückung in naher Verwandt- schaft steht. n) Rechtfertigung der Sinnlichkeit wider die dritte Anklage.
Die Sinne betrügen nicht. Dieser Satz ist die Ablehnung des wichtigsten, aber auch, genau erwogen, nichtigsten Vorwurfs, den man den Sinnen macht; und dieses darum, nicht weil sie immer richtig urtheilen, sondern weil sie gar nicht urtheilen* weshalb der Irr- thum immer nur dem Verstände zur Last fällt. — Doch gereicht diesem der Sinnen schein (species apparentia, wenngleich nicht zur Rechtfertigung, doch zur Ent- schuldigung; wonach der Mensch fff) öfters in den Fall kommt, das Subjective seiner Vorstellungsart für das Objective (den entfernten Thurm, an dem er keine Ecken siebt, für rund, das Meer, dessen entfernter Theii ihm durch höhere Lichtstrahlen in's Auge fällt, für höher, als das Ufer (altum mare), den Vollmond, den er in seinem Aufgange am Horizont durch eine dunstige Luft sieht, obzwar er ihn durch denselben Sehwinkel in's Auge fasst, für entfernter, also auch für grösser, als wie er hoch am Himmel erscheint), und so Erschei- nung für Erfahrung zu halten; dadurch aber in Irr- thum, als einen Fehler des Verstandes, nicht den der Sinne, zu gerathen. 12) Ein Tadel, den die Logik der Sinnlichkeit entgegen- wirft, ist der: dass man dem Erkenntniss, so wie es durch sie befördert wird, Seichtigkeit (Individualität, Einschränkung aufs Einzelne) vorwirft, da hingegen den Verstand, der aufs Allgemeine geht, eben darum aber zu Abstractionen sich bequemen muss, der Vorwurf der Trockenheit trifft. Die ästhetische Behandlung, deren erste Forderung Popularität ist, schlägt aber einen Weg ein, auf dem beiden Fehlern ausgebeugt werden kann.
Vom Können in Ansehung des Erkenntnissvermögens überhaupt.
Der vorhergehende Paragraph, der vom Schein- vermögen handelte, in dem, was kein Mensch kann, führt uns zur Erörterung der Begriffe vom Leichten und Schweren (leve et grave)f)7 welche, dem Buch- staben nach, im Deutschen zwar nur körperliche Be- schaffenheiten und Kräfte bedeuten, dann aber, wie im Lateinischen, nach einer gewissen Analogie, das Thun- liche (facüe) und Comparativ-Unthunliche ißifftcüe) bedeuten sollen; denn das Kaum - Thunliche wird doch 32 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
von einem Subject, das an dem Grade seines dazu er- forderlichen Vermögens zweifelt, in gewissen Lagen und Verhältnissen desselben für subjectiv-unthunlich gehalten.
Die Leichtigkeit, etwas zu thun (promptiiudo) muss mit der Fertigkeit in solchen Handlungen {häbitus) nicht verwechselt werden. Die erstere bedeutet einen ge- wissen Grad des menschlichen Vermögens: — „ich kann, wenn ich will", und bezeichnet subjective Möglich- keit; die zweite die subjectiv- praktische Notwen- digkeit, d. i. die Gewohnheit, mithin einen gewissen Grad des Willens, der durch den oft widerholten Ge- brauch seines Vermögens erworben wird: „ich will, weil es die Pflicht gebietet". Daher kann man die Tugend nicht so erklären: sie sei die Fertigkeit in freien rechtmässigen Handlungen; denn dann wäre sie blos Mechanismus der Kraftanwendung; sondern Tugend ist die moralische Stärke in Befolgung seiner Pflicht, die niemals zur Gewohnheit werden, sondern immer ganz neu und ursprünglich aus der Denkungsart hervor- gehen soll.
Das Leichte wird dem Schweren, oft aber auch dem Lästigen entgegengesetzt. Leicht ist einem Subject dasjenige, wozu ein grosser Ueberschuss seines Vermögens über die zu einer That erforderliche Kraft- anwendung in ihm anzutreffen ist. Was ist leichter, als die Förmlichkeiten der Visiten, Gratulationen und Condo- lenzen zu begehen? Was ist aber auch einem beschäf- tigten Manne beschwerlicher? Es sind freundschaftliche Vexationen (Plackereien), die ein Jeder herzlich wünscht los zu werden, indess er doch auch Bedenken trägt, wider den Gebrauch zu Verstössen.
Welche Vexationen giebt es nicht in äusseren, zur Religion gezählten, eigentlich aber zur kirchlichen Form gezogenen Gebräuchen; wo gerade darin, dass sie zu nichts nützen, und in der blossen Unterwerfung der Gläubigen, sich durch Ceremonien und Observanz, Büssungen und Kasteiungen (je mehr, desto besser) geduldigt) hudeln zu lassen, das Verdienstliche der f) „geduldig" Zusatz der 2. Ausg.
Frömmigkeit gesetzt wird; indessen diese Frohndienste zwar mechanisch leicht (weil keine lasterhafte Neigung dabei aufgeopfert werden darf), aber dem Ver- nünftigen moralisch sehr beschwerlich und lästig fallen müssen. — Wenn daher der grosse moralische Volkslehrer sagte: „meine Gebote sind nicht schwer", so wollte er dadurch nicht sagen: sie bedürfen nur ge- ringen f) Aufwand von Kräften, um sie zu erfüllen; denn in der That sind sie, als solche, welche reine Herzens- gesinnungen fordern, das Schwerste unter Allem, was geboten werden mag; aber sie sind für einen Ver- nünftigen doch unendlich leichter, als Gebote einer ge- schäftigen Nichtsthuerei {gratis anhelare, multa agendo nihil agere), dergleichen die waren, welche das Juden- thum begründete; denn das Mechanischleichte fühlt der vernünftige Mann centnerschwer, wenn er sieht, dass die darauf verwandte Mühe doch zu nichts nützt.
Etwas Schweres leicht zu machen, ist Verdienst; es als leicht vorzumalen, ob man gleich es selbst zu leisten nicht vermag, ist Betrug. Das, was leicht ist, zu thun, ist verdienstlos. Methoden und Maschinen, und unter diesen die Vertheilung unter verschiedene Künster (fabrikenmässige Arbeit) machen Vieles leicht, was mit eigenen Händen, ohne andere Werkzeuge, zu thun schwer sein würde.
Schwierigkeiten zu zeigen, ehe man die Vorschrift zur Unternehmung giebt (wie z. B. in Nachforschungen der Metaphysik), mag zwar abschrecken, aber das ist doch besser, als sie zu verhehlen. Der Alles, was er sich vornimmt, für leicht hält, ist leichtsinnig. Dem Alles, was er thut, leicht lässt, ist gewandt; so wie der, dessen Thun Mühe verräth, schwerfällig. — Die gesellige Unterhaltung (Conversation) ist ein blosses Spiel, worin Alles leicht sein und leicht lassen muss. Daher die Ceremonie (das Steife) in derselben, z. B. das feierliche Abschiednehmen nach einem Gelage, als alt- väterisch abgeschafft ist.
Die Gemüthsstimmung der Menschen ff) bei Unterf) 1. Ausg.: „bedürfen wenig", ff) 1. Ausg.: „Einiger". Hanf, Anthropologie.
3 34 Anthropologie. L Theil. Anthropol. Didaktik.
nehmung eines Geschäfts ist nach Verschiedenheit der Temperamente verschieden. Einige fangen von Schwierig- keiten und Besorgnissen an (Melancholische), bei Anderen ist die Hoffnung und vermeinte Leichtigkeit der Aus- führung das Erste, was ihnen in die Gedanken kommt (Sanguinische).
Was ist aber von dem ruhmredigen Ausspruche der Kraftmänner, der nicht auf blossem Temperament ge- gründet ist, zu halten: „was der Mensch will, das kann er?" Er ist nichts weiter, als eine hochtönende Tautologie; was er nämlich auf das Geheiss seiner moralischgebietendeu Vernunft will, das soll er, folglich kann er es auch thun (denn das Unmögliche wird ihm die Vernunft nicht gebieten). Es gab aber vor einigen Jahren solche Gecken, die das auch im physischen Sinne von sich priesen und sich so als Welt- bestürmer ankündigten, deren t) Race aber vorlängst aus- gegangen ist.
Endlich macht das Gewohntwerden (consuetudo) ff), da nämlich Empfindungen von eben derselben Art, durch ihre lange Dauer ohne Abwechselung, die Aufmerksam- keit von den Sinnen abziehen und man sich ihrer kaum mehr bewusst ist, zwar die Ertragung fff) der Uebel leicht (die man alsdann fälschlich mit dem Namen einer Tugend, nämlich der Geduld beehrt), aber auch das Bewusstsein und die Erinnerung des empfangenen Guten schwerer, welches dann gemeiniglich zum Undank (einer wirklichen Untugend) führt, ff tt) Aber die Angewohnheit (assuetiulo ttttt) ist eine physische innere Nöthigung, nach derselben Weise ferner zu verfahren, wie man bis dahin verfahren hat. Sie benimmt selbst den guten Handlungen eben dadurch ihren moralischen Werth, weil sie der Freiheit des Gef) 1. Ausg.: „Sinne als Weltbestürmer von sich priesen, deren" ff) 1. Ausg.: „assuefaclio': fff) 1. Ausg.: „bewusst ist; was dann die Ertragung der Uebel leicht macht" ff ff) 1. Ausg.: „schwerer, mithin gemeiniglich Undank macht (welches eine Untugend)", ttttt) 1« Ausg.: yctssuefactio" 1. Buch. Vom Erkenntnissvermögen. §.11. 35 müths Abbruch thut und überdies zu gedankenlosen Wiederholungen ebendesselben Acts f) (Monotonie) führt und dadurch lächerlich wird. — Angewöhnte Flickwörter (Phrasen zu blosser Ausfüllung der Leere an Gedanken) machen den Zuhörer unaufhörlich besorgt; das Sprüchel- chen wiederum hören zu müssen, und den Redner zur Sprachmaschine. Die Ursache der Erregung des Ekels, den die Angewohnheit eines anderen in uns erregt, ist, weil das Thier hier gar zu sehr aus dem Menschen hervorspringt, das instinctmässig nach der Regel der Angewöhnung, gleich als eine andere (nichtmensch- liche) Natur geleitet wird und so Gefahr läuft, mit dem Vieh in eine und dieselbe Klasse zu gerathen. — Doch können gewisse Angewöhnungen absichtlich geschehen und eingeräumt werden, wenn nämlich die Natur der freien Willkür ihre Hülfe versagt, z. B. im Alter sich an die Zeit des Essens und Trinkens, die Qualität und Quan- tität desselben, oder auch des Schlafs zu gewöhnen und so allmälig mechanisch zu werden; aber das gilt nur als Ausnahme und im Nothfall. In der Regel ist alle Angewohnheit verwerflich. 13) Von dem künstlichen Spiel mit dem Sinnenschein.
Das Blendwerk, welches durch Sinnenvorstellungen dem Verstände gemacht wird (praestigiae), kann na- türlich oder auch künstlich sein, und ist entweder Täuschung (illusio) oder Betrug (/raus). — Dasjenige Blendwerk, wodurch man genöthigt wird, etwas auf das Zeugniss der Augen für wirklich zu halten, ob es zwar von eben demselben Subject durch seinen Verstand für unmöglich erklärt wird, heisst Augenverblendniss (praestigiae ft)« Illusion ist dasjenige Blendwerk, welches bleibt, ob man gleich weiss, dass der vermeinte Gegenstand nicht wirklich ist. — Dieses Spiel des Gemüths mit t) „Acts" fehlt in der 1. Ausg. ff) 1. Ausg.: „fascinatio" 3* 36 Anthropologie I. Theil. Anthropol. Didatik.
dem Sinnenschein ist sehr angenehm und unterhaltend, wie z. B. die perspectivische Zeichnung des Inneren eines Tempels, oder wie Raphael Mengs von dem Gemälde der Schule der Peripatetiker (mich däucht von Corregio) sagt: „dass, wenn man sie lange ansieht, sie zu gehen scheinen"; oder wie eine im Stadthaus von Amsterdam gemalte Treppe mit halbgeöffneter Thür Jeden verleitet, an ihr hinaufzusteigen u. dgl.
Betrug aber der Sinne ist: wenn, sobald man weiss, wie es mit dem Gegenstande beschaffen ist, auch der Schein sogleich aufhört. Dergleichen sind die Taschen- spielerkünste von allerlei Art. — Kleidung, deren Farbe zum Gesicht vortheilhaft absticht, ist Illusion; Schminke aber Betrug. Durch die erstere wird man verleitet durch die zweite geäfft, daher kommt es auch, dass man mit Farben bemalte Statuen menschlicher oder thierischer Gestalten nicht leiden mag; indem man jeden Augenblick betrogen wird, sie für lebend zu halten, so oft sie unversehens zu Gesichte kommen.
Bezauberung (fascinatiö) in einem sonst gesun- den Gemüthszustande ist ein Blendwerk der Sinne, von dem man sagt, dass es nicht mit natürlichen Dingen zugehe; weil das Urtheil, dass ein Gegenstand (oder eine Beschaffenheit desselben) sei; bei darauf verwandter Attention, mit dem Urtheil, dass er nicht (oder anders gestaltet) sei, unwiderstehlich wechselt, — der Sinn also sich selbst zu widersprechen scheint. Wie ein Vogel, der gegen den Spiegel, indem er sich selbst sieht, flattert und ihn bald für einen wirklichen Vogel, bald nicht dafür hält. Dieses Spiel mit Menschen, dass sie ihren eigenen Sinnen nicht trauen, findet vornehmlich bei Solchen statt, die durch Leidenschaft stark angezogen werdeu. Dem Verliebten, der (nach Helvetius) seine Geliebte in den Armen eines Anderen sah, konnte diese, die es ihm schlechthin ableugnete, sagen: „Treuloser, du liebst mich nicht mehr, du glaubst mehr, was du siehst, als was ich dir sage." — Gröber, wenigstens schädlicher war der Betrug, den die Bauch- redner, die Gassnere, dieMesmerianer u. dgl. vermeinte Schwarzkünstler verübten. Man nannte vor Alters die armen unwissenden Weiber, die so etwas Uebernatürliches zu thun vermeinten, Hexen, und noch in diesem Jahrhundert war der Glaube darin nicht völlig ausgerottet.*) Es scheint, das Gefühl der Verwunderung über etwas Unerhörtes habe an sich selbst viel Anlocken- des für den Schwachen; nicht blos, weil ihm auf einmal neue Aussichten eröffnet werden, sondern weil er dadurch von dem ihm lästigen Gebrauch der Vernunft losgesprochen zu sein, dagegen Andere in der Unwissenheit sich gleich zu machen verleitet wird. 14) Von dem erlaubten moralischen Schein.
Die Menschen sind insgesammt, je civilisirter, desto mehr Schauspieler; sie nehmen den Schein der Zu- neigung, der Achtung vor Anderen, der Sittsamkeit, der Uneigennützigkeit an, ohne irgend Jemand dadurch zu betrügen; weil ein jeder Anderer, dass es hiemit eben nicht herzlich gemeint sei, dabei einverständigt ist, und es ist auch sehr gut, dass es so in der Welt zugeht. Denn dadurch, dass Menschen diese Rolle spielen, werden zuletzt die Tugenden, deren Schein sie eine geraume Zeit hindurch nur gekünstelt haben, nach und nach *) Ein protestantischer Geistlicher in Schottland sagte noch in diesem Jahrhunderte in dem Verhör über einen solchen Fall als Zeuge zum Richter: „Mein Herr, ich versichere euch auf meine priesterliche Ehre, dass dieses Weib eine Hexe ist;" worauf der Letztere erwiderte: „Und ich versichere euch auf meine richterliche Ehre, dass ihr kein Hexenmeister seid." — Das jetzt deutsch gewordene Wort Hexe kommt von den Anfangs- worten der Messformel bei Einweihung der Hostie her, welche der Gläubige mit leiblichen Augen als eine kleine Scheibe Brot sieht, nach Aussprechung derselben aber mit geistigen Augen als den Leib eines Menschen zu sehen verbunden wird. Denn die Wörter hoc est haben zuerst das Wort corpus hinzu- gethan, wo hoc est corpus sprechen in hocuspocus machen ver- ändert wurde; vermuthlich aus frommer Scheu, den rechten Namen zu nennen und zu profaniren; wie es Abergläubische bei unnatürlichen Gegenständen zu thun pflegen, um sich daran nicht zu vergreifen.
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wohl erweckt und gehen in die Gesinnung über. — Aber den Betrüger in uns selbst, die Neigung, zu betrügen, ist wiederum Rückkehr zum Gehorsam unter das Gesetz der Tugend, und nicht Betrug, sondern schuldlose Täuschung unserer selbst.
So ist die Anekelung seiner eigenen Existenz, aus der Leerheit des Gemüths an Empfindungen, zu denen es unaufhörlich strebt, der langen Weile, wobei man doch zugleich ein Gewicht der Trägheit fühlt, d. i. f) des Ueberdrusses an aller Beschäftigung, die Arbeit heissen und jenen Ekel vertreiben könnte, weil sie mit Beschwerden verbunden ist, ein höchst widriges Gefühl, dessen Ursache keine andere ist, als die natürliche Neigung zur Gemächlichkeit (einer Ruhe, vor der keine Ermüdung vorhergeht). — Diese Neigung ist aber betrügerisch, selbst in Ansehung der Zwecke, welche die Vernunft dem Menschen zum Gesetz macht, um mit sich selbst zufrieden zu sein, wenn er gar nichts thut (zwecklos vegetirt), weil er da doch nichts Böses thut. Sie also wieder zu betrügen (welches durch das Spiel mit schönen Künsten, am meisten aber durch gesellige Unterhaltung geschehen kann), heisst die Zeit ver- treiben (tempus /allere)] wo der Ausdruck schon die Absicht andeutet, nämlich die Neigung zur geschäftlosen Ruhe selbst zu betrügen, wenn durch schöne Künste das Gemüth spielend unterhalten, ja auch nur durch ein blosses an sich zweckloses Spiel in einem friedlichen Kampfe wenigstens Cultur des Gemüths bewirkt wird; widrigen- falls es heissen würde, die Zeit tödten. — — Mit Gewalt ist wider die Sinnlichkeit in den Neigungen nichts ausgerichtet; man muss sie überlisten, und, wie Swift sagt, dem Wallfisch eine Tonne zum Spiel hingeben, um das Schiff zu retten.
Die Natur hat den Hang, sich gern täuschen zu lassen, dem Menschen weislich eingepflanzt, selbst um die Tugend zu retten oder doch zu ihr hinzuleiten. Der gute ehrbare Anstand ist ein äusserer Schein, der Anderen Achtung einflösst (sich nicht gemein zu f) 1. Ausg.: „die lange Weile, doch auch zugleich der Trägheit, d. i.u machen). Zwar würde das Frauenzimmer damit schlecht zufrieden sein, wenn das männliche Geschlecht ihren Reizen nicht zu huldigen schiene. Aber Sittsamkeit (pudicitia), ein Selbstzwang, der die Leidenschaft ver- steckt, ist doch als Illusion sehr heilsam, um zwischen einem und dem anderen Geschlecht den Abstand zu be- wirken, der nöthig ist, um nicht das eine zum blossen Werkzeuge des Genusses des anderen herabzuwürdigen. — Ueberhaupt ist Alles, was man Wohlanständigkeit (decorum) nennt, von derselben Art, nämlich nichts als schöner Schein.
Höflichkeit (Politesse) ist ein Schein der Herab- lassung, der Liebe einflösst. Die Verbeugungen (Complimente) und die ganze höfische Galanterie, sammt den heissesten Freundschaftsversicherungen mit Worten, sind zwar nicht eben immer Wahrheit (meine lieben Freunde, es giebt keinen Freund! Aristoteles), aber sie betrügen darum doch auch nicht, weil ein Jeder weiss, wofür er sie nehmen soll, und dann vornehmlich darum, weil diese anfänglich leeren Zeichen des Wohl- wollens und der Achtung nach und nach zu wirklichen Gesinnungen dieser Art hinleiten.
Alle menschliche Tugend im Verkehr ist Scheide- münze; ein Kind ist Der, welcher sie für ächtes Gold nimmt. — Es ist doch aber besser, Scheidemünze, als gar kein solches Mittel im Umlauf zu haben, und end- lich kann es doch, wenngleich mit ansehnlichem Verlust, in baares Gold umgesetzt werden. Sie für lauter Spiel- marken, die gar keinen Werth haben, auszugeben, mit dem sarkastischen Swift zu sagen: „die Ehrlichkeit ist ein Paar Schuhe, die im Kothe ausgetreten worden" u. s. w., oder mit dem Prediger Hofstede, in seinem Angriff aur Marmontel's Beiisar, selbst einen Sokrates zu verleumden, um ja zu verhindern, dass irgend Jemand an die Tugend glaube, ist ein an der Menschheit ver- übter Hochverrath. Selbst der Schein des Guten an Anderen muss uns werth sein; weil aus diesem Spiel mit Verteilungen, welche Achtung erwerben, ohne sie vielleicht zu verdienen, endlich wohl Ernst werden kann. — Nur der Schein des Guten in uns selbst muss ohne Verschonen weggewischt und der Schleier, womit die Eigenliebe unsere moralischen Gebrechen verdeckt, ab- 40 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.