sinken, und öfters wird auch dieser boshafte Streich absichtlich dazu gebraucht, um Jemand lächerlich zu machen." Die folgenden Sätze bis: „das grösste Gelächter", fehlen an dieser Stelle in der 1. Ausg.: vgl. Anm. 2 zu §. 30 (S. 74). f ) 1. Ausg.: „mit einem Mannichf altigen" 5* 68 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
kraft bedarf, um seinen Verstandesvorstellungen Stoff unterzulegen. — Der englische Zuschauer erzählt von einem Advocaten, dass er gewohnt war, beim Plaidiren einen Bindfaden aus der Tasche zu nehmen, den er un- aufhörlich um den Finger auf- und abwickelte; da denn, als der Schalk, sein Gegenadvocat, ihn heimlich aus der Tasche prakticirte, jener ganz in Verlegenheit kam und lauter Unsinn redete, weswegen man sagte: „er habe den Faden seiner Rede verloren". — Der Sinn, der an einer Empfindung festgehalten wird, lässt (der An- gewöhnung wegen) auf keine andern, fremden Empfin- dungen Acht geben, wird also dadurch nicht zerstreut; die Einbildungskraft aber kann sich hiebei desto besser im regelmässigen Gange erhalten. 33) Von dem sinnlichen Dichtungsvermögen nach seinen verschiedenen Arten.
Es giebt drei verschiedene Arten des sinnlichen Dichtungsvermögens. Diese sind f) das bildende der Anschauung im Raum {imaginatio plastica), das bei- gesellende der Anschauung in der Zeit (imaginatio associans), und das der Verwandtschaft aus der gemein- schaftlichen Abstammung der Vorstellungen von einander (affinitas).
A.
Von dem sinnlichen Dichtungsvermögen der Bildung.
Ehe der Künstler eine körperliche Gestalt (gleich- sam handgreiflich) darstellen kann, muss er sie in der Einbildungskraft verfertigt haben, und diese Gestalt ist alsdann eine Dichtung, welche, wenn sie unwillkürlich ist (wie etwa im Traume), Phantasie heisst, und nicht dem Künstler angehört; wenn sie aber durch f) Für: „Es giebt — sind" hat die 1. Ausgabe blos: „Sie sind" Willkür regiert wird, Composition, Erfindung ge- nannt wird. Arbeitet nun der Künstler nach Bildern, die den Werken der Natur ähnlich sind, so heissen seine Producte natürlich f); verfertigt er aber nach Bildern, die nicht in der Erfahrung vorkommen können, so gestaltete Gegenstände (wie der Prinz Palagonia in Sicilien), so heissen sie abenteuerlich, unnatürlich, Fratzen- gestalten, und solche Einfälle sind gleichsam ff) Traum- bilder eines Wachenden (velui aegri somnia vanae fin- guntur species). — Wir spielen oft und gern mit der Einbildungskraft; aber die Einbildungskraft (als Phantasie) spielt eben so oft und bisweilen sehr ungelegen auch mit uns.
Das Spiel der Phantasie mit dem Menschen im Schlafe ist der Traum, und findet auch im gesunden Zustande statt; dagegen es einen krankhaften Zustand verräth, wenn es im Wachen geschieht. — Der Schlaf, als Ab- spannung alles Vermögens äusserer Wahrnehmungen und vornehmlich willkürlicher Bewegungen, scheint allen Thieren, ja selbst den Pflanzen (nach der Analogie der letzteren mit den ersteren) zur Sammlung der im Wachen aufgewandten Kräfte nothwendig; aber eben das scheint auch der Fall mit den Träumen zu sein, so, dass die Lebenskraft, wenn sie im Schlafe nicht durch Träume immer rege erhalten würde, erlöschen und der tiefste Schlaf zugleich den Tod mit sich führen müsste. — Wenn man sagt: einen festen Schlaf, ohne Träume, gehabt zu haben, so ist das doch wohl nichts mehr, als dass man sich dieser beim Erwachen gar nicht erinnere; welches, wenn die Einbildungen schnell wechseln, Einem wohl auch im Wachen begegnen kann, nämlich im Zustande einer Zerstreuung zu sein, wo man auf die Frage, was der mit starrem Blicke eine Weile auf denselben Punkt Geheftete jetzt denke, die Antwort erhält: ich habe nichts gedacht. Würde es nicht beim Erwachen viele Lücken (aus Unaufmerksam- keit übergangene verknüpfende Zwischenvorstellungen) f) Die Worte: „wenn sie aber...natürlich;" sind Zusatz der 2. Ausg.
tt) „abenteuerlich...gleichsam" Zusatz der 2. Ausg.
70 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
in unserer Erinnerung geben; würden wir die folgende Nacht da wieder zu träumen anfangen, wo wir es in der vorigen verlassen haben, so weiss ich nicht, ob wir nicht in zwei verschiedenen Welten zu leben wähnen würden. — Das Träumen ist eine weise Veranstaltung der Natur, zur Erregung der Lebenskraft durch Affecten, die sich auf willkürlich gedichtete Begebenheiten be- ziehen, indessen dass die auf der Willkür beruhenden Bewegungen des Körpers, nämlich die der Muskeln, suspendirt sind. — Nur muss man die Traumgeschichten nicht für Offenbarungen aus einer unsichtbaren Welt an- nehmen.
B.
Von dem sinnlichen Dichtungsvermögen der Beigesellung.
Das Gesetz der Association ist: empirische Vor- stellungen, die nach einander oft folgten, bewirken eine Angewohnheit im Gemüth, wenn die eine erzeugt wird, die andre auch entstehen zu lassen. — Eine physio- logische Erklärung hievon zu fordern, ist vergeblich; man mag sich auch hiezu was immer für einer Hythese be- dienen (die selbst wiederum eine Dichtung ist), wie der des Cartesius, von seinen sogenannten materiellen Ideen im Gehirn. Wenigstens ist keine dergleichen Er- klärungen pragmatisch, d. i. man kann sie zu keiner Kunstausübung brauchen; weil wir keine Kenntniss vom Gehirn und den Plätzen in demselben haben, worin die Spuren der Eindrücke aus Vorstellung sympathetisch mit einander in Einklang kommen möchten, indem sie sich einander (wenigstens mittelbar) gleichsam berühren.
Diese Nachbarschaft geht öfters so weit, und die Einbildungskraft geht vom Hundertsten auf's Tausendste oft so schnell, dass es scheint, man habe gewisse Zwischenglieder in der Kette der Vorstellungen gar übersprungen, obgleich man sich ihrer nur nicht be- wusst geworden ist, so dass man sich selbst öfters fragen muss: wo war ich? von wo war ich in meinem Gesprach ausgegangen, und wie bin ich zu diesem End- punkte gelangt?*) C.
Das sinnliche Dichtungsvermögen der Verwandtschaft.
Ich verstehe unter der Verwandtschaft die Ver- einigung aus der Abstammung des Mannichfaltigen von einem Grunde. — In einer gesellschaftlichen Unter- haltung ist das Abspringen von einer Materie auf eine ganz ungleichartige, wozu die empirische Association der Vorstellungen, deren Grund blos subjectiv ist (d. i. bei dem Einen sind die Vorstellungen anders associirt als bei dem Anderen), — wozu, sage ich, diese Asso- ciation verleitet, eine Art Unsinn der Form nach, welcher alle Unterhaltung unterbricht und zerstört. — Nur wenn *) Daher muss Der, welcher eine gesellschaftliche Unter- haltung beginnt f), von dem, was ihm nahe und gegenwärtig ist, anfangen und so allmälig auf das Entferntere, so wie es interessiren kann, hinleiten. Das böse Wetter ist für Den, der von der Strasse in eine zur wechselseitigen Unter- haltung versammelte Gesellschaft tritt, hiezu ein guter und gewöhnlicher Behelf, ff) Denn etwa von den Nachrichten aus der Türkei, die eben in den Zeitungen stehen, wenn man in's Zimmer tritt, anzufangen, thut der Einbildungskraft Änderer Gewalt an, die nicht sehen, was ihn darauf gebracht habe. Das Gemüth verlangt zu aller Mittheilung der Gedanken eine gewisse Ordnung, wobei es auf die einleitenden Vor- stellungen und den Anfang ebensowohl in der Unterhaltung f f f ), wie in einer Predigt sehr ankommt.
f) 1. Ausgabe: „einen gesellschaftlichen Discurs an- hebt" ff) In der 1. Ausgabe steht hier noch der Satz: „Wird der Ankömmling über die nicht erwartete Feierlichkeit derselben perplex, so sagt man, er hat die Tramontane verloren, d. i. er hätte nur vom bösen Nordwind, der etwa jetzt eben herrscht, das Gespräch anheben können (oder vom Sirocco, wenn er in Italien ist)." Vgl. S. 57.
fff) 1. Ausg.: „im Discurse".
72 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
eine Materie erschöpft worden, und eine kleine Pause eintritt, kann Jemand eine andere, die interessant ist, auf die Bahn bringen. Die regellos herumschweifende Einbildungskraft verwirrt durch den Wechsel der Vor- stellungen, die an nichts objectiv angeknüpft sind, den Kopf so, dass Dem, der aus einer Gesellschaft dieser Art gekommen ist, zu Muthe wird, als ob er geträumt hätte. — Es muss immer ein Thema sein, sowohl beim stillen Denken, als in Mittheiiung der Gedanken, an welches das Mannichfaltige angereiht wird, mithin auch der Verstand wirksam sein, aber das Spiel der Ein- bildungskraft folgt hier den Gesetzen der Sinnlichkeit, welche den Stoff dazu hergiebt, dessen Association ohne Bewusstsein der Regel, doch derselben und hiemit dem Verstände gemäss, obgleich nicht als aus dem Verstände abgeleitet, verrichtet wird.
Das Wort Verwandtschaft (afßnitas) erinnert liier an eine aus der Chemie genommene, jener Verstandes- bildung analogische Wechselwirkung zweier specifisch verschiedenen, körperlichen, innigst auf einander wirkenden und zur Einheit strebenden Stoffe, wo diese Vereinigung etwas Drittes bewirkt, was Eigenschaften hat, die nur durch die Vereinigung zweier heterogenen Stoffe erzeugt werden können. Verstand und Sinnlichkeit verscliwistern sich, bei ihrer Ungleichartigkeit, doch so von selbst zu Bewirkung unserer Erkenntniss, als wenn eine von der anderen, oder beide von einem gemeinschaftlichen Stamme ihren Ursprung hätten; welches doch nicht sein kann, wenigstens für uns unbegreiflich ist, wie das Un- gleichartige aus einer und derselben Wurzel entsprossen sein könne. *) 34) *) Man könnte die zwei ersten Arten der Zusammen- setzung der Vorstellungen die mathematische (der Ver- grösserung), die dritte aber die dynamische (der Erzeu- gung) nennen; wodurch ein ganz neues Ding (wie etwa das Mittelsalz in der Chemie) hervorkommt. Das Spiel der Kräfte in der leblosen Natur sowohl als der lebenden, in der Seele ebensowohl als dem Körper, beruht auf Zer- setzungen und Vereinigungen des Ungleichartigen. Wir ge- langen zwar zur Erkenntniss derselben durch Erfahrung ihrer Wirkungen; die oberste Ursache aber und die ein- 1. Buch vom Erkenntniss vermögen. §. 30 73 Die Einbildungskraft ist indessen nicht so schöpferisch, als man wohl vorgiebt. Wir können uns für ein ver- nünftiges Wesen keine andere Gestalt als schicklich denken, als die Gestalt eines Menschen. Daher macht der Bild- hauer oder Maler, wenn er einen Engel oder einen Gott verfertigt, jederzeit einen Menschen. Jede andere Figur scheint ihm Theile zu enthalten, die sich, seiner Idee nach, mit dem Bau eines vernünftigen Wesens nicht zusammen vereinigen lassen (als Flügel, Krallen oder Hufe). Die Grösse dagegen kann er dichten, wie er will.
Die Täuschung durch die Stärke der Einbildungs- kraft des Menschen geht oft so weit, das er dassjenige, was er nur im Kopf hat, ausser sich zu sehen und zu fühlen glaubt. Daher der Schwindel, der Den, welcher in einen Abgrund sieht, befällt, ob er gleich eine genug- sam breite Fläche um sich hat, um nicht zu fallen, oder gar an einem festen Geländer steht. — Wunderlich ist die Furcht einiger Gemüthskranken vor der Anwandlung eines inneren Antriebes, sich wohl gar freiwillig hinunter- zustürzen. — Der Anblick des Genusses ekeler Sachen an Anderen (z. B. wenn die Tungusen den Rotz aus fachen Bestandtheile, darin ihr Stoff aufgelöst werden kann, sind für uns unerreichbar. — — Was mag wohl die Ursache davon sein, dass alle organische Wesen, die wir kennen, ihre Art nur durch die Vereinigung zweier Geschlechter (die man dann das männliche und weibliche nennt) fortpflanzen? Man kann doch nicht annehmen, dass der Schöpfer, blos der Sonder- barkeit halber, und nur um auf unserem Erdglob eine Ein- richtung, die ihm so gefiele, zu machen, gleichsam nur gespielt habe; sondern es scheint, es müsse unmöglich sein, aus der Materie unseres Erdballs organische Geschöpfe durch Fort- pflanzung anders entstehen zu lassen, ohne dass dazu zwei Geschlechter gestiftet wären. — — In welches Dunkel ver- liert sich die menschliche Vernunft, wenn sie hier den Ab- stamm zu ergründen, ja auch nur zu errathen, es unternehmen will?
f ) In der 1. Ausg. hat dieser Paragraph die besondere Ueber- schrift: „Erläuterung durch Beispiele".
74 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
den Nasen ihrer Kinder mit einem Tempo aussaugen und verschlucken) bewegt den Zuschauer ebenso zum Erbrechen, als wenn ihm selbst ein solcher Genuss auf- gedrungen würde f).
Das Heimweh der Schweizer (und wie ich es aus dem Munde eines erfahrenen Generals habe, auch der Westphäler und Pommern in einigen Gegenden), welches sie befällt, wenn sie in andere Länder versetzt werden, ist die Wirkung einer durch die Zurückrufung der Bilder der Sorgenfreiheit und nachbarlichen Gesellschaft in ihren Jugendjahren erregten Sehnsucht nach den Oertern, wo sie die sehr einfachen Lebensfreuden genossen, da sie dann nach dem späteren Besuche derselben sich in ihrer Erwartung sehr getäuscht und so auch geheilt finden; zwar in der Meinung, dass sich dort Alles sehr ge- ändert habe, in der That aber, weil sie ihre Jugend dort nicht wiederum hinbringen können; wobei es doch merk- würdig ist, dass Heimweh mehr die Landleute einer geld- armen, dafür aber durch Brüder- und Vetterschaften verbundenen Provinz, als Diejenigen befällt, die mit Geld- erwerb beschäftigt sind und das patria ubi bene sicli zum Wahlspruch machen.
Wenn man vorher gehört hat, dass Dieser oder Jener ein böser Mensch ist, so glaubt man ihm die Tücke im Gesicht lesen zu können, und Dichtung mischt sich hier, vornehmlich wenn Affect und Leidenschaft hinzukommen, mit der Erfahrung zu einer Empfindung. Nach Helvetius sah eine Dame durch ein Teleskop im Monde die Schatten zweier Verliebten; der Pfarrer, der nachher dadurch beobachtete, sagte: „nicht doch, Madame; es sind zwei Glockentürme an einer Hauptkirche".
Man kann zu Allem diesen noch die Wirkungen durch die Sympathie der Einbildungskraft zählen. Der Anblick eines Menschen in convulsivischen oder gar epi- leptischen Zufällen reizt zu ähnlichen krampfhaften Be- wegungen; so wie das Gähnen Anderer, um mit ihnen zu gähnen, und der Arzt, Herr Michaelis, führt an, dass, als bei der Armee in Nordamerika ein Mann in heftige f) 1. Ausgabe: „als wenn er selbst hätte thun wollen", Hierauf folgt in der 1. Ausg. die S. 67 bemerkte Stelle: -Ei ist nicht rathsam...das grösste Gelächter."
Raserei gerieth, zwei oder drei Beistehende durch den Anblick desselben plötzlich auch darein versetzt wurden, wiewohl dieser Zufall nur vorbeigehend war; daher es Nervenschwachen (Hypochondrischen) nicht zu rathen ist, aus Neugierde Tollhäuser zu besuchen. Mehrentheils ver- meiden sie dieses auch von selbst; weil sie für ihren Kopf fürchten. — Man wird auch finden, dass lebhafte Personen, wenn Jemand ihnen etwas im Affect, vornehmlich des Zorns, was ihm begegnet sei, erzählt, bei starker Attention Gesichter dazu schneiden und unwillkürlich in ein Spiel der Mienen, die zu jenem Affect passen, versetzt werden. — Man will auch bemerkt haben, dass mit einander sich wohlvertragende Eheleute nach und nach eine Aehnlichkeit in Gesichtszügen bekommen, und deutet es dahin aus, die Ursache sei, weil sie sich um dieser Aehnlichkeit halber (similis simili gaudet) geehlicht haben; welches doch falsch ist. Denn die Natur treibt beim Instinct der Geschlechter eher zur Verschiedenheit der Subjecte, die sich in einander verlieben sollen, damit alle Mannichfaltigkeit, welche sie in ihre Keime gelegt hat, entwickelt werde, sondern die Vertraulichkeit und Neigung, mit der sie einander in ihren einsamen Unterhaltungen, dicht neben einander, oft und lange in die Augen sehen, bringt sympathetische ähnliche Mienen hervor, die, wenn sie fixirt werden, endlich in stehende Gesichtszüge über- gehen.
Endlich kann man zu diesem unabsichtlichen Spiel der productiven Einbildungskraft, die alsdann Phantasie genannt werden kann, auch den Hang zum arglosen Lügen rechnen, der bei Kindern allemal, bei Er- wachsenen, aber sonst gutmüthigen, dann und wann, bisweilen fast als anerbende Krankheit angetroffen wird, wo beim Erzählen die -Begebenheiten und vorgeblichen Abenteuer, wie eine herabrollende Schneelawine wachsend, aus der Einbildungskraft hervorgehen, ohne irgend einen Vortheil zu beabsichtigen, als blos sich interessant zu machen; wie der Ritter John Fallstaff beim Shake- speare, der aus zwei Männern in Frieskleidern fünf Personen machte, ehe er seine Erzählung endigte. — -S5) 76 Anthropologie. I. Theil Anthropol. Didaktik.
Weil die Einbildungskraft reicher und fruchtbarer an Vorstellungen ist als der Sinn, so wird sie, wenn eine Leidenschaft hinzutritt, durch die Abwesenheit des Gegen- standes mehr belebt als durch die Gegenwart, wenn etwas geschieht, was dessen Vorstellung, die eine Zeit lang durch Zerstreuungen getilgt zu sein schien, wiederum in's Gemüth zurückruft. — So hatte ein deutscher Fürst, sonst ein rauher Krieger, aber doch edler Mann, um seine Verliebung in eine bürgerliche Person in seiner Residenz sich aus dem Sinn zu bringen, eine Reise nach Italien unternommen; der erste Anblick aber ihrer Wohnung bei seiner Wiederkehr erweckte weit stärker, als es ein anhaltender Umgang gethan hätte, die Ein- bildungskraft so, dass er der Entschliessung ohne weitere Zögerung nachgab, die glücklicherweise auch der Er- wartung entsprach. — Diese Krankheit, als Wirkung einer dichtenden Einbildungskraft, ist unheilbar: ausser durch die Ehe. Denn diese ist Wahrheit (eripitur persona, manet res. Lucret.)
Die dichtende Einbildungskraft stiftet eine Art von Umgang mit uns selbst, obgleich blos als Erscheinungen des inneren Sinnes, doch nach einer Analogie mit äusserer. Die Nacht belebt sie und erhöht sie über ihren wirklichen Gehalt; sowie der Mond zur Abendzeit eine grosse Figur am Himmel macht, der am hellen Tage nur wie ein unbedeutendes Wölkchen anzusehen ist. Sie schwärmt in Demjenigen, der in der Stille der Nacht lucubrirt, oder auch mit seinem eingebildeten Gegner zankt oder, in seinem Zimmer herumgehend, Luft- schlösser baut. — Aber Alles, was ihm da wichtig zu sein scheint, verliert an dem auf den Nachtschlaf folgenden Morgen seine ganze Wichtigkeit; wohl aber fühlt er mit der Zeit von dieser üblen Gewohnheit Abspannung der Gemüthskräfte. Daher ist die Bezähmung seiner Ein- bildungskraft durch frühes Schlafengehen, um früh wieder f) Dieser Paragraph hat in der 1. Ausg. die Ueberschrift: „Von den Mitteln der Belebung und Bezähmung des Spiels der Einbildungskraft".
aufstehen zu können, eine zur psychologischen Diät ge- hörige sehr nützliche Regel; die Frauenzimmer aber und die Hypochondristen (die gemeiniglich eben daher ihr Uebel haben) lieben mehr das entgegengesetzte Ver- halten. — Warum lassen sich Geistergeschichten in später Nacht noch wohl anhören, die am Morgen, bald nach dem Aufstehen, Jedem abgeschmackt und für die Unterhaltung ganz unschicklich vorkommen; wo man dagegen fragt, was Neues im Haus - oder gemeinen Wesen vorgefallen sei, oder seine Arbeit des vorigen Tages fortsetzt. Die Ursache ist: weil, was an sich blos Spiel ist, dem Nachlassen der den Tag über erschöpften Kräfte, was aber Geschäft ist, dem durch die Nacht- ruhe gestärkten und gleichsam neugeborenen Menschen angemessen ist.
Die Vergehungen (vitia) der Einbildungskraft sind: dass ihre Dichtungen entweder blos zügellos oder gar regellos sind (effrenis aut perversa). Der letzte Fehler ist der ärgste. Die erstem Dichtungen könnten doch wohl in einer möglichen Welt (der Fabel) ihre Stelle finden; die letztern in gar keiner, weil sie sich wider- sprechen. — Dass die in der libyschen Wüste Ram- Sem häufig anzutreffenden, in Stein gehauenen Menschen- und Thiergestalten von den Arabern mit Grauen an- gesehen werden, weil sie solche für durch den Fluch versteinerte Menschen halten, gehört zur Einbildung der ersteren Gattung, nämlich der zügellosen Einbildungs- kraft. — Dass aber, nach der Meinung derselben Arabeiy diese Bildsäulen von Thieren am Tage der allgemeinen Auferstehung den Künstler anschnarchen und ihm es verweisen werden, dass er sie gemacht und ihnen doch keine Seele habe geben können, ist ein Wider- spruch. — Die zügellose Phantasie kann immer noch einbeugen (wie die jenes Dichters, den der Cardinal Este bei Ueberreichung des ihm gewidmeten Buches fragte: „Meister Ariosto, wo Henker habt ihr alles das tolle Zeug her?"); sie ist Ueppigkeit aus ihrem Reich- thum; aber die regellose nähert sich dem Wahnsinn, wo die Phantasie gänzlich mit dem Menschen spielt, und der Unglückliche den Lauf seiner Vorstellungen gar nicht in seiner Gewalt hat.
Uebrigens kann ein politischer Künstler, ebensogut 78 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
wie ein ästhetischer, durch Einbildung, die er statt der Wirklichkeit vorzuspielen versteht, z. B. von Freiheit des Volks, die (wie die im englischen Parlament), oder des Ranges und der Gleichheit (wie im französischen Convent), in blossen Formalien besteht, die Welt leiten und regieren (mundus vult decipi); aber es ist doch besser, auch nur den Schein von dem Besitz dieses die Mensch- heit veredelnden Gutes für sich zu haben, als sich des- selben handgreiflich beraubt zu fühlen. 36) Von dem Vermögen der Vergegenwärtigung des Vergangenen und Zukünftigen durch die Einbildungskraft.
Das Vermögen, sich vorsätzlich das Vergangene zu vergegenwärtigen, ist das Erinnerungsvermögen, und das Vermögen, sich etwas als zukünftig vorzustellen, das Vorhersehungsvermögen. Beide gründen sich, sofern sie sinnlich sind, auf die A s s o c i a t i o n f) der Vorstellungen des vergangenen und zukünftigen Zustandes des Subjects mit dem gegenwärtigen, und obgleich nicht selbst Wahrnehmungen, dienen sie zur Verknüpfung der Wahrnehmungen, in der Zeit, das, was nicht mehr ist, mit dem, was noch nicht ist, durch das, was gegen- wärtig ist, in einer zusammenhängenden Erfahrung zu verknüpfen. Sie heissen Erinner ungs- und Divi- nationsver mögen der Respicienz und Prospicienz (wenn man sich diese Ausdrücke erlauben darf), da man sich seiner Vorstellungen als solcher, die im ver- gangenen oder künftigen Zustande anzutreffen wären, bewusst ist.
f) Der Anfang dieses Paragraphen lautet in der 1. Ausg. so: „Sie sind, wenn dieser ihr Act hiebei vorsätzlich ist. das Erinnerungs- und Vorhersagungsvermögen, und gründen sich, so- fern sie sinnlich sind, auf die Association u u. s. w.
Vom Gedächtniss.
Das Gedächtniss ist von der blos reproductiven Ein- bildungskraft darin unterschieden, dass es die vormalige Vorstellung willkürlich zu reproduciren vermögend, das Gemüth also nicht ein blosses Spiel von jener ist. Phantasie, d. i. schöpferische Einbildungskraft, muss sich nicht darein mischen, denn dadurch würde das Gedächt- niss untreu. — Etwas bald in's Gedächtniss fassen, sich leicht worauf besinnen und es lange behalten, sind die formalen Vollkommenheiten des Gedächtnisses. Diese Eigenschaften sind aber selten beisammen. Wenn Jemand glaubt, etwas im Gedächtniss zu haben, aber es nicht zum Bewusstsein bringen kann, so sagt er, er könne es nicht entsinnen (nicht: sich entsinnen; denn das bedeutet so viel, als sich sinnlos machen). Die Bemühung hiebei ist, wenn man doch darauf be- strebt ist, sehr kopfangreifend, und man thut am besten, dass man sich eine Weile durch andere Gedanken zer- streut und von Zeit zu Zeit nur flüchtig auf das Object zurückblickt; dann ertappt man gemeiniglich eine von den associirten Vorstellungen, weiche jene zurückruft.
Metho disch etwas in's Gedächtniss fassen (memoriae mandare) heisst memoriren (nicht studiren, wie der gemeine Mann es von dem Prediger sagt, der seine künftig zu haltende Predigt blos auswendig lernt). — Dieses Memoriren kann mechanisch, oder ingeniös oder auch judiciös sein. Das erstere beruht blos auf öfterer, buchstäblicher Wiederholung: z. B. beim Er- lernen des Einmaleins, wo der Lernende die ganze Reihe der auf einander in der gewöhnlichen Ordnung folgenden Worte durchgehen muss, um auf das Gesuchte zu kommen, z. B. wenn der Lehrling gefragt wird, wie viel macht 3 mal 7? so wird er, von 3 mal 3 anfangend, wohl auf einundzwanzig kommen, fragt man ihn aber, wie viel macht 7 mal 3? so wird er sich nicht so bald besinnen können, sondern die Zahlen umkehren müssen, um sie in die gewohnte Ordnung zu stellen. Wenn das Erlernte eine feierliche Formel ist, in der kein Ausdruck abgeändert werden, sondern die, wie man sagt, hergebetet werden muss, so sind wohl Leute von 80 Anthropologie. I. Theil. Anthropol, Didaktik.
dem besten Gedächtniss furchtsam, sich darauf zu ver- lassen (wie denn diese Furcht selbst sie irre machen könnte), und halten es daher für nöthig, sie abzulesen; wie es auch die geübtesten Prediger thun, weil die min- deste Abänderung der Worte hiebei lächerlich sein würde» Das ingeniöse Memoriren ist eine Methode, gewisse Vorstellungen durch Association mit Neben Vorstellungen, die an sich (für den Verstand) gar keine Verwandtschaft mit einander haben, z. B. Laute einer Sprache mit gänzlich ungleichartigen Bildern, die jenen correspondiren sollen, dem Gedächtniss einzuprägen: f) wo man, um etwas in's Gedächtniss zu fassen, dasselbe noch mit mehr Neben Vorstellungen belästigt; folglich ungereimt als regelloses Verfahren der Einbildungskraft ff) in der Zusammenpaarung dessen, was nicht unter einem und demselben Begriffe zusammengehören kann, und zugleich Widerspruch zwischen Mittel und Absicht, da man dem Gedächtniss die Arbeit zu erleichtern sucht, in der That aber sie durch die ihm unnöthig aufgebürdete Association sehr disparater Vorstellungen erschwert. *) ttt) Dass Witzlinge selten ein treues Gedächtniss haben (ingenwsls f) 1. Ausg.: „Das ingeniöse Memoriren ist eine Methode, durch Association von Nebenvorstellungen...haben z. B. durch die Aehnlichkeit der Laute einer Sprache bei der gänzlichen Ungleichartigkeit der Bilder, die...sollten, einander zur Erinnerung anzuknüpfen."
ff) L Ausg.: „als regellose Einbildungskraft" *) So ist die Bilderfibel, wie die Bilderbibel, oder gar eine in Bildern vorgestellte P an dekten lehre, ein optischer Kasten eines kindischen Lehrers, um seine Lehrlinge noch kindischer zu machen, als sie waren. Von der letzteren kann ein auf solche Art dem Gedächtniss anvertrauter Titel der Pandekten: de heredibus suis et legitimus, zum Beispiel dienen. Das erste Wort wurde durch einen Kasten mit Vorhängeschlössern sinnlich gemacht, das zweite durch eine Sau, das dritte durch die zwei Tafeln Mosis.
f ff ) 1. Ausg.: „Widerspruch der Absicht mit sich selbst, durch Vermehrung dessen, was im Kopf behalten werden muss, um es sich gelegentlich zu erinnern, ein vorgebliches Mittel der Verminderung der Beschwerde, sich dessen er- innern zu können."
1. Buch. Vom Erkenntnissvermögen. §. 32. gl non admodum fida est memoria), ist eine Bemerkung die jenes Phänomen erklärt.
Das judiciöse Memoriren ist kein anderes, als das einer Tafel der Eintheilung eines Systems (z. B. des Linne) in Gedanken; wo, wenn man irgend etwas ver- gessen haben sollte, man sich durch die Aufzählung der Glieder, die man behalten hat, wieder zurechtfinden kann, oder auch der Abtheilungen eines sichtbar gemachten Ganzen (z. B. der Provinzen eines Landes auf einer Karte, welche nach Norden, Westen u. s. w. liegen), weil man auch dazu Verstand braucht, und dieser wechselseitig der Einbildungskraft zu Hülfe kommt. Am meisten die Topik, d. i. ein Fachwerk für allgemeine Begriffe, Gemein- plätze genannt, welches durch Klasseneintheilung, wie wenn man in einer Bibliothek die Bücher in Schränke mit verschiedenen Aufschriften vertheilt, die Erinnerung erleichtert f)- Eine Gedächtnisskunst (ars mnemonicd) als ali- gemeine Lehre giebt es nicht. Unter die besondern dazu gehörigen Kunstgriffe gehören die Denksprüche in Versen {versus memoriales)\ weil der Rhythmus einen regelmässigen Silbenfall enthält, der dem Mechanismus des Gedächtnisses sehr zum Vortheil gereicht. — Von den Wundermännern des Gedächtnisses, einem Picus von Mirandola, Scaliger, Angelus, Pontianus, Magliabechi u. s. w., den Polyhistoren, die eine Ladung Bücher für hundert Kameele als Materialien für die Wissen- schaften in ihrem Kopf herumtragen, muss man nicht verächtlich sprechen, weil sie vielleicht die für das Ver- mögen der Auswahl aller dieser Kenntnisse zum zweck- mässigen Gebrauch angemessene Urtheilskraft nicht besassen; denn es ist doch schon Verdienst genug, die rohe Materie reichlich herbeigeschafft zu haben; wenn- gleich andere Köpfe nachher hinzukommen müssen, sie mit Urtheilskraft zu verarbeiten (tantum scimus, quantum memoria tenemus). Einer der Alten sagte: „die Kunst zu schreiben hat das Gedächtniss zu Grunde gerichtet (zum f) 1. Ausg.: „welches [durch] eine Klasseneintheilung", gleich als in einer Bibliothek in Schränke mit verschiedenen Aufschriften vertheilt, die Erinnerung erleichtert." Kant, Anthropologie. 6 82 Anthropologie. I. Theil Anthropol. Didaktik.