gebene Jahr der Geburt Chriſti, nur darin unterſchieden: daß die letz⸗ tere entſpringt, wenn in der Zeit der erſteren das, was zur Zeit der großen Epochen gehört, um die Zahl der Ruhejahre vermindert wird. Nach Bengeln würde die Tafel der heiligen Geſchichte ſo ausſehen: 2023: Verheißung an Abraham, das Land Kanaan zu beſitzen: 2502: Beſitzerlangung deſſelben: 2981: Einweihung des erſten Tempels: 3460: Gegebener Befehl zur Erbauung des zweiten Tempels: 3939: Geburt Chriſti.
Auch das Jahr der Sündflut läßt ſich ſo a priori ausrechnen. Nämlich 4 Epochen zu 450 (= 707) Jahr machen 1960. Davon jedes 7. (= 280) abgezogen, bleiben 1680. Von dieſen 1680 jedes darin enthaltene 70. Jahr abgezogen (= 24), bleiben 1656, als das Jahr der Sündflut. — Auch von dieſer bis zum Ruf Gottes an Abraham ſind 366 volle Jahre, davon eines ein Schaltjahr iſt.
Was ſoll man nun hiezu ſagen? Haben die heiligen Zahlen etwa den Weltlauf beſtimmt? — Franks Cyclus iobilaeus dreht ſich eben⸗ falls um dieſen Mittelpunkt der myſtiſchen Chronologie herum.
*) Zum Beiſpiel kann die Mythe von dem Opfer dienen, das Abra⸗ ham, auf göttlichen Befehl, durch Abſchlachtung und Verbrennung ſeines einzigen Sohnes — (das arme Kind trug unwiſſend noch das (A 101-102). (K 320-2). (Ha 264-65; b 380). (K 97-98). 6* 84 1. Abſch. Der Streit der philoſophiſchen Die Beglaubigung der Bibel nun, als eines in Lehre und Beiſpiel zur Norm dienenden evangeliſch⸗meſſianiſchen Glaubens, kann nicht aus der Gottesgelahrtheit ihrer Ver⸗ faſſer, ((denn der war immer ein dem möglichen Irrthum ausgeſetzter Menſch), ſondern muß aus der Wirkung ihres Inhalts auf die Moralität des Volks, von Lehrern aus dieſem Volk ſelbſt, als Idioten (im Wiſſenſchaftlichen), an ſich, mithin als aus dem reinen Quell der allgemeinen, jedem gemeinen Menſchen beiwohnenden Vernunftreligion geſchöpft, betrachtet werden, die, eben durch dieſe Einfalt, auf die Herzen deſſelben den ausgebreitetſten und kräftigſten Ein⸗ fluß haben mußte. — Die Bibel war das Vehikel derſelben, vermittelſt gewiſſer ſtatutariſcher Vorſchriften, welche der Ausübung der Religion in der bürgerlichen Geſellſchaft eine Form als einer Regierung gab, und die Authentiei⸗ tät dieſes Geſetzbuchs, als eines göttlichen (des Inbegriffs aller unferer Pflichten als göttlicher Gebote) beglaubigt alſo und documentirt ſich ſelbſt, was den Geiſt deſſelben (das Moraliſche) betrifft; was aber den Buchſtaben (das Statutariſche) deſſelben aulangt, ſo bedürfen die Satzungen in dieſem Buche keiner Beglaubigung, weil ſie nicht zum Weſentlichen (prineipale), ſondern nur zum Beigeſelleten (accessorium) deſſelben gehören. — — Den Urſprung aber dieſes Buchs auf Inſpiration Jene Verfaſſer (deus ex machina) zu gründen, um auch die unweſentlichen Sta⸗ tuten deſſelben zu heiligen, muß eher das Zutrauen zu ſeinem moraliſchen Werth ſchwächen, als es ſtärken.
Die Beurkundung einer ſolchen Schrift, als einer gött⸗ lichen, kann von keiner Geſchichtserzählung, ſondern nur von der erprobten Kraft derſelben, Religion in meunſch⸗ lichen Herzen zu gründen, und, wenn ſie durch mancherlei (alte oder neue) Satzungen verunartet wäre, ſie durch ihre Einfalt ſelbſt wieder in ihre Reinigkeit herzuſtellen, abge⸗ leitet werden, welches Werk darum nicht aufhört, Wirkung Holz hinzu) — bringen wollte. Abraham hätte auf dieſe vermeinte göttliche Stimme antworten müſſen: „daß ich meinen guten Sohn nicht tödten ſolle, iſt ganz gewiß; daß aber du, der du mir erſcheinſt, Gott ſei, davon bin ich nicht gewiß, und kann es auch nicht werden; wenn ſie auch vom (ſichtbaren) Himmel herabſchallete.“ .
Facultät mit der theologiſchen. 85 der Natur und Erfolg der fortſchreitenden moraliſchen Kul⸗ tur in dem allgemeinen Gange der Vorſehung zu ſein, und als eine ſolche erklärt zu werden bedarf, damit die Exiſtenz dieſes Buches nicht ungläubiſch dem bloßen Zu⸗ fall, oder abergläubiſch einem Wunder zugeſchrieben ret und die Vernunft in beiden Fällen auf den Strand gerathe.
Der Schluß hieraus iſt nun dieſer: Die Bibel enthält in ſich ſelbſt einen, in praktiſcher Abſicht hinreichenden, Beglaubigungsgrund ihrer (mora⸗ liſchen) Göttlichkeit, durch den Einfluß, den ſie, als Text einer ſyſtematiſchen Glaubenslehre, von jeher, ſowohl in katechetiſchem als homiletiſchem Vortrage auf das Herz der Menſchen ausgeübt hat, um ſie als Organ, nicht allein der allgemeinen und inneren Vernunftreligion, ſondern auch als Vermächtniß (neues Teſtament) einer ſtatutariſchen, auf unabſehliche Zeiten zum Leitfaden dienenden Glaubeuslehre, aufzubehalten: es mag ihr auch in theoretiſcher Rückſicht für Gelehrte, die ihren Urſprung theoretiſch und hiſtoriſch nachſuchen, und für die kritiſche Behandlung ihrer Geſchichte an Beweisthümern viel oder wenig abgehen. — Die Gött⸗ lichkeit ihres moraliſchen Inhalts entſchädigt die Vernunft hinreichend wegen der Meunſchlichkeit der Geſchichtserzählung, die gleich einem alten Pergamente hin und wieder unleſer⸗ lich, durch Aecommodationen und Conjecturen im Zuſam⸗ menhange mit dem Ganzen müſſen verſtändlich gemacht werden, und berechtigt dabei doch zu dem Satz: daß die Bibel, gleich als ob fie eine göttliche Offenbarung wäre, aufbewahrt, moraliſch benutzt, und der Religion, als ihr Leitmittel, untergelegt zu werden verdiene.
Die Keckheit der Kraftgenies, welche dieſem Leitbande des Kirchenglaubens ſich jetzt ſchon entwachſen zu fein wäh⸗ nen, fie mögen nun, als Theophilauthropen, in öffentlichen, dazu errichteten Kirchen, oder, als Myſtiker, bei der Lampe innerer Offenbarungen ſchwärmen, würde die Regierung bald ihre Nachſicht bedauren machen, jenes große Stiftungs- und Leitungsmittel der bürgerlichen Ordnung und Ruhe ver⸗ nachläſſigt, und leichtſinnigen Händen überlaſſen zu haben. — Auch iſt nicht zu erwarten, daß, wenn die Bibel, die 86 1. Abſch. Der Streit der philoſophiſchen wir haben, außer Credit kommen ſollte eine andere an ihrer Stelle emporkammen würde; denn öffentliche Wunder machen ſich nicht zum zweiten Male in derſelben Sache: weil das Fehlſchlagen des vorigen, in Abſicht auf die Dauer, dem folgenden allen Glauben benimmt; — wiewohl doch auch andererſeits auf das Geſchrei der Allarmiſten (das Reich iſt in Gefahr) nicht zu achten iſt, wenn in gewiſſen Sta⸗ tuten der Bibel, welche mehr die Förmlichkeiten, als den inneren Glaubensgehalt der Schrift betreffen, ſelbſt an den Verfaſſern derſelben Einiges gerügt werden ſollte: weil das Verbot der Prüfung einer Lehre der Glaubensfreiheit zu⸗ wider iſt. — Daß aber ein Geſchichtsglaube Pflicht ſei, und zur Seligkeit gehöre, iſt Aberglaube. “) * Aberglaube iſt der Hang in das, was als nicht natürlicher Weiſe zugehend vermeint wird, ein größeres Vertrauen zu ſetzen, als was ſich nach Naturgeſetzen erklären läßt — es ſei im Phyſiſchen oder Moraliſchen. — Man kann alſo die Frage aufwerfen: ob der Bibel⸗ glaube (als empiriſcher), oder ob umgekehrt die Moral (als reiner Ver⸗ nunft⸗ und Religionsglaube) dem Lehrer zum Leitfaden dienen ſolle: Mit anderen Worten; iſt die Lehre von Gott, weil fie in der Bibel ſteht, oder ſteht ſie in der Bibel, weil ſie von Gott iſt? — Der erſtere Satz iſt augenſcheinlich inconſequent; weil das göttliche Anſehen des Buchs hier vorausgeſetzt werden muß, um die Göttlichkeit der Lehre deſſelben zu beweiſen. Alſo kann nur der zweite Satz ſtattfinden, der aber ſchlechterdings keines Beweiſes fähig iſt (Supernaturalium non datur scientia). — — Hievon ein Beiſpiel. — Die Jünger des moſaiſch⸗ meſſianiſchen Glaubens ſahen ihre Hoffnung aus dem Bunde Gottes mit Abraham nach Jeſu Tode ganz ſinken (wir hofften, er würde Iſrael erlöfen); denn nur den Kindern Abrahams war in ihrer Bibel das Heil verheißen. Nun trug es ſich zu, daß, da am Pfingſtfeſte die Jünger verſammelt waren, einer derſelben auf den glücklichen, der ſubtilen jüdiſchen Auslegungskunſt angemeſſenen Einfall gerieth, daß auch die Heiden (Griechen und Römer) als in dieſen Bund aufgenom⸗ men betrachtet werden könnten: wenn ſie an das Opfer, welches Abra⸗ ham Gotte mit feinem einzigen Sohne bringen wollte (als dem Sinnbilde des einigen Opfers des Weltheilandes) glaubeten; denn da wären ſie Kinder Abrahams im Glauben (zuerſt unter, dann aber auch ohne die Beſchneidung). — Es iſt kein Wunder, daß dieſe Entdeckung, die in einer großen Volksverſammlung eine ſo unermeßliche Ausſicht eröffnete, mit dem größten Jubel, und als ob ſie unmittelbare Wir⸗ kung des heiligen Geiſtes geweſen wäre, aufgenommen und für ein Wunder gehalten wurde, und als ein ſolches in bibliſche (Apoſtel⸗) Geſchichte kam, bei der es aber gar nicht zur Religion gehört, ſie als Factum zu glauben, und dieſen Glauben der natürlichen Menſchen⸗ Facultät mit der theologiſchen. 87 Von der bibliſchen Auslegungskunſt (hermeneutica sacra), da fie nicht den Laien überlaſſen werden kann 9 7 0 ſie betrifft ein wiſſenſchaftliches Syſtem), darf nun, ledig⸗ lich in Anſehung deſſen, was in der Religion ſtatutariſch iſt, verlaugt werden: daß der Ausleger ſich erkläre, ob ſein Ausſpruch als authentiſch, oder Doctrinal verſtanden werden ſolle. — Im erſteren Falle muß die Auslegung dem Sinne des Verfaſſers buchſtäblich (philologiſch) ange⸗ meſſen fein; im zweiten aber hat der Schriftſteller die Frei⸗ heit, der Schriftſtelle (philoſophiſch) denjenigen Sinn unter⸗ zulegen, den fie in moraliſch-praktiſcher Abſicht (zur Er⸗ bauung des Lehrlings) in der Exegeſe aunimmt; denn der Glaube an einen bloßen Geſchichtsſatz iſt todt an ihm ſelber. — Nun mag wohl die erſtere für den Schriftgelehrten, und indirect auch für das Volk in gewiſſer pragmatiſchen Ab⸗ ſicht wichtig genug fein, aber der eigentliche Zweck der Re⸗ ligionslehre, moraliſch beſſere Menſchen zu bilden, kann auch dabei nicht allein verfehlt, ſondern wohl gar verhin- dert werden. — Denn die heiligen Schriftſteller können als Menfchen auch geirret haben (wenn man nicht ein durch die Bibel beſtändig fortlaufendes Wunder annimmh), wie z. B. der heilige Paul mit ſeiner Gnadenwahl, welche er aus der Moſaiſch-Meſſianiſchen Schriftlehre in die Evan⸗ geliſche trenherzig überträgt, ob er zwar über die Unbe⸗ greiflichkeit der Verwerfung gewiſſer Menſchen, ehe ſie noch geboren waren, ſich in großer Verlegenheit befindet, und ſo, wenn man die Hermeneutik der Schriftgelehrten als continuirlich dem Ausleger zu Theil gewordene Offenba⸗ rung annimmt, der Göttlichkeit der Religion beſtändig Ab⸗ bruch thun muß. — Alſo iſt nur die doetrinale Aus- legung, welche nicht (empiriſch) zu wiſſen verlangt, was der heilige Verfaſſer mit feinen Worten für einen Sinn ver» bunden haben mag, ſondern was die Vernunft (a priori) in moraliſcher Rückſicht bei Veranlaſſung einer Spruchſtelle als Text der Bibel für eine Lehre unterlegen kann, die vernunft aufzubringen. Der durch Furcht abgenöthigte Gehorſam in Anſehung eines ſolchen Kirchenglaubens, als zur Seligkeit erforderlich, iſt alſo Aberglaube.
88 1. Abſch. Der Streit der philoſophiſchen einzige evangeliſch-bibliſche Methode der Belehrung des Volks in der wahren inneren und allgemeinen Religion, die von dem praticulären Kirchenglauben als Geſchichts⸗ glauben unterſchieden iſt; wobei dann Alles mit Ehrlichkeit und Offenheit, ohne Täuſchung zugeht, da hingegen das Volk mit einem Geſchichtsglauben, den keiner deſſelben ſich zu beweiſen vermag, ſtatt des moraliſchen (allein ſeligmachen⸗ den), den ein Jeder faßt, in ſeiner Abſicht (die es haben muß) getäuſcht, feinen Lehrer anklagen kann.
In Abſicht auf die Religion eines Volks, das eine hei⸗ lige Schrift zu verehren gelehrt worden iſt, iſt nun die doctrinale Auslegung derſelben, welche ſich auf ſein (des Volks) moraliſches Intereſſe — der Erbauung, ſittlichen Beſſerung und ſo der Seligwerdung, — bezieht, zugleich die authen⸗ tiſche: d. i., jo will Gott feinen in der Bibel geoffenbar⸗ ten Willen verſtanden wiſſen. Denn es iſt hier nicht von einer bürgerlichen, das Volk unter Disciplin haltenden olitiſchen), 1 8 einer auf das Junere der moraliſchen Geſinnung abzweckenden (mithin göttlichen) Regierung die Rede. Der Gott, der durch unſere eigene (moraliſch⸗prak⸗ tiſche) Vernunft ſpricht, iſt ein untrüglicher allgemein ver⸗ ſtändlicher Ausleger dieſes ſeines Worts, und es kann auch ſchlechterdings keinen anderen (etwa auf hiſtoriſche Art) be⸗ glaubigten Ausleger ſeines Worts geben; weil Religion eine reine Vernunftſache iſt.
* Und fo haben die Theologen der Facultät die Pflicht auf ſich, mithin auch die Beſugniß, den Bibelglauben auf⸗ recht zu erhalten: doch unbeſchadet der Freiheit der Philo⸗ ſophen, ihn jederzeit der Kritik der Vernunft zu unterwer⸗ fen, welche, im Falle einer Dietatur (des Religionsedicts) die jener oberen etwa auf kurze Zeit eingeräumt werden dürfte, ſich durch die ſolenne Formel beſtens verwahren: i consules, ne quid respublica detrimenti capia!
Facultät mit der tyeologifchen. 89 Anhang bibliſch⸗hiſtoriſcher Fragen, über die praktiſche Benutzung und muthmaßliche Zeit der Fortdauer dieſes heiligen Buchs.
Daß es bei allem Wechſel der Meinungen, noch lauge Zeit im Anſehen bleiben werde, dafür bürgt die Weisheit der Regierung, als deren Intereſſe, in Anſehung der Ein⸗ tracht und der Ruhe des Volks in einem Staat, hiemit in enger Verbindung ſteht. Aber ihm die Ewigkeit zu ver⸗ bürgen, oder auch es, chiliaſtiſch, in ein neues Reich Gottes auf Erden übergehen zu laſſen, das überſteigt unſer ganzes Vermögen der Wahrſagung. — Was würde alſo geſchehen, wenn der Kirchenglaube, dieſes große Mittel der Volks- leitung einmal entbehren müßte?
Wer iſt der Redacteur der bibliſchen Bücher (alten und neuen Teſtaments), und zu welcher Zeit iſt der Kanon zu Stande gekommen?
Werden philologiſch-antiquariſche Keuntuiſſe immer zur Erhaltung der einmal angenommenen Glaubensnorm nöthig ſein, oder wird die Vernunft den Gebrauch derſelben zur Religion dereinſt von ſelbſt und mit allgemeiner Einſtim⸗ mung anzuordnen im Stande ſein?
Hat man hinreichende Documente der Authentieität der Bibel nach den ſogenannten 70 Dolmetſchern, und von wel⸗ cher Zeit kaun man fie mit Sicherheit datiren? u. |. w.
Die praltiſche, vornehmlich öffentliche Benutzung dieſes Buchs in Predigten, iſt ohne Zweifel diejenige, welche zur Beſſerung der Menſchen und Belebung ihrer moraliſchen Triebfedern (zur Erbauung) beiträgt. Alle andere Abſicht muß ihr nachſtehen, wenn ſie hiermit in Colliſion kommt. — Man muß ſich daher wundern: daß dieſe Maxime noch hat bezweifelt werden können, und eine paraphraſtiſche Behandlung eines Texts der paränetiſchen, wenn gleich nicht vorgezogen, doch durch die erſtere wenigſtens hat in Schatten geſtellt werden ſollen. — Nicht die Schriftgelahrt⸗ heit, und was man vermittelſt ihrer aus der Bibel, durch 90 1. Abſch. Der Streit der philoſophiſchen philologiſche Keuntniſſe, die oft nur verunglückte Conjec- turen ſind, herauszieht, ſondern was man mit mora⸗ liſcher Denkungsart (alſo nach dem Geiſte Gottes) in ſie hineinträgt, und Lehren, die nie trügen, auch nie ohne heilſame Wirkung ſein können, das muß dieſem Vortrage ans Volk die Leitung geben: nämlich den Text nur, (we⸗ nigſtens hauptſächlich) als Veranlaſſung zu allem Sitten⸗ beſſernden, was ſich dabei denken läßt, zu behandeln, ohne was die heiligen Schriftſteller dabei ſelbſt im Sinne gehabt haben möchten, nachforſchen zu dürfen. — Eine auf Er⸗ bauung, als Endzweck, gerichtete Predigt, (wie denn das eine jede fein fol) muß die Belehrung aus den Herzen der Zuhörer, nämlich der natürlich moraliſchen Anlage, ſelbſt des unbelehrteſten Menſchen, entwickeln; wenn die da⸗ durch zu bewirkende Geſinnung lauter ſein ſoll. Die da⸗ mit verbundenen Zeugniſſe der Schrift, ſollen auch nicht die Wahrheit dieſer Lehren beſtätigende hiſtoriſche Be⸗ weisgründe fein (denn deren bedarf die ſittlich-thätige Ver⸗ nunft hiebei nicht: und das empiriſche Erkenntniß vermag es auch nicht), ſondern blos Beiſpiele der Anwendung der praktiſchen Vernunftprineipien auf AH der heiligen Ge⸗ ſchichte, um ihre Wahrheit aufchaulicher zu machen; welches aber auch ein ſehr ſchätzbarer Vortheil für Volk und Staat auf der ganzen Erde iſt.
Auhang.
Von einer reinen Myſtik in der Religion.“) Ich habe aus der Kritik der reinen Vernunft geleruet, daß Philoſophie nicht etwa eine Wiſſenſchaft der Vorſtel⸗ ) In einem feiner Diſſertation: De similitudine inter mysticis- mum purum et Kantianam religionis doctrinam. Auctore Carol. Ar- nold. Willmans, Bielefelda-Guestphalo, Halis Saxonum 1797, bei⸗ gefügten Briefe, welchen ich, mit feiner Erlaubniß, und mit Weglaſ⸗ fung der Einleitungs⸗ und Schlußhöflichkeitsſtellen, hiemit liefre, und welcher dieſen, jetzt der Arzneiwiſſenſchaft ſich widmenden jungen Mann, als einen ſolchen bezeichnet, von dem ſich auch in andern Fächern der Wiſſenſchaft viel erwarten läßt. Wobei ich gleichwohl jene Aehnlichkeit meiner Vorſtellungsart mit der ſeinigen unbedingt einzugeſtehen nicht gemeint bin.
Facultät mit ber theologiſchen. 91 lungen, Begriffe und Ideen, oder eine Wiſſenſchaft aller Wiſſenſchaften, oder ſonſt etwas Aehnliches ſei; ſondern eine Wiſſenſchaft des Meuſchen, ſeines Vorſtellens, Denkens und Handelns; — ſie ſoll den Menſcheu nach allen ſeinen Be⸗ ſtandtheilen darſtellen, wie er iſt und ſein ſoll, d. h., ſowohl nach ſeinen Naturbeſtimmungen, als auch nach ſeinem Mo⸗ ralitäts- und Freiheitsverhältniß. Hier wies nun die alte Philoſophie dem Menſchen einen ganz unrichtigen Stand⸗ punkt in der Welt an, indem ſie ihn in dieſer zu einer Maſchine machte, die, als ſolche, gänzlich von der Welt, oder von den Außendingen und Umſtänden, abhängig ſein mußte; ſie machte alſo den Menſchen zu einem beinahe blos paſſiven Theile der Welt. — Jetzt erſchien die Kritik der Vernunft, und beſtimmte dem Menſchen in der Welt eine durchaus active Exiſtenz. Der Menſch ſelber iſt urſprüng⸗ lich Schöpfer aller ſeiner Vorſtellungen und Begriffe, und ſoll einziger Urheber aller ſeiner Handlungen ſein. Jenes „i ſt“, und dieſes „ſoll“, führt auf zwei ganz aue Beſtimmungen am Menſchen. Wir bemerken daher auch im Menſchen zweierlei ganz verſchiedenartige Theile, näm⸗ lich auf der einen Seite Sinnlichkeit und Verſtand, und auf der andern Vernunft und freien Willen, die ſich ſehr weſent⸗ lich von einander unterſcheiden. In der Natur iſt alles; es iſt von keinem Soll in ihr die Rede; Sinnlichkeit und Verſtand gehen aber nur immer darauf aus, zu beſtimmen, was, und wie es iſt; ſie müſſen alſo für die Natur, für dieſe Erdenwelt, beſtimmt ſein, und mithin zu ihr gehören. Die Vernunft will beſtändig ins Ueberſinuliche, wie es wohl über die ſinnliche Natur hinaus beſchaffen fein möchte: ſie ſcheint alſo, obzwar ein theoretiſches Vermögen, dennoch gar nicht für dieſe Sinnlichkeit beſtimmt zu ſein; der freie Wille aber beſteht ja in einer Unabhängigkeit von den Außendingen; dieſe ſollen nicht Triebfedern des Handelns für den Menſchen ſein; er kann alſo noch weniger zur Natur gehören. Aber wohin denn? Der Menſch muß für zwei ganz verſchiedene Welten beſtimmt fein, einmal für das Reich der Sinne und des Verſtandes, alſo für dieſe Erdenwelt: dann aber auch noch für eine andere Welt, die wir nicht kennen, für ein Reich der Sitten. (A 118-17). (R 328-20). (Ha 272-73; b 387). (K 106-107).
92 1. Abſch. Der Streit der philoſophiſchen Was deu Verſtand betrifft, fo iſt dieſer ſchon für ſich durch ſeine Form auf die Erdenwelt ene denn er beſteht blos aus Kategorien, d. h., Aeußerungsarten, die blos auf ſinnliche Dinge ſich beziehen können. Seine Grenzen ſind ihm alſo ſcharf geſteckt. Wo die Kategorien aufhören, da hört auch der Verſtand auf; weil ſie ihn erſt bilden und zuſammenſetzen. (Ein Beweis für die blos irdiſche, oder Naturbeſtimmung des Verſtandes ſcheint mir auch dieſes zu ſein, daß wir in Rückſicht der Verſtandeskräfte eine Stufenleiter in der Natur finden, vom klügſten Menſchen bis zum dümmſten Thiere lindem wir doch den Juſtinkt auch als eine Art von Verſtand auſehen können, in ſofern zum bloßen Verſtande der freie Wille nicht gehört.]) Aber nicht ſo in Rückſicht der Moralität, die da aufhört, wo die Menſchheit aufhört, und die in allen Menſchen urſprünglich daſſelbe Ding iſt. Der Verſtand muß alſo blos zur Natur gehören, und, wenn der Menſch blos Verſtand hätte, ohne Vernunft und freien Willen, oder ohne Moralität, ſo würde er ſich in nichts von den Thieren unterſcheiden, und viel⸗ leicht blos an der Spitze ihrer Stufenleiter ſtehen, da er hingegen jetzt, im Beſitz der Moralität, als freies Weſen, durchaus und weſentlich von den Thieren verſchieden iſt, auch von den klügſten, (deſſen Inſtinkt oft deutlicher und beſtimmter wirkt, als der Verſtand der Menſchen.) — Dieſer Verſtand aber iſt ein gänzlich actives Vermögen des Men⸗ ſchen; alle ſeine Vorſtellungen und Begriffe ſind blos ſeine Geſchöpfe, der Meuſch denkt mit ſeinem Verſtande urſprüng⸗ lich, und er ſchafft ſich alſo feine Welt. Die Außendinge ſind nur Gelegenheitsurſachen der Wirkung des Verſtandes, ſie reizen ihn zur Action, und das Product dieſer Action ſind Vorſtellungen und Begriffe. Die Dinge alſo, worauf ſich dieſe Vorſtellungen und Begriffe beziehen, können nicht das ſein, was un Verſtand vorſtellt; denn der Verſtand kann nur Vorſtellungen und ſeine Gegenſtände, nicht aber wirkliche Dinge ſchaffen, d. h., die Dinge können unmög⸗ lich durch dieſe Vorſtellungen und Begriffe vom Verſtande als ſolche, wie ſie an ſich ſein mögen, erkannt werden; die Dinge, die unſere Sinne und Rat Verſtand darſtellen, ſind vielmehr an ſich nur Erſcheinungen, d. i., Gegenſtände Facultät mit ber theologiſchen. 93 unſerer Sinne und 15 155 Verſtandes, die das Product aus dem Zuſammentreffen der Gelegenheitsurſachen und der Wirkung des Verſtandes ſind, die aber deswegen doch nicht Schein ſind, ſondern die wir im praktiſchen Leben für uns als wirkliche Dinge und Gegenſtände unſerer Vor⸗ ſtellungen anſehen können; eben weil wir die wirklichen Dinge als jene b ble Mature ſupponiren müſſen. Ein Beiſpiel giebt die Naturwiſſenſchaft. Außendinge wir⸗ ken auf einen actionsfähigen Körper und reizen dieſen da⸗ durch zur Action; das Product hievon ift Leben. — Was iſt aber Leben? Phyſiſches Anerkennen ſeiner Exiſtenz in der Welt, und ſeines Verhältniſſes zu den Außendingen; der Körper lebt dadurch, daß er auf die Außendinge rea⸗ girt, ſie als ſeine Welt anſieht, und ſie zu ſeinem Zweck gebraucht, ohne ſich weiter um ihr Weſen zu bekümmern. Ohne Außendinge wäre dieſer Körper kein lebender Körper, und ohne Aectionsfähigkeit des Körpers wären die Außen⸗ dinge nicht ſeine Welt. Eben ſo mit dem Verſtande. Erſt durch ſein Zuſammentreffen mit den Außendingen entſteht dieſe ſeine Welt; ohne Außendinge wäre er todt, — ohne Verſtand aber wären keine Vorſtellungen, ohne Vorſtel⸗ lungen keine Gegenſtände, und ohne dieſe nicht dieſe ſeine Welt; fo wie mit einem anderen Verſtande auch eine au⸗ dere Welt da ſein würde, welches durch das Beiſpiel von Wahnſinnigen klar wird. Alſo der Verſtand iſt Schöpfer ſeiner Gegenſtände und der Welt, die aus ihnen beſteht; aber ſo daß wirkliche Dinge die Gelegenheitsurſachen ſeiner Action und alſo der Vorſtellungen ſind.
Dadurch unterſcheiden ſich nun dieſe Naturkräfte des Men⸗ ſchen weſentlich von der Vernunft und dem freien Willen. Beide machen zwar auch active Vermögen aus, aber die Gelegenheitsurſachen ihrer Action ſollen nicht aus dieſer Sinnenwelt genommen hier Die Vernunft, als theoretiſches Vermögen, kann alſo hier gar keine Gegenſtände haben, ihre Wirkungen können nur Ideen ſein, d. h., Vorſtellungen der Vernunft, denen keine Gegenſtände entſprechen, weil nicht wirkliche Dinge, ſondern etwa nur Spiele des Verſtandes die Gelegenheitsurſachen ihrer Aetion ſind. Alſo kann die Vernunft, als theoretiſches ſpeculatives Vermögen, hier in 94 1. Abſch. Der Streit der philoſophiſchen dieſer Sinnenwelt gar nicht gebraucht werden, (und muß folglich, weil ſie doch einmal als ſolches da iſt, für eine andere Welt beſtimmt ſein), ſondern nur als praktiſches Vermögen, zum Behuf des freien Willens. Dieſer nun iſt blos und allein praktiſch; das Weſentliche deſſelben beſteht darin, daß ſeine Action nicht Reaction, ſondern eine reine objective Handlung ſein ſoll, oder daß die Triebfedern ſeiner Action nicht mit den Gegenſtänden derſelben zuſammen⸗ fallen ſollen; daß er alſo unabhängig von den Vorſtellungen des Verſtandes, weil dieſes eine verkehrte und verderbte Wirkungsart derſelben veranlaſſen würde, als auch unab⸗ hängig von den Ideen der ſpeculativen Vernunft handeln ſoll, weil dieſe, da ihnen nichts Wirkliches entſpricht, leicht eine falſche und grundloſe Willensbeſtimmung verurſachen könnten. Alſo muß die Triebfeder der Action des freien Willens etwas ſein, was im innern Weſen des Menſchen ſelbſt gegründet und von der Freiheit des Willeus ſelbſt unzertrennlich iſt. Dieſes iſt nun das moraliſche Geſetz, welches uns durchaus jo aus der Natur herausreißt, und über fie erhebt, daß wir, als moraliſche Weſen, die Natur⸗ Wie weder zu Urſachen und Triebfedern der Action des Willens bedürfen, noch ſie als Gegenſtände unſeres Wol⸗ lens anſehen können, in deren Stelle vielmehr nur die mo⸗ raliſche Perſon der Menſchheit tritt. Jenes Geſetz ſichert uns alſo eine blos dem Menſchen eigenthümliche und ihn von allen übrigen Naturtheilen unterſcheidende Eigenſchaft, die Moralität, vermöge welcher wir unabhängige und freie Weſen ſind, und die ſelbſt wieder durch dieſe Freiheit be⸗ gründet iſt. — Dieſe Moralität, und nicht der Verſtand, iſt es alſo, was den Menſchen erſt zum Menſchen macht. So ſehr auch der Verſtand ein völlig getives und in ſofern ſelbſtſtändiges Vermögen iſt, ſo bedarf er doch zu ſeiner Action der Außendinge, und iſt auch zugleich auf ſie einge⸗ ſchränkt; dahingegen der freie Wille völlig unabhängig iſt, und einzig durch das innere Geſetz beſtimmet werden ſoll: d. h., der Menſch blos durch ſich ſelbſt, ſofern er ſich nur ſeiner urſprünglichen Würde und Unabhängigkeit von allem, was nicht das Geſetz iſt, erhoben hat. Wenn alſo dieſer unſer Verſtand ohne dieſe ſeine Außendinge nichts, wenig⸗ (A 121-22). (R 332-32). (Ia 275-76; b 389-90). (K 109-10).
Facultät mit der theologijcert. 95