SigPhi · Immanuel Kant

Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft

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S. 27, Z. 6 v. o.: welches das ist, was verlangt wurde (bei H.:...das ist, was ist, was verlangt wurde); S. 28, Z. 6 v. o.: und zwar in einem und demselben Raum (bei H.:.. in demselben Räume); S. 38, Anmerkung, Z. 5 v. u.: nach allen Seiten h i n ausgeübt (bei H.: nach allen Seiten ausgeübt); S. 85, Z. 14 v. o.: zusammt dem relativen Räume, worin...(bei H. zusammt dem relativen, worin...); Q Vorbemerkung.

Ueberdies wurde bei der Wahl der stark wechselnden Typen die Ausgabe 1786 zum Vorbild genommen.

b) Abweichungen von Hartenstein, zugleich Abweichungen S. 17, Anmerkung 1, Z. 4 v. o.: konnte (bei Kant und Hartenstein: könnte); S. 100, Z. 7 v. u.: von Westen nach Osten ***) (bei K. u. H,: von Osten nach Westen). Ueberdies wurden durchgehends die Declinations- und Conjugationsformen den gegenwärtig allein noch üblichen angenähert [z. B. alle formalen (statt formale), zwischen zwei(eu) u. dgl.]. — Ferner wurde überall dieReihenfolge von Komma und Parenthese umgekehrt, z. B.: statt bei Kant S. 1:.. muss, (der mithin.. ist) beisst...jetzt S. 15:.. muss (der mithin.. ist), heisst.,.

*) Es folgt kein Grundsatz 2, bezw. Lehrsatz 2 innerhalb des Hauptstückes.

**) Bei K. und H. sind nur „negativ" und „Einschränkung" fett gedruckt; der Zweck des „Allgemeinen Zusatzes der Dynamik" ist aber, auch das „Reelle" in den gleichen Rang mit jenen beiden hervorgehobenen Terminis zu stellen — weil sie ja de» Kategorieen „Realität, Negation, Limitation" entsprechen sollen.

***) STADLER (Kants Theorie der Materie, S. 266, Anm. 95) glaubt umgekehrt: „Hier bat der Text auf p. 457 [bei Hartenstein] letzte Zeile den offenbaren Druck- fehler von West nach Ost. Die folgende Seite bringt das Richtige...SCHWAB nimmt den Druckfehler für Ernst.. u. s. f." — STADLER's Vorschlag aber wider- spräche den bekannten Thatsachen des von NEWTON vorausgesagten, von KANT acceptirten und erst 1802 von BENZENBERG wirklich ausgeführten Versuches. — Nachträglich bemerke ich erst, dass auch KEFERSTEIN (s. u.) den „Druckfehler" nicht wie STADLER, sondern wie es oben im Neudrucke geschehen ist, berichtigt wissen will.

Vorbemerkung. 7 Einige noch unwesentlichere Abweichungen theils der vorliegenden Aus- gabe von H. u. K., theils der H. von K. dürfen füglich unerwähnt bleiben, zumal den strengsten philologischen Ansprüchen ohnedies bald durch die in Vorbereitung stehende grosse Berliner Kant- Ausgabe Genüge geschehen wird.

Man kann an das Studium der Schrift Kant's von zwei Seiten heran- treten: von der physikalischen und von der philosophischen. Vom Standpunkte der Philosophie wie von dem der Geschichte der Philo- sophie und der Philosophen werden die Metaphysischen Anfangsgründe wie jedes Werk Kant's immer mit Interesse angesehen werden und bleiben. Da aber der Stoff, auf welchen hier Kant die Methode seiner Transcendental- philosophie anwendet, ein specifisch physikalischer, genauer: der der theoretischen Mechanik, ist und also gerade diejenigen Probleme betrifft, welche auch jetzt wieder mehr als seit langer Zeit einen Gegenstand des NachdenkeDs der hervorragendsten Naturforscher bilden, so ist es wahr- scheinlich und wünschenswert, dass man in den Discussionen über die Begriffe der Kraft, der Materie, der Masse, der Trägheit, des absoluten Raumes und der absoluten Bewegung u. dgl. m. immer wieder auch von naturwissenschaftlicher Seite zu der Schrift Kant's greife. Insbesondere Studirende und künftige Lehrer der Physik, welche während der Zeit ihres Eindringens in die Methoden und sachlichen Ergebnisse der gegen- wärtigen Forschung auch auf ihre formale Schulung im Nachdenken über die erkenntnisstheoretischen Principien dieser Wissenschaft Wert legen, werden sich die nicht selten harte Arbeit, welche das Studium der Schrift Kant's kostet, nicht ersparen wollen.

Ich hatte ursprünglich beabsichtigt, dem Neudruck der „Metaphy- sischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft4', sei es als Anhang, sei es in einem besonderen Hefte, fortlaufende „Erläuterungen und Zusätze" folgen zu lassen. Ihr Zweck wäre nicht der eines Commentares zu dieser Schrift gewesen, wie deren schon mehrere vorliegen, so der alte von Bendavid und der sehr ausführliche und sorgfältige von Stadler*), welcher unter dem Titel „Kaufs TJieorie der Materie" (Leipzig, Hirzel, 1883) *) Nach STADLER'8 Schrift erschien das Programm von D. HANS KEF ERSTEIN: „Die philosophischen Grundlagen der Physik nach KANT's,Metaphysischen An- fangsgründen der Naturwissenschaft' und dem Manuscript,Uel>ergang von den Metaphysischen Anfangsgründen dor Naturwissenschaft zur Physik'." Hamburg 1892. — Jn STADLER's und KEFERSTEIN's Monographien findet man auch die weitere Litteratur über KANT's vorliegende Schrift.

8 Vorbemerkung.

„versucht, die Grundgedanken von Kant's M. A. d. N. so zu ordnen, dass die Schwierigkeiten sich auflösen, soweit sie überhaupt auflösbar sind*'. Einer eigentlich conimentatorischen Beschäftigung mit dieser Schrift Kant's dürfte nach Stadler's Arbeit höchstens eine Nachlese erübrigen. Dasjenige besondere Interesse dagegen, welches auch ich (ohne auch nur annähernd so überzeugt zu sein vvie Stadler, dass Kant in allen wesentlichen Dingen am Ende doch Recht behalten müsse) Kant's physikalisch-philosophischem Hauptwerke immer noch zugewendet sehen möchte, wäre nicht das des Historikers oder Philologen, sondern ganz einfach das des Physikers, der sich bei der gegenwärtigen Neugestaltung der Principien der Mechanik gelegentlich auch einmal der Anregung durch einen Philosophen vom Fach nicht überheben will. Mit Verwunderung wird ein solcher Leser inne werden, dass die von Kant berührten Probleme während des zu Ende gehenden Jahrhunderts reichster Entfaltung der physikalischen Mechanik nach der Höhe und Weite dennoch in ihren principiellen Fundierungen an Festigkeit und namentlich an Unbestrittenheit eher verloren als gewonnen haben. Eine fortlaufende Vergleichung der KANT'schen Schrift z. B. mit Maxwell's Matter and motion weist einen Parallelismus der Auswahl und zum Theil sogar der Anordnung der in beiden Schriften behandelten Grundbegriffe und Grundsätze der Mechanik auf, welcher — da er gewiss nicht auf einer Beeinflussung des englischen Physikers durch den deutschen Philosophen beruht — immerhin Zeugniss ablegt für die auch von diesem Philosophen nicht willkürlich getroffene Auswahl der am stärksten proble- matischen Grundlagen der wissenschaftlichen Mechanik. Selbst wo sich die Ergebnisse beider Schriften von ähnlichen Mängeln behaftet zeigen, wie in ihrer beinahe gemeinschaftlichen und schwerlich widerspruchslos zu nennenden Stellungnahme zum Problem der absoluten Bewegung, liegt hierin ein Zeugniss für natürliche Schwierigkeiten des Gegenstandes und — was natürlich fruchtbarer ist, als jene Widersprüche bloss aufzustöbern — eine Aufforderung, neuerlich ihre Auflösung zu versuchen.

Die von mir anfänglich beabsichtigten „Erläuterungen und Zusätze" hätten also sich wesentlich die Aufgabe gestellt, überall in der KANT'schen Schrift die Ansatzpunkte aufzuzeigen, an welchen sich ein von rein sach- lichem Interesse an dem gegenwärtigen Stande jener physikalisch-erkenntniss- theoretischen Probleme und von Hoffnung auf ihre künftige befriedigendere Lösung erfüllter Forscher oder Studierender durch die ausschliesslich diesen Problemen gewidmete Special schrift Kant's aufgefordert fühlen sollte, den damaligen Problemstellungen in ihre gegenwärtig nur noch reicher und feiner gewordenen Verzweigungen nachzugehen. — Auf diese Weise aber haben sich durch Berücksichtigung der neueren und neuesten Vorbemerkung. 9 Litteratur jene Erläuterungen und Zusätze zu einem Umfange ausge- wachsen, der allein schon ihre Veröffentlichung als Anhang oder als An- hängsel zu Kant's Schrift unziemlich hätte erscheinen lassen. Die Zahl jener Ansatzstellen innerhalb der KANT'schen Schrift belief sich nämlich alsbald, wenn wirklich jedes Wort und Wörtchen, auf das es bei einer einwurfs freien Problemstellung und Problemlösung ankommen kann, Beachtung finden sollte, auf einige Hundert.

Statt einer solchen durchgängigen Anleitung zur intensiven Ausnützung der vom Philosophen gegebenen Anregungen, wie sie wohl besser der mündlichen Unterweisung vorbehalten bleibt, gebe ich im folgenden nur Beispiele und Stichproben dafür, wie ich mir denke, dass „der selige Kant" (so nannte ihn jüngst ein ungläubiger physikalischer Freund) ans auch heute noch auf ungedeckte Bedürfnisse nach unanfechtbaren Grundlagen unseres Denkens über Mechanik aufmerksam machen kann. Mag die folgende Auswahl solcher Fragen und gelegentlicher Andeutungen zu ihrer Beantwortung, so wenig sie das letzte Wort in Sachen des jeweilig strittigen Problemes zu sein sich anmasst, doch neben den augenblicklich beliebtesten Lösungsversuchen in Erwägung gezogen werden und zu „unzeitgemässen Betrachtungen" über Kraft, Masse, Trägheit, absolute Bewegung u. dgl. auffordern. Als „Studien zur gegenwärtigen Philo- sophie der Mechanik" bieten sie auch aus der einschlägigen reichen Litteratur nur eine knappe Auswahl.

Inwieweit diese „Studien" nicht nur Andere anregen möchten, sondern zugleich einem innerlich geschlossenen Systeme von Ueberzeugungen ihres Verfassers angehören, werden sie günstigstenfalls dem geneigten Leser insoweit verrathen, als eine aphoristische Darstellung dies überhaupt für sich beanspruchen kann. Sollten jene Überzeugungen eine erschöpfendere systematische Darstellung verdienen, so wünschte ich sie in derjenigen Stoffabgrenzung zu geben, von welcher S. 31 Anm. die Rede ist. Jeden- falls mu8ste für die Reihenfolge der vorläufig zu bietenden Aphorismen an dieser Stelle ausschliesslich die Reihenfolge ihrer Gegenstände in Kant's Schrift massgebend sein.

Wien, 31. December 1899.

Alois Höfler.

Zur Vorrede.

Der leitende Gedanke der Vorrede ist die Charakterisirung der Bolle, welche dem apriorischen Erkennen innerhalb des ge- sammten Naturerkennens zukommt. Die Sätze „Alle eigentliche Naturwissenschaft bedarf einen reinen Theil, auf dem sich die apodiktische Gewissheit, die die Yernunft in ihr sucht, gründen könne" (S. 5) und: „Eigentlich so zu nennende Naturwissenschaft setzt Metaphysik der Natur voraus" *) (S. 5) dürften freilich gegenwärtig Vielen anstössig klingen, weil ihnen schon die blossen Wörter „Metaphysik8 und „a priori* anstössig sind.

Die erkenntnisstheoretische Vorfrage, an deren Beantwortung sich die historische Frage nach dem sachlichen Werth oder Unwerth speciell von Kant's Glauben an apriorische Erkenntnisse überhaupt und an apriorische Erkenntnisse innerhalb der Naturwissenschaft insbesondere messen muss, lautet: Giebt es überhaupt apriorische Er- kenntnisse?

*) Dieser Satz war sozusagen wörtlich genommen in der grossen Allgemeinen Encyklopädie der Physik von Karsten, in der u. a. HELMHOLTZ's Physiologische Optik erschienen ist, und deren erster Band eine Naturphilosophie von HARMS aller späteren „eigentlich so zu nennenden Naturwissenschaft" buchstäblich, voraus- setzte.- — Ich kann hier nur versichern, dass ich zu Denjenigen gehöre, welche an das hier äusserlich bekundete Verhältniss von Naturphilosophie und Natur- wissenschaft nicht glauben. — Dass aber gerade dieses Verhältniss von Apriori und Empirie, wie es die nachkantische „Naturphilosophie" unseligen Andenkens zum heute noch nicht verwundenen Aergernis aller wirklichen Naturforschung ein- zurichten versucht hat, auch KANT selbst nicht gewollt (wenn auch vielleicht, wie die ganze SCHELLING-HEGEL'sche Wendung der deutschen Philosophie, mit- verschuldet) hat — das sagt er uns in dem lapidaren Satze an der Spitze der „Kritik der reinen Vernunft": „Wenn.. gleich alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anhebt, so entspringt sie darum doch nicht eben alle aus der Erfahrung." An diesem Satze gemessen werden die oben aus der Vorrede zu den M. A. d. N. angeführten Sätze jeden unbeabsichtigten, vermeintlich erfahrungs- feindlichen Nebensinn abstreifen Nachwort zu Kant, Metaph. Anf. der Nat., Vorrede. H Eine Vorfrage dieser Vorfrage muss natürlich die sein: Was heisst a priori? Die Antwort kann in zweierlei Sinn verlangt sein. Es läge nahe, als Antwort die Kant sehe Definition — viel- mehr die KANT'schen Definitionen, denn leider hat er deren mehr als eine gegeben — hier wiederzugeben. Doch besteht hiernach gewiss kein Bedürfniss mehr, seit in Vaihingens Commentar, Bd. I, S. 165 — 197 unter dem Titel „Die Erkenntniss a priori" eine überaus reichhaltige Uebersicht solcher Art gegeben worden ist; wozu noch S. 197—229 „Tatsächlicher Besitz apriorischer Erkenntniss" weiteres Material bieten. Vgl. auch Bd. II, S. 89—101.)

Es muss aber noch eine zweite Art, auf die Frage: „Was heisst a priori?" zu antworten, zulässig sein: nämlich unseren „tatsäch- lichen Besitz" an Erkenntnissen neuerdings mit eigenen Augen, nicht von vornherein mit den Augen Kants, daraufhin anzusehen, wie der Begriff des Apriori bestimmt werden kann und muss, damit er einer in unserer Erkenntnispraxis thatsächlich und unleugbar sich auf- drängenden Eigenthümlichkeit ganz bestimmter Erkenntnissgebilde im Gegensatz zu anderen, „den Erfahrungen" (aposteriorischen Erkennt- nissen nach Kant) einen adäquaten theoretischen Ausdruck gebe. Was nach solcher Methode, die nicht schon in den Ausgangspunkten, wohl aber in dem Wesentlichen der Ergebnisse mit Kant zusammen- trifft, über jenen Gegensatz zu sagen ist, habe ich möglichst knapp in meiner Logik*) § 55 auseinandergesetzt. Es genüge hier an das Beispiel und Gegenbeispiel zu erinnern: Ein Kind hat durch Pro- bieren gefunden, dass sich um eine Münze nicht mehr und nicht weniger als sechs gleiche bei gegenseitiger Berührung je dreier herum- legen lassen; und: der Geometer beweist das a priori aus der per definitionern vorausgesetzten Gleichheit der Radien seiner Kreise.

Zur Rechtfertigung, warum ich gerade die dort gegebene Defini- tion des Apriori gegenüber unzähligen anderen bevorzugt habe, kann ich nur anführen, dass die jener Definition zu Grunde liegenden Be- stimmungen in ihren Uebereinstimmungen mit, sowie ihren Abweichungen von den einschlägigen KANT'schen sich mir durch nun schon geraume Zeit ausnahmslos bewährt haben. Es sind die Bestimmungen, welche Meinong, Hume-Studien IL Zur Relationstheorie (Sitzungs- berichte der phil. hist. Classe der kais. Akademie der Wissenschaften in Wien CI. Bd., 1882, S. 732 ff., S. 162 ff. der Sonderausgabe) als *) Logik. Unter Mitwirkung von MEINONG verfaest von HÖFLER. Leipzig und Prag, 1890. Grössere Ausgabe (247 SS.).

12 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.

eines der erkenntnistheoretischen Erträgnisse seiner Relationstheorie so formuliert: „ Erscheint eine Relation in uns erkennbarer Weise durch uns bekannte Fundamente bestimmt, so ist klar, dass zur Erkenntnis vom Bestehen der Relation zwischen den betreffenden Inhalten nichts ge- geben zu sein braucht, ausser diesen Fundamenten selbst, und dass die Erfahrung zu solcher Erkenntnis nichts Wesentliches beitragen kann. Denn mögen die Fundamente nebeneinander auftreten oder nicht, mögen sie oft oder selten oder gar nie in der Erfahrung vor- kommen, so kann dies zwar eine Betrachtung der Fundamente mit Rücksicht auf jene Relation erleichtern oder erschweren, aber die Erkenntnis der letzteren wird niemals aus dem empirischen Auf- treten, sondern nur aus der Natur der Inhalte geschöpft sein, welche, wenn nur klar und bestimmt vorgestellt, schon zum ersten Male genau so viel geben, als wenn sie zum zehnten oder hundertsten Male im Bewusstsein angetroffen werden. Leisten dagegen die Vorstellungs- objecte als solche für die Behauptung einer Relation nichts oder nicht Alles, so kann das blosse Vorstellen von zwei Inhalten niemals eine solche Behauptung veranlassen; tritt sie gleichwohl ein, so muss sie ihren Grund in der Erfahrung haben, — so wird Regelmässigkeit der Aufeinanderfolge gewisser Empfindungen dazu führen können, zwischen den durch sie repräsentirten Dingen Causalität zu statuiren u. dgl...Mit einem Worte: der von Hume betonte erkenntnistheoretische Unter- schied besteht auch, wenn die Zweitheiluug in der oben [S. 158] ge- kennzeichneten Weise modificirt ist, ja er erhält nun erst seine eigent- liche Begründung. Relationen der erstbetrachteten Gruppe erkennt man, unabhängig von der Erfahrung, aus blossen Vorstellungen, — a priori; Relationen der zweiten Gruppe dagegen nur auf Grund empirischer Daten, aposterior i. Man hat sich gewöhnt, den Gegen- satz zu empirisch mit dem Worte rein zu bezeichnen; es wäre daher nicht unpassend, den so tief gehenden Unterschied zwischen den zwei Gruppen durch die Ausdrücke reine und empirische Relationen kenntlich zu machen. Nach den obigen Ausführungen mag es ziem- lich überflüssig erscheinen, wenn ich noch ausdrücklich hervorhebe, dass sich der Terminus „rein" hier auf die Relationen und nicht auf die Fundamente bezieht, aber es ist ein von empiristischer Seite er- staunlich oft begangenes Missverständnis, zu meinen, dass, wer apriorische, von Erfahrung unabhängige Urtheile anerkenne, damit ebenso geartete Vorstellungen voraussetze. Kant mag, indem er das Anwendungsgebiet des Terminus a priori auch auf Vorstellungen aus- Nachwort zu Kant, Metaph. Anf der Nat., Vorrede. 13 dehnte, diesen Irrthum vorbereitet haben; dass er ihn selbst nicht geteilt hat, beweist der einfache Umstand, dass er die analytischen Urtheile apriorisch nennt, obwohl er nicht verkennt, dass ihr Inhalt in der Regel empirisch sein wird. — Dass übrigens die hier vorge- schlagene Anwendung des Wortes „rein" gerade in der eben berührten Angelegenheit nicht mit der KANT'schen zusammentrifft, ist nach dem Gesagten selbstverständlich."

Ich denke, auch der überzeugteste Empirist müsste sich mit diesen Bestimmungen Meinongs befreunden können. Ein Beispiel zu dem, was Meinong apriorisches Urteil nennt, ist das Relationsurteil: „Blau ist von Grün verschieden." Niemand*) zweifelt daran, dass *) „Niemand" — ich muss das der Vollständigkeit wegen hinzufügen — ist heute in der That eigentlich schon wieder zu viel gesagt. Einer der Hörer des eingangs erwähnten Collegs, ein überzeugter Anhänger der Vererbungstheorie, hat rundweg geleugnet, dass es korrekte Gründe für die Meinung gebe, es seien nicht auch z. B. die Farbenvorstellungen vererbbar, und zwar so, dass das Kind nicht etwa nur die Fähigkeit, die Disposition, die specifische Energie für Grün- und Blausehen mit auf die Welt bringe, sondern geradezu die actuellen Vorstellungen von diesen oder anderen Farben oder irgendwelchen anderen Sinnesempfindungen. — Tempora mutantur: Was würde JOHN LOCKE zu diesem Wiedererstehen der „an- geborenen Ideen" gesagt haben? Wie fliessen hier die Grenzen eines über LOCKE zu DARWIN gesteigerten Empirismus, und eines LOCKE'8 Angriffsziel, die angeborenen Ideen DESCARTES' und seiner Schule noch weit tiberholenden Pla- tonismus in einander, — die Annahme einer ausserindividuellen „Erinnerung" nicht nur an apriorische Erkenntnisse (kraft welcher „Erinnerung" z. ß. dem Sklaven die Irrationalität der |/"2 nach Sokratischer Methode abgefragt wird), sondern an die allermaterialsten „Materien", an „gemeine Sinnesempfindungen"! — Vielleicht wollen nicht eben viele Vererbungstheoretiker die „Idee" (im Sinne LOCKE's) von Blau und Grün für auch nur möglicherweise „angeboren" halten. Um aber der kürz- lich geäusserten Meinung zu begegnen, als sei jenes Eintreten für „angeborene Ideen" nur ein momentaner, vereinzelter Einfall gewesen, berichte ich weiter, dass dieselbe Möglichkeit schon vor Jahren von einem unserer angesehensten Physiologen gegen mich — damals zu meiner grossen Ueberraschung — geäussert worden ist. Vollends jene Vererbung von „Instincten", gegen die sich noch MEYNERT in so häufig geradezu leidenschaftlicher Weise erklärt hat, rührt kaum minder bedenklich nahe an ein völliges Aufgeben der empirischen Grundlagen, welche durch LOCKE der Psychologie und Erkenntnistheorie für immer gewonnen schienen. Indem ich oben „Grün" und „Blau" als gewiss nicht apriorische Vor- stellungen anführte, glaubte ich trotz Vererbungstheorie jenes „gewiss" nicht abschwächen zu sollen. Bestünden unsere Vererbungstheoretiker auf jener Möglich- keit, so würden sie vielleicht doch selbst zugeben, dass uns wenigstens die Vorstellung von einem Känguruh, von einer Locomotive und einigem anderen nicht angeboren seien; dazu ist doch wenigstens unseren Ahnen und uns Australien zu fern und das Jahr 1829 der Erfindung der Locomotive noch zu nahe. — Alles in allem aber mögen An- hänger wie Gegner des Empirismus in der That schon aus dem im eigenen Lager 14 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.

die Vorstellungen von Blau und Grün nicht a priori, dass sie vielmehr ganz und in jedem Sinne nur aus der Erfahrung seien. Und doch kann ich über diese aposteriorischen Vorstellungen apriorische Urteile fällen und thue dies jeden Augenblick.

Es wurde gegen die erkenntnistheoretische Fruchtbarkeit der Annahme einer Classe von Urteilen als apriorischer, deren Repräsen- tant das Urteil: „Blau ist nicht grün" sein soll, eingewendet dass wir es hiermit nicht über Trivialitäten hinausbringen. Dem- gegenüber ist nur daran zu erinnern, dass auch alle mathematischen *) Urteile unter die MEmoNo'sche Analyse fallen. Wie Kant die Mathe- matik den „formidablen Bundesgenossen" seines Apriorismus genannt hat, so ist zum mindesten die ganze Mathematik auch ein Zeuge für die relationstheoretische Deutung des in einem freilich wesentlich anderen, bei weitem engeren als dem KANT'schen Sinn genommenem Apriori. — Zusammenfassend also glaube ich meine eigene Stellung zum des letzteren auftauchenden Zweifel an der in jedem Sinne empirischen Provenienz von Empfindungsinhalten die Lehre ziehen, dass es mit einem blossen Schlagworte „Empirie" überhaupt nicht gethan ist, und dass der empirische „Standpunkt" für sich allein viel genauere Distinktionen sicherlich nicht überflüssig macht. Viel- leicht ist in diesem Sinne die Erinnerung an folgende Worte MEINONG's (a. a. 0. S. 172 [442]) auch heute noch nicht gegenstandslos: „Wie käme man dazu, vom Empi- risten zu verlangen, dass er in Allem und Jedem Empirist sei, — oder vom Ratio- nalisten, dass er nie und nimmer nach der Erfahrung frage? Empiristen oder Rationalisten dieser Art hat es zum Glück weder diesseits noch jenseits des Canals je gegeben; dagegen gab und giebt es leider hüben und drüben Manche, welche für die eine oder andere Seite grosse Vorliebe haben, und die Folgen davon wären leicht zu errathen, wenn man sie nicht täglich vor Augen sähe. Es gibt Empi- risten, die vor dem Worte Apriori ein Kreuz schlagen oder aus Mitleid mit der intellectuellen Zurückgebliebenheit des Widerparts gar nicht dazu kommen, zu ver- stehen, was dieser eigentlich will; — und es gibt Aprioristen, welche jeden, der gegen das Apriori in irgend einer Gestalt eine Einwendung wagt, sofort im Verdachte haben, als wolle er ihnen ihre höchsten Güter rauben, und die es daher für ihre Pflicht halten, dem Gegner, ganz abgesehen von der natürlich selbstver- ständlichen Präsumption der Oberflächlichkeit, auch noch einige ethische Gering- schätzung entgegenzubringen. Zu welchem Ziele Controversen von solchen Stand- punkten aus fähren müssen, braucht nicht erst besonders betont zu werden."

*) — und zwar nicht mehr und nicht weniger, als z. B. auch die „formal logischen" Urteile. Dass „Ja" und „Nein" im Verhältnisse des Widerspruches stehen, weiss ich apriori, nachdem ich, was „Ja" und „Nein" (bejahendes und ver- neinendes Urteil über denselben Gegenstand) sei, aposteriori aus „Erfahrung", nämlich „innerer", kennen gelernt habe.

Nachwort zu Kant, Metaph. Anf. der Nat., Vorrede. 15 Begriff des Apriori und seiner erkenntnistheoretischen Geltung nach jeder Richtung unzweideutig festgestellt zu haben, wenn ich sage: A priori sind nur Urteile (nicht Vorstellungen), und zwar nur Relations-Urteile (nicht alle, sondern nur diejenigen), in welchen die Vorstellungen von den Gliedern der Relation die nothwendige und ausreichende logische Bedingung für die logische Evidenz des Relationsurteils darstellen.

Noch eines Einwandes gegen diese Abgrenzung sei aber hier gedacht, und zwar eines so tief gehenden, dass er das soeben ge- wonnene Ergebnis, namentlich seine negative Seite, nach welcher es keine Vorstellungen apriori giebt, zu vernichten droht. Der Einwand lautet: Wenn schon das Vergleich ungsurteil „ Grün ist nicht Blau", d.h. „Grün ist von Blau verschieden", apriori sein soll, musste nicht diesem und jedem anderen Verschiedenheits-, bezw. Gleich- heits- Urteile eine Vorstellung von Verschiedenheit bezw. Gleichheit selbst vorhergehen? Und müssen nicht diese Vergleichungs- Vorstellungen doch a priori sein, wenn die Ver- gleichungsurtheile a priori sein sollen? — Wieder genüge es, auf die Ansatzpunkte zur Beseitigung dieses Einwurfes hinzuweisen: Einer der ältesten dürfte wohl jene berühmte Stelle an der Spitze des zweiten Buches von Locke'S Versuch über den menschlichen Verstand sein, wo Locke mit aller Kraft hervorhebt, dass die „Operations" unseres Geistes zuerst dasein müssen, ehe wir durch „reflection" auf diese Operations die ideas of reflection, die Vorstellungen von psychischen Gegenständen erhalten können. Jeder, dem der Gedanke zu schaffen macht, ob nicht der Begriff der Gleichheit und mancher andere mit ihm Anspruch habe, ein „Begriff apriori" genannt zu werden, muss