Was war nun der Effekt des gan2;en Systems? Daß heute die englischen Parlamentarier mit Ausnahme der paar Mitglieder des Kabinetts (und einiger Eigenbrödler) normalerweise nichts anderes als gut dis2;ipliniertes Stimmvieh sind. Bei uns im Reichstag pflegte man zum mindesten durch Erledigung von Privatkorrespondenz auf dem Schreibtisch vor seinem Platz zu markieren, daß man für las Wohl des Landes tätig sei. Derartige Gesten werden in England tiicht verlangt; das Parlamentsmitglied hat nur zu stimmen und licht Parteiverrat zu begehen; es hat zu erscheinen, wenn die Ein- peitscher rufen, zu tun, was je nachdem das Kabinett oder was der leader der Opposition verfügt. Die Caucus-Maschine draußen m Lande vollends ist, wenn ein starker Führer da ist, fast gesinnungs- los und ganz in den Händen des leader. Über dem Parlament steht ilso damit der faktisch plebiszitäre Diktator, der die Massen ver- mittelst der „Maschine'* hinter sich bringt, und für den die Parla- nentarier nur politische Pfründner sind, die in seiner Gefolgschaft stehen.
Wie findet nun di^ Auslese dieser Führerschaft statt? Zunächst: lach welcher Fähigkeit? Dafür ist — nächst den überall in der iX^elt entscheidenden Qualitäten des Willens — natürlich die Macht der demagogischen Rede vor allem maßgebend. Ihre Art hat sich Geändert von den Zeiten her, wo sie sich, wie bei Cobden, an den /erstand wandte, zu Gladstone, der ein Techniker des scheinbar lüchternen „die-Tatsachen-sprechen-Iassens** war, bis zur Gegen- wart, wo vielfach rein emotional mit Mitteln, wie sie auch die Heils- irmee verwendet, gearbeitet wird, um die Massen in Bewegtmg zu letzen. Den bestehenden Zustand darf man wohl eine „Diktatur, beruhend auf der Ausnutzung der Emotionalität der Massen'', lennen. — Aber das sehr entwickelte System der Komiteearbeit im englischen Parlament ermöglicht es und zwingt auch jeden Politiker, der auf Teilnahme an der Führung reflektiert, dort mitzuarbeiten. Alle erheblichen Minister der letzten Jahr- zehnte haben diese sehr reale und wirksame Arbeitsschulung 42 hinter sich, und die Praxis der Berichterstattung und öffent- lichen Kritik an diesen Beratungen bedingt es, daß diese Schule eine wirkliche Auslese bedeutet und den bloßen Demagogen ausschaltet.
So in England. Das dortige Caucus-System war aber nur eine abgeschwächte Form, verglichen mit der amerikanischen Partei- organisation, die das plebis^itäre Prinzip besonders früh und be- sonders rein zur Ausprägung brachte. Das Amerika Washingtons sollte nach seiner Idee ein von „gentlemen*' verwaltetes Gemein- wesen sein. Ein gentleman war damals auch drüben ein Grundherr oder ein Mann, der Kollege-Erziehung hatte. So war es auch zunächst. Als sich Parteien bildeten, nahmen anfangs die Mitgheder des Repräsentantenhauses in Anspruch, Leiter zu sein wie in England zur Zeit der Honoratiorenherrschaft. Die Parteiorganisation war ganz locker. Das dauerte bis 1824. Schon vor den zwanziger Jahren war in manchen Gemeinden — die auch hier die erste Stätte der modernen Entwicklung waren — die Parteimaschine im Werden. Aber erst die Wahl von Andrew Jackson zum Präsidenten, des Kandidaten der Bauern des Westens, warf die alten Traditionen über den Haufen. Das formelle Ende der Leitung der Parteien durch führende Parlamentarier ist bald nach 1840 eingetreten, als die großen Parlamentarier — Calhoun, Webster — aus dem pohtischen Leben ausschieden, weil das Parlament gegenüber der Parteimaschine draußen im Lande fast jede Macht verloren hatte. Daß die plebiszitäre „Maschine^* in Amerika sich so früh entwickelte, hatte seinen Grund darin, daß dort, und nur dort, das Haupt der Exekutive und — darauf kam es an — der Chef der Amts- patronage ein plebiszitär gewählter Präsident und daß er, infolge der „Gewaltenteilung'', in seiner Amtsführung vom Parlament fast unabhängig war. Ein richtiges Beuteobjekt von Amts- pfründen winkte also als Lohn des Sieges gerade bei der Präsi- dentenwahl. Durch das von Andrew Jackson nun ganz systematisch zum Prinzip erhobene „spoil system'* wurde die Konsequenz daraus gezogen.
Was bedeutet dies spoil system -- die Zuwendung aller Bundes- ämter an die Gefolgschaft des siegreichen Kandidaten — für die Parteibildung heute? Daß ganz gesinnungslose Parteien einander 43 gegenüberstehen, reine Stell enjägerorganisationen, die für den einzelnen Wahlkampf ihre wechselnden Programme je nach der Chance des Stimmenfanges machen — in einem Maße wechselnd, wie dies trot^ aller Analogien doch anderwärts sich nicht findet. Die Parteien sind eben gan^ und gar 2;ugeschnitten auf den für die Amtspatronage wichtigsten Wahlkampf: den um die Präsident- schaft der Union und um die Governorstellen der Einzel- staaten. Programme und Kandidaten werden in den „National- konventionen** der Parteien ohne Intervention der Parlamentarier festgestellt: — von Parteitagen also, die formell sehr demo- kratisch von Delegiertenversammlungen beschickt werden, welche ihrerseits ihr Mandat den „primaries'*, den Urwähler- /ersammlungen der Partei, verdanken. Schon in den primaries werden die Delegierten auf den Namen der Staatsoberhaupts- kandidaten gewählt; innerhalb der eins^elnen Parteien tobt der erbittertste Kampf um die Frage der;,Nomination*\ In den Händen des Präsidenten liegen immerhin 300000 — 400000 Beamten- ernennungen, die von ihm, nur unter Zuziehung von Senatoren der Einzelstaaten, vollzogen werden. Die Senatoren sind also mächtige Politiker. Das Repräsentantenhaus dagegen ist politisch relativ sehr machtlos, weil ihm die Beamtenpatronage entzogen ist, und die Minister, reine Gehilfen des vom Volk gegen jedermann, auch das Parlament, legitimierten Präsidenten, unabhängig von seinem Vertrauen oder Mißtrauen ihres Amtes walten können: eine Folge der „Gewaltenteilung**.
Das dadurch gestützte spoii system war in Amerika technisch möglich, weil bei der Jugend der amerikanischen Kultur dne reine Dilettantenwirtschaft ertragen werden konnte. Denn 300000 bis 400000 solcher Parteileute, die nichts für ihre Qualifikation anzuführen hatten als die Tatsache, daß sie ihrer Partei gute Dienste 2;eleistet hatten, — dieser Zustand konnte selbstverständlich nicht Destehen ohne ungeheure Übelstände: Korruption und Vergeudung ohnegleichen, die nur ein Land mit noch unbegrenzten ökonomischen Chancen ertrug.
Diejenige Figur nun, die mit diesem System der plebiszitären Parteimaschine auf der Bildfläche erscheint, ist: der „Boß'*. Was ist der Boß? Ein politischer kapitalistischer Unternehmer, der 44 für seine Rechnung und Gefahr Wahlstimmen herbeischafft. Er kann als Rechtsanwalt oder Kneipwirt oder Inhaber ähnlicher Betriebe oder etwa als Kreditgeber seine ersten Beziehungen ge- wonnen haben. Von da aus spinnt er seine Fäden weiter, bis er eine bestimmte Anzahl von Stimmen zu ^^kontrollieren'' vermag. Hat er es so weit gebracht, so tritt er mit den Nachbar- Bosses in Verbindung, erregt durch Eifer, Geschicklichkeit und vor allen Dingen: Diskretion die Aufmerksamkeit derjenigen, die es in der Karriere schon weiter gebracht haben, und steigt nun auf. Der Boß ist unentbehrlich für die Organisation der Partei. Die liegt zentrali- siert in seiner Hand. Er beschafft sehr wesentlich die Mittel. Wie kommt er zu ihnen? Nun, teilweise durch Mitghederbeiträge; vor allem durch Besteuerung der Gehälter jener Beamten, die durch ihn und seine Partei ins Amt kamen. Dann durch Bestechungs- und Trinkgelder. Wer eines der zahlreichen Gesetze ungestraft verletzen will, bedarf der Konnivenz der Bosses und muß sie be- zahlen. Sonst erwachsen ihm unweigerlich Unannehmlichkeiten. Aber damit allein ist das erforderliche Betriebskapital noch nicht beschafft. Der Boß ist unentbehrlich als direkter Empfänger des Geldes der großen Finanzmagnaten. Die würden keinem bezahlten Parteibeamten oder irgend einem öffentlich rechnunglegenden Menschen überhaupt Geld für Wahlzwecke anvertrauen. Der Boß mit seiner klüglichen Diskretion in Geldsachen ist selbstverständlich der Mann derjenigen kapitalistischen Kreise, welche die Wahl finanzieren. Der typische Boß ist ein absolut nüchterner Mann. Er strebt nicht nach sozialer Ehre; der „professional** ist ver- achtet innerhalb der „guten Gesellschaft**. Er sucht ausschließhch Macht, Macht als Geldquelle, aber auch: um ihrer selbst willen. Er arbeitet im Dunkeln, das ist sein Gegensatz zum englischen leader. Man wird ihn selbst nicht öffentlich reden hören; er suggeriert den Rednern, was sie in zweckmäßiger Weise zu sagen haben, er selbst aber schweigt. Er nimmt in aller Regel kein Amt an, außer dem des Senators im Bundessenat. Denn da die Senatoren an der Amtspatronage kraft Verfassung beteiligt sind, sitzen die leitenden Bosses oft in Person in dieser Körperschaft. Die Vergebung der Ämter erfolgt in erster Linie nach der Leistung für die Partei. Aber auch der Zuschlag gegen Geldgebote kam vielfach vor, und 45 ;s existierten für einzelne Ämter bestimmte Taxen: ein Ämter- /erkaufssystem, wie es die Monarchien des 17. und 18. Jahrhunderts nit Einschluß des Kirchenstaates ja auch vielfach kannten.
Der Boß hat keine festen politischen,,Prinzipien'*, er ist voll- kommen gesinnungslos und fragt nur: Was fängt Stimmen? Er ist licht selten ein 2;iemlich schlecht erzogener Mann. Er pflegt aber n seinem Privatleben einwandfrei und korrekt zn leben. Nur in einer politischen Ethik paßt er sich naturgemäß der einmal ge- :ebenen Durchschnittsethik des politischen Handelns an, wie sehr lele von uns in der Zeit des Hamsterns auch auf dem Gebiete der ikonomischen Ethik getan haben dürften» Daß man ihn als,,pro- essionar*, als Berufspolitiker, gesellschaftlich verachtet, ficht ihn licht an. Daß er selbst nicht in die großen Ämter der Union gelangt md gelangen will, hat dabei den Vor2;ug: daß nicht selten partei- remde Intelligenzen: Notabilitäten also, und nicht immer wieder lie alten Parteihonoratioren wie bei uns, in die Kandidatur hinein- :ommen, wenn die Bosses sich davon Zugkraft bei den Wahlen ersprechen. Gerade die Struktur dieser gesinnungslosen Parteien nit ihren gesellschaftlich verachteten Machthabern hat daher üchtigen Männern zur Präsidentschaft verholfen, die bei uns nie- nals hochgekommen wären. Freilich, gegen einen Outsider, der firen Geld- und Machtquellen gefährlich werden könnte, sträuben ich die Bosses. Aber im Konkurrenzkampf um die Gunst der Vähler haben sie nicht selten sich zur Akzeptierung gerade von olchen Kandidaten herbeilassen müssen, die als Korruptions- jegner galten.
Hier ist also ein stark kapitalistischer, von oben bis unten straff lurchorganisierter Parteibetrieb vorhanden, gestützt auch durch lie überaus festen, ordensartig organisierten Klubs von der Art on Tammany Hall, die ausschließlich die Profiterzielung durch politische Beherrschung vor allem von Kommunalverwaltungen — uch hier des wichtigsten Ausbeutungsobjektes — erstreben. Möglich war diese Struktur des Parteilebens infolge der hoch- gradigen Demokratie der Vereinigten Staaten als eines „Neulandes''. Dieser Zusammenhang nun bedingt, daß dies System im langsamen absterben begriffen ist. Amerika kann nicht mehr nur durch Dilettanten regiert werden. Von amerikanischen Arbeitern bekam man noch vor 15 Jahren auf die Frage, warum sie sich so von Pohtikern regieren Heßen, die sie selbst ^u verachten erklärten, die Antwort:,,Wir haben lieber Leute als Beamte, auf die wir spucken, als wie bei euch eine Beamtenkaste, die auf uns spuckt/* Das war der alte Standpunkt amerikanischer „Demokratie**: die Sozialisten dachten schon damals völlig anders. Der Zustand wird nicht mehr ertragen. Die Dilettantenverwaltung reicht nicht mehr aus, und die Civil Service Reform schafft lebenslängliche pensions- fähige Stellen in stets wachsender Zahl, und bewirkt so, daß auf der Universität geschulte Beamte, genau so unbestechlich und tüchtig wie die unsrigen in die Ämter kommen. Rund 100 000 Ämter sind schon jetzt nicht mehr im Wahlturnus Beuteobjekt, sondern pensionsfähig und an Qualifikationsnachweis geknüpft. Das wird das spoil System langsam mehr zurücktreten lassen, und die Art der Parteileitung wird sich dann wohl ebenfalls umbilden, wir wissen nur noch nicht, wie.
In Deutschland waren die entscheidenden Bedingungen des politischen Betriebes bisher im wesentlichen folgende. Erstens: Machtlosigkeit der Parlamente. Die Folge war: daß kein Mensch, der Führerqualität hatte, dauernd hineinging. Gesetzt den Fall, man wollte hineingehen, — v/as konnte man dort tun? Wenn eine Kanzleistelle frei wurde, konnte man dem betreffenden Verwaltungs- chef sagen: ich habe in meinem Wahlkreis einen sehr tüchtigen Mann, der wäre geeignet, nehmen sie den doch. Und das geschah gern. Das war aber so ziemlich alles, was ein deutscher Parlamentarier für die Befriedigung seiner Machtinstinkte erreichen konnte, — wenn er solche hatte. Dazu trat — und dies zweite Moment bedingte das erste -—: die ungeheure Bedeutung des geschulten Fachbeamten- tums in Deutschland. Wir waren darin die ersten der Welt. Diese Bedeutung brachte es mit sich, daß dies Fachbeamtentum nicht nur die Fachbeamtenstellen, sondern auch die Ministerposten für sich beanspruchte. Im bayerischen Landtag ist es gewesen, wo im vorigen Jahre, als die Parlamentarisirung zur Diskussion stand, gesagt wurde: die begabten Leute werden dann nicht mehr Beamte werden, wenn man die Parlamentarier in die Ministerien setzt. Die Beamtenverwaltung entzog sich überdies systematisch einer solchen Art von Kontrolle, wie sie die englischen Komitee- Erörterungen 47 Dedeuten, und set2;te so die Parlamente außer stand — von wenigen \usnahmen abgesehen —, wirklich brauchbare Verwaltungschefs in hrer Mitte heranzubilden.
Das dritte war, daß wir in Deutschland, im Gegensatz zu Amerika, gesinnungspolitische Parteien hatten, die zum mindesten nit subjektiver bona fides behaupteten, daß ihre Mitglieder „Welt- inschauungen'' vertraten. Die beiden wichtigsten dieser Parteien: las Zentrum einerseits, die Sozialdemokratie anderseits, waren lun aber geborene Minoritätsparteien, und zwar nach ihrer eigenen Vbsicht. Die führenden Zentrumskreise im Reich haben nie ein iehl daraus gemacht, daß sie deshalb gegen den Parlamentarismus :eien, weil sie fürchteten, in die Minderheit zu kommen und ihnen lann die Unterbringung von Stellenjägern wie bisher, durch Druck ,uf die Regierung, erschwert würde. Die Sozialdemokratie war )rinzipielle Minderheitspartei und ein Hemmnis der Parlamentari- ierung, weil sie sich mit der gegebenen politisch-bürgerlichen )rdnung nicht beflecken wollte. Die Tatsache, daß beide Parteien ich ausschlössen vom parlamentarischen System, machte dieses mmöglich.
Was wurde dabei aus den deutschen Berufspolitikern? Sie latten keine Macht, keine Verantwortung, konnten nur eine ziem- ich subalterne Honoratiorenrolle spielen und waren infolgedessen leuerlich beseelt von den überall typischen Zukunftsinstinkten, is war unmöglich, im Kreise dieser Honoratioren, die ihr Leben lus ihrem kleinen Pöstchen machten, hoch zu steigen für einen hnen nicht gleichgearteten Mann. Ich könnte aus jeder Partei, elbstverständlich die Sozialdemokratie nicht ausgenommen, zahl- eiche Namen nennen, die Tragödien der politischen Laufbahn bedeuteten, weil der Betreffende Führerqualitäten hatte und um ben deswillen von den Honoratioren nicht geduldet wurde. Diesen Veg der Entwicklung zur Honoratiorenzunft sind alle unsere Par- eien gegangen. Bebel z» B. war noch ein Führer, dem Temperament ind der Lauterkeit des Charakters nach, so bescheiden sein Intellekt var. Die Tatsache, daß er Märtyrer war, daß er das Vertrauen der fassen niemals täuschte (in deren Augen), hatte zur Folge, daß r sie schlechthin hinter sich hatte und es keine Macht innerhalb [er Partei gab^ die ernsthaft gegen ihn hätte auftreten können.
48 48 Nach seinem Tode hatte das ein Ende, und die Beamtenherrschaft begann. Gewerkschaftsbeamte, Parteisekretäre, Journahsten kamen in die Höhe, Beamteninstinkte beherrschten die Partei, ein höchst ehrenhaftes Beamtentum — selten ehrenhafc darf man, mit Rück- sicht auf die Verhältnisse anderer Länder, besonders im Hinblick auf die oft bestechlichen Gewerkschaftsbeamten in Amerika, sagen —, aber die früher erörerterten Konsequenzen der Beamten- herrschaft traten auch in der Partei ein.
Die bürgerlichen Parteien wurden seit den achtziger Jahren vollends Honoratiorenzünfte» Gelegentlich zwar mußten die Parteien zu Reklamezwecken außerparteiliche Intelligenzen heranziehen, um sagen zu können: „diese und diese Namen haben wir/* Möglichst vermieden sie es, dieselben in die Wahl hineinkommen zu lassen, und nur wo es unvermeidlich war, der Betreffende es sich nicht anders gefallen ließ, geschah es.
Im Parlamente der gleiche Geist. Unsere Parlamentsparteien waren und sind Zünfte. Jede Rede, die gehalten wird im Plenum des Reichstages, ist vorher durchrezensiert in der Partei. Das merkt man ihrer unerhörten Langweile an. Nur wer als Redner bestellt ist, kann zu Wort kommen. Ein stärkerer Gegensatz gegen die englische, aber auch — aus ganz entgegengesetzten Gründen — die fran- zösische Gepflogenheit ist kaum denkbar.
Jetzt ist infolge des gewaltigen Zusammenbruchs, den man Re- volution zu nennen pflegt, vielleicht eine Umwandlung im Gange. Vielleicht — nicht sicher. Zunächst traten Ansätze zu neuen Arten von Parteiapparaten auf. Erstens Amateurapparate. Besonders oft vertreten durch Studenten der verschiedenen Hochschulen, die einem Mann, dem sie Führerqualitäten zuschreiben, sagen: wir wollen für Sie die nötige Arbeit versehen, führen Sie sie aus. Zweitens geschäftsmännische Apparate. Es kam vor, daß Leute zu Männern kamen, denen sie Führerqualitäten zuschrieben, und sich erboten, gegen feste Beträge für jede Wahlstimme die Werbung zu übernehmen. — Wenn Sie mich ehrlich fragen würden, welchen von diesen beiden Apparaten ich unter rein technisch-politischen ibi Gesichtspunkten für verläßlicher halten wollte, so würde ich, glaube ich, den letzteren vorziehen. Aber beides waren schnell aufsteigende Blasen, die rasch wieder verschwanden. Die vor- 49 49 andenen Apparate schichteten sich um, arbeiteten aber weiter, ene Erscheinungen waren nur ein Symptom dafür, daß die neuen ipparate sich vielleicht schon einstellen würden, wenn nur — die 'ührer da wären. Aber schon die technische Eigentümlichkeit des ''erhältniswahlrechts schloß deren Hochkommen aus. Nur ein aar Diktatoren der Straße entstanden und gingen wieder unter. Fnd nur die Gefolgschaft der Straßendiktatur ist in fester )isziplin organisiert: daher die Macht dieser verschwindenden /linderheiten.
Nehmen wir an, das änderte sich, so muß man sich nach dem rüher Gesagten klarmachen: die Leitung der Parteien durch plebis- itäre Führer bedingt die „Entseelung" der Gefolgschaft, ihre eistige Proletarisierung könnte man sagen. Um für den Führer Is Apparat brauchbar ^u sein, muß sie blind gehorchen, Maschine n amerikanischen Sinne sein, nicht gestört durch Honoratioren- itelkeit und Prätensionen eigener Ansichten. Lincolns Wahl war nur urch diesen Charakter der Parteiorganisation möglich, und bei rladstone trat, wie erwähnt, das gleiche im Caucus ein. Es ist das ben der Preis, womit man die Leitung durch Führer zahlt. Aber s gibt nur die Wahl: Führerdemokratie mit „Maschine'* oder führer- )se Demokratie, das heißt: die Herrschaft der „Berufspolitiker'* ohne »eruf, ohne die inneren, charismatischen Qualitäten, die eben 2;um uhrer machen. Und das bedeutet dann das, was die jeweilige 'arteifronde gewöhnlich als Herrschaft des „Klüngels" bezeichnet, ''or lauf ig haben wir nur dies letztere in Deutschland. Und für die iikunft wird der Fortbestand, im Reich wenigstens, begünstigt inmal dadurch, daß doch wohl der Bundesrat wiedererstehen und otwendig die Macht des Reichstages und damit seine Bedeutung is Auslesestelle von Führern beschränken wird. Ferner durch das ''erhältniswahlrecht, so, wie es jetzt gestaltet ist: eine typische Er- :heinung der führerlosen Demokratie, nicht nur weil es den Kuh- andel der Honoratioren um die Placierung begünstigt, sondern uch weil es künftig den Interessentenverbänden die Möglichkeit ibt, die Aufnahme ihrer Beamten in die Listen zu erzwingen und D ein unpolitisches Parlament zu schaffen, in dem echtes Führer- Lim keine Stätte findet» Das einzige Ventil für das Bedürfnis nach 'ührertum könnte der Reichspräsident werden, wenn er plebiszitär, ''eber, Politik ols Beruf. 4 50 nicht parlamentarisch, gewählt wird. Führertum auf dem Boden der Arbeitsbewährung könnte entstehen und ausgelesen werden vor allem dann, wenn in den großen Kommunen, wie in den Ver- einigten Staaten überall da, wo man der Korruption ernstlich zu Leibe wollte, der plebiszitäre Stadtdiktator mit dem Recht, sich seine Bureaus selbständig zusammenzustellen, auf der Bildfläche erscheinen würde. Das würde eine auf solche Wahlen zugeschnittene Parteiorganisation bedingen. Aber die durchaus kleinbürgerliche Führerfeindschaft aller Parteien, mit Einschluß vor allem der Sozialdemokratie, läßt die künftige Art der Gestaltung der Parteien und damit all dieser Chancen noch ganz im Dunkel liegen.
Es ist daher heute noch in keiner Weise zu übersehen, wie sich äußerlich der Betrieb der Politik als „Beruf gestalten wird, noch weniger infolgedessen: auf welchem Wege sich Chancen für po- litisch Begabte eröffnen, vor eine befriedigende politische Aufgabe gestellt zu werden. Für den, der „von'* der Politik zu leben durch seine Vermögenslage genötigt ist, wird wohl immer die Alternative: Journalistik oder Parteibeamtenstellung als die typischen direkten Wege, oder eine der Interessenvertretungen: bei einer Gewerk- schaft, Handelskammer, Landwirtschaftskammer, Handwerks- kammer, Arbeitskammer, Arbeitgeberverbänden usw., oder ge- eignete kommunale Stellungen in Betracht kommen. Weiteres läßt sich über die äußere Seite nichts sagen als nur dies: daß der Partei- beamte mit dem Journalisten das Odium der „Deklassiertheit** trägt. „Lohnschreiber'* dort — „Lohnredner" hier wird es leider immer, sei es noch so unausgesprochen, in die Ohren klingen; wer dagegen innerlich wehrlos ist und sich selbst nicht die richtige Ant* wort zu geben vermag, bleibe dieser Laufbahn fern, die in jedem Falle neben schweren Versuchungen ein Weg ist, der fortwährende Enttäuschungen bringen kann. Was vermag sie nun an inneren Freuden zu bieten, und welche persönlichen Vorbedingungen setzt sie bei dem voraus, der sich ihr zuwendet?
Nun, sie gewährt zunächst: Machtgefühl. Selbst in den formell bescheidenen Stellungen vermag den Berufspolitiker das Bewußt- sein von Einfluß auf Menschen, von Teilnahme an der Macht über sie, vor allem aber: das Gefühl, einen Nervenstrang historisch wichtigen Geschehens mit in Händen zu halten, über den Alltag « 51 inauszuheben. Aber die Frage ist nun für ihn: durch welche )ualitäten kann er hoffen, dieser (sei es auch im Ein2;elfall noch so ng umschriebenen) Macht und also der Verantwortung, die sie auf hn legt, gerecht zu werden? Damit betreten wir das Gebiet ethischer 'ragen; denn dahin gehört die Frage: was für ein Mensch man sein luß, um seine Hand in die Speichen des Rades der Geschichte >gen zu dürfen.
Man kann sagen, daß drei Qualitäten vornehmlich entscheidend ind für den Politiker: Leidenschaft — Verantwortungsgefühl — LUgenmaß. Leidenschaft im Sinne von Sachlichkeit: leiden- chaftliche Hingabe an eine „Sache*', an den Gott oder Dämon, er ihr Gebieter ist. Nicht im Sinne jenes inneren Gebarens, welches aein verstorbener Freund Georg Simmel als „sterile Aufgeregt- eit** zu. bezeichnen pflegte, wie sie einem bestimmten Typus vor llem russischer Intellektueller (nicht etwa: allen von ihnen!) ignete und welches jetzt in diesem Karneval, den man mit den tolzen Namen einer „Revolution** schmückt, eine so große Rolle uch bei unsern Intellektuellen spielt: eine ins Leere verlaufende Romantik des intellektuell Interessanten** ohne alles sachliche Verantwortungsgefühl. Denn mit der bloßen, als noch so echt mpfundenen Leidenschaft ist es freilich nicht getan. Sie macht licht zum Politiker, wenn sie nicht, als Dienst in einer „Sache**, uch die Verantwortlichkeit gegenüber ebendieser Sache zum ntscheidenden Leitstern des Handelns macht. Und dazu bedarf s — und das ist die entscheidende psychologische Qualität des Politikers — des Augenmaßes, der Fähigkeit, die Realitäten mit nnerer Sammlung und Ruhe auf sich wirken zu lassen, also: ler Distanz zu den Dingen und Menschen. „Distanzlosigkeit**, ein als solche, ist eine der Todsünden jeden Politkers und eine ener Qualitäten, deren Züchtung bei dem Nachwuchs unserer ntellektuellen sie zu politischer Unfähigkeit verurteilen wird. Denn das Problem ist eben: wie heiße Leidenschaft und kühles Augenmaß miteinander in derselben Seele zusammengezwungen Verden können? Politik wird mit dem Kopfe gemacht, nicht mit mderen Teilen des Körpers oder der Seele. Und doch kann die iingabe an sie, wenn sie nicht ein frivoles intellektuelles Spiel, ondern menschlich echtes Handeln sein soll, nur aus Leidenschaft 52 geboren und gespeist werden. Jene starke Bändigung der Seele aber, die den leidenschaftlichen Politiker auszeichnet, und ihn von den bloßen,,steril aufgeregten'* politischen Dilettanten unter- scheidet, ist nur durch die Gewöhnung an Distanz — in jedem Sinn des Wortes — möglich. Die „Stärke** einer politischen,,Per- sönlichkeit** bedeutet in allererster Linie den Besitz dieser Quali- täten.
Einen ganz trivialen, allzu menschlichen Feind hat daher der Politiker täglich und stündlich zu überwinden: die ganz gemeine Eitelkeit, die Todfeindin aller sachlichen Hingabe und aller Distanz, in diesem Fall: der Distanz, sich selbst gegenüber,