SigPhi · Moses Mendelssohn

Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele

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junger Menſch von ungemeiner Schoͤnheit und von großen Talenten, der hochfahvend, muthig, kichtfinnig uns uͤberaus feuriges Temperaments war. Dieſen verfolgte er unermuͤdet, ließ ſich bey allen Gelegenheiten mit ihm in Unterredung en, um ihn durch freundſchaftliche Ermah. nungen und liebreiche Verweiſe von den Aus⸗ ſcweifungen des Ehrgeitzes und der Wolluſt, wozu er von Natur ſehr geneigt war, abzu⸗ halten. Plato laßt ihn bey dieſer Gelegen. % oͤſters Ausdrucke brauchen, die beynahe er 5 5 N ver⸗ er 5 5 N ver⸗ 26 Charakter verliebt feheinen: daher man in. fpatern Zeiten Gelegenheit genommen, den Sokrates eines ſtraͤflichen Umgangs mit jungen Leuten zu Des ſchuldigen. Allein die Feinde des Sokrates ſelbſt, Ariſtophanes in der Komödie, und Melitus in ſeiner Anklage, thun hiervon nicht die geringfte Erwähnung. Melitus befchuldigt ihn zwar, daß er die Jugend verderbe; allein, wie aus der Antwort des Sokrates gar deut⸗ lich erhellet, gieng dieſes auf die Geſetze der Religion und der Politik, gegen welche er die Jugend gleichguͤltig gemacht haben ſollte. Ge⸗ ſetzt auch, die damalige Verderbnis der Sitten wäre fo weit gegangen, daß man dieſes wider⸗ natuͤrliche Laſter beynahe fuͤr natuͤrlich gehalten, ſo haͤtten ſeine Feinde dennoch dieſen Umſtand nicht ganz verſchwiegen: wenn es nicht offenbar unmöglich geweſen wäre, das Muſter der Keuſchheit und Enthaltſamkeit einer ſo viehi⸗ ſchen Geilheit zu beſchuldigen. Man leſe die ſtrengen Vorwuͤrfe, die er dem Kritias und Kritobolus machet; man leſe das Zeugniß, das ihm der muthwillige, halbberauſchte Alci⸗ biades, in Platons Tiſchgeſpraͤche, giebt. Das Sttllſchweigen der Feinde und Verlaͤumder, und feiner Freunde poſitives Zeugniß vom Gegen⸗ um laſſen keinen RER zuruͤck, daß die Be⸗ ſchuldi⸗ * ’ des Sokrates. | 27 ſchuldigungen ungegruͤndet und eine ſtrafbare Ver⸗ laͤumdung ſey. Die Ausdruͤcke des Plato, fo fremde fie auch in unſern Ohren klingen, bes weiſen weiter nichts, als daß dieſe unnatürliche Galanterie damals die Modeſprache zeweſen, wie etwa der ernſthafteſte Mann in unſern Zei⸗ ten ſich nicht entbrechen wuͤrde, wenn er an ein Frauenzimmer. wie berliedt zu ueber den Genius, den er zu beſi zen vor⸗ gab; und der ihn, wie er ſagte, allezeit ab⸗ hielt, wenn er etwas Schaͤdliches unternehmen wollte, ſind die Meynungen der Gelehrten ge⸗ theilt. Einige glauben, Sokrates habe ſich hier⸗ inn eine kleine Erdichtung erlaubt, um bei dem aberglaͤubiſchen Volke Gehoͤr zu finden; allein dieſes ſcheint mit ſeiner gewoͤhnlichen Aufrich⸗ ugkeit zu ſtreiten. Andere verſtehen unter die fen Genius ein gefchärftes Gefühl vom Guten und Boͤſen, eine durch Nachdenken, durch lange Erfahrung und anhaltende Uebung zum Inſtinkt gewordene moraliſche Beurtheilungskraft, ver⸗ moͤge welcher er jede freye Handlung nach ihren muthmaßlichen Folgen und Wirkungen pruͤfen und beurtheilen konnte, ohne ſich ſelbſt von ſeit nem ne wechenſthaſt geben zu koͤnnen. ö Ä Man 28 Charakter 92 28 Charakter 92 Man findet: aber beym Zensphon ſowohl als Plato verſchiedene Vorfaͤlle / wo dieſer Geiſt dem Sokrates Dinge vorher geſagt haben ſoll die ſich aus keiner natürlichen Kraft der Seele er⸗ klaͤren laſſen. Vielleicht ſind dieſe von ſeinen Schuͤlern aus guter Meynung hinzu geſetzt wor⸗ den; vielleicht auch hatte Sokrates, der) wie wir geſehen, zu Entzuͤckungen aufgelegt war, ſelbſt Schwachheit oder ſchwaͤrmende Einbildungskraft genug / dieſes lebhafte moraliſche Gefuͤhl, das er nicht zu erklaͤren wußte in einen vertraulichen Geiſt umzuſchaffen; und ihm hernach auch die⸗ jenigen Ahndungen zuzuſchreiben, die aus ganz andern Quellen entſpringen. Muß denn ein vor, treſiicher Mann nothwendig von allen Schwach⸗ heiten und Vorurtheilen frey ſeyn 7: In unſern Tagen iſt es kein Verdienſt mehr, Geiſtereinge⸗ bungen zu verſpotten. Vielleicht hat zu den Zei⸗ ten der Sokrates eine Anſtrengung des Genies dazu gehört, die er nuͤtzlicher angewendet hat. Er war ohnedem gewohnt, jeden Aberglauben zu dulden, der nicht unmittelbar zur Unſittlich⸗ keit führen konnte wie bereits oben eriuud | worden, Die Gluͤckſeligkeit des. Geſchlecheg war ſein einziges Studium. So bald ein Vor⸗ Ahe, f ober Aberglaube zur offenbaren Gewalt⸗ 1 thätig- ' l des Sokrates. 29 thätigkeit, Ktänkung der menſchlichen Rechte, Verderbniß der Sitten u. ſ. w. Anlaß gab: fo konnte ihn nichts in der Welt abhalten, aller Drohung und Verfolgung zum Trotze, ſich das wider zu erklären. Es war unter den Griechen ein hergebrachter Aberglaube, daß die Schatten der unbegrabenen Todten am ufer des Styß hundert Jahre raſtlos herum irren müßten, be⸗ dor fie heruͤber gelaſſen wuͤrden. Dieſer Wahn mag dem rohen Volk von dem erſten Stifter der Geſellſchaft aus loblichen Abſichten beyge⸗ bracht worden ſeyn. Indeſſen hat er zu. den Zeiten des Sokrates; durch einen ſchaͤndlichen Misbrauch, manchen wackern Patrioten das Leben gekoſtet. Die Athenienſer hatten bey den Argufinifchen Inſuln über die Lacedaͤmonier ei⸗ nen vollkommenen Sieg erhalten. Die Befehls- haber der ſiegenden Flotte wurden aber durch einen Sturm abgehalten, ihre Todten Ju be⸗ graben. Bey ihrer Ruͤckkunft nach Athen wurden ſie, auf die undankbarſte Weiſe, dieſer Unterlaſſung halben oͤffentlich angeklagt. So⸗ krates hatte denſelben Tag den Vorſitz in dem Senat der Prytanen, welche die oͤffentli⸗ chen Angelegenheiten zu beſorgen hatten. Die Bosheit einiger Maͤchtigen im Rei⸗ che, a Heucheley der Prieſter und die V ni Nieder, 3 — 30 | Charakter 3 — 30 | Charakter Niedertraͤchtigkeit feiler Redner und Demago⸗ gen hatten ſich vereinigt, den blinden Eifer des Volks wider dieſe Beſchuͤtzer des Staats auf⸗ zubringen. Das Volk drang mit Ungeſtuͤm auf ihre Verdammung. Ein Theil des Se⸗ nats war ſelbſt von dieſem poͤbelhaften Wahne bethoͤrt; und der Ueberreſt hatte nicht Muth genug, ſich der allgemeinen Raſerey zu wider⸗ ſetzen. Alles willigte darein, dieſe ungluͤcklichen Patrioten zum Tode zu verurtheilen. Nur So⸗ krates allein hatte die Herzhaftigkeit, ihre Un⸗ ſchuld zu vertheidigen. Er verachtete die Dro⸗ hungen der Maͤchtigen, und die Wut des auf⸗ gebrachten Poͤbels, ſtand ganz allein auf der Seite der verfolgten Unſchuld, und wollte lie⸗ ber das Aergſte uͤber ſich ergehen laſſen, als in eine ſo heilloſe Ungerechtigkeit willigen. Wie⸗ wohl alle ſeine Bemuͤhungen zu ihrem Beſten dennoch fruchtlos abliefen. Er hatte den Ver⸗ druß, zu ſehen, daß der blinde Eifer die Ober⸗ hand erhielt, und daß die Republik ſich ſelbſt die Schmach anthat, ihre tapferſten Beſchuͤtzer einem uͤbelverſtandenen Vorurtheil aufzuopfern. Das Jahr darauf wurden die Athenienſer von den Lacedaͤmoniern auf das Haupt geſchlagen, ihre Flotte zu Grunde gerichtet, ihre Haupt⸗ ſtadt W und dergeſtalt aufs aͤußerſte ge⸗ bracht, des Sokrates. 31 bracht, daß ſie ſich den Siegeru auf Gnade und Ungnade ergeben mußte. Es iſt ſehr wahr ſcheinlich, daß der Mangel an erfahrnen Anführern auf Seiten der Athenienſer an die⸗ ſer Niederlage nicht wenig Schuld — Lyſander, der Feldherr der nn der die Stadt eingenommen hatte, beguͤnſtigte eine in derſelben entſtandene Empoͤrung, ver⸗ wandelte die demokratiſche Regierungsform in eine Oligarchie, und ſetzte einen Rath von dreyſ⸗ ſig Maͤnnern, die unter dem Namen der dreyſ⸗ ſig Tyrannen bekannt ſind. Die grauſamſten Feinde haͤtten in der Stadt ſo nicht wuͤten koͤnnen, als dieſe Ungeheuer gewuͤtet haben. Unter dem Vorwande, Staatsverbrechen und Meuterey zu beſtrafen, wurden die rechtſchaf— fenſten Leute im Staat ihres Lebens oder Ver: moͤgens beraubt. Pluͤndern, rauben, verban⸗ nen, dieſen Öffentlich, jenen meuchelmoͤrderiſch hinrichten laſſen, waren Thaten, mit welchen ſie ihre Regierung bezeichneten. Wie mußte das Herz des Sokrates bluten, den Kritias, der vormals ſein Schuͤler war, an der Spitze dieqſer Scheuſale zu ſehen! Ja, dieſer Aritias,. ſein vormaliger Freund und Zuhoͤrer, zeigte ſch un. als ſeinen offenbaren Feind, und ſuchte 7 32 Charakter ſuchte Gelegenheit, ihn zu verfolgen. Der weiſe Mann hatte ihm einſt ſeine viehiſche und widernatüvliche Geilheit mit harten Worten ver⸗ wieſen, und ſeit der Zeit trug ihm der Uns menſch einen heimlichen Groll nach, der auägubtcchen Gelegenheit 9 | Als er und Charikles u Geſebgebern ernennt wurden, führten fie, um eine Urſache an dem Sokrates zu finden, das Geſetz ein, daß nie⸗ mand in der Redekunſt unterrichten ſollte. Sie erfuhren darauf, daß ſich Sokrates, mit Wor⸗ ten wider fie vergangen, und verſchiedentlich habe verlauten laſſen, es waͤre zwar wunder⸗ bar, wenn Hirten die ihnen anvertraute Heerde kleiner und magerer machten, und dennoch nicht für ſchlechte Hirten wollten gehalten ſeyn; aber weit wunderbarer waͤre es, wenn die Vorſte⸗ her eines Staats die Buͤrger weniger und ſchlechter machten, und dennoch nicht ſchlechte Vorſteher ſeyn wollten. Sie ließen ihn kom⸗ men, zeigten ihm das Geſetz, und verboten ihm mit jungen Leuten ſich in Unterredung einzu⸗ laſſen. „Iſt es erlaubt, verſetzte Sokrates, „eines und das andere zu fragen, das mir in »dieſem Verbote nicht deutlich genung iſt? — „O ja! antwortete man. — Ich bin bereit / „erwies des Sokrates. 33 verwiederte er, dem Geſetze zu folgen) und befuͤrchte nur aus Unwiſſenheit dawider zu wverſtoſſen: ich bitte daher um eine deutlichere „Exklaͤrung, ob ihr unter der Redekunſt eine „Kunſt recht zu reden, oder unrecht zu reden vverſteht? Iſt jenes: ſo muß ich mich enthal⸗ „ten, jemanden zu ſagen, wie er recht reden yſoll; iſt aber dieſes: fo werde ich niemand aäntermciftn wie er anpecht reden ſoll. | „Charikles entruͤſtete ſi ch, und ſprach: Wenn vdu dieſes nicht verſteheſt, fo haben wir dir es vfaßlicher gemacht, und ſchlechterdings perbo⸗ vten, mit jungen Leuten zu reden. — Damit sich aber auch hierinn wiſſe, wie ich mich zu „verhalten habe, ſprach Sokrates: fo beſtimmt „nie. die Zeit, wie lange ihr die Menſchen fuͤr „junge Leute haltet? So lange ſie nicht im »„Rathe ſitzen können, antwortete Charikles, das viſt / ſo lange fie nicht zu reifem Verſtande ge⸗ vkommen ſind, e bis zu dreyßig Jahren. 1 Wenn ich aber etwas taufen will, erwiederte „Sokrates; das ein junger Menſch unter dreyſ⸗ „fig Jahren zu verkaufen hat, ſoll ich nicht fragen, »wie theuer? Dieſes iſt dir nicht verboten, ſprach »Charikles; aber du: eat aan Dinge, ö die 34 Charakter ö „die du gar wohl weißt: ſolcher Fragen ent⸗ „halte dich ferner! — Und antworten? fprach: „Sokrates weiter. Wenn ein junger Menſch „mich fragt) wo Charikles oder Kritias wohne? „darf ich ihm hierauf antworten? — Ja, ja/ „ſprach Kritias; aber enthalte dich der aͤbgenuz⸗ „ten Beyſpiete und Gleichtiſſe von Riemen⸗ pfchneident / Zimmerleuten und Schmieden. „Vermuthlich, erwiederte Sokrates auch der „Begriffe / die ich durch dieſe Beyſpiele zu er⸗ „laͤntern pflege, von der Gerechtigkeit, Heilig⸗ „keit / Frömmigkeit, i. ſ. w.? Ganz recht! antwortete Charikles; und vor allen Dingen „auch der Viehhirten. Merke dir das, oder vich befürchte du wirſt auch die Heerde kleiner „machen. e Sokrates achtete ihte "Drohungen fo wenig, als ihr ungereimtes Geſetz, das fie, der geil den Vernunft und dem Geſetz der Natur ſchnur⸗ ſtraks zuwider, keine Befugniß gehabt einzufuͤh⸗ ren. Er fate feine Bemuhungen zum Beſten der Tugend und Gerechtigkeit mit dem unermuͤ⸗ deteſten Eifer fort, und die Tyrannen unter⸗ finden” ſich gleichwohl nicht ihm fo gerade auf den Leib zu kommen. Sie ſuchten Umwege, und“ wollten ihn mit in ihre Ungerechtigkelten verwickeln: trugen ihm daher nebſt vier andern ** PR r) des Sokrates. 35 Bürgern auf, den Ceon von Salamin nach Athen zu bringen / um ihn hinulchten zu laſſen. Die andern uͤbernahmen den Auftrag; Sokra⸗ ies aber erklaͤrte ſich, daß er niemals zu einer ungerechten Sache die Haͤnde bieten werde. So willſt du denn, ſprach Charikles Freyheit haben, zu reden / was du willſt, und gar nichts dafuͤr leiden? Alles. mögliche Uebel / antwortete er, will ich dafuͤr leiden nur das nicht, je⸗ manden Unrecht zu thun. Charite ſchwieg, und die uͤbrigen ſahen ſich einander an. Dieſe Freyheiten würden dem, Sokrates am Ende den⸗ noch das Leben gekoſtet haben, wenn nicht das Volk, der Graufamteit dieſer Tyrannen muͤde, einen Aufſtand erregt, ihre vornehmſten An⸗ führer. umgebracht / und die b er un = hinaus gejagt hatte. 1. er Io."

Unter der wicderhergeſtelten demokratiſchen Regierung gieng es dem Sokrates gleichwohl nicht beſſer. Die alten Feinde deſſelben, die Sophi⸗ ſten, Prieſter und Redner, fanden nunmehr die laͤngſt erwuͤnſchte Gelegenheit, ihn mit beſſerm Gluͤck zu verfolgen, und endlich gar aus dem Wege zu raͤumen. Anytus, Melitus und Lykon, ſind die drey zu ihrer Schmach unver⸗ gehliche Namen derer, die ſich zur Ausfuhrung Br 2 dieſes 36 „Charakter 36 „Charakter dieſes ſchaͤndlichen Vorhabens! haben brauchen laſſen. Sie brachten die Verlaͤumdung unter - das Volk: Sokrates habe dem Kritias die Grundſaͤtze der Tyrannen beygebracht, die er neulich mit fo unerhoͤrter Grauſamkeit ausge: uͤbt haͤtte. Wer die Leichtglaͤubigkeit und Unbe⸗ ſtaͤndigkeit des Poͤbels kennt, wird ſich nicht ver⸗ wundern, daß die Athenienſer einer ſo offenba⸗ ren Falſchheit Gehör gegeben / obgleich jedermann wußte, was zwiſchen dem Sokrates und den Tyrannen vorgefallen. Einige Jahre vorher hatte Alcibiades, der groſſe Talente, aber einen ſehr wilden Charakter hatte, in Geſellſchaft an⸗ derer muthwilligen Juͤnglinge die Bildſaͤule des Merkurs zerſchlagen, die Eleufinifchen Geheim⸗ niſſe oͤffentlich verſpo ttet, und wegen dieſes Ueber⸗ muths aus ſeiner Vaterſtadt entweichen muͤſſen. Anjetzo wurde dieſe Geſchichte wieder rege ge⸗ macht, und von den Feinden des Sokrates aus⸗ geſtreut, er habe dem jungen Menſchen die Ver⸗ achtung der Religion beygebracht. Nichts war den Lehren und der Auffuͤhrung des Sokrates mehr zuwider, als ein ſolcher Frevel. Den oͤf⸗ fentlichen Gottesdienſt, ſo aberglaͤubiſch er auch ſeyn mochte, hat er allezeit in Ehren gehalten; und was die Eleuſiniſchen Geheimniſſe betrift, ſo rah er allen ſeinen Freunden, ſich in denſelben . einwei⸗ des Sokrates. 37 des Sokrates. 37 einweihen zu laſſen; ob er gleich ſelbſt feine Ur⸗ ſachen haben mochte, es nicht zu thun. Man hat ſehr guten Grund, zu glauben, daß die groͤſ⸗ fern Geheimniſſe zu Eleuſis nichts anders waren, als die Lehren der wahren natuͤrlichen Religion, und eine vernünftige Auslegung der Fabeln. Wenn Sokrates ſich weigerte, die Einweihung anzunehmen, ſo geſchah es, wahrſcheinlicher Weiſe, um die Freyheit zu behalten, dieſe Geheimniſſe ungeſtraft ausbreiten zu duͤrfen, die ihm die Pries ſter durch die Einweihung zu entziehen ſuchten.

Alls die Berlaͤumder, durch dergleichen bos⸗ hafte Ausſtreuungen, das Volk genugfam vorbe⸗ reitet zu haben glaubten, brachte Melitus eine fürmliche Anklage wider den Sokrates an die Obrigkeit der Stadt, welche alſofort dem Volk davon Nachricht gab. Das Gericht der Helida | | wurde zuſammen berufen und die gewoͤhnliche Anzahl der Buͤrger durch das Loos beſtimmt, die den Angeklagten richten ſollten. Die Anklage war: Sokrates handelt wider die Geſetze, indem er 1) die Goͤtter der Stadt nicht ver⸗ ehrt, und eine neue Gottheit einfuͤhren will, und 2) die Jugend verderbet, der er eine Verachtung alles deſſen, was heilig iſt, bey: bringet. Seine Strafe ſey der Cod.

(3 Seine ?

38 Charakter- Seine Freunde brachten ihm wohlausgear⸗ beitete Reden zu ſeiner Vertheidigung. „Sie „ſind ſehr ſchoͤn, ſprach er, aber fuͤr mich alten „ Mann ſchicken ſich dergleichen Kuͤnſte nicht. Willſt du nicht ſelbſt etwas zu deiner Verthei⸗ digung aufſetzen? fragten ſie ihn. „Die beſte „Vertheidigung, die ich machen kann, antwor⸗ sstete er 1 iſt) daß rich in meinem Leben nieman⸗ „den Unrecht gethan. Ich habe zu verſchiede⸗ „nen malen angefangen, auf eine Schutzre⸗ »de zu denken, bin aber allemal von Gott „daran verhindert worden. Vielleicht iſt es ſein „Wille, daß ich in dieſen Jahren, bevor das „hinfaͤllige und! einer Krankheit aͤhnliche Alter „koͤmmt, eines leichtern Todes zu ſterben, und „weder meinen Freunden noch mir ſelbſt zur „Laſt werden fol, In dieſen Worten hat je⸗ mand vor einiger Zeit den Beweis finden mol len, daß Sokrates feigherzig geweſen, und die Unbequemlichkeiten des Alters, mehr als den Tod, gefuͤrchtet habe. Es gehoͤret nicht wenig Dreuſtigkeit dazu, dem Leſer ſo was einbilden zu wolknt | | | An dem zu dieſer Unterſuchung oͤffentlich an⸗ beraumten Tage erſchienen Melitus, Anytus und Lyko, der erſte für die Dichter, der zweyte für das des Sokrates. 39 das Volk, und der lezte fuͤr die Redner, be⸗ ſtiegen einer nach dem andern den Rednerſtul, und hielten die giftigſten und verleumderiſchen Reden wider den Sokrates. Er betrat nach ihnen den Platz, ohne zu zittern oder zu zagen, ohne, nach der damaligen Gewohnheit auf Ge⸗ richtsſtuben, ſeine Richter durch einen jaͤmmer⸗ lichen Anblick zum Mitleiden hewegen zu wollen; ſondern mit dem geſezten und zuverſichtlichen Weſen, das ſeiner Weisheit anſtaͤndig war. Er hielt eine zwar ungekuͤnſtelte und unvorbereitete, aber maͤnnliche und ſehr nachdruͤckliche Rede, in welcher er alle Verlaͤumdungen und boshaften Geruͤchte, die man zu ſeinem Nachtheil ausge⸗ ſtreut, ohne Bitterkeit widerlegte, ſeine Anklaͤger befchämte und in ihren eigenen Beſchuldigungen Widerſpruͤche und Ungereimtheiten zeigte. Sei⸗ nen Richtern begegnete er zwar mit der erfor, derlichen Ehrerbietigkeit, ſprach aber in einem fo feſten und ſeines Vorzugs ſich bewußten Tone, daß ſeine Rede oͤfters durch unzufriedenes Mur⸗ meln unterbrochen ward. Er beſchloß mit fol⸗ genden Worten: N „Werdet nicht ungehalten, Athenienſer! daß vich, wider die Gewohnheit der Verklagten, nicht vin Thraͤnen zu euch rede, oder meine Kinder, Sa ) (4 N Ver⸗ 40 Charakter „Verwandten und Freunde in einem klaͤglichen »Aufzuge erſcheinen laſſe, um euch zum Mit⸗ „leiden zu bewegen. Nicht aus Hochmuth oder »Trotz habe ich dieſes unterlaſſen; ſondern weil wich es für unanſtaͤndig halte, einen Richter an⸗ „zuflehen, und ihn anders, als durch die Recht⸗ „mäßigeeit der Sache, einnehmen zu wollen. »Der Richter hat ſich durch einen Eid verpfich⸗ vtet, nach Geſetz und Billigkeit zu urtheilen, „und fein Mitleiden fo wenig als feinen Zorn „den Ausſpruch thun zu laſſen. ir Angeklag⸗ „ten handeln alſo wider Recht und Billigkeit, v»wenn wir euch durch unſre Klagen eidbruͤchig vzu machen ſuchen, und wider die Achtung, die „wir euch ſchuldig find, wenn wir euch faͤhig „Halten, es zu werden. Ich will auf keinerlen »Weiſe meine Rettung ſolchen Mitteln zu ver⸗ „danken haben, die weder recht, noch billig, »noch gottesfuͤrchtig find; vornehmlich da ich „vom Melitus fo eben der Gottloſigkeit be⸗ vſchuldiget worden bin. Wenn ich durch mein vFlehen euch meineidig zu machen ſuchete, ſo vwaͤre dieſes der uͤberzeugendſte Beweis, daß „ich keine Götter glaube; mithin würde mich vdieſe Vertheidigung ſelbſt der Atheiſterey uͤber⸗ vfuͤhren. Aber nein! ich bin, mehr als alle vmeine Anklaͤger, von den Daſeyn Gottes uͤber⸗ vzeugt des Sokrates. 4¹ des Sokrates. 4¹ vieugt, und ergebe mich daher Gotte und euch, vmich nach Wahrheit zu richten, und uͤber mich „zu verhaͤngen, was ich ſo wohl für euch, alt vfuͤr mich für das Beſte haltet.

Die Richter waren hoͤchſt unzufrieden uber dieſes geſezte und unerfchütterte Weſen, und uns terbrachen den Plato, der nach ihm hervortrat / und zu veden begonn. „Ob ich ſchon der juͤng⸗ vſte bin, Athenienſer! ſieng Plato an, von de⸗ „uen, welche dieſen Art hinaufgeſtiegen — „, Beruntergeſtiegen, riefen fie ihm zu, und lief ſen ihn feine Rede nicht fortſetzen. Sokrates wurde durch die Mehrheit von drey und dreyſ⸗ fig Stimmen für ſchuldig erkannt.

Es war die Gewohnheit zu Athen, daß die Verurtheilten ſich ſelbſt eine gewiſſe Strafe, Geld⸗ buſſe, Gefaͤngniß oder Verbannung auflegen mußten, um dadurch die Billigkeit des urtheils zu befräftigen, oder vielmehr ihre Verbrechen einzugeſtehen. Sokrates ſollte waͤhlen; aber er wollte auf keinerley Weiſe gegen ſich ſelbſt ſo ungerecht ſeyn, ſich fuͤr ſchuldig zu erkennen, und ſprach: Wenn ich frey fagen ſpll/ was ich verdient m „haben glaube, 0 — Athenienſer! ich glaube, 15 — „durch ' 42 Charakter „durch die Dienſte, die ich der Republik gelei⸗ yſtet / wohl werth zu ſeyn, daß man mich auf „öffentliche Koſten im Prytaneum unterhalte. Auf Zureden ſeiner Freunde verſtand er fich gleichwohl zu einer kleinen Geldbuße, wollte aber nicht zugeben, daß ſie unter ſich eine groͤſſere | * zuſammen ſchieſſen ſollten.

Die Kichter beralbſchlägeten ih; welche Strafe ſie ihm zuerkennen ſollten, und die Bos⸗ heit ſeiner Feinde brachte es dahin, daß er zum Tode verurtheilt wurde: „Ihr ſeyd mit eurem „Urtheil ſehr voreilig geweſen, Athenienſer! ſprach „Sokrates, und habt dadurch den Verleumdern „diefer Stadt Stoff gegeben, euch vorzuwerfen, „daß ihr den weiſen Sokrates ums Leben ge⸗ „bracht; denn fie werden mich weiſe nennen, „wenn ich es ſchon nicht bin, um euch deſto⸗ »mehr kadeln zu können. Ihr hattet nicht „lange warten dürfen, fo waͤre ich, ohne euer „Zuthun, geſtorben. Ihr ſehet, wie nahe ich vſchon dem Tode bin Mi Euch meyne ich hier⸗ »mit, die ihr mir den Tod zuerkannt habet! „Glaubet ihr etwa, Männer von Athen! daß „es mir an Worten gefehlt, euch einzunehmen und zu uͤberreden, wenn ich der Meynung ge⸗ aweſen * Er war damals 70. Jahr alt.

des Sokrates. 43 zweſen wäre, man müßte alles thun und "Als „led ſprechen, um ein guͤnſtiges Urtheil zu ev „halten? Gewißlich nicht! Wenn ich unterliege, „fo iſt es nicht aus Mangel an Worten und »Vorſtellungen, ſondern aus“ Mangel an Um vber ſchaͤmtheit und Niedertraͤchtigkeit, euch ſol⸗ vche Dinge hoͤren zu laſſen, die euch angenehm wu vernehmen, aber einem ene Man⸗ vne unanſtaͤndig ſind zu ſagen. Heuchlen, vſchreyen und andre ſolche kriechende Ueberre⸗ »dungsmittel, die ihr an audern gewohnt vſeyd, find meiner hoͤchſt unwuͤrdig. Ich hatte „nie gleich Anfangs vorgenommen, lieber das „Leben zu verlieren, als es auf eine unedle „Weiſe zu retten. Denn ich halte dafür, daß „man eben fo wenig berechtiget ſey, vor Gericht „alles zu thun, um dem Tode zu entßjiehen, vals im Kriege. Wie oft hat ein Mann nicht vin einem Gefechte Gelegenheit ſein Leben zu er⸗ „retten, wenn er die Waffen von fich werfen vund denjenigen, der ihm nachſezt / um Gnade „bitten will? Und fo giebt es im menſchlichen „Leben viele Vorfälle, wo der Tod gar wohl vbermieden werden kann, wenn man nur un⸗ vberſchaͤmt genug iſt, alles zu thun und zu fü: „gen, was dazu erfordert wird. Dem Tode vi entfliehen, Maͤnner von * iſt zuweilen nſo 15 44 Charakter „fo ſchwer nicht, aber der Schande zu entkom⸗ „men iſt weit ſchwerer: denn fie iſt ſchneller, vals der Tod. Daher koͤmmt es auch, daß „ich langſamer, alter Mann von dem langſam⸗ vſten ergriffen worden; da hingegen meine An⸗ vklaͤger, die ganz munter und lebhaft find, von „der ſehr ſchnellen Schande eingeholt worden „find. Ich gehe zum Tode, zu welchem ihr mich verurtheilt babet, und fie zur Schmach vund Unehre, zu welcher fie von der Wahrheit „und Gerechtigkeit verdammt werden. Ich bin „mit dem Urtheilsſpruche zufrieden, vermuthlich vſie auch: mithin gehen die Sachen, recht wie fie ſollten, und ich für mein Theil finde die „Wege des Schickſals auch hierinn gerecht und overehrungswerth. „ Nachdem er hierauf den Richtern, die ihn verurtheilt: freymuͤthig ‚aber ohne Galle, einige Wahrheiten geſagt, wendete er ſich zu denenje⸗ nigen, die für feine Losſprechung geſtimmet hat. ten; und unterhielt fie mit einer Art von Be⸗ trachtung uͤber Leben, Tod und Unſterblichkeit, die damals ziemlich der Faſſungskraft des ge⸗ meinen Volks angemeſſen gewefen ſeyn mag. Als er aber mit ſeinen Schuͤlern und vertrauten Freunden allein war, ließ er ſich uͤber eben dieſe Mate⸗ Materie mit mehrerer Gruͤndlichkeit heraus: das her wir unſre Leſer, die in folgenden Geſpraͤ⸗ chen mit den reifern Gedanken dieſes Weltwei⸗ ſen unterhalten werden ſollen, mit jener exote⸗ riſchen Philoſophie billig verſchonen. 8 Man führte ihn ins Gefaͤngniß, das, wie Seneka ſagt, durch die Gegenwart dieſes Man⸗ nes feine Schmach verlor, indem das kein Ken ker ſeyn kann, wo ein Sokrates iſt. Unterwegs begegneten ihm einige von ſeinen Schuͤlern, die uͤber dasjenige, was ihm wiederfahren, ganz untroͤſtlich waren. „Warum weinkt ihr? fragte „ſie der Weiſe. Hat mich die Natur nicht gleich „bey meiner Geburt zum Tode verurtheilet?

»Wenn mich der Tod einem wahren und erſprieß.

„lichen Gute entriſſen, fo hätte ich und diejeni⸗ vgen, die mich lieben, urſache, mein Schick * 200 iu bedauren. Da ich aber hienieden nichts, v»als Jammer und Elend zuruͤcklaſſe: fo ſollten „mir meine Freunde zu meiner DR vielmehr Gluck wuͤnſchen, » u n Apollodorus der als ein 7 8 Menſch / aber etwas ſchwacher Kopf, beſchrieben wird, konnte ſich gar nicht zufrieden geben, daß ſein Lehrer und ſein Freund ſo unſchuldig ſterben muͤßte. S ee apollodorus ſprach Sokrates lächelnd, 46 Charakter lächelnd / indem er ihm die Hand auf den Kopf legte, wuͤrdeſt du es lieber ſehen, wenn 0. ſchuldig ſterben müßte? — Was uͤbrigens im Geſänguſe und in 5 lezten Stunden des ſterbenden Sokrates vorge— gangen, wird der Leſer in folgenden Geſpraͤchen erfahren. Nur iſt noch eine Unterredung mit dem Krito nicht aus der Acht zu laſſen, aus welcher Plato ein beſonderes Geſpraͤch gemacht hat. Einige Tage vor der Hinrichtung des So- krates, kam Krito vor Anbruch des Tages zu ihm ins Gefängniß, fand ihn in füfem Schlafe, und ſezte ſich leiſe neben fein Bett, um ihn nicht zu ſtoͤren. Als Sokrates erwachte / fragte er ihn, „warum heute ſo früh? Freund Krito, 5 Dieſer meldete ihm, er haͤtte Nachricht, daß den ſaͤchſten Tag das Todesurt theil vollzogen wer⸗ den ſollte. »Wenn es der Will e Gottes iſt, ant. »wortete Sokrates „mit ſeiner gewohnlichen Ge⸗ „laſſenheit, fo ſey es! Indeſſen glaube ich nicht „daß es morgen vor ſich gehen werde. Ich „hatte, fo eben als du zu mir kamſt, einen an⸗ „genehmen Traum. Mir erſchien ein Frauen⸗ „zimmer von ungemeiner Schönheit, in einem langen weiſſen Gewande, rief mich beym Na⸗ zn und ſprach: In drey Tagen wirſt du „in * des Sokrates. 47 vin dein fruchtbares Phthia anlangen „ Eine feine Anſpielung! wodurch er zu verſtehen gab, daß er ſich nach jenem Leben, wie beym Homer der erzuͤrnte Achilles ſich aus dem Lager weg / und nach Phthia, ſeinem Vaterlande, ſeh⸗ nete. Krito aber, der ganz andre Abſichten hatte, entdeckte ſeinem Freunde, daß er die Wache beſtochen, und alles Noͤthige vorgekehrt hätte, ihn bey naͤchtlicher Weile aus dem Ge⸗ faͤngniſſe zu entfuͤhren; und daß es nunmehr nur auf ihn ankaͤme, ob er einem fchimpfichen Tode entkommen wollte. Er ſuchte ihn auch durch die wichtigſten Vorſtellungen zu überführen, daß dieſes feine Pflicht und Schuldigkeit ſer. Da er ſeine Liebe für fein Vaterland kannte: ſo ſtellte er ihm vor, wie er verbunden waͤre zu verhuͤten, daß die Athenienſer- nicht unſchuldi⸗ ges Blut vergoͤſſen; er führte überdem an, daß ers um feiner Freunde willen thin müßte, die, auſſer den Schmerz uͤber ſeinen Verluſt, auch der ſchmaͤhlichen Nachrede würden ausgeſezt blei- ben, daß fie feine Befreyung vernachlaͤſſiget. End⸗ lich unterließ er auch nicht, ihm ein bewegli⸗ ches Bild von dem Ungluͤck feiner huͤlfoſen Kin⸗ der vorzuhalten, die alsdann ſeines vaͤterlichen Unterrichts, Beyſpiels und Schutzes beraubt ſeyn wuͤrden. Hierauf antwortete Sokrates: „Mein 48 Cbarakter 48 Cbarakter „Mein lieber Krito! deine freundſchaſtliche Vor⸗ zſorge iſt loͤblich, und daher mit Dank anzu⸗ „nehmen, wenn ſie ſich mit der gefunden Ver vnunft verträgt. Iſt ſie aber derſelben zuwi⸗ vder, fo haben wir uns um fo viel mehr Das yfür zu hüten Wir ſollten daher erſt in Ue⸗ vberlegung nehmen, ob dein Vorſchlag gerecht vund mit der Vernunft uͤbereinſtimmig ſey / oder „nicht, Ich habe mich allezeit gewoͤhnt, mich „zu nichts bereden zu laſſen, als was ich, nach vkeiflicher Ueberlegung, für das Beſte gehalten, „und ich ſehe keinen Grund, warum ich von vmeinen bisherigen Lebensregeln anjetzo abwiche, »ob ich gleich in der Verfaſſung bin, in wel scher du mich ſieheſt: ſie erſcheinen mir noch immer in eben dem Lichte, und daher kann „ich nicht anders, als fie immer noch werth vſchaͤtzen und verehren. „ Nachdem er feine fal⸗ ſchen Bewegungsgruͤnde widerlegt, und ihm gezeigt, was ein vernuͤnftiger Mann den Geſe⸗ zen und dem Vaterlande ſchuldig ſey, faͤhrt er fort: „Wenn ich jezt im Begriffe waͤre, da⸗ „von zu laufen, und die Republik ſamt ihren „Geſetzen erſchienen, um mich zu fragen: Sprich, „Sokrates! was biſt du Willens zu thun? „Bedenkſt du nicht, daß dieſes uns, den Ge⸗ und dem ganzen Staate, ſo viel an dir u liegt, des Sokrates. | 49 liegt, den Untergang bereiten heißt? Oder Iglaubeſt du, daß ein Staat Beſtand habe, und „nicht nothwendig zerruͤttet werden muͤſſe, in welchem die Gerichtsurtheile keine Kraft haben, „und von jeder Privatperſon vereitelt werden „eönnen? Was kann ich hierauf antworten, „mein Werther? — Etwa, daß mir unrecht „gefchehen, und ich das Urtheil nicht verdiene, „das wider mich geſprochen worden? Soll ich „diefes antworten? — Krit. Beym Jupiter! ala, o Sokrates! — Sokr. Wenn aber die „Geſetze erwiederten: Wie? Sokrates, haſt du vdich gegen uns nicht anheiſchig gemacht, alle „Rechtsſpruͤche der Republik zu genehmigen? — „Ich wuͤrde uͤber dieſen Antrag ſtutzen; allein söfie würden fortfahren: Laß dich dieſes nicht »befremden, Sokrates! ſondern antworte nur; „du biſt ja ſonſt ein Freund von Fragen und „Antworten; ſag an, was mißfaͤllt dir an uns „und an der Republik, daß du uns zu Grun⸗ „de richten willſt? Mißfallen dir etwa die Ge „fee der Ehe, durch welche dein Vater deine „Mutter geheyrathet, und dich zur Welt ges „bracht; mißfallen dir dieſe? — Keines weges! „wuͤrde ich antworten. So mißbilligeſt du et» „wa unſre, Weiſe die Kinder zu erziehen und zu v unterrichten? J. die Einrichtung nicht Joͤb⸗ iD. vulich 30 Charakter 30 Charakter dich; die wir zu dieſem Behufe gemacht, und die deinen Vater veranlaßt hat, dich in der „Muſik und Gymnaſtik *) unterrichten zu laſ⸗ ofen? — Sehr loͤblich! müßte ich antwor⸗ „ten? — Du geſteheſt alſo, daß du uns deine „Geburt, deine Auferziehung und deine Untere vweiſung zu verdanken haſt, und folglich koͤn⸗ „nen wir dich ſowohl, als jeden von deinen „Vorfahren, als unſern Sohn und Untergebe. „nen betrachten. Iſt dem aber alfo, fo fragen v»wir: koͤmmt dir mit uns ein gleiches Recht „zu? und biſt du befugt, uns alles, was wir dir thun, mit gleicher Muͤnze zu bezahlen? »Du wirft dir kein gleiches Recht mit deinem „Vater anmaßen, kein gleiches Recht mit dei⸗ „nen Gebieter, wenn du einen haft: fie alles, „was du von ihnen leideſt, wieder empfinden vzu laſſen, dich mit Worten oder Thaten wider + vſte zu vergehen, wenn fie dir etwa zu nahe v» treten; und mit dem Vaterlande, und mit „den Geſetzen willſt du gleiches Recht haben? v Gegen uns willſt du dich für befugt halten, yſo bald wir etwas wider dich beſchloſſen, dich „wider uns aufzulehnen? den Geſetzen, dem f nn. ſo viel bey dir ſteht⸗ den Unter⸗ „gang 9 Die Hebutigen der Seelenktöfte wurden Muſik, und der Leibesgeſchicklichkeiten Gymnaſtik genannt.

des Sokrates. 31 „gang anzurichten? und du glaubſt rechtſchaffen zu handeln? du, der du dich im Ernſte der Tus v»gend beſleißigen willſt? Steht es ſo um deine Weisheit, daß du nicht einmal einſieheſt, daß »Vater und Mutter und Vorfahren lange nicht vſo ehrwuͤrdig, nicht fo hoch zu ſchaͤtzen, nicht aſo heilig find bey den Goͤttern fomohl, als bey vallen Meuſchen, die bey Verſtande find, in kei⸗ „nem ſolchen Anſehen ſtehen, als das Vaters vland 2 se Sie fahren in dieſem Tone fort, und ſetzen endlich hinzu: „Bedenke, Sokrates! ob „du nicht unbillig gegen uns verfaͤhrſt? Wir „haben dich gezeugt, erzogen und unterrichtet; „wie haben dich, und jeden athenienſiſchen Buͤr⸗ vger, ſo viel bey uns geſtanden, aller Wohltha⸗ wen theilhaftig gemacht, die das geſellſchaftliche „Leben gewähren kann; und gleichwohl haben vwir dir, und jedwedem, der ſich zu Athen nie⸗ „dergelaffen, die Exlaubniß gegeben, wenn ihm „unfre Staatsverfaſſung nach einer hinlaͤnglichen »Pruͤfung, nicht anſteht, mit den Seinigen das vvon zu gehen, und ſich wohin er will zu bes vgeben. Die Thore von Athen ſtehen einem je⸗ vden offen, dem es in der Stadt nicht gefaͤllt, und ver kann das Seinige ungehindert mitnehmen.

v Wer aber geſehen, wie es bey uns zugehet, und zlpie wir Recht und Gerechtigkeit handhaben, „und 52 Charakter des Sokrates.

Hund dennoch bey uns geblieben, der iſt ſtill⸗ vſchweigend einen Vertrag eingegangen, ich valles gefallen zu laſſen, was wir ihm befeh⸗ blen; und wenn er ungehorſam iſt, fo begehet „er eine dreyfache Ungerechtigkeit. Er iſt uns „gehorſam gegen feine Eltern, ungehorſam ges „gen ſeine Zucht⸗ und Lehrmeiſter, und er uͤber⸗ „tritt den Vertrag, den er mit uns eingegan⸗ „sen iſt. Liebſter Freund Krito! dieſe Reden „glaube ich zu hören, wie die Korybanten fich „eindilden, den Ton der Flöten zu hören, und „die Stimme klinget fo ſtark in meinen Ohren, „daß ich nichts anders darüber vernehmen kann. Krito gieng weg, überzeugt, aber unwillig, daß die Vernunft feinen nn gemißbilliget hatte. = Phaͤdon . Phaͤdon, | oder über die Unſterblichkeit der Seele.

— * | seaetualfe, Kr von daher hat uns * lange niemand beſucht, der uns dergleichen R TOR hätte überbrin, gen koͤnnen. So viel ha ir vernommen: Sokrates hat eit getrunken, und iſt geſtorben; nicht den geringſten Umſtand mehr. Nichts von fe Strutdehung O ja! das hat uns jemand dersäblet Wir ver⸗ wunderten 7 noch“, daß zug ihn, nachdem er bereits verurtheilet geweſen, noch b fol lange hat le⸗ ben laſſen. Me kam 1 Died? 7 Phaͤdon!

Ganz pop ungefähr Echekrates! el af ch zds das Schi pres dis Ahenieufer jaͤhrlich nach Delos zu ſchicken pflegen, den. Tag vor feiner Verurtheilungs bekraͤnzt wurde.

> "Echekäreh” — und was if das. für ei ein T Schiff? N ne Daſſelbe / wie die. agen in wel chem einſt. Theſeus die En Paar Kinder nach 4 Erſtes Geſpräch. 5 Hüte geführet „die er allda, fbröohl als fich ſelbſt, beym Leben erhalten hat. Die Stadt ſoll, wie es Heißt, dem Apollo damals das Ges libde gethan haben, wenn die junge Leute le⸗ ben bleiben wurden / ihm jährlich in dieſem Schife fe ſiattliche Geſchenke nach Belos zu ſchicken, und ſeit der Zeit hat man dem Gotte noch im⸗ 8 mer Wort „Schalen, 5 | Wenn das heilige Schiff abgehen fol, fo bes hänget der Priefterdes- Apollo das KHintertheil deſelben mit Kränzen, und fo fort nimmt die Feyer der Theorie ihren Anfang. Dieſes Feſt dauert fo lange, bis das Schiff zu Delos ans gelangt, und von da wieder zuruͤck gekommen iſt, binnen welcher Zeit die Stadt von allem Blutvergieſſen rein gehalten wird, und nach dem Geſetze niemand öffentlich hingerichtet wer den darf. Wenn das Schiff von widrigen Winden aufgehalten wird, ſo koͤnnen die Der Zufall fügte 65, wie ich ſchon vorhin ge⸗ ſagt, daß die Betraͤnzung des Schiffes einen dag vorher geschah, ehe Sokrates verurtheilet >; A3 wor⸗ — «e Phpödon worden / und darum verſſrich eine fo geraume Seri * feiner Verurtheilung und feinem Tode Echekrates.

Aber den lezten Tag / phadonl wie sing es da? Was hat er geſprochen? Was hat er ge⸗ than? Welche Freunde waren in der Todesſtyan⸗ de bey ihm? 2 Oder wollten die Archonten nieman⸗· den zu ihm laſſen? Und verſchied er, ohne einen e um ſich zu haben? r _ Dhädon.. | Seit es waren ihrer viele zugegen. Echekrates. | 5 Eniſchlehe dicht immer, lieber pbaͤdon li ung al. es dieses umſtaͤndlich zu erzählen, wenn dis Peine Seſſpaltk, abl ae, e e e ö Phaͤ don. i Ich 1 Muse und werde euch ſüͤchen FR uͤge zu leiſten. Mir iſt nichts dngehiehnter, als meines Sbbkrates mich zu erinnern, don ihm zu reden oder reden zu hoͤren. Akcchekrates. und deine Zuhörer, phaͤd an! ſind der nämll chen Geftnnung.. „Erzähle alfo alles, fo. genau und ſo urmfrändlich als es dir moͤglich it. phaͤ⸗