Zweites Geſpraͤch. 13: ſtaͤnde dieſes letzten Gliedes find, ſowohl! in det Reihe unſerer Erkenntniß, als im Daſeyn ſelbſt, auſſer uns, allezeit die hinterſten in der Ord⸗ nung, indem fie allezeit die Wirklichkeit eines begreiffenden Weſens vorausſetzen: wollen wir dieſes einraͤumen? — Wir koͤnnen nicht anders, ſprach Simmias, nachdem das vorige alles hat zugegeben werden muͤſen. — und gleichwohl, fuhr Sokrates fort, nimmt die Meynung der Menſchen mehrentheils den Rückweg von dieſer Ordnung. Das erſte, davon wir verſichert zu ſeyn glauben, iſt der Körper und feine Veraͤnde⸗ rungen; dieſe bemeiſtern ſich ſo ſehr aller unſe⸗ rer Sinne, daß wir eine Zeitlang das mate⸗ rielle Daſeyn fuͤr das einzige, und alles uͤbrige für Eigenfchaften deſſelben halten. — Mich ſreuet es / ſprach Simmias / daß du ſelbſt; wie du nicht undeutlich zu verſtehen gibſt, dieſen verkehrten Weg gegangen biſt. — Allerdings, mein Lie⸗ ber! verſetzte Sokrates. Die erſten Meynun⸗ gen aller Sterblichen ſind ſich einander aͤhnlich. Dieſes iſt die Rhede, von welcher ſie insgeſamt ihre Fahrt antreten. Sie irren, die Wahrheit ſuchend, auf dem Meere der Meynungen auf und nieder, bis ihnen Vernunft und Nachden, ken, die Kinder Jupiters, in die Seegel leuch⸗ ten, und eine gluͤckliche Anlandung verkuͤndi⸗ J 2 gen.
132 Phädon zweptes Gespräch.
gen. Vernunft und Nachdenken führen unſern Geiſt von den finnlichen Eindrücden der Körper» welt zurück in ſeine Heimat, in das Reich der denkenden Weſen, vorerſt zu ſeines Gleichen, zu erſchaffenen Weſen, die, ihrer Endlichkeit halber; auch von andern gedacht und deutlich bes griffen werden koͤnnen. Von dieſen erheben fie ihn zu jener urquelle des Denkenden und Gedenkba⸗ ren, zu jenem alles begreiffenden, aber allen un⸗ begreifichen Weſen, von dem wir, zu unſerm Troſte / ſo viel wiſſen, daß alles, was in der Koͤr⸗ perwelt und in det Geiſterwelt gut, ſthoͤn und vollkommen iſt / von ihm ſeine Wirklichkeit hat, und durch feine Allmacht erhalten wird. Mehr braucht es nicht zu unſerer Beruhigung, zu un⸗ ſerer Gluͤckſeligkeit in dieſem und in jenem Leben, als von dieſer Wahrheit überzeugt, gerührt, und in dem Innerſten unſers Herzens ganz durchdrun⸗ gen m ſeyn.
— N' einigem Stillſchweigen wendete fich Sokrates zum Cebes und ſprach: Mein lieber Cebes! ſeitdem du von dem Weſen der Unſterblichen richtigere Begriffe erlangt haflı was duͤnkt dich von den Fabellehrern, die öfterd einen Gott auf die Verdienſte eines Sterblichen neidiſch, und wider denſelben bloß aus Miß⸗ gunſt feindlich geſinnt ſeyn laſſen? — Du weiſt es Sokrates! was wir von dergleichen Leh⸗ rern und ihren Erdichtungen zu halten gelernt haben. — Haß und Neid, dieſe niedertraͤch⸗ tigen Leidenfchaften, die die menſchliche Natur jo ſehr entehren, muͤſſen der göttlichen Heilig⸗ keit ſchnusſtracks widerſprechen. — Ich bin hie⸗ von uͤberzeugt. — Du glaubſt alſo nunmehr zuverlaͤhig, und ohne die geringſte Bedenklich⸗ keit, daß du, wir, und alle unſere Nebenmen⸗ ſchen von jenem allerheiligſten Weſen, das uns , nicht beneidet, nicht gehaßt J 3 nicht 134 u Phaͤdon 134 u Phaͤdon nicht verfolgt, ſondern auf das zaͤrtlichſte ge⸗ liebt werden? — Richtig! — In dieſer fe⸗ ſten Ueberzeugung kann dir niemals die min⸗ - deſte Furcht anwandeln, daß der Allerhoͤchſte dich zur ewigen Qual berufen, und, du ſeyeſt ſchuldig oder unſchuldig, unaufhoͤrlich wuͤrde elend ſeym laſſen! — Niemals, niemals! rief Apollodorus, an den die Frage doch gar nicht gerichtet geweſen, und Cebes bes gnuͤgte ſich einzuſtimmen. — Wir wollen die⸗ ſen Satz, fuhr Sokrates fort, daß uns Gott nicht zum ewigen Elende beſtimmt, zum Maaßſtabe fuͤr die Gewißheit unſerer Er⸗ kenntniß annehmen, ſo oft von zukünftigen Dingen die Rede iſt die einzig und allein von dem Willen des Allerhoͤchſten abhängen, Aus der Natur und den Eigenſchaften erſchaffe⸗ ner Dinge laͤßt ſich in dieſem Falle nichts mit Gewißheit ſchlieſſen: denn aus dieſen fol⸗ gen nur diejenige Säge, die an und für ſich unveränderlich ſind, und alſo von der Erkennt⸗ niß des Allerhoͤchſten, nicht von ſeinem Gut⸗ finden, abhängen, Zu den göttlichen Voll⸗ kommenheiten muͤſſen wir uns in dergleichen Unterſuchungen wenden, und zu erforfchen fürs chen, was mit denſelben übereinftimmt, und was ihnen widerſpricht. Wovon wir überzeugt fi ai. daß es denſelben nicht gemäß ſey / das koͤn⸗ fönnen wir verwerfen, und für ſo unmöglich galten, als wenn es mit der Natur und dem Weſen des unterſuchten Dinges ſelbſt ſtritte. Eine ähnliche Frage iſt die, mein Cebes! die wir auf Veranlaſſung deines Einwurfs nun⸗ mehr zu unterſuchen haben. Du raͤumeſt es ein, mein Freund! daß die Seele ein einfaches Weſen ſey / das ohne den Koͤrper ſeine eige⸗ ne Beſtandheit hat: Nicht? — Richtig! — Du giebſt ferner zu, daß fie unvergaͤnglich 9? — Hiervon bin ich uͤberzeugt. — So weit, fuhr Sokrates fort, haben uns unſere Begriffe von der Natur der Ausdehnung und der Vorſtellung geführet. Aber nunmehro ent⸗ ehen Zweifel uber das zukünftige Schickſal des menſchlichen Geiſtes, das in ſo weit ein⸗ zig und allein von dem Willen und von dem Gutſinden des Allerhoͤchſten abhängt, Wird er den Geiſt des Menſchen in einem wachenden Zuſtande, des Gegenwaͤrtigen und des Vergan⸗ genen wohl bewußt, in Ewigkeit fortdauren laſſen? oder hat er denſelben beſtimmt, mit dem Hintritt ſeines Koͤrpers in einen dem Schlaf ähnlichen Zuſtand zu verſinken, und niemals zu erwachen? war es dieſes nicht / was dir noch ungewiß ſchien? — Eben dieſes / mein Sokra⸗ tes! — Daß eine gaͤnzliche Beraubung alles klaren Bewußtſeyns, aller Beſinnung, wenig⸗ J 4 ſtens 136 Phaͤdon ſtens auf eine kurze Zeit, nicht unmöglich ſey, lehret Schlaf, Ohnmacht, Schwindel, Entzüͤ⸗ cken, und tauſend andere Erfahrungen. Zwar iſt die Seele, in allen dieſen Faͤllen, noch an ihren Körper gefeſſelt, und muß ſich nach der Beſchaffenheit des Gehirns richten, das ihr in allen dieſen Schwachheiten nichts als unmerk⸗ liche, leicht verloͤſchliche Zuͤge darbeut. Hier⸗ von iſt kein Schluß auf den Zuſtand unſerer⸗ Seele, nach ihrer Scheidung von dem Koͤrper, zu ziehen; weil alsdann die Gemeinſchaſt zwi⸗ ſchen dieſen verſchiedenen Weſen aufgehoben wird der Koͤrper aufhoͤrt, das Werkzeug der Seele zu ſeyn, und die Seele ganz andern Geſetzen ſolgen muß, als die ihr hienieden vorgeſchrie⸗ ben ſind. Indeſſen iſt es genug fuͤr unſere Un⸗ gewißheit, daß der Mangel des klaren Bewußt⸗ ſeyns, wie etwa im Schlafe, der Natur eines Geiſtes nicht widerſpricht; denn wenn dieſes iſt, ſo ſcheinet unſere Furcht nicht ganz ungegruͤn⸗ det. — Aber wenn wir von dieſem fuͤrchterli⸗ chen Zweifel befreyet zu ſeyn wuͤnſchen, koͤnnen wir etwas mehr verlangen, als die Vergewiſſe⸗ rung, daß unſere Beſorgniß den Abſichten Got⸗ tes zuwider laufe, und von demſelben eben ſo wenig, als das ewige Elend feiner Geſchoͤpfe, hat * werden Runen? 1 Freylich, war de \ de \ Drittes Geſpraͤch. 137 Cebes Antwort, wenn wir nicht eine ueberten⸗ gung verlangen, die der Natur der unterſüch⸗ ten Sache zuwider laͤuft. Als ich dir meine Sweifel vorbrachte, mein theurer Freund! habe ich ſelbſt einige aus den Adſichten des Schöpfers entlehnte Gruͤnde angezeigt, die dein Lehrge⸗ baͤude hoͤchſt wahrſcheinlich machen; ich wuͤn⸗ ſche ſie aber aus deinem Munde zu empfangen, und meine Freunde wuͤnſchen es mit mir. Ich verſuche es, ſprach Sokrates, ob ich euch Gnuͤge leiſten kann. Antworte mir, mein Ce⸗ bes! wenn du befuͤrchteſt, mit dem Tode auf ewig alles wachende Bewußtſeyn deiner felbfl zu verlieren, beſorgeſt du etwa, daß dieſes Schickſal dem geſamten menſchlichen Geſchlech⸗ te, oder nur einem Theil deſſelben bevorſtehe? Werden wir alle von dem Tode hingerafft, und in der Sprache der Dichter zu reden, von ihm in die Arme ſeines Altern Bruders des ewigen Schlafes getragen? oder ſind einige von den Erdbewohnern beſtimmt, von jener himmliſchen Aurora zur Unſterblichkeit aufgeweckt zu werden? So bald wir einraͤumen, daß einem Theil des menſchlichen Geſchlechts die wahre Unſterblichkeit beſchieden iſt; ſo zweifelt Cebes wohl nicht ei⸗ nen Augenblick, daß dieſe Seligkeit den Gerech⸗ ten, de N der Goͤtter und Menſchen, J5 vor⸗ 138 Phaͤdon 138 Phaͤdon vorbehalten ſey? — Nein, mein Sokrates l die Götter. theilen den ewigen Tod gewiß fü ungerecht nicht aus, als die Athenienſer den zeitlichen. Ich bin uͤberdem der Meynung daß in dem weiſeſten Plane der Schoͤpfung ähnliche Weſen auch aͤhnliche Beſtimmungen haben, und mithin dem geſammten menſchli⸗ chen Geſchlechte nach dieſem Leben ein aͤhnli⸗ ches Schickſal bevorſtehen muͤſſe. Entweder ſte erwachen alle zu einem neuen Bewußtſeyn; und alsdann koͤnnen Anitus und Melitus ſelbſt wohl nicht zweifeln, daß der unterdruͤckten Unſchuld ein beſſeres Schickſal erwarte, als ihrer Verfolger; oder ſie endigen alle mit dieſem Leben ihre Beſtimmung, und kehren in den Zuſtand zuruͤck, aus welchem fie bey der Geburt gezogen worden; ihre Rollen rei⸗ chen nicht weiter, als auf die Bühne dieſes Lebens: am Ende treten die Schauſpieler ab, und werden wieder das, was ſie in dem ge⸗ meinen Leben ſonſt geweſen. Ich entſehe mich, mein theurer Freund! dieſe Gedan⸗ ken weiter zu verfolgen; denn ich merke, daß ſie mich auf offenbare Ungereimtheiten fuͤh⸗ ren. Das thut nichts, Cebes! antwortete jener: wir muͤſſen auch fuͤr die ſorgen, welche nicht ſo leicht bey einer ungereimten Folge ſchamroth werden. Aehnliche Weſen, haſt du be⸗ behauptet, mein Werther! müßten in dem weiſe⸗ ſten Plane der Schoͤpfung aͤhnliche Beſtimmun⸗ en haben! — Ja! — Alle erſchaffene We⸗ em, die denken und wollen, find einander aͤhn⸗ lich? — Allerdings! — Wenn auch dieſes rich⸗ tiger, wahrer, vollkommener denkt, mehr Gegenſtaͤnde umfaſſen kann, als jenes: ſo giebt es doch keine Grenzlinie, die ſie in verſchie⸗ dene Klaſſen trennet, ſondern ſie erheben ſich in unmerklichen Stuffen uͤbereinander, und machen ein einziges Geſchlecht aus: Nicht? — Dieſes muß zugegeben werden. — Und wenn es uͤber uns noch hoͤhere Geiſter giebt, die ſich einan⸗ der an unmerklichen Graden der Vollkommen⸗ heit uͤbertreffen, und dem unendlichen Geiſte allmaͤhlig naͤhern, gehoͤren ſie nicht alle, ſo viel ihrer erſchaffen find, zu einem einzigen Geſchlech⸗ te? — Richtig! — Wie ihre Eigenſchaften nicht weſentlich unterſchieden ſind, ſondern nur dem Grade nach, wie in einer ſtetigen Reihe, ſich allmählich erheben: fo muͤſſen auch ihre Beſtimmungen ſich im Weſentlichen aͤhnlich, nur in unmerklichen Graden von einander un⸗ terſchieden ſeyn. Denn in dem großen Plane der Schöpfung iſt alles nach den Regeln der allervollkommenſten Harmonie angeordnet: Das her auch die Beſtimmungen der Weſen mit ihren Vollkommenheiten und Eigenſchaften auf das 149 Phaͤdon das genaueſte uͤbereinſtimmen muͤſſen. Können. wir dieſes wohl in Zweifel ziehen? — Im ge⸗ ringſten nicht! — O! meine Freunde! die Fra⸗ ge, die wir hier unterſuchen, fängt an, in dem göttlichen Entwurfe des groſſen Weltalls von uns endlicher Wichtigkeit zu werden. Nicht das menſchliche Geſchlecht allein, die Entſcheidung geht das geſamte Reich der denkenden Weſen an. Sind ſie zur wahren Unſterblichkeit, zur ewigen Fortdauer ihres Bewußtſeyns und deut, lichen Selbſtgefuͤhks beſtimmt, oder hören dieſe Wohlthaten des Schoͤpfers nach einem kurzen Genuſſe wieder auf, und machen einer ewigen Vergeſſenheit Platz? In dem Ralhſchluſſe des Allerhoͤchſten muß, wie wir geſehen, die Frage in dieſer Allgemeinheit entſchieden worden ſeyn: werden wir nicht, bey unſerer Unterfüchung, ſie auch in dieſem allgemeinen Lichte zu betrach⸗ ten haben? — Wie es ſcheinet. — Aber je allgemeiner der Gegenſtand wird, fuhr Sokra⸗ tes fort, deſto ungereimter wird unſere Be⸗ ſorgniß. Alle endliche Geiſter haben anerfchafs fene Faͤhigkeiten, die ſich durch Uebung entwi⸗ ckeln und vollkommener machen. Der Menſch bearbeitet ſein angebornes Vermoͤgen zu empfin⸗ den und zu denken mit einer erſtaunenswerthen Geſchwindigkeit. Mit jeder Empfindung ſtroͤ⸗ met met ihm eine Menge von Erkenntniſſen zu, die der menſchlichen Zunge unausſprechlich ſind; und wenn er die Empfindungen gegen einander haͤlt, wenn er vergleichet, urtheilet, ſchließt, wählt, verwirft, fo vervielfaͤltiget er dieſe Mens ge ins Unendliche. Zu gleicher Zeit entfaltet eine unaufhoͤrliche Geſchaͤftigkeit die ihm ange⸗ bornen Faͤhigkeiten des Geiſtes, und bildet in ihm Witz, Verſtand, Vernunft, Erfindungs⸗ kraft, Empfindung des Schoͤnen und Guten, Großmuth, Menſchenliebe, Geſelligkeit, und wie die Vollkommenheiten alle heiſſen, die noch kein Sterblicher auf Erden hat unterlaſſen koͤn⸗ nen zu erwerben. Laß es ſeyn, daß wir man⸗ che Menſchen dumm, thoͤricht, gefuͤhllos, nie⸗ dertraͤchtig und grauſam ſchelten: vergleichungs⸗ weiſe koͤnnen dieſe Benennungen zuweilen Grund haben; aber noch hat kein Dummkopf gelebt, der nicht einige Merkmale des Verſtandes von ſich gegeben, und noch fein Tyrann, in deſſen Buſen nicht noch ein Funken von Menſchenlie⸗ be geglimmt haͤtte. Wir erwerben alle dieſel⸗ ben Vollkommenheiten, und der Unterſchied beſtehet nur in dem mehr und weniger; wir erwerben fie alle, ſage ich, meine Freunde! denn auch dem Gottloſeſten iſt es nie gelungen, feiner Beſtimmung ſchnurſtracks zuwider zu dan eln.
— 142 Pjhaͤdon deln. Er ſtreube, er widerſetze ſich mit der größten Hartnaͤckigkeit: fo wird fein Widerſtre⸗ ben ſelbſt einen angebohrnen Trieb zum Grunde haben, der urſpruͤnglich gut, und blos durch unrechte Anwendung verdorben ſeyn wird. Die⸗ ſe fehlerhafte Anwendung macht den Menſchen unvollkommen und elend; allein die Ausübung des urſpruͤnglich guten Triebes befördert gleich⸗ wohl, wider ſeinen Dank und Willen, den Endzweck ſeines Daſeyns. Auf ſolche Weiſe, meine Freunde! hat noch kein Menſch in dem wohlthaͤtigen umgange mit ſeinen Nebenmen⸗ ſchen gelebt, der nicht den Erdboden vollkom⸗ mener verlaſſen, als er ihn betreten hat. Mit der geſammten Reihe der denkenden Weſen hat es die nehmliche Beſchaffenheit: ſo lange ſie mit Selbſtgefuͤhl empfinden, denken, wollen, begehren, verabſcheuen, ſo bilden ſie die ihnen anerſchaffenen Fähigkeiten immer mehr aus; je laͤnger ſie geſchaͤftig ſind, deſto wirkſamer werden ihre Kräfte, deſto fertiger, ſchneller, unaufhaltſamer werden ihre Wirkungen, deſto. faͤhiger werden fie, in der Beſchauung des wah⸗ ren Schoͤnen und Vollkommenen ihre Seligkeit zu finden. Und wie? meine Freunde! alle die fe erworbenen, göttlichen Vollkommenheiten fahren dahin, wie leichter Schaum auf — Si | Waſ⸗ Waſſer, wie ein Pfeil durch die Luft ſſiegt, und laſſen keine Spuren hinter ſich, daß ſie jemals da geweſen ſind? Das kleinſte Sonnenſtaͤublein kann in der Natur der Dinge, ohne wunder⸗ thaͤtige Zernichtung, nicht verlohren gehen: und dieſe Herrlichkeiten ſollen auf ewig verſchwin⸗ den? ſollen in Abſicht auf die Weſen, von wel⸗ chen fie beſeſſen worden, ohne Folgen, ohne Nutzen, ſo anzuſehen ſeyn, als wenn ſie ihm niemals zugehoͤret Hätten? Was fir Begriffe don dem Plane der Schoͤpfung ſetzet dieſe Mey⸗ nung voraus! In dieſem allerweiſeſten Plane ft das Gute von unendlichem Nutzen, jede Vollkommenheit von unaufhoͤrlichen Folgen; doch nur die Vollkommenheit der einfachen, ſich ſelbſt fuͤhlenden Weſen, denen im eigentli⸗ chen Verſtande eine wirkliche Vollkommenheit zugeſchrieben werden kann; diejenige hingegen, welche wir in zuſammengeſetzten Dingen wahr⸗ nehmen, iſt vergaͤnglich und wandelbar, wie die Dinge ſelbſt, denen ſie zukoͤmmt. Um die⸗ ſes deutlicher zu machen, meine Freunde! muͤſ⸗ ſen wir den Unterſchied zwiſchen dem Einfachen und dem Zuſammengeſetzten abermals in Erwaͤ⸗ gung ziehen. Ohne Beziehung auf das Eins ſache, auf denkende Weſen, häben wir geſehen, kann dem Zuſammengeſetzten weder "Schönheit, ae | Ord⸗ 14 DPhaͤdon N Ordnung) Uebereinſtimmung, noch Vollkom⸗ menheit zugeſchrjeben, ja fie koͤnnen, ohne Dies fe Beziehung 7 nicht einmal zuſammengenom⸗ men werden, um Ganze auszumachen. Auch ſind ſie in dem groſſen Entwurfe dieſes Weltalls nicht um ihrer ſelbſt willen hervorgebracht wor⸗ den: denn ſie ſind leblos und ihres Daſeyns unbewußt, auch an und fuͤr ſich keiner Voll⸗ kommenheit faͤhig. Der Endzweck ihres Da⸗ ſeyns iſt vielmehr in dem lebenden und empfin⸗ denden Theile der Schöpfung zu ſuchen: das Lebloſe dient dem Lebendigen zu Werkzeugen der Empfindungen, und gewaͤhret ihm nicht nur ſinnliches Gefuͤhl von mannigfaltigen Dingen, ſondern auch Begriffe von Schoͤnheit, Ordnung, Ebenmaas, Mittel, Endzweck, Vollkommen, heit, oder wenigſtens den Stoff zu allen dieſen Begriffen; die ſich das denkende Weſen hernach / vermoͤge ſeiner innern Thätigkeit, ſelbſt bildet. Im Zuſammengeſetzten finden wir nichts fuͤr ſich beſtehendes, nichts das fortdauere, und von einiger Beftändigkeit fen « ſo daß man in dem zweyten Augenblick fagen koͤnne, es ſey noch das vorige. Indem ich euch hier anſehe, meine Freunde! ſo iſt nicht nur das Licht der Sonne, das von eurem Antlitze wiederſtrahlt/ in einem beſtaͤndigen Strome; ſondern = Leiber haben unterdeffen in ihrer innern Bil⸗ dung und Zuſammenfuͤgung unendliche Ver⸗ aͤnderungen gelitten: alle Theile derſelben ha⸗ ben aufgehört die vorigen zu ſeyn, ſie ſind in ſtetem Wechſel und Fluſſe von Veraͤnderungen, der ſie unablaͤßig mit ſich fortreißt. Wie die gluͤckſeligen Weiſen der vorigen Zeiten ſchon be⸗ merket, daß die koͤrperlichen Dinge nicht find; ſondern entſtehen und vergehen: nichts iſt in denſelben von Dauer und Beſtandheit; ſondern alles folget einem unaufhaltſamen Strome von Bewegungen, dadurch die zuſammengeſetzten Dinge ohne Unterlaß erzeugt und aufgelöfet werden. Dieſes hat auch Homer darunter ver⸗ ſtanden, wenn er den Ocean den Vater, und die Thetis die Mutter aller Dinge nennet: er hat damit anzeigen wollen, daß alle Dinge in der ſichtbaren Welt durch den ſteten Wechſel ent⸗ ſtehen, und, wie in einem fortſtroͤmenden Welt⸗ meer, nicht einen Augenblick an der 3 Stelle bleiben.
Iſt nun das Zuſammengeſetzte an ſich ſelbſt keines Fortdauerns faͤhig: wie viel weniger wird es ihre Vollkommenheit ſeyn, die ihnen, wie wir geſehen, niemals an und für ſich felbft, ſon⸗ dern nur in Beziehung auf das Empfindende Phaͤdon. 8 und 146 Phaͤdon und Denkende in der Schöpfung zugeſchrieben werden kann? Dahero ſehen wir in der leblo⸗ ſen Schoͤpfung das Schoͤne verwelken und auf⸗ bluͤhen / das Vollkommene verderben und in einer andern Geſtalt wieder zum Vorſcheine kommen, ſcheinbare Unordnung und Regelmaͤßigkeit, Hate monie und Mißſtimmung, Angenehmes und Widriges, Gutes und Boͤſes in unendlicher Mannigfaltigkeit mit einander abwechſeln, ſo wie es Gebrauch, Nutzen, Bequemlichkeit, Luſt und Gluͤckſeligkeit der lebendigen Dinge erfordert, um deren willen jene hervorgebracht worden.
Der lebendige Theil der Schöpfung enthält - zwo Klaſſen, finnlichempfin dende und denkende Naturen. Beide haben dieſes gemein, daß ſie von fortdaurendem Weſen ſind, eine innere fuͤr ſich beſtehende Vollkommenheit befigen und ges nieſſen koͤnnen. Wir finden bey allen Thieren, die dieſen Erdboden bedecken, daß ihre Empfin⸗ dungen, ihre Kenntniſſe / ihre Begierden, ihre eingepftanzten Naturtriebe auf das wunderbar⸗ ſte mit ihren Beduͤrfniſſen uͤbereinſtimmen, und insgeſamt auf ihre Erhaltung, Bequemlichkeit und Fortpflanzung, auch zum Theil auf das Wohlſeyn ihrer Nachkommen abzielen. Dieſe Harmonie wohnet ihnen innerlich bey; denn al⸗ le dieſe Fuͤhlungen und Naturtriebe ſind Be⸗ ſchaffenheiten des einfachen, unkoͤrperlichen We⸗ ſens, das ſich in ihnen ſeiner ſelbſt und ande⸗ rer Dinge bewußt iſt: daher beſitzen fie eine wah⸗ re Vollkommenheit, die nicht erſt in Beziehung auf andere auſſer ihnen fo genennet werden darf⸗ fondern ihre Beſtandheit und ihr Fortdauren⸗ des fuͤr ſich hat. Sind die lebloſen Dinge zum Theil ihrentwegen da, damit ſie Unterhaltung, Luſt und Bequemlichkeit finden ſollen: ſo ſind ſie ihrer Seits auch faͤhig, dieſe Wohlthaten zu genieſſen, Luſt und Unluſt, Angenehmes und Widriges, Verlangen und Abſcheu, Wohlſeyn und Ungluͤckſeligkeit zu fuͤhlen, und dadurch in⸗ nerlich vollkommen oder unvollkommen zu wer⸗ den. Sind die lebloſen Dinge die Mittel ge⸗ weſen, derer ſich der allerweiſeſte Schoͤpfer be⸗ dienet: ſo gehoͤren die Thiere ſchon mit zu ſei⸗ nen Abſichten: denn um ihrentwillen iſt ein Theil des Lebloſen hervorgebracht worden, und fie beſitzen das Vermögen zu genieſſen, und Das durch in ihrer innern Natur uͤbereinſtimmend und vollkommen zu werden. Hingegen bemer⸗ ken wir bey ihnen, ſo wie wir ſie auf dem Erd⸗ boden vor uns ſehen, keinen beſtaͤndigen Fort⸗ / K 2 gang 148. baden 148. baden gang zu einer hoͤhern Stufe der 8 heit. Sie erhalten ohne Unterweiſung, ohne Ueberlegung, ohne Uebung, ohne Vorſatz und Wiſſensbegierde, gleichſam unmittelbar aus der Hand des Allmaͤchtigen, diejenigen Gaben, Fer⸗ tigkeit und Triebe, die zu ihrer Erhaltung und Fortpflanzung noͤthig ſind. Ein mehreres er⸗ werben ſie nicht, und wenn ſie Jahrhunderte leben, oder ſich unendlich vermehren und forts pflanzen. Sie können auch das Erhaltene we⸗ der verbeſſern noch verſchlimmern, auch keinen andern mittheilen; ſondern uͤben es auf die ih⸗ nen eingepflanzte Weiſe aus, fo lange es ihren Umſtaͤnden zutraͤglich iſt, und hernach ſcheinen ſie es wohl ſelber wieder zu vergeſſen. Durch menſchlichen Unterricht koͤnnen zwar einige Haus⸗ thiere etwas weniges erlernen, und zum Kriege, oder zu geringen haͤuslichen Verrichtungen ge⸗ wöhnet und gezogen werden: fie zeigerk' aber durch die Art und Weiſe, wie ſie dieſen Unter⸗ richt annehmen, zur Gnuͤge, daß ihr Leben hie⸗ nieden nicht beſtimmt ſey, ein beſtaͤndiger Fort⸗ gang zur Vollkommenheit zu ſeyn; ſondern daß ein gewiſſer Grad der Faͤhigkeit, den ſie errei⸗ chen, auch ihr letztes Ziel ſey, und daß fie von ſelbſt nie weiter ſtreben, nie hoͤhere Dinge zu begin⸗ beginnen von innen angetrieben werden. Nun iſt zwar dieſes Stillſtehen, dieſe dumme Zu⸗ friedenheit mit dem Erreichten, ohne ſich er⸗ heben und empor ſchwingen zu wollen, ein Zeichen, daß ſie in dem großen Entwurfe der Schoͤpfung nicht das letzte Ziel geweſen, ſon⸗ dern als niedrige Abſichten zugleich Mittel abgeben, und. Dingen von wüͤrdigern und erhabenern Beſtimmungen in Erfuͤllung der Endabſichten Gottes behuͤlfiich ſeyn ſollten. Allein die Quelle des Lebens und der Em⸗ pfindungen in ihnen iſt ein einfaches fuͤr ſich beſtehendes Weſen, das unter allen Abaͤnde⸗ rungen, die es in dem Laufe der Dinge leidet, etwas Beſtaͤndiges und Fortdaurendes hat; daher die Eigenſchaften, die es einmal durch Erlernen, oder als ein unmittelbares Geſchenk von der, Hand des Allguͤtigen er⸗ halten, ihm eigen hümiich zukommen) durch natuͤrliche Wege nie wieder gaͤnzlich verſchwin⸗ den, ſondern von unaufhoͤrlichen Folgen ſeyn muͤſſen. Da dieſe empfindliche Seele natuͤrli⸗ cher Weiſe nie aufhoͤrt zu ſeyn, fo Hört ſie auch nie auf, die Abſichten Gottes in der Natur zu befördern, und fie: wird mit jeder Dauer ihres Daſeyns immer tüchtiger und tuͤchtiger ihres Urhebers großen Endzweck in Erfüllung bringen 150 E Phadon 150 E Phadon zu helfen. Dieſes iſt der unendlichen Weisheit gemaͤß, mit welcher der Plan dieſes Weltalls in dem Rathe der Goͤtter iſt entworfen worden. Alles iſt in unaufhoͤrlicher Arbeit und Bemuͤ⸗ hung, gewiſſe Abſichten in dieſem Plane zu er⸗ füllen; einer jeden wahren Subſtanz ziſt eine ums abſehbare Folge und Reihe von Verrichtungen vorgeſchrieben die ſie nach und nach bewirken muß, und die wirkende Subſtanz wird allezeit durch die letzte Verrichtung tuͤchtiger, die naͤchſt, folgende auszuführen. Nach dieſen Grundſaͤtzen iſt das geiſtige Weſen, das die Thiere belebt, von unendlicher Dauer, und faͤhret auch in Ewigkeit fort, die Abſichten Gottes in der Reihe und Stufenfolge zu erfüllen, die ihm in dem all⸗ gemeinen Plane angewieſen worden.
Ob dieſe thieriſchen blos ſinnlich empfinden. den Naturen mit der Zeit ihre niedrige Stufe verlaſſen, und von einem Winke des Allmaͤch⸗ tigen gelockt, ſich in die Sphäre der Geiſter emporſchwingen werden, läßt. ſich mit keiner Gewißheit ausmachen, wiewohl ich ſehr geneigt bin, es zu glauben.
Die vernünftigen Naturen und Geier * men in dem groſſen Weltall N ſo wie insbeſon⸗ dere dere der Menſch auf dieſem Erdboden, die vor. nehmſte Stelle ein. Dieſem Unterherrn der Schoͤpfung ſchmuͤckt ſich die Natur in ihrer jung⸗ fraͤulichen Schönheit, Ihm dienet das Lebloſe, nicht nur zum Nutzen und Bequemlichkeit, nicht nur zur Nahrung / Kleidung, Wohnung‘, und zum ſichern Aufenthalt ſondern vornehmlich zur Ergögung und zum Unterrichtez und die er⸗ habenſten Sphaͤren, die entfernteſten Geſtirne, die kaum mit dem Auge entdeckt werden koͤn⸗ nen, muͤſſen ihm in dieſer Abſicht nuͤtzlich ſeyn. Wollt ihr ſeine Beſtimmung hienieden wiſſen: ſo ſehet nur, was er hieniden verrichtet. Ee bringet auf dieſen Schauplatz weder. Fertigkeit noch Naturtrieb „ noch angebornes Geſchick, weder Wehr noch Schutz mit, und erſcheinet bey feinem erſten Auftritte duͤrftiger und Hulp Jofer, als das unvernuͤnftige Thier. Aber die Beſtrebung und die Faͤhigkeit ſich vollkommener zu machen, dieſe erhabenſten Geschenke, deren eine erſchaffene Natur faͤhig iſt, erſetzen viel⸗ faͤltig den: Ahgang jener viehiſchen Triebe und Fertigkeiten, die keine Verbeſſerung, keinen hoͤ⸗ bern Grad der Vollkommenheit je annehmen konnen. Kaum genießt er das Licht der Son⸗ aun, ſo arbeitet ſchon **. Natur, ihn voll⸗ 152 Pthaͤdon — vollkommener zu machen: dieſes ſchaͤrfet ſeine Sinne, Einbildungskraft, und Erinnerungs⸗ vermoͤgen; jenes uͤbet ſeine edlern Erkenntniß⸗ gründe, bearbeitet feinen Verſtand, feine Ver⸗ nunft, feinen Witz, feine Scharfſinnigkeit; das Schoͤne in der Natur bildet ſeinen Geſchmack und verfeinert ſeine Empfindung; das Erha⸗ bene erregt ſeine Bewunderung, und erhebt ſei⸗ ne Begriffe gleichſam uͤber die Sphaͤre dieſer Vergaͤnglichkeit hinweg. Ordnung, Ueberein⸗ ſtimmung, und Ebenmaas dienen ihm nicht nur zum vernünftigen. Ergoͤtzen, ſondern beſchaͤſti⸗ gen ſeine Gemuͤthskraͤfte alle in gehoͤriger und ihrer Vollkommenheit zutraͤglicher Harmonie. Bald tritt er mit ſeines gleichen in Geſellſchaft, um ſich wechſelsweiſe die Mittel zur Gluͤckſe⸗ ligkeit zu erleichtern: und ſiehe! es zeigen und bilden ſich an ihm in dieſer Geſellſchaft Höhere Vollkommenheiten, die bisher wie in einer Knoſpe eingewickelk geweſen. Er erlanget Pfichten, Rechte, Befugniſſe, und Obliegenheiten, die ihn in die Klaſſe moraliſcher Naturen erheben; es entſtehen Begriffe von Gerechtigkeit, Billig⸗ keit, Anſtaͤndigkeit, Ehre Anſehen, Rad ruhm. Der eingeſchraͤnkte Trieb der Familien⸗ liebe wird in Liebe zum Vaterlande, zum gan⸗ 8 4 zen Drittes Gefpräch. 153 zen menſchlichen Geſchlecht erweitert, und aus dem angebohrnen Keime des Mitleidens entſproſ⸗ ſen Wohlwollen, Mildthätigkeit, und Groß⸗ muth.
Rach und nach bringet der Umgang, die Ge⸗ ſelligkeit, das Geſpraͤch, die Aufmunterung alle ſittliche Tugenden zur Reife, ſie entzuͤnden das Herz zur Freundſchaft, die Bruſt zur Tapfer⸗ keit, und den Geiſt zur Wahrheitsliebe; brei, ten einen Wetteifer von Dienſt und Gegendienſt, Liebe und Gegenliebe, eine Abwechſelung von Ernſt und Scherz, Tiefſinn und Munterkeit, uber: das menſchliche Leben aus, die alle ein⸗ ſamen und ungeſelligen Wolluͤſte an Suͤßigkeit uͤbertreffen. Daher auch der Beſttz aller Güter dieſer Erde, der Genuß der feurigſten Wolluͤſte uns nicht behagt, wenn wir ſie in der Einſam⸗ keit beſitzen und genieſſen ſollen; und die erha⸗ benſten und praͤchtigſten Gegenſtaͤnde der Natur ergoͤtzen das geſellige Thier, den Menſchen, nicht ſo ſchr uls ein Anblick von feinem Bituesfhen, Erlanget nun dieſes vernünftige Geſchöf erf wahre Begriffe von Gott und ſeinen Eigenfchaß ten, o! welch ein kuͤhner Schritt zu einer hoͤ⸗ hern Vollkommenheit! Aus der Gemeinſchaft K 5 mit 154 Phaͤdon mit dem Nebengeſchoͤpfe tritt er in eine Ge⸗ meinſchaft mit dem Schoͤpfer, erkennet das Verhaͤltniß, in welchem er, das ganze menſch⸗ liche Geſchlecht, alles Lebendige und alles Leb⸗ loſe, mit dieſem Urheber und Erhalter des Gan⸗ zen ſtehen; die groſſe Ordnung von Urſachen und Wirkungen in der Natur wird ihm nunmehr auch zu einer Ordnung von Mitteln und Ab⸗ ſichten; was er bisher auf Erden genoſſen, ward ihm wie aus den Wolken zugeworfen: nun⸗ mehr zertheilen ſich dieſe Wolken, und er ſiehet den freundlichen Geber, der ihm alle dieſe Wohl⸗ thaten hat zufieſſen laſſen. Was er an Leib und an Gemuͤthe fuͤr Eigenſchaften, Gaben und Geſchicklichkeiten beſitzet, erkennet er als Ge⸗ ſchenke dieſes guͤtigen Vaters; alle Schoͤnheit, alle Harmonie, alles Gute, alle Weisheit, Vor⸗ ſicht, Mittel und Endzwecke, die er bisher in der ſichtbaren und unſichtbaren Welt erkannt, betrachtet er als Gedanken des Allerweiſeſten, die er ihm in dem Buche der Schoͤpfung zu le⸗ ſen gegeben, um ihn zur hoͤhern Vollkommen⸗ heit zu erziehen. Dieſem liebreichen Vater und Erzieher, dieſem gnaͤdigen Regenten der Welt heiliget er zugleich alle Tugenden ſeines Her⸗ dens, und ſie gewinnen in feinen Augen einen E goͤtt⸗ Drittes Geſpräch. 155 | göttlichen Glanz, da er weiß, daß er durch fie, und durch ſie allein dem Allguͤtigen wohlgefal⸗ len kann. Die Tugend allein fuͤhret zur Gluͤck⸗ ſeligkeit, und wir koͤnnen dem Schöpfer nicht anders wohlgefallen, als wenn wir nach un⸗ ſerer wahren Gluͤckſeligkeit ſtreben. Welch eine Hoͤhe hat der Menſch in dieſer Verfaſſung auf Erden erreichet! Betrachtet ihn, meine Freun⸗ de! den wohlgeſinnten Buͤrger im Staate Got⸗ tes, wie alle ſeine Gedanken, Wuͤnſche, Nei⸗ gungen und Leidenſchaften unter ſich harmoni⸗ ren, wie ſie alle zum wahren Wohlſeyn des Geſchoͤpfes, und zur Verherrlichung des Schoͤ⸗ pfers abzielen! O! wenn die Welt nur ein ein⸗ ziges Geſchoͤpf von dieſer Vollkommenheit auf⸗ zuweiſen haͤtte, wollten wir anſtehen, in die⸗ ſem Nachahmer der Gottheit, in dieſem Gegen⸗ ſtande des göttlichen Wohlgefallens, den letzten Endzweck der Schoͤpfung zu ſuchen?
Zwar treffen alle Zuͤge dieſes Gemaͤldes nichl den Menſchen uͤberhaupt, ſondern nur wenige Edle, die eine Zierde des menſchlichen Ge⸗ ſchlechts ſind; allein dieſes mag allenfalls die Grenzlinie ſeyn zwiſchen Menſchen und hoͤhern Geiſtern. Genug, daß fie alle zu derſelben 186 Phaͤdon Klaſſe gehoͤren, und ihr Unterſchied nur n dem Mehr und Weniger beſtehet. Von un wiſſendſten Menſchen bis zum vollkommenſten unter den erſchaffenen Geiſtern haben alle die der Weisheit Gottes ſo anſtaͤndige, und ihren eignen Kraͤften und Faͤhigkeiten ſo an⸗ gemeſſene Beſtimmung / ſich und andere voll kommener zu machen. Dieſer Pfad iſt ihnen vorgezeichnet, und der verkehrteſte Wille kann Niemanden ganz davon abfuͤhren. Alles, was lebt und denkt, kann nicht unterlaſſen, ſeine Erkenntniß und ſeine Begehrungskraͤfte zu uͤben, auszubilden, in Fertigkeiten zu verwandeln, mithin mehr oder weniger, mit ſtaͤrkern oder ſchwaͤchern Schritten ſich der Vollkommenheit zu naͤhern. Und dieſes Ziek, wann wird es erreicht? Wie es ſcheinet niemals » fo voͤllig, daß der Weg zu eis nem fernern Fortgange verſperret ſeyn ſollte: denn erſchaffene Naturen koͤnnen niemals ei⸗ ne Vollkommenheit erreichen, uͤber welche ſich nichts gedenken lieſſe. Je hoͤher ſie klim⸗ men, deſto mehr ungeſehene Fernen entwoͤl⸗ ken ſich ihren Augen, die ihre Schritte an⸗ ſpornen. Das Ziel dieſes Beſtrebens beſtehet, wie das Weſen der Zeit, in der Fortſchreitung. Durch die Nachahmung Gottes kann man ſich als Drittes Geſpräch. 157 allmaͤhlig feinen Vollkommenheiten naͤhern / und in dieſer Naͤherung beſtehet die Gluͤckſeligkeit der Geiſter; aber der Weg zu denſelben iſt uns endlich, kann in Ewigkeit nicht ganz zuruͤck ges leget werden. Daher kennet das Fortſtreben in dem menſchlichen Leben keine Grenzen. Eine jede menſchliche Begierde zielet an und fuͤr ſich ſelbſt in die Unendlichkeit hinaus. Unſere Wiſ⸗ ſensbegierde iſt unerſaͤttlich, unſer Ehrgeiz uns erfaͤttlich, ja der niedrige Geldgeiz ſelbſt quaͤlet und beunruhiget, ohne jemals eine voͤllige Be⸗ friedigung zu geſtatten. Die Empfindung der Schoͤnheit ſuchet das Unendliche; das Erhabene reizet uns blos durch das Unergruͤndliche, das ihm anhaͤngig: die Wolluſt eckelt uns, ſo bald ſie die Grenzen der Saͤttigung beruͤhret. Wo wir Schranken ſehen, die nicht zu uͤberſteigen And, da fuͤhlet ſich unſere Einbildungskraft wie in Feſſel geſchmiedet, und die Himmel ſelbſt ſcheinen unſer Daſeyn in gar zu enge Raͤume einzuſchlieſſen: daher wir unſrer Einbildungs⸗ kraft ſo gern den freyen Lauf laſſen, und die Grenzen des Raumes ins Unendliche hinaus ſe⸗ den. Dieſes endloſe Beſtreben, das fein Ziel immer weiter hinausſtreckt, iſt dem Weſen, den Eigenſchaften, und der Beſtimmung der Gei⸗ ſter 158 PpPthaͤdon ſter angemeſſen, und die wundervollen Werke des Unendlichen enthalten Stoff und Rahrung genug, dieſes Beſtreben in Ewigkeit zu unter⸗ halten: je mehr wir in ihre Geheimniſſe eindrin⸗ gen, deſto weitere Ausſichten thun ſich unſern gierigen Blicken auf; je mehr wir ergruͤnden, deſto mehr finden wir zu erforſchen; je mehr wir genieſſen, deſto unerſchoͤpſticher iſt die Quelle.
Wir koͤnnen alſo, fuhr Sokrates fort, mit gutem Grunde annehmen, dieſes Fortſtreben zur Vollkommenheit, dieſes Zunehmen, dieſes Wachsthum an innerer Vortreflichkeit ſey die Beſtimmung vernuͤnftiger Weſen, mithin auch der hoͤchſte Endzweck der Schoͤpfung. Wir koͤn⸗ nen ſagen, dieſes unermeßliche Weltgebaͤude ſey hervorgebracht worden, damit es vernuͤnſtige Weſen gebe, die von Stufe zu Stufe fort, ſchreiten, an Vollkommenheit allmaͤhlig zunehmen, und in dieſer Zunahme ihre Gluͤckſeligkeit finden moͤgen. Daß dieſe nun ſaͤmtlich mitten auf dem Wege ſtille ſtehen, nicht nur ſtille ſtehen, ſon⸗ dern auf einmal in den Abgrund zuruͤck geſtoſ⸗ fen werden, und alle Früchte ihres Bemuͤhem verlieren ſollten, dieſes kann das allerhoͤchſte Weſen unmoͤglich beliebet, und in den Plan Ä | des des Weltalls gebracht haben, der ihm vor als len wohlgefallen hat. Als einfache Weſen ſind ſie unvergaͤnglich; als fuͤr ſich beſtehende Na⸗ turen ſind auch ihre Vollkommenheiten fort⸗ daurend und von unendlichen Folgen; als ver. nünftige Weſen ſtreben fie nach einem unauf⸗ hoͤrlichen Wachsthum und Fortgang in der Voll⸗ kommenheit: die Natur bietet ihnen zu dieſem endloſen Fortgange hinlaͤnglichen Stoff dar; und als letzter Endzweck der Schoͤpfung koͤn⸗ nen ſie keiner andern Abſicht nachgeſetzt, und deswegen im Fortgange oder Beſitze ihrer Voll⸗ kommenheiten vorſetzlich geſtoͤrt werden. Iſts der Weisheit anſtaͤndig, eine Welt deswegen hervorzubringen, damit die Geiſter, die ſie hin⸗ einſetzt, ihre Wunder betrachten, und gluͤckſe⸗ lig ſeyn mögen, und einen Augenblick darauf dieſen Geiſtern ſelbſt die Faͤhigkeit zur Betrach⸗ tung und Gluͤckſeligkeit auf ewig zu entziehen? Iſts der Weisheit anſtaͤndig, ein Schattenwerk der Gluͤckſeligkeit, das immer koͤmmt und im⸗ mer vergehet, zum letzten Ziel ihrer Wunder⸗ thaten zu machen? O nein! meine Freunde! nicht umſonſt hat uns die Vorſehung ein Ver⸗ langen nach ewiger Gluͤckſeligkeit eingegeben: es kann und wird befriediget werden. Das ze ziel.
160 Phaͤdon Ziel der Schöpfung dauert fo lange / als die Schoͤpfung; die Bewunderer goͤttlicher Voll⸗ kommenheiten ſo lange, als das Werk, in wel⸗ chem dieſe Vollkommenheiten ſichtbar ſind. So wie wir hienieden dem Regenten der Welt die⸗ nen, indem wir unſere Faͤhigkeiten entwickeln: ſo werden wir auch in jenem Leben unter ſeiner göttlichen Obhut fortfahren, uns in Tugend und Weisheit zu uͤben, uns unaufhoͤrlich vollkom⸗ mener und tuͤchtiger zu machen, die Reihe der goͤttlichen Abſichten zu erfuͤllen, die ſich von uns hin in das Unendliche erſtreckt. Irgend⸗ wo auf dieſem Wege ſtille ſtehen, ſtreitet offen⸗ bar mit der göttlichen Weisheit, Guͤtigkeit oder Allmacht; hat, fo wenig als das allerhoͤchſte Elend unſchuldiger Geſchoͤpfe, von dem voll⸗ kommenſten Weſen bey dem Entwurfe des Welt, plans beliebet werden koͤnnen.
Wie beklagenswerth iſt das Schickſal eines Sterblichen, der ſich durch ungluͤckliche Sophi⸗ ſtereyen um die troͤſtliche Erwartung einer Zu⸗ kunft gebracht hat! Er muß üher feinen Zuſtand nicht nachdenken, und wie in einer Betaͤubung dahin leben, oder verzweifeln. Was iſt der n m ſchrecklicher, als die Zernich⸗ tung?