SigPhi · Nietzsche

Der Wille zur Macht Eine Auslegung alles Geschehens (German)

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solcher, an denen uns gelegen sein muß, um uns zu erhalten. *Bewußtsein ist so weit da, als Bewußtsein nützlich ist.* Es ist kein Zweifel, daß alle Sinneswahrnehmungen gänzlich durchsetzt sind mit *Werturteilen* (nützlich und schädlich -- folglich angenehm oder unangenehm). Die einzelne Farbe drückt zugleich einen Wert für uns aus (obwohl wir es uns selten oder erst nach langem, ausschließlichem Einwirken derselben Farbe eingestehen, zum Beispiel Gefangene im Gefängnis oder Irre).

Deshalb reagieren Insekten auf verschiedene Farben anders: einige lieben diese, andere jene, zum Beispiel Ameisen.

294.

Diese perspektivische Welt, diese Welt für das Auge, Getast und Ohr ist sehr falsch, verglichen schon für einen sehr viel feineren Sinnenapparat. Aber ihre Verständlichkeit, Übersichtlichkeit, ihre Praktikabilität, ihre Schönheit beginnt *aufzuhören*, wenn wir unsre Sinne *verfeinern*: ebenso hört die Schönheit auf beim Durchdenken von Vorgängen der Geschichte; die Ordnung des *Zwecks* ist schon eine Illusion. Genug, je oberflächlicher und gröber zusammenfassend, um so *wertvoller*, bestimmter, schöner, bedeutungsvoller *erscheint* die Welt. Je tiefer man hineinsieht, um so mehr verschwindet unsere Wertschätzung, -- die *Bedeutungslosigkeit naht sich*! Wir haben die Welt, welche Wert hat, geschaffen! Dies erkennend, erkennen wir auch, daß die Verehrung der Wahrheit schon die *Folge* einer *Illusion* ist -- und daß man mehr als sie die bildende, vereinfachende, gestaltende, erdichtende Kraft zu schätzen hat.

„Alles ist falsch! Alles ist erlaubt!“ Erst bei einer gewissen Stumpfheit des Blickes, einem Willen zur Einfachheit stellt sich das Schöne, das „Wertvolle“ ein: an sich ist es, *ich weiß nicht was*.

295.

Erst *Bilder* -- zu erklären, wie Bilder im Geiste entstehen. Dann *Worte*, angewendet auf Bilder. Endlich *Begriffe*, erst möglich, wenn es Worte gibt -- ein Zusammenfassen vieler Bilder unter etwas Nicht-Anschauliches, sondern Hörbares (Wort). Das kleine bißchen Emotion, welches beim „Wort“ entsteht, also beim Anschauen ähnlicher Bilder, für die ein Wort da ist -- diese schwache Emotion ist das Gemeinsame, die Grundlage des Begriffes. Daß schwache Empfindungen als gleich angesetzt werden, als *dieselben* empfunden werden, ist die Grundtatsache. Also die Verwechslung zweier ganz benachbarten Empfindungen in der *Konstatierung* dieser Empfindungen; -- wer aber konstatiert? Das *Glauben* ist das Uranfängliche schon in jedem Sinneseindruck: eine Art Ja-sagen *erste* intellektuelle Tätigkeit! Ein „Für-wahr-halten“ im Anfange! Also zu erklären: wie ein „Für-wahr-halten“ entstanden ist! Was liegt für eine Sensation *hinter* „wahr“?

296.

Widerspruch gegen die angeblichen „Tatsachen des Bewußtseins“. Die Beobachtung ist tausendfach schwieriger, der Irrtum vielleicht *Bedingung* der Beobachtung überhaupt.

297.

Kritik der neuen Philosophie: fehlerhafter Ausgangspunkt, als ob es „Tatsachen des Bewußtseins“ gäbe -- und keinen *Phänomenalismus* in der 298.

„Bewußtsein“ -- inwiefern die vorgestellte Vorstellung, der vorgestellte Wille, das vorgestellte Gefühl (*das uns allein bekannte*) ganz oberflächlich ist! „Erscheinung“ auch unsre *innere* Welt!

299.

Umdrehung*, so daß die Ursache später ins Bewußtsein tritt als die Wirkung. -- Wir haben gelernt, daß der Schmerz an eine Stelle des Leibes projiziert wird, ohne dort seinen Sitz zu haben --: wir haben gelernt, daß die Sinnesempfindung, welche man naiv als bedingt durch die Außenwelt ansetzt, vielmehr durch die Innenwelt bedingt ist: daß die eigentliche Aktion der Außenwelt immer *unbewußt* verläuft...Das Stück Außenwelt, das uns bewußt wird, ist nachgeboren nach der Wirkung, die von außen auf uns geübt ist, ist nachträglich projiziert als deren „Ursache“...In dem Phänomenalismus der „innern Welt“ kehren wir die Chronologie von Ursache und Wirkung um. Die Grundtatsache der „inneren Erfahrung“ ist, daß die Ursache imaginiert wird, nachdem die Wirkung erfolgt ist...Dasselbe gilt auch von der Abfolge der Gedanken: -- wir suchen den Grund zu einem Gedanken, bevor er uns noch bewußt ist: und dann tritt zuerst der Grund und dann dessen Folge ins Bewußtsein...Unser ganzes Träumen ist die Auslegung von Gesamtgefühlen auf mögliche Ursachen: und zwar so, daß ein Zustand erst bewußt wird, wenn die dazu erfundene Kausalitätskette ins Bewußtsein getreten ist.

Die ganze „innere Erfahrung“ beruht darauf, daß zu einer Erregung der Nervenzentren eine Ursache gesucht und vorgestellt wird -- und daß erst die gefundene Ursache ins Bewußtsein tritt: diese Ursache ist schlechterdings nicht adäquat der wirklichen Ursache, -- es ist ein Tasten auf Grund der ehemaligen „inneren Erfahrungen“, das heißt des Gedächtnisses. Das Gedächtnis erhält aber auch die Gewohnheit der alten Interpretationen, das heißt der irrtümlichen Ursächlichkeit, -- so daß die „innere Erfahrung“ in sich noch die Folgen aller ehemaligen falschen Kausalfiktionen zu tragen hat. Unsere „Außenwelt“, wie wir sie jeden Augenblick projizieren, ist unauflöslich gebunden an den alten Irrtum vom Grunde: wir legen sie aus mit dem Schematismus des „Dings“ usw.

Die „innere Erfahrung“ tritt uns ins Bewußtsein erst nachdem sie eine Sprache gefunden hat, die das Individuum *versteht* -- das heißt eine Übersetzung eines Zustandes in ihm *bekanntere* Zustände --: „verstehen“ das heißt naiv bloß: etwas Neues ausdrücken können in der Sprache von etwas Altem, Bekanntem. Zum Beispiel „ich befinde mich schlecht“ -- ein solches Urteil setzt eine *große und späte Neutralität des Beobachtenden* voraus --: der naive Mensch sagt immer: das und das macht, daß ich mich schlecht befinde, -- er wird über sein Schlechtbefinden erst klar, wenn er einen Grund sieht, sich schlecht zu befinden...Das nenne ich den *Mangel an Philologie*; einen Text *als Text* ablesen können, ohne eine Interpretation dazwischen zu mengen, ist die späteste Form der „inneren Erfahrung“, -- vielleicht eine kaum mögliche...300.

Das *Bewußtsein*, -- ganz äußerlich beginnend, als Koordination und Bewußtwerden der „Eindrücke“ -- anfänglich am weitesten entfernt vom biologischen Zentrum des Individuums; aber ein Prozeß, der sich vertieft, verinnerlicht, jenem Zentrum beständig annähert.

301.

Ursprünglich Chaos der Vorstellungen. Die Vorstellungen, die sich miteinander vertrugen, blieben übrig, die größte Zahl ging zugrunde -- und geht zugrunde.

302.

*Rolle des „Bewußtseins“.* -- Es ist wesentlich, daß man sich über die Rolle des „Bewußtseins“ nicht vergreift: es ist unsere *Relation mit der „Außenwelt“, welche es entwickelt hat*. Dagegen die *Direktion*, respektive die Obhut und Vorsorglichkeit in Hinsicht auf das Zusammenspiel der leiblichen Funktionen tritt uns *nicht* ins Bewußtsein; ebensowenig als die geistige *Einmagazinierung*: daß es dafür eine oberste Instanz gibt, darf man nicht bezweifeln: eine Art leitendes Komitee, wo die verschiedenen *Hauptbegierden* ihre Stimme und Macht geltend machen. „Lust“, „Unlust“ sind Winke aus dieser Sphäre her: der *Willensakt* insgleichen: die *Ideen* insgleichen.

*~In summa~*: Das, was bewußt wird, steht unter kausalen Beziehungen, die uns ganz und gar vorenthalten sind, -- die Aufeinanderfolge von Gedanken, Gefühlen, Ideen im Bewußtsein drückt nichts darüber aus, daß diese Folge eine kausale Folge ist: es ist aber *scheinbar so*, im höchsten Grade. Auf diese *Scheinbarkeit* hin haben wir unsere ganze gibt es alles nicht: es sind fingierte Synthesen und Einheiten) und diese wieder in die Dinge, *hinter* die Dinge projiziert!

Gewöhnlich nimmt man das Bewußtsein selbst als Gesamtsensorium und oberste Instanz; indessen, es ist nur ein *Mittel* der *Mitteilbarkeit*: es ist im Verkehr entwickelt, und in Hinsicht auf Verkehrsinteressen...„Verkehr“ hier verstanden auch von den Einwirkungen der Außenwelt und den unsererseits dabei nötigen Reaktionen; ebenso wie von unseren Wirkungen nach außen. Es ist nicht die Leitung, sondern ein *Organ der Leitung*.

303.

Die Sinneswahrnehmungen nach „außen“ projiziert: „innen“ und „außen“ -- da kommandiert der *Leib* --?

Dieselbe gleichmachende und ordnende Kraft, welche im Idioplasma waltet, waltet auch beim Einverleiben der Außenwelt: unsere Sinneswahrnehmungen sind bereits das *Resultat* dieser *Anähnlichung* und *Gleichsetzung* in bezug auf *alle* Vergangenheit in uns; sie folgen nicht sofort auf den „Eindruck“ -- 304.

In betreff des *Gedächtnisses* muß man umlernen: hier steckt die Hauptverführung, eine „Seele“ anzunehmen, welche zeitlos reproduziert, wiedererkennt usw. Aber das Erlebte lebt fort „im Gedächtnis“; daß es „kommt“, dafür kann ich nichts, der Wille ist dafür untätig, wie beim Kommen jedes Gedankens. Es geschieht etwas, dessen ich mir bewußt werde: jetzt kommt etwas Ähnliches -- wer ruft es? weckt es?

305.

Alles Denken, Urteilen, Wahrnehmen als *Vergleichen* hat als Voraussetzung ein „Gleich*setzen*“, noch früher ein „Gleich*machen*“.

Das Gleichmachen ist dasselbe, was die Einverleibung der angeeigneten Materie in die Amöbe ist.

„Erinnerung“ spät, insofern hier der gleichmachende Trieb bereits *gebändigt* erscheint: die Differenz wird bewahrt. Erinnern als ein Einrubrizieren und Einschachteln; aktiv -- wer?

306.

Der Glaube an den Leib ist fundamentaler als der Glaube an die *Seele*: letzterer ist entstanden aus der unwissenschaftlichen Betrachtung der Agonien des Leibes (etwas, das ihn verläßt. Glaube an die *Wahrheit* des *Traumes* --).

307.

Ausgangspunkt vom *Leibe* und der Physiologie: warum? -- Wir gewinnen die richtige Vorstellung von der Art unsrer Subjekteinheit, nämlich als Regenten an der Spitze eines Gemeinwesens (nicht als „Seelen“ oder „Lebenskräfte“), insgleichen von der Abhängigkeit dieser Regenten von den Regierten und den Bedingungen der Rangordnung und Arbeitsteilung als Ermöglichung zugleich der Einzelnen und des Ganzen. Ebenso wie fortwährend die lebendigen Einheiten entstehen und sterben und wie zum „Subjekt“ nicht Ewigkeit gehört; ebenso daß der Kampf auch in Gehorchen und Befehlen sich ausdrückt und ein fließendes Machtgrenzen-Bestimmen zum Leben gehört. Die gewisse *Unwissenheit*, in der der Regent gehalten wird über die einzelnen Verrichtungen und selbst Störungen des Gemeinwesens, gehört mit zu den Bedingungen, unter denen regiert werden kann. Kurz, wir gewinnen eine Schätzung auch für das *Nichtwissen*, das Im-Großen-und-Groben-Sehen, das Vereinfachen und Fälschen, das Perspektivische. Das Wichtigste ist aber: daß wir den Beherrscher und seine Untertanen als *gleicher Art* verstehen, alle fühlend, wollend, denkend -- und daß wir überall, wo wir Bewegung im Leibe sehen oder erraten, auf ein zugehöriges subjektives, unsichtbares Leben hinzuschließen lernen. Bewegung ist eine Symbolik für das Auge; sie deutet hin, daß etwas gefühlt, gewollt, gedacht worden ist.

Das direkte Befragen des Subjekts *über* das Subjekt und alle Selbstbespiegelung des Geistes hat darin seine Gefahren, daß es für seine Tätigkeit nützlich und wichtig sein könnte, sich *falsch* zu interpretieren. Deshalb fragen wir den Leib und lehnen das Zeugnis der verschärften Sinne ab: wenn man will, wir sehen zu, ob nicht die Untergebenen selber mit uns in Verkehr treten können.

308.

Alles, was einfach ist, ist bloß imaginär, ist nicht „wahr“. Was aber wirklich, was wahr ist, ist weder eins, noch auch nur reduzierbar auf eins.

309.

Ich halte die Phänomenalität auch der *inneren* Welt fest: Alles, was uns *bewußt* wird, ist durch und durch erst zurechtgemacht, vereinfacht, schematisiert, ausgelegt, -- der *wirkliche* Vorgang der inneren „Wahrnehmung“, die *Kausalvereinigung* zwischen Gedanken, Gefühlen, Begehrungen, zwischen Subjekt und Objekt ist uns absolut verborgen -- und vielleicht eine reine Einbildung. Diese „scheinbare *innere* Welt“ ist mit ganz denselben Formen und Prozeduren behandelt, wie die „äußere“ Welt. Wir stoßen nie auf „Tatsachen“: Lust und Unlust sind späte und abgeleitete Intellektphänomene...Die „Ursächlichkeit“ entschlüpft uns; zwischen Gedanken ein unmittelbares, ursächliches Band anzunehmen, wie es die Logik tut -- das ist Folge der allergröbsten und plumpsten Beobachtung. *Zwischen* zwei Gedanken spielen *noch alle möglichen Affekte* ihr Spiel: aber die Bewegungen sind zu rasch, deshalb *verkennen* wir sie, *leugnen* wir sie..

„Denken“, wie es die Erkenntnistheoretiker ansetzen, kommt gar nicht vor: das ist eine ganz willkürliche Fiktion, erreicht durch Heraushebung eines Elementes aus dem Prozeß und Subtraktion aller übrigen, eine künftige Zurechtmachung zum Zwecke der Verständlichung...Der „Geist“, *etwas, das denkt*: womöglich gar „der Geist absolut, rein, pur“ -- diese Konzeption ist eine abgeleitete zweite Folge der falschen Selbstbeobachtung, welche an „Denken“ glaubt: hier ist *erst* ein Akt imaginiert, der gar nicht vorkommt, „das Denken“, und *zweitens* ein Subjektsubstrat imaginiert, in dem jeder Akt dieses Denkens und sonst nichts anderes seinen Ursprung hat: das heißt, *sowohl das Tun, als der Täter sind fingiert*.

310.

Nichts ist fehlerhafter, als aus psychischen und physischen Phänomenen die zwei Gesichter, die zwei Offenbarungen einer und derselben Substanz zu machen. Damit erklärt man nichts: der Begriff „*Substanz*“ ist vollkommen unbrauchbar, wenn man erklären will. Das *Bewußtsein*, in zweiter Rolle, fast indifferent, überflüssig, bestimmt vielleicht, zu verschwinden und einem vollkommenen Automatismus Platz zu machen -- Wenn wir nur die inneren Phänomene beobachten, so sind wir vergleichbar den Taubstummen, die aus der Bewegung der Lippen die Worte erraten, die sie nicht hören. Wir schließen aus den Erscheinungen des inneren Sinns auf unsichtbare und andere Phänomene, welche wir wahrnehmen würden, wenn unsere Beobachtungsmittel zureichend wären, und welche man den Nervenstrom nennt.

Für diese innere Welt gehen uns alle feineren Organe ab, so daß wir eine *tausendfache Komplexität* noch als Einheit empfinden, so daß wir eine Kausalität hineinerfinden, wo jeder Grund der Bewegung und Veränderung uns unsichtbar bleibt, -- die Aufeinanderfolge von Gedanken, von Gefühlen ist ja nur das Sichtbarwerden derselben im Bewußtsein. Daß diese Reihenfolge irgend etwas mit einer Kausalverkettung zu tun habe, ist völlig unglaubwürdig: das Bewußtsein liefert uns nie ein Beispiel von Ursache und Wirkung.

311.

Alles, was als „Einheit“ ins Bewußtsein tritt, ist bereits ungeheuer kompliziert: wir haben immer nur einen *Anschein von Einheit*.

Das Phänomen des *Leibes* ist das reichere, deutlichere, faßbarere Phänomen: methodisch voranzustellen, ohne etwas auszumachen über seine letzte Bedeutung.

312.

Wo es eine gewisse Einheit in der Gruppierung gibt, hat man immer den *Geist* als Ursache dieser Koordination gesetzt: wozu jeder Grund fehlt. Warum sollte die Idee eines komplexen Faktums eine der Bedingungen dieses Faktums sein? oder warum müßte einem komplexen Faktum die *Vorstellung* als Ursache davon präzedieren? -- Wir werden uns hüten, die *Zweckmäßigkeit* durch den Geist zu erklären: es fehlt jeder Grund, dem Geist die Eigentümlichkeit, zu organisieren und zu systematisieren, zuzuschreiben. Das Nervensystem hat ein viel ausgedehnteres Reich: die Bewußtseinswelt ist hinzugefügt.

Im Gesamtprozeß der Adaptation und Systematisation spielt das Bewußtsein keine Rolle.

313.

Die Physiologen wie die Philosophen glauben, das *Bewußtsein*, im Maße es an Helligkeit *zunimmt*, wachse im *Werte*: das hellste Bewußtsein, das logischste, kälteste Denken sei *ersten* Ranges. Indessen -- wonach ist dieser Wert bestimmt? -- In Hinsicht auf *Auslösung des Willens* ist das oberflächlichste, *vereinfachteste* Denken das am meisten nützliche, -- es könnte deshalb das -- usw. (weil es wenig Motive übrig läßt).

Die *Präzision* des *Handelns* steht im Antagonismus mit der *weitblickenden* und oft ungewiß urteilenden *Vorsorglichkeit*: letztere durch den *tieferen* Instinkt geführt.

314.

*Hauptirrtum der Psychologen*: sie nehmen die undeutliche Vorstellung als eine niedrigere *Art* der Vorstellung gegen die helle gerechnet: aber was aus unserm Bewußtsein sich entfernt und deshalb *dunkel wird*, *kann* deshalb an sich vollkommen klar sein. *Das Dunkelwerden ist Sache der Bewußtseinsperspektive.* 315.

Die ungeheuren Fehlgriffe: 1. die unsinnige *Überschätzung des Bewußtseins*, aus ihm eine Einheit, ein Wesen gemacht: „der Geist“, „die Seele“, etwas, das fühlt, denkt, will -- 2. der Geist als *Ursache*, namentlich überall, wo Zweckmäßigkeit, System, Koordination erscheinen; 3. das Bewußtsein als höchste erreichbare Form, als oberste Art Sein, als „Gott“; 4. der Wille überall eingetragen, wo es Wirkung gibt; 5. die „wahre Welt“ als geistige Welt, als zugänglich durch die Bewußtseinstatsachen; 6. die *Erkenntnis* absolut als Fähigkeit des Bewußtseins, wo überhaupt es Erkenntnis gibt.

*Folgerungen*: jeder Fortschritt liegt in dem Fortschritt zum Bewußtwerden; jeder Rückschritt im Unbewußtwerden; (-- das Unbewußtwerden galt als Verfallensein an die *Begierden* und *Sinne*, -- als *Vertierung*...)

man nähert sich der Realität, dem „wahren Sein“ durch Dialektik; man *entfernt* sich von ihm durch Instinkte, Sinne, Mechanismus...den Menschen in Geist auflösen, hieße ihn zu Gott machen: Geist, Wille, Güte -- Eins; alles *Gute* muß aus der Geistigkeit stammen, muß Bewußtseinstatsache sein; der Fortschritt zum *Besseren* kann nur ein Fortschritt im *Bewußt*werden sein.

316.

Über die Herkunft unsrer Wertschätzungen.

Wir können uns unsern Leib räumlich auseinanderlegen, und dann erhalten wir ganz dieselbe Vorstellung davon wie vom Sternensystem, und der Unterschied von organisch und unorganisch fällt nicht mehr in die Augen. Ehemals erklärte man die Sternbewegungen als Wirkungen zweckbewußter Wesen: man braucht das nicht mehr, und auch in betreff des leiblichen Bewegens und Sichveränderns glaubt man lange nicht mehr mit dem zwecksetzenden Bewußtsein auszukommen. Die allergrößte Menge der Bewegungen hat gar nichts mit Bewußtsein zu tun: *auch nicht mit Empfindung*. Die Empfindungen und Gedanken sind etwas *äußerst Geringes und Seltenes* im Verhältnis zu dem zahllosen Geschehen in jedem Augenblick.

Umgekehrt nehmen wir wahr, daß eine Zweckmäßigkeit im kleinsten Geschehen herrscht, der unser bestes Wissen nicht gewachsen ist: eine Vorsorglichkeit, eine Auswahl, ein Zusammenbringen, Wiedergutmachen usw. Kurz, wir finden eine Tätigkeit vor, die einem *ungeheuer viel höheren und überschauenden Intellekt* zuzuschreiben wäre, als der uns bewußte ist. Wir lernen von allem Bewußten *geringer denken*: wir verlernen, uns für unser Selbst verantwortlich zu machen, da *wir* als bewußte, zwecksetzende Wesen nur der kleinste Teil davon sind. Von den zahlreichen Einwirkungen in jedem Augenblick, zum Beispiel Luft, Elektrizität, empfinden wir fast nichts: es könnte genug Kräfte geben, welche, obschon sie uns nie zur Empfindung kommen, uns fortwährend beeinflussen. Lust und Schmerz sind ganz seltene und spärliche Erscheinungen gegenüber den zahllosen Reizen, die eine Zelle, ein Organ auf eine andre Zelle, ein andres Organ ausübt.

Es ist die Phase der *Bescheidenheit des Bewußtseins*. Zuletzt verstehen wir das bewußte Ich selber nur als ein Werkzeug im Dienste jenes höheren, überschauenden Intellekts: und da können wir fragen, ob nicht alles bewußte *Wollen*, alle *bewußten Zwecke*, alle *Wertschätzungen* vielleicht nur Mittel sind, mit denen etwas wesentlich *Verschiedenes erreicht werden soll*, als es innerhalb des Bewußtseins scheint. Wir *meinen*: es handle sich um unsre *Lust* und *Unlust* -- -- -- aber Lust und Unlust könnten Mittel sein, vermöge deren wir etwas zu *leisten hätten*, was außerhalb unseres Bewußtseins liegt -- -- -- Es ist zu zeigen, wie sehr alles Bewußte *auf der Oberfläche* bleibt: wie Handlung und Bild der Handlung *verschieden* ist, wie *wenig* man von dem weiß, was einer Handlung *vorher*geht: wie phantastisch unsere Gefühle „Freiheit des Willens“, „Ursache und Wirkung“ sind: wie Gedanken und Bilder, wie Worte nur Zeichen von Gedanken sind: die Unergründlichkeit jeder Handlung: die Oberflächlichkeit alles Lobens und Tadelns: wie *wesentlich Erfindung* und *Einbildung* ist, worin wir bewußt leben: wie wir in allen unsern Worten von Erfindungen reden (Affekte auch), und wie die *Verbindung der Menschheit* auf einem Überleiten und Fortdichten dieser Erfindungen beruht: während im Grunde die wirkliche Verbindung (durch Zeugung) ihren unbekannten Weg geht. *Verändert* wirklich dieser Glaube an die gemeinsamen Erfindungen die Menschen? Oder ist das ganze Ideenund Wertschätzungswesen nur ein *Ausdruck selber* von unbekannten Veränderungen? *Gibt* es denn Willen, Zwecke, Gedanken, Werte wirklich?

Ist vielleicht das ganze bewußte Leben nur ein *Spiegelbild*? Und auch wenn die Wertschätzung einen Menschen zu *bestimmen* scheint, geschieht im Grunde etwas ganz anderes! Kurz: gesetzt, es gelänge, das Zweckmäßige im Wirken der Natur zu erklären ohne die Annahme eines zweckesetzenden Ichs: könnte zuletzt vielleicht auch *unser* Zweckesetzen, unser Wollen usw. nur eine *Zeichensprache* sein für etwas Wesentlich-Anderes, nämlich Nicht-Wollendes und Unbewußtes?

nur der *feinste Anschein* jener natürlichen Zweckmäßigkeit des Organischen, aber nichts Verschiedenes davon?

Und kurz gesagt: es handelt sich vielleicht bei der ganzen Entwicklung des Geistes um den *Leib*: es ist die *fühlbar* werdende *Geschichte* davon, daß ein *höherer Leib sich bildet*. Das Organische steigt noch auf höhere Stufen. Unsere Gier nach Erkenntnis der Natur ist ein Mittel, wodurch der Leib sich vervollkommnen will. Oder vielmehr: es werden Hunderttausende von Experimenten gemacht, die Ernährung, Wohnart, Lebensweise des *Leibes* zu verändern: das Bewußtsein und die Wertschätzungen in ihm, alle Arten von Lust und Unlust sind *Anzeichen dieser Veränderungen und Experimente*. Zuletzt *handelt es sich gar nicht um den Menschen: er soll überwunden werden*.

317.

Warum alle *Tätigkeit*, auch die eines *Sinnes*, mit Lust verknüpft ist? Weil vorher eine Hemmung, ein Druck bestand? Oder vielmehr, weil alles Tun ein Überwinden, ein Herrwerden ist und *Vermehrung* des *Machtgefühls* gibt? -- Die Lust im Denken. -- Zuletzt ist es nicht nur das Gefühl der Macht, sondern die Lust an dem Schaffen und am *Geschaffenen*: denn alle Tätigkeit kommt uns ins Bewußtsein als Bewußtsein eines „Werks“.

318.

„Unlust“ und „Lust“ sind die denkbar dümmsten *Ausdrucksmittel* von Urteilen: womit natürlich nicht gesagt ist, daß die Urteile, welche hier auf diese Art lauten werden, dumm sein müßten. Das Weglassen aller Begründung und Logizität, ein Ja oder Nein in der Reduktion auf ein leidenschaftliches Habenwollen oder Wegstoßen, eine imperativische Abkürzung, deren Nützlichkeit unverkennbar ist: das ist Lust und Unlust. Ihr Ursprung ist in der Zentralsphäre des Intellekts; ihre Voraussetzung ist ein unendlich beschleunigtes Wahrnehmen, Ordnen, Subsummieren, Nachrechnen, Folgern: Lust und Unlust sind immer Schlußphänomene, keine „Ursachen“.

Die Entscheidung darüber, was Unlust und Lust erregen soll, ist vom *Grade der Macht* abhängig: dasselbe, was in Hinsicht auf ein geringes Quantum Macht als Gefahr und Nötigung zu schnellster Abwehr erscheint, kann bei einem Bewußtsein größerer Machtfülle eine wollüstige Reizung, ein Lustgefühl als Folge haben.

Alle Lust- und Unlustgefühle setzen bereits ein *Messen nach Gesamtnützlichkeit, Gesamtschädlichkeit* voraus: also eine Sphäre, wo das Wollen eines Ziels (Zustandes) und ein Auswählen der Mittel dazu stattfindet. Lust und Unlust sind niemals „ursprüngliche Tatsachen“.

Lust- und Unlustgefühle sind *Willensreaktionen* (*Affekte*), in denen das intellektuelle Zentrum den Wert gewisser eingetretener Veränderungen zum Gesamtwert fixiert, zugleich als Einleitung von Gegenaktionen.

319.

Wie weit unser *Intellekt* eine Folge von Existenzbedingungen ist --: wir hätten ihn nicht, wenn wir ihn nicht *nötig* hätten, und hätten ihn nicht *so*, wenn wir ihn nicht *so* nötig hätten, wenn wir auch *anders* leben könnten.

2. Erkenntnis.

a. Allgemeines.

320.

Man müßte *wissen*, was *Sein* ist, um zu *entscheiden*, ob dies und jenes real *ist* (zum Beispiel „die Tatsachen des Bewußtseins“); ebenso was *Gewißheit* ist, was *Erkenntnis* ist und dergleichen. -- Da wir das aber nicht wissen, so ist eine Kritik des Erkenntnisvermögens unsinnig: wie sollte das Werkzeug sich selbst kritisieren können, wenn es eben nur sich zur Kritik gebrauchen kann? Es kann nicht einmal sich selbst definieren!

321.

Was kann allein *Erkenntnis* sein? -- „Auslegung“, Sinnhineinlegen, -- *nicht* „Erklärung“ (in den meisten Fällen eine neue Auslegung über eine alte unverständlich gewordene Auslegung, die jetzt selbst nur Zeichen ist). Es gibt keinen Tatbestand; alles ist flüssig, unfaßbar, zurückweichend; das Dauerhafteste sind noch unsre Meinungen.

322.

Die Voraussetzung, daß es im Grunde der Dinge so moralisch zugeht, daß die *menschliche Vernunft recht behält*, -- ist eine Treuherzigkeit und Biedermannsvoraussetzung, die Nachwirkung des Glaubens an die göttliche Wahrhaftigkeit -- Gott als Schöpfer der Dinge gedacht. -- Die Begriffe eine Erbschaft aus einer jenseitigen Vorexistenz -- -- 323.

Erster Satz. Die *leichtere* Denkweise siegt über die schwierigere; -- etwas für Wahrheit ausweisen soll, ist eine vollkommene Kinderei...Zweiter Satz. Die Lehre vom *Sein*, vom Ding, von lauter festen Einheiten ist *hundertmal leichter* als die Lehre vom *Werden*, von der Entwicklung...Dritter Satz. Die Logik war als *Erleichterung* gemeint: als *Wahrheit*...324.

Befriedigung entsteht: geringster Verbrauch von geistiger Kraft usw.

325.

Eine Moral, eine durch lange Erfahrung und Prüfung erprobte, *bewiesene* Lebensweise kommt zuletzt als Gesetz zum Bewußtsein, als *dominierend*...Und damit tritt die ganze Gruppe verwandter Werte und Zustände in sie hinein: sie wird ehrwürdig, unangreifbar, heilig, wahrhaft; es gehört zu ihrer Entwicklung, daß ihre Herkunft *vergessen* wird...Es ist ein Zeichen, daß sie Herr geworden ist...Ganz dasselbe könnte geschehen sein mit den *Kategorien der Vernunft*: dieselben könnten, unter vielem Tasten und Herumgreifen, sich bewährt haben durch relative Nützlichkeit...Es kam ein Punkt, wo man sich zusammenfaßte, sich als Ganzes zum Bewußtsein brachte -- und wo man sie *befahl*, das heißt, wo sie wirkten als *befehlend*...Von jetzt ab galten sie als ~a priori~, als jenseits der Erfahrung, als unabweisbar.

Und doch drücken sie vielleicht nichts aus, als eine bestimmte Rassenund Gattungszweckmäßigkeit, -- bloß ihre Nützlichkeit ist ihre „Wahrheit“ -- 326.

Daß der *Wert der Welt* in unserer Interpretation liegt (-- daß vielleicht irgendwo noch andre Interpretationen möglich sind, als bloß menschliche --), daß die bisherigen Interpretationen perspektivische Schätzungen sind, vermöge deren wir uns im Leben, das heißt im Willen zur Macht, zum Wachstum der Macht, erhalten, daß jede *Erhöhung des Menschen* die Überwindung engerer Interpretationen mit sich bringt, daß jede erreichte Verstärkung und Machterweiterung neue Perspektiven auftut und an neue Horizonte glauben heißt -- das geht durch meine Schriften. Die Welt, die *uns etwas angeht*, ist falsch, das heißt, ist kein Tatbestand, sondern eine Ausdichtung und Rundung über einer mageren Summe von Beobachtungen; sie ist „im Flusse“, als etwas Werdendes, als eine sich immer neu verschiebende Falschheit, die sich niemals der Wahrheit nähert: denn -- es gibt keine „Wahrheit“.

327.

Die bestgeglaubten apriorischen „Wahrheiten“ sind für mich -- *Annahmen bis auf weiteres*, zum Beispiel das Gesetz der Kausalität, sehr gut eingeübte Gewöhnungen des Glaubens, so einverleibt, daß *nicht daran* glauben das Geschlecht zugrunde richten würde. Aber sind es deswegen Wahrheiten? Welcher Schluß! Als ob die Wahrheit damit bewiesen würde, daß der Mensch bestehen bleibt!

328.

Die Verirrung der Philosophie ruht darauf, daß man, statt in der Logik und den Vernunftkategorien Mittel zu sehen zum Zurechtmachen der Welt zu Nützlichkeitszwecken (also „prinzipiell“ zu einer nützlichen *Fälschung*), man in ihnen das Kriterium der Wahrheit, respektive der *Realität* zu haben glaubte. Das „Kriterium der Wahrheit“ war in der Tat bloß die *biologische Nützlichkeit eines solchen Systems prinzipieller Fälschung*: und da eine Gattung Tier nichts Wichtigeres kennt, als sich zu erhalten, so dürfte man in der Tat hier von „Wahrheit“ reden. Die Naivität war nur die, die anthropozentrische Idiosynkrasie als *Maß der Dinge*, als Richtschnur über „real“ und „unreal“ zu nehmen: kurz, eine Bedingtheit zu verabsolutisieren.

Und siehe da, jetzt fiel mit einem Mal die Welt auseinander in eine „wahre“ Welt und eine „scheinbare“: und genau die Welt, in der der Mensch zu wohnen und sich einzurichten seine Vernunft erfunden hatte, genau dieselbe wurde ihm diskreditiert. Statt die Formen als Handhabe zu benutzen, sich die Welt handlich und berechenbar zu machen, kam der Wahnsinn der Philosophen dahinter, daß in diesen Kategorien der Begriff jener Welt gegeben ist, dem die andere Welt, die, in der man lebt, nicht entspricht...Die Mittel wurden mißverstanden als Wertmaß, selbst als Verurteilung der Absicht...Die Absicht war, sich auf eine nützliche Weise zu täuschen: die Mittel dazu die Erfindung von Formeln und Zeichen, mit deren Hilfe man die verwirrende Vielheit auf ein zweckmäßiges und handliches Schema reduzierte.

Aber wehe! jetzt brachte man eine *Moralkategorie* ins Spiel: kein Wesen will sich täuschen, kein Wesen darf täuschen, -- folglich gibt es nur einen Willen zur Wahrheit. Was ist „Wahrheit“?

Der Satz vom Widerspruch gab das Schema: die wahre Welt, zu der man den Weg sucht, kann nicht mit sich in Widerspruch sein, kann nicht wechseln, kann nicht werden, hat keinen Ursprung und kein Ende.

Das ist der größte Irrtum, der begangen worden ist, das eigentliche Verhängnis des Irrtums auf Erden: man glaubte ein Kriterium der Realität in den Vernunftformen zu haben, -- während man sie hatte, um Herr zu werden über die Realität, um auf eine kluge Weise die Realität *mißzuverstehen*...Und siehe da: jetzt wurde die Welt falsch, und exakt der Eigenschaften wegen, *die ihre Realität ausmachen*, Wechsel, Werden, Vielheit, Gegensatz, Widerspruch, Krieg.

Und nun war das ganze Verhängnis da: 1. Wie kommt man los von der falschen, der bloß scheinbaren Welt? (-- es war die wirkliche, die einzige); 2. wie wird man selbst möglichst der Gegensatz zu dem Charakter der scheinbaren Welt? (Begriff des vollkommenen Wesens als eines Gegensatzes zu jedem realen Wesen, deutlicher, als *Widerspruch zum Leben*...)

Die ganze Richtung der Werte war auf *Verleumdung des Lebens* aus; man schuf eine Verwechslung des Idealdogmatismus mit der Erkenntnis überhaupt: so daß die Gegenpartei immer nun auch die *Wissenschaft* perhorreszierte.

Der Weg zur Wissenschaft war dergestalt *doppelt* versperrt: einmal durch den Glauben an die „wahre“ Welt, und dann durch die Gegner dieses Glaubens. Die Naturwissenschaft, Psychologie war 1. in ihren Objekten verurteilt, 2. um ihre Unschuld gebracht...In der wirklichen Welt, wo schlechterdings alles verkettet und bedingt ist, heißt irgend etwas verurteilen und *wegdenken*, alles wegdenken und verurteilen. Das Wort „das sollte nicht sein“, „das hätte nicht sein sollen“ ist eine Farce...Denkt man die Konsequenzen aus, so ruinierte man den Quell des Lebens, wenn man das abschaffen wollte, was in irgendeinem Sinne *schädlich*, *zerstörerisch* ist. Die Physiologie demonstriert es ja *besser*!

-- Wir sehen, wie die Moral a) die ganze Weltauffassung *vergiftet*, b) den Weg zur Erkenntnis, zur *Wissenschaft* abschneidet, c) alle wirklichen Instinkte auflöst und untergräbt (indem sie deren Wurzeln als *unmoralisch* empfinden lehrt).

Wir sehen ein furchtbares Werkzeug der ~décadence~ vor uns arbeiten, das sich mit den heiligsten Namen und Gebärden aufrecht hält.

329.

„Gattung“ gleichermaßen falsch und bloß augenscheinlich. „*Gattung*“ drückt nur die Tatsache aus, daß eine Fülle ähnlicher Wesen zu gleicher Zeit hervortreten, und daß das Tempo im Weiterwachsen und Sichverändern eine lange Zeit verlangsamt ist: so daß die tatsächlichen kleinen Fortsetzungen und Zuwachse nicht sehr in Betracht kommen (-- eine Entwicklungsphase, bei der das Sichentwickeln nicht in die Sichtbarkeit tritt, so daß ein Gleichgewicht erreicht *scheint*, und die falsche Vorstellung ermöglicht wird, *hier sei ein Ziel erreicht* -- und es habe ein Ziel in der Entwicklung gegeben...).

Die *Form* gilt als etwas Dauerndes und deshalb Wertvolleres; aber die Form ist bloß von uns erfunden; und wenn noch so oft „dieselbe Form erreicht wird“, so bedeutet das nicht, daß es *dieselbe Form ist*, -- sondern es *erscheint immer etwas Neues* -- und nur wir, die wir vergleichen, rechnen das Neue, insofern es Altem gleicht, zusammen in die Einheit der „Form“. Als ob ein *Typus* erreicht werden sollte und gleichsam der Bildung vorschwebe und innewohne.

Die *Form*, die *Gattung*, das *Gesetz*, die *Idee*, der *Zweck* -- hier wird überall der gleiche Fehler gemacht, daß einer Fiktion eine falsche Realität untergeschoben wird: wie als ob das Geschehen irgendwelchen Gehorsam in sich trage, -- eine künstliche Scheidung im Geschehen wird da gemacht zwischen dem, *was* tut, und dem, *wonach* das Tun sich richtet (aber das *was* und das *wonach* sind nur angesetzt aus einem Gehorsam gegen unsre metaphysisch-logische Dogmatik: kein „Tatbestand“).

Man soll diese *Nötigung*, Begriffe, Gattungen, Formen, Zwecke, Gesetze zu bilden („*eine Welt der identischen Fälle*“) nicht so verstehen, als ob wir damit die *wahre Welt* zu fixieren imstande wären; sondern als Nötigung, uns eine Welt zurecht zu machen, bei der *unsre Existenz* ermöglicht wird: -- wir schaffen damit eine Welt, die berechenbar, vereinfacht, verständlich usw. für uns ist.

Diese selbe Nötigung besteht in der *Sinnenaktivität*, welche der Verstand unterstützt -- durch Vereinfachen, Vergröbern, Unterstreichen und Ausdichten, auf dem alles „Wiedererkennen“, alles Sich-verständlich-machen-können beruht. Unsre *Bedürfnisse* haben unsre Sinne so präzisiert, daß die „gleiche Erscheinungswelt“ immer wiederkehrt und dadurch den Anschein der *Wirklichkeit* bekommen hat.

Unsre subjektive Nötigung, an die Logik zu glauben, drückt nur aus, daß wir, längst, bevor uns die Logik selber zum Bewußtsein kam, nichts getan haben *als ihre Postulate in das Geschehen hineinlegen*: jetzt finden wir sie in dem Geschehen vor --, wir können nicht mehr anders -- und vermeinen nun, diese Nötigung verbürge etwas über die „Wahrheit“.

Wir sind es, die das „Ding“, das „gleiche Ding“, das Subjekt, das Prädikat, das Tun, das Objekt, die Substanz, die Form geschaffen haben, nachdem wir das Gleichmachen, das Grob- und Einfach*machen* am