SigPhi · Sándor Ferenczi

Versuch einer Genitaltheorie

German

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VIII. Begattung und Befruchtung 87 Stellt man sich einmal die Art vor, wie sich Männchen und Weibchen begatten und wie gleichzeitig (oder nach geringem Zeitintervall, worauf es nicht ankommt) der Spermafaden das Ei befruchtet, so bekommt man in der Tat den Eindruck, als ahmten die Somata der Gatten die Tätigkeit der Keimzellen bis auf kleine Einzelheiten nach. Das Sper- matozoon dringt in die Mikropyle des Eichens ein, wie der Penis in die Vagina; man wäre versucht (wenigstens im Mo- mente der Begattung) den Körper des Männchens einfach ein Megasperma, den des Weibchens ein Megaloon zu nennen.1 Anderseits lernt man auch die doch so abfällig beurteilte Auffassung der,,Animalculistenu verstehen, die Sperma und Ovulum als eigene Lebewesen, kleine Tierchen betrachteten. Auch wir glauben, daß sie es in einem gewissen Sinne sind: sie sind Revenants der ersten Urzellen, die sich begatteten.

Es hat also den Anschein, daß das Soma, das zu- nächst nur die Aufgabe hatte, das Keimplasma zu schützen, nachdem es diese erste Aufgabe gelöst hat und damit den Forderungen des Realitätsprinzips entsprach, es sich schließ- lich nicht nehmen ließ, die Vereinigung der Keimzellen mit- zugenießen und Begattungsorgane entwickelte. Wir werden ja im biologischen Appendix zu dieser Arbeit darauf hin- weisen müssen, daß auch sonst jede Entwicklung diesen Weg geht: zunächst Anpassung an eine aktuelle Auf- gabe, später möglichste Wiederherstellung der not- gedrungen verlassenen Ausgangssituation.

1) Das Platzen des Graafschen Follikels wäre dem Geburtsakte zu vergleichen, sozusagen das keimplasmatische Vorbild des Geborenwerdens. Es ist übrigens bekannt, daß zwischen Corpus luteum und Gebärmutter zeitlebens innige (hormonale?) Beziehungen nachweisbar sind.

88 Versuch einer Geniialtheorie Man muß sich also vielleicht mit der Idee befreunden, daß, gleichwie die unerledigten Störungsmomente des individuellen Lebens im Genitale gesammelt und dort abgeführt werden, sich die mnemischen Spuren aller phylogenen Entwicklungs- katastrophen im Keimplasma ansammeln. Von dort aus wirken sie in demselben Sinne wie nach Freud die unerledigten Störungsreize der traumatischen Neurosen: sie zwingen zur fortwährenden Wiederholung der peinlichen Situation, aller- dings vorsichtigerweise in qualitativ wie quantitativ außer- ordentlich gemilderter Form, und erreichen bei jeder einzelnen Wiederholung die Lösung eines kleinen Teilchens der großen Unlustspannung. Was wir Vererbung nennen, ist also vielleicht nur das Hinausschieben des größten Teiles der trau- matischen Unlusterledigungen auf die Nachkommen- schaft, das Keimplasma aber, als Erbmasse, ist die Summe der von den Ahnen überlieferten und von den Individuen weitergeschobenen traumatischen Eindrücke; das wäre also die Bedeutung der von den Biologen angenommenen,, En- gramme". Halten wir uns an die von Freud präzisierte Ansicht von der Tendenz zur Reizlosigkeit und schließlich zur anorganischen Ruhe, die alle Lebewesen beherrscht (Todes- trieb), so können wir hinzufügen, daß im Laufe der unausge- setzten Abgabe der traumatischen Störungsreizstoffe von einer Generation an die andere der Störungsreiz selbst in jedem Indi- vidualleben, eben durch das Erleben selbst, abreagiert wird, um, wenn keine neuen Störungen oder gar Katastrophen hin- zukommen, allmählich ganz abgebaut zu werden, was mit dem Aussterben der betreffenden Gattung gleichbedeutend wäre.1 i) Diesen Gedankengang erzählte ich einmal (1919) dem ob seiner geschlechtsumstimmenden Tierexperimente bekannten Prof. Stein ach VIII. Begattung und Befruchtung 89 Die Unlustnatur der bei der Befruchtung sich entladenden Spannung wäre, wie gesagt, die letzte Ursache der Ver- einigung des Genitales mit den Ausscheidungsorganen; wir wiesen auch bereits darauf hin, daß die so allgemein ver- breitete Tendenz zur Kastration, wie sie sich bei Psychosen mit großer Vehemenz äußert, in letzter Linie durch die Unerträglichkeit dieser Unlust verursacht ist. Als phylo- genetischer Beitrag zu dieser Auffassung könnte uns viel- leicht das Auftreten des Descensus testiculorum und des Descensus ovarii bei den höheren Säugetieren dienen. Die Keimdrüsen befinden sich bei niederen Tieren zeitlebens, bei höheren bis zum Ende der Fötalzeit tief im retroperi- tonalen Gewebe versteckt und senken sich, bei Letzteren erst später, das Bauchfell vor sich herstülpend, in die Beckenhöhle, die Hoden sogar unter die Haut des Hoden- sackes nach außen. Es gibt Tierarten (die Talpiden), bei denen dieser Abstieg nur zur Brunstzeit erfolgt und dann rückgängig gemacht wird; es soll auch Tiere geben, deren Keimdrüsen nur beim Begattungsakt selbst descendieren. Nebst der Tendenz zur räumlichen Annäherung an die in Wien und übergab ihm ein kurzes Memorandum, in dem ich die Gründe anführte, die die Experimentatoren berechtigen würde, Verjüngungs- versuche anzustellen. Ich führte darin aus, daß wenn, wie ich meine, die Verödung des Keimplasmas das Sterben des Soma beschleunigt, die Einpflanzung frischen Gonadenmateriales die Lebensgeister des Soma zu neuer Arbeit anfachen, d. h. das Leben verlängern müßte. Prof. Stein ach teilte mir dann mit, daß er die Idee der Verjüngung mittels Hoden- und Eierstockgewebes bereits realisierte und zeigte mir auch die Photographien verjüngter Ratten. Aus den bald darauf er- schienenen Veröffentlichungen Steinachs wurde aber klar, daß er nicht die Keimzellen selbst, sondern das interzelluläre Gewebe als die zum Leben reizende Substanz ansieht.

go Versuch einer Genitaltheorie Ausscheidungsorgane, könnte sich im Descensus auch die Neigung ausdrücken, sich der Keimdrüsen en bloc zu ent- ledigen, um sich aber schließlich mit der Ausscheidung der Drüsensekrete zu begnügen, gleichwie wir bei der Analyse des Koitusaktes die Erektion als Andeutung einer Tendenz zum totalen Abstoßen des Genitales deuteten, die sich am Ende auf die Ausstoßung des Ejakulates beschränkt.

Da wir die die Befruchtungs Vorgänge anregenden Motive nur nach Analogie der entsprechenden Motive der Begattung erraten wollten, die für uns auch psychologisch zugänglich sind, können wir kaum etwas darüber aussagen, ob auch hier nebst den Unlustmomenten, die zur Befruchtung drängen, auch,, lustvolle" Wiederholungstendenzen solcher Natur mitwirken, wie wir sie als erotische Triebe, als Triebe, die Spannung anhäufen, um ihre Lösung zu ge- nießen, von den übrigen Trieben gesondert haben. Wir haben aber gar keinen Grund, diese Möglichkeit außer Acht zu lassen. Haben wir uns einmal getraut, anzunehmen, daß im physiologischen Prozesse der Begattung rein trauma- tischer Zwang und erotischer Drang sich kompromissuellen Ausdruck verschaffen, und scheuten wir uns nicht, dem Keimplasma und deren zelligen Elementen die Tendenz zur Verschmelzung (aus Unlustmotiven) zuzuschreiben, so dürfen wir uns getrost vorstellen, daß bei dieser Vereinigung in ähnlicher Weise auch Lusterwerbsmotive mitwirken können, wie beim Prozesse der Begattung, die nach der hier dargelegten Anschauung nicht nur unerledigte traumatische Erschütterungen auszugleichen hilft, sondern auch Feste der Errettung aus großer Not feiert.

VIII. Begattung und Befruchhmg 91 Wir sprachen von einer gegenseitigen Beeinflussung zwischen Soma und Keimplasma, sprachen aber noch nichts davon, wie wir uns etwTa die Beeinflussung des Keim- plasmas durch das Soma denken. Niemand wird wohl von uns erwarten, die vielumstrittenen Fragen der Vererbung erworbener Eigenschaften hier aufzurollen. Was die Psycho- analyse darüber sagen kann, hat Freud in seiner biologi- schen Synthese bereits mitgeteilt. Zu den Argumenten, die er gegen die Weismannsche Behauptung von der Un- beeinflußbarkeit der Nachkommen durch die Erlebnisse der Vorfahren anführt, könnten wir höchstens noch die gerade in Freuds Sexualtheorie hervorgehobene psychoanalytische Erfahrung anführen, wonach nichts im Organismus vorgeht, was nicht auch die Sexualität in Miterregung brächte. Wenn nun diese sexuelle Erregung immer auch auf das Keimplasma einwirkte und wenn wir dieses Keimplasma für geeignet hielten, solche Spuren zu registrieren, so könnten wir uns ein Bild davon formen, wie etwa solche Beeinflussung entstehen kann und konnte. Zum Unterschied von der,, pangenetischen' Entstehung der Keimsubstanz, die uns Darwin lehrte, meinen wir allerdings, daß die Keimzellen nicht einfach als die Abbilder des Somas aus dessen Abspaltungen sich zusammensetzen, sondern ihren Stammbaum auf viel ältere Zeiten zurückführen, als das Soma selbst. Allerdings werden sie aber dann, und zwar wirklich pangenetisch, oder um das neugeprägte Wort anzu- wenden: amphimiktisch, auch von den späteren Schicksalen des Somas entscheidend beeinflußt, wie denn umgekehrt auch das Soma nicht nur von den Reizen der Außenwelt und den eigenen Antrieben, sondern auch von den Ten- 92 Versuch einer Genitaltheorie denzen des Keimplasmas Triebreize zu bekommen scheint. Erinnern wir uns, daß wir uns all diese verschlungenen Vorstellungen über das Verhältnis von Soma und Keim- plasma nur darum bilden mußten, um die Analogie (und Homologie) zwischen den Befruchtungs- und den Begattungs- organen und -Vorgängen verständlicher zu machen. Vielleicht ist es uns bis zu einem gewissen Grade auch gelungen. Zur Erleichterung der Übersicht über das Gesagte möchten wir zum Schluß die von uns befürwortete,,coenogenetische Parallele" in einer synoptischen Tabelle zusammenfassen: Phylogenese Ontogenese / Katastrophe Entstehung organischen Lebens Reifung der Geschlechtszellen II Katastrophe Entstehung individueller einzelliger Wesen „Geburt" d. reifen Keim- zellen aus d. Keimdrüse III Katastrophe Beginn der geschlecht- lichen Fortpflanzung Befruchtung Artentwicklung im Meere Embryonalentwicklung im Mutterleibe IV. Katastrophe See-Eintrocknung, An- passung ans Landleben Geburt Entwicklung v. Tierarten mit Begattungsorganen Entwicklung des Primats der Genitalzone V. Katastrophe Eiszeiten, Menschwerdung Latenzzeit Zwei Rubriken dieses Schemas bedürfen einer Er- läuterung. Indem wir die Entstehung organischen Lebens von dem individueller einzelliger Wesen auseinander halten, postulieren wir eigentlich eine Verdoppelung der von Freud bei der Belebung der Materie vorausgesetzten VIII. Begattung und Befruchtung 93 kosmischen Katastrophe. Die erste hätte nur die Ent- stehung organischer, d. h. nach einem gewissen Organi- sationsplane konstruierter Materie, die zweite die Los- lösung isolierter, mit Autonomie und Autarkie begabter Individuen aus dieser Materie zur Folge gehabt. Wie schon der Doppelsinn des Wortes,,Materieu besagt, die ja wörtlich Muttersubstanz heißt, möchten wir den zweiten Prozeß als die allererste Geburt, das Vorbild aller späteren Geburten ansehen. In diesem Sinne müßten wir also doch zur Annahme Freuds zurückkehren, wonach das Ent- stehen des Lebens (zumindest des Individuellen) in einer Zerreißung des Stoßes bestand. Am Ende war dies ein erstes Beispiel für die Autotomie: äußere Veränderungen mögen den Stoffelementen das Zusammengesetztsein zu einem großen Komplex unerträglich gemacht und die Umgrup- pierung zu kleineren Einheiten veranlaßt haben. Analoge Kräfte können ja auch beim Entstehen des ersten Kristall- individuums aus einem kristallinischen Stoffe, beziehungs- weise aus der „Mutterlauge" und zwar wieder durch „Ein- trocknung" am Werke gewesen sein.1 Die andere Rubrik, die einer Erläuterung bedarf, ist die Einstellung der Eiszeiten als letzter Katastrophe, die die menschlichen Vorfahren getroffen hat. In der Studie über die Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes (19 10) versuchte ich die Kulturentwicklung als Reaktion auf diese Katastrophe hinzustellen. Nun müssen wir dem hinzufügen, daß durch die Eiszeiten auch die bereits erreichte genitale Entwicklungsstufe des erotischen Wirklichkeitssinnes eine 1) Die naiv animistische Denkart dieser Auffassung soll im Späteren noch gerechtfertigt werden.

^4 Verstich einer Genitaltheorie nachträgliche Einschränkung erfuhr und die als solche un- verwendeten Genitaltriebe zur Verstärkung „höherer" intellek- tueller, moralischer Leistungen verwendet wurden.

Wir hatten schon einigemale Gelegenheit, die Genital- bildung selbst, wie auch die durch sie ermöglichte Ent- lastung des übrigen Organismus von Sexualtrieben als einen wesentlichen Fortschritt in der Arbeitsteilung und als Faktor bei der Entwicklung des Realitätssinnes hinzustellen. Nachzutragen wäre, daß hiefür auch phylogenetische Par- allelen vorhanden sind. Bei den amnioten Wirbeltieren, die, wie wir hörten, zum ersten Male Begattungsorgane entwickeln, beginnt auch die Krümmung des bis dahin gradgestreckten Gehirns; es steht auch geschrieben, daß bei den plazentalen Tieren zum ersten Male das corpus callosum, und damit die assoziative Verknüpfung beider Hirnhälften, wohl ein bedeutender Fortschritt in der intellek- tuellen Leistungsfähigkeit, zur Entwicklung gelangt. Die menschliche Kulturentwicklung in der Latenzzeit wäre also nur eine allerdings wesentlich modifizierte Äußerung der uralten, innigen Verknüpfung zwischen Genital trieb und Intellektualität.

Ist aber einmal von Hirnentwicklung die Rede, so wollen wir einen andern Gedanken mitteilen, der auf die Be- ziehung zwischen Genitalität und Intellektualität einiges Licht wirft, zugleich aber auch auf ein organisches Vor- bild der Funktionsart des Denkorgans hinweist. Wir sprachen davon, eine welch' bedeutsame Rolle der Geruchs- sinn in der Sexualität spielt. Wir wissen anderseits, daß in der Entwicklung des Gehirns die Bedeutsamkeit des Riechhirns (und damit auch die Rolle des Geruchs bei VIII. Begattung und Befruchtung 95 der Sexualität) immer mehr zurück — und die anatomische und funktionelle Erstarkung der Großhirnhemisphären in den Vordergrund tritt. Für ein Wesen mit aufrechtem Gange wird schließlich statt der Nase das Auge zur Leitzone, auch im erotischem Sinne; Menschenaffe und Mensch sind eben „Augentiere" im Sinne des Tier- beobachters Th. Zell. Wir meinen nun, daß zwischen der Tätigkeit des Geruchsorganes und dem Denken eine so weitgehende Analogie besteht, daß das Riechen förmlich als biologisches Vorbild des Denkens betrachtet werden kann. Beim Riechen,, kostet",,, schmeckt" das Tier minimale Spuren des Nahrungsstoffes, indem es an dessen gasförmigen Emanationen schnüffelt, bevor es sich ent- schließt, ihn als Speise zu verzehren; ebenso schnüffelt der Hund am Genitale des Weibchens, bevor er ihm seinen Penis anvertraut. Was aber ist, nach Freud, die Funktion des Denkorgans? Eine Probehandlung mit kleinsten Energiequantitäten. Und die Aufmerksamkeit? Ein inten- tionelles periodisches Absuchen der Umwelt mit Hilfe der Sinnesorgane, wobei nur kleine Kostproben der Reize zur Wahrnehmung zugelassen werden. — Denkorgan und Ge- ruchsinn: beide stehen im Dienste der Realitätsfunktion, und zwar sowohl der egoistischen, wie auch der erotischen.

Wir sind von unserem Thema, dem Verhältnis der Be- gattung zur Befruchtung etwas abgeschweift, es ist aber nicht leicht, der Verführung zu widerstehen, hie und da auch die Perspektiven zu betrachten, die sich vor einem bei der Beschäftigung mit dem zentralen biologischen Problem der Arterhaltung eröffnen. Wir glauben auch o6 Versuck einer Genitaltheorie nicht, eine vollgültige Begattungstheorie gegeben zu haben, aber immerhin eine, die sich in Ermangelung eines Besseren bewähren kann. Sagte doch auch Goethe, eine schlechte Theorie sei besser als gar keine und wir können uns auch auf Ernst Haeckel berufen, der in seiner,, Natürlichen Schöpfungsgeschichte" den Satz ausspricht:,,Wir müssen zur Erklärung der Erscheinungen jede mit den wirklichen Tatsachen vereinbare, wenn auch schwach begründete Theorie so lange annehmen und beibehalten, bis sie durch eine bessere ersetzt wird."

C) ANHANG UND AUSBLICKE IX COITUS UND SCHLAF „Schlaf ist Schale, wirf sie fort!"

Goethe, Faust, II. T.

Wir haben zu oft und zu eindringlich auf die weit- gehende Analogie zwischen den Tendenzen, die in der Begattung und im Schlafe realisiert sind, hingewiesen, als daß wir uns der Aufgabe entziehen könnten, diese zwei biologisch so bedeutsamen Einrichtungen auf ihre Ähnlich- keiten und Unterschiede etwas näher zu prüfen. In den ,, Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes'1 war der erste Schlaf des Neugeborenen, zu dem ihn die sorg- fältige Isolierung Einhüllung, Erwärmung seitens der Pflege- personen verhilft, als eine Nachahmung der Existenz im Mutterleibe beschrieben. Das durch das Geburtstrauma erschütterte, ängstlich schreiende Kind beruhigt sich bald in dieser Situation, die ihm einerseits real, anderseits auf psychisch -halluzinatorischem Wege, d. h. illusionär, die Empfindung verschafft, als hätte die große Erschütterung gar nicht stattgefunden. Freud1 sagt denn auch, daß der Mensch eigentlich nicht vollkommen geboren werde, sondern die Hälfte seiner Lebenszeit gleichsam im Mutterschoße verbringe, indem er sich zur Nachtruhe begibt.

i) Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse.

ioo Versuch einer Genitaltheorie Wenn wir aber einerseits den Schlaf, anderseits die Be- gattung mit der Mutterleibssituation gleichsetzen mußten, so müssen wir logischerweise Schlaf und Begattung auch miteinander im Wesen gleichsetzen. Wir meinen auch in der Tat, daß in beiden Vorgängen dasselbe Regressions- ziel, wenn auch mit ganz verschiedenen Mitteln und in verschiedenem Maße erreicht wird. Der Schlafende, indem er die ganze störende Umwelt negativ-halluzinatorisch ab- leugnet, die psychische und physiologische Interessen- und Aufmerksamkeitbesetzung auf den Wunsch des Ruhens konzentriert, erreicht das Regressionsziel fast ausschließlich auf irreal-phantastischem Wege, während wir von der Be- gattung behaupten mußten, daß sie dieses Ziel, wenn auch zum Teile gleichfalls nur illusionär, so doch zu einem anderen Teile auch real erreicht: das Begattungsglied und das Genitalsekret dringen ja wirklich in den Mutterleib ein. Schlaf und Begattung sind also gleichsam Anfang und Ende der bisher durchgemachten Entwicklung zur,, erotischen Realität4'. Der Schlafende ist Autoerotiker, er stellt in toto ein Kind dar, das die Ruhe im Leibesinneren der Mutter genießt und sich um die sonstige Außenwelt in seiner ab- solut narzißtischen Verschlossenheit überhaupt nicht kümmert. Der sich Begattende muß viel umständlichere Vorbereitungen treffen, vor allem sich eines zur Befriedigung ge- eigneten Objektes bemächtigen, also einen viel höheren Grad von Realitätssinn betätigen, bevor er sich im Orgas- mus auch in toto die schlaf ähnliche Glücksillusion gönnt- ihm werden also viel schwierigere Bedingungen gestellt, die erfüllt sein müssen, soll der Wunschvorstellung die Wahrnehmungs- identität (Freud) folgen. Man könnte auch sagen, daß IX. Coitus und Schlaf ioi der Schlaf sich autoplastischer, die Begattung alloplastischer Mittel bedient, daß der Schlaf mit Projektions-, der Coitus mit Introjektionsmechanismen arbeitet. Aber auch bei der Begattung ist vorsichtigerweise dafür gesorgt, daß die erotische Regression nicht die Grenze übersteigt, die die übrige Existenz gefährden könnte; nur ein Teil des Körpers (das Genitale) ist für die Realbefriedigung bestimmt, während der übrige Körper sich am Akte nur als Hilfsorgan betätigt, ohne die aktuell erforderlichen Anpassungsleistungen ganz einzustellen (Atmung etc.).

Für beide Prozesse ist die Ausschaltung der Außenreize, das Aufgeben des,,Beziehungslebensu (um den Ausdruck Liebe au lt's zu gebrauchen) charakteristisch: die Herab- setzung der Reizempfindlichkeit, das Aufgeben jeder Ziel- handlung mit Ausnahme jener, die der Wunscherfüllung dienen. In diesem Charakter ahmen allerdings beide, und zwar mit merkwürdiger Genauigkeit, die intrauterine Existenzform nach. Da wir dieses bezüglich der Begattung bereits aus- führlich auseinandersetzten, möchten wir nur noch die Charakterisierung des Schlafzustandes in der Beschreibung Pieron's anführen. Als „caracteres du sommeil(< nennt er: „ inactivite, immobilite, reldchement du tonus musculaire, position compatible avec le reldchement, absence generale de reactivite induite, persistance de reactions reflexes, manque de reactions volontaires" und im Allgemeinen: ,ydisparition de la pluspart des rapports sensitivo-moteurs avec le niilieu."

Sowohl der Schlaf, als auch die Begattung, besonders aber der erstere sind durch Körperhaltungen charakterisiert, die auch von ganz unvoreingenommenen Beobachtern als 102 Versuch einer Genitaltheorie „ fötale Schlafstellung" beschrieben wurden. Die Extremitäten sind an den Leib gezogen, so daß der ganze Körper gleichsam die Kugelform annimmt, wie sie bei den Raum- verhältnissen in utero naturnotwendig ist. Weitgehende Analogien lassen sich zwischen Schlaf und Embryonalzu- stand in Bezug auf die Ernährungsfunktion feststellen. Die Tiere sind tagsüber mit der Beschaffung und der Ver- dauung der Nahrungsstoffe beschäftigt, die eigentliche Resorption, d. h. die Aufnahme der Nahrung in die Gewebe, findet nach der Aussage der Physiologen mehr in der Nacht statt. („Qui dort dine") Demgemäß gibt der Schlaf die Illusion einer mühelosen Nahrungszufuhr, die jener in utero ähnlich ist. Es wird auch vielfach behauptet, daß Wachs- tum und Regeneration überwiegend während des Schlafens vor sich gehen, Wachstum ist aber auch sozusagen die einzige Tätigkeit der Frucht im Mutterleibe.

Die Atmung, von deren Veränderungen beim Begattungs- akte wir bereits berichteten, ist während des Schlafens bedeutend vertieft. Es ist möglich, daß durch die ver- längerten Atempausen die Sauerstoffversorgung des Schlafen- den dem apnoetischen Zustande des Fötus angenähert wird. Im Wasser lebende Säugetiere, z. B. Seehunde, blähen im Schlafe ihre Lungen auf und halten sich unter Wasser auf, um nach längerer Pause zum Atemholen wieder emporzu- tauchen. Auch vom Chamäleon heißt es, daß es im Schlaf seine Lungen ungeheuerlich aufblähe.

Vom Fußsohlenreflex des Schlafenden wird geschrieben, daß er mit dem sogenannten Babinsky' sehen Zeichen behaftet ist; dasselbe wird von Beobachtern, die das Ver- halten des Neugeborenen unmittelbar nach der Geburt IX. Coitus und Schlaf 103 prüften, von dem Letzteren behauptet. Dieses Zeichen ist ein Symptom der noch nicht entwickelten Hemmungs- einrichtungen des Gehirns, insbesondere der mangelhaften Hemmung der Rückenmarksreflexe. Aber auch der Schlafende hat nach der Aussage eines berühmten Physiologen nur eine,, Rückenmarksseele1'. Dieser Ausspruch stimmt sehr gut mit unseren Ausführungen über phylogenetische Regres- sion überein; die Mitwirkung eines archaischen Regressions- zuges können wir auch beim Schlafzustand annehmen. (Der Begattungsakt brächte zu diesem Stadium nur in der Endphase, im Orgasmus eine Analogie.)

Merkwürdig ist die Innervation der Augenmuskeln im Schlafen; die Augen sind nach außen und oben rotiert; die Physiologen sagen geradezu, daß dies ein Rückfall zu einer Augenstellung sei, die für Tiere ohne binoculäres Sehen (z. B. Fische) charakteristisch sei. Die Augenlider sind im Schlaf, nicht etwa ptotisch, sondern durch ge- wollte Zusammenziehung der Lidmuskeln, geschlossen.

Auch die Veränderungen der Wärmeregulierung, die beim Schlafenden zu beobachten sind, müssen hier erwähnt werden. Es ist bekannt, um wie viel leichter man im Schlafe abkühlt und wie viel besser für den Wärmeschutz des Schlafenden gesorgt werden muß. Auch dies wäre ein Rückfall in's Embryonale, wo doch auch das mütterliche Milieu für die Wärme sorgt. Aber vielleicht handelt es sich hier auch um eine tiefergreifende Regression zur Poikilothermie der Fische und Amphibien.

Es gibt, um die Analogie mit der Begattung zu steigern, auch „soziale Schlafgewohnheiten", wobei sich zwei (oder mehrere) Tiere zum Erreichen des gegenseitigen Wärme- 104 Versuch einer Genitaltheorie Schutzes im Schlafe aneinander legen. Doflein beschreibt, wie fliegende Hunde, Rebhühner zusammengeballt schlafen, letztere einen Kreis bildend, mit den Köpfen nach außen angeordnet. Manche Vögel bilden im Schlaf dichte Ballen indem sie aufeinander sitzen und sich aneinander an- klammern; gewisse südamerikanische Affen halten Schlaf- versammlungen ab.

Es besteht eine gewiße Reziprozität zwischen Genitalität und Schlaf auch insoferne, als die Schlafdauer beim Heran- reifen ab-, die Sexualtätigkeit dagegen zunimmt. „C est par le sommeil que commence notre existence, le fetus dort presque continuellement" sagt Buffon. Das zur Welt gekommene Kind schläft hur mehr zwanzig Stunden täglich, dafür beginnt es sich autoerotisch zu befriedigen. Beim Erwachsenen stört, wie wir hörten, die unbefriedigte Genitalität den Schlaf oft außerordentlich: Schlaflosigkeit ist meist Beischlaflosigkeit, sagt die Psychoanalyse. Im Greisenalter hört sowohl der Schlaf — als auch der Genitaltrieb allmählich auf, wahr- scheinlich um den weiter zurückgreifenden Destruktions- trieben den Platz einzuräumen.

Für den genetischen Zusammenhang zwischen Schlaf und Genitalität spricht das häufige Auftreten autoerotischer, masturbatorischer und pollutionärer Akte im Schlafe, sie ist vielleicht auch eine der Ursachen der Enuresis nocturna. Hin- gegen herrscht bei gewissen nördlichen Volksstämmen, z. B. denSamojeden, zur Zeit der lichtlosen Wintermonate, eine Art Winterschlaf, während dessen die Frauen nicht menstruieren.

Bekannt sind die engen Beziehungen zwischen Schlaf und Hypnose; anderseits mußte die Psychoanalyse auf die Wesensgleichheit sexueller und hypnotischer Beziehungen IX. Coitus und Schlaf 105 hinweisen.1 Praktische Psychotherapeuten benützen oft den normalen Schläfrigkeitszustand dazu, um ihre Medien ge- fügig zu machen; übrigens hat auch der elterliche Befehl: Geh schlafen! deutlich hypnotisierende Wirkung auf das Kind. Fortgesetzte absichtliche Störung des natürlichen Schlafbedürfnisses trägt bei vielen religiösen Sekten dazu bei, den Eigenwillen des neuen Adepten zu brechen, gleich- wie der Falkenjäger nur mit Hilfe unausgesetzter Ver- hinderung am Einschlafen den Raubvogel zu einer Gehor- samkeit erzieht, die ihn zum willenlosen Diener seines Herrn macht. Offenbar ist der Wunsch zu schlafen, sich vor der ermüdenden Wirklichkeit halluzinatorisch in die Mutterleibs- und in eine noch archaischere Ruhe zu be- geben, ein so intensiver, daß ihm zu Liebe alle geistigen und körperlichen Kräfte auch in ungewohnter Weise ange- strengt werden (hypnotische Mehrleistungen). Es ist aber damit nicht anders als mit der hypnotischen Gefügigkeit überhaupt, die wir ja gleichfalls auf Liebes- und Angstge- fühle zu den Eltern zurückführen mußten. (,, Vater- und Mutter-Hypnose"). Wir sahen übrigens, daß es auch die Genitalität nicht verschmäht, sich hypnoseähnlicher Wirkungen zu bedienen, wenn es sich darum handelt, der Liebesob- jekte habhaft zu werden (Sekundäre Geschlechtsmerkmale).

Die kataleptische Starre der Hypnotisierten erinnert, worauf zuerst Bj erre hinwies, lebhaft an die fötale Körpersituation.2 1) Introjektion und Übertragung, 1. c. vom Verf.

2) Der anderen Behauptung Bjerre's, auch die Suggestion sei eine Regression aufs Praenatale, konnte ich nicht folgen, sondern mußte diese psychische Reaktionsweise auf elterliche Einflüsse des Extrauterinlebens zurückführen.

io6 Versuch einer Genitaltheorie Die vielfach aufgeworfene Frage, ob die Liebe eine Hyp- nose und die von uns vertretene Anschauung, daß die Hypnose eigentlich Liebe ist, findet also nunmehr in der gemeinsammen Beziehung beider zur Mutter-Kindsituation ihre einheitliche Lösung, die nur noch durch den Hinweis auf phylogenetisch viel ältere Antezedentien (Sich-tot-stellen der Tiere, Mimikry) zu ergänzen ist.