SigPhi · Sigmund Freud

Das Ich und das Es / Jenseits des Lustprinzips / Massenpsychologie (GW XIII)

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Weiter führte die Analyse der Träume, die Referent schon 1900 in der „Traumdeutung“ der Öffentlichkeit vorlegte. Es ergab sich aus ihr, daß der Traum nicht anders gebaut ist als ein neurotisches Symptom. Er mag wie ein solches fremdartig und sinnlos erscheinen; wenn man ihn mittels einer Technik untersucht, die sich von der in der Psychoanalyse verwendeten freien Assoziation wenig unterscheidet, gelangt man von seinem manifesten Inhalt zu einem geheimen Sinn des Traumes, zu den latenten Traumgedanken. Dieser latente Sinn ist allemal eine Wunschregung, die als in der Gegenwart erfüllt dargestellt wird. Aber außer bei kleinen Kindern oder unter dem Druck imperativer Körperbedürfnisse kann dieser geheime Wunsch niemals kenntlich ausgesprochen werden. Er muß sich erst eine Entstellung gefallen lassen, welche das Werk einschränkender, zensurierender Kräfte im Ich des Träumers ist. So entsteht der manifeste Traum, wie er im Wachen erinnert wird, bis zur Un- kenntlichkeit entstellt durch die Konzessionen an die Traumzensur, durch die Analyse aber noch als Ausdruck einer Befriedigungssitua- tion oder Wunscherfüllung zu entlarven, ein Kompromiß zwischen zwei miteinander ringenden Gruppen seelischer Strebungen, BR: so, wie wir es für das hysterische Symptom gefunden haben. Die Formel, der Traum ist eine (verkappte) Erfüllung eines (verdrängten) Wunsches, trifft im Grunde das Wesen des Traumes am besten.

416 Kurzer Abriß der Psychoanalyse Durch das Studium jenes Prozesses, der den latenten Traumwunsch in den manifesten Trauminhalt umwandelt (die Traumarbeit), haben wir das beste, was wir vom unbewußten Seelenleben wissen, erfahren.

Nun ist der Traum kein krankhaftes Symptom, sondern eine Leistung des normalen Seelenlebens. Die Wünsche, die er als erfüllt darstellt, sind die nämlichen, die in der. Neurose der Verdrängung verfallen. Der Traum verdankt die Möglichkeit seiner Entstehung bloß dem günstigen Umstand, daß sich während des Schlafzustandes, der die Motilität des Menschen lähmt, die Verdrängung zur 'Traum- zensur ermäßigt. Doch wenn die Traumbildung gewisse Grenzen überschreitet, macht ihm der Träumer ein Ende und wacht erschreckt auf. Es ist also erwiesen, daß im normalen Seelenleben dieselben Kräfte und dieselben Vorgänge zwischen ihnen bestehen wie im krankhaften. Von der Traumdeutung an hatte die Psychoanalyse eine zweifache Bedeutung, sie war nicht nur eine neue Therapie der Neurosen, sondern auch eine neue Psychologie; sie erhob den Ans- pruch, nicht nur von Nervenärzten, sondern von allen, die eine Geisteswissenschaft betrieben, beachtet zu werden.

Der Empfang aber, der ihr in der wissenschaftlichen Welt bereitet wurde, war kein freundlicher. Etwa ein Jahrzehnt lang kümmerte sich niemand um die Arbeiten Freuds. Etwa um das Jahr 1907 wurde durch eine Gruppe von Schweizer Psychiatern (Bleuler und Jung in. Zürich) die Aufmerksamkeit auf die Psychoanalyse gelenkt und nun brach, besonders in Deutschland, ein Sturm der Entrüstung los, der in seinen Mitteln und Argumenten wahrlich nicht wählerisch war. Die Psychoanalyse teilte dabei das Schicksal von so vielen Neuheiten, die dann nach Ablauf einer gewissen Zeit allgemeine Anerkennung gefunden haben. Allerdings lag es in ihrem Wesen, daß sie besonders heftigen Widerspruch erwecken mußte. Sie verletzte die Vorurteile der Kulturmenschheit an einigen besonders empfindlichen Stellen, unterwarf gewissermaßen alle Menschen der analytischen Reaktion, indem sie das aufdeckte, was durch allge- Kurzer Abrig der Psychoanalyse 417 meines Übereinkommen ins Unbewußte verdrängt worden war, und zwang so die Zeitgenossen, sich wie die Kranken zu benehmen, die in der analytischen Behandlung vor allem ihre Widerstände zum Vorschein bringen. Es muß auch zugestanden werden, daß es nicht leicht war, sich von der Richtigkeit der psychoanalytischen Lehren zu überzeugen oder Unterricht in der Ausübung der Analyse zu bekommen.

Die allgemeine Feindseligkeit konnte indes nicht verhindern, daß sich die Psychoanalyse im Laufe des nächsten Jahrzehnts ständig nach zwei Richtungen ausdehnte; auf der Landkarte, indem das Interesse für sie in immer neuen Ländern auftauchte, und auf dem Felde der Geisteswissenschaften, indem sie auf immer neue Diszi- plinen Anwendung fand. 1909 lud Präsident G.' Stanley Hall Freud und Jung ein, an der von ihm geleiteten Clark University in Wor- cester, Mass,, Vorlesungen über Psychoanalyse zu halten, denen auch eine freundliche Aufnahme zuteil wurde. Die Psychoanalyse ist seither in Amerika populär geblieben, wenngleich gerade in diesem Lande viel Seichtigkeit und mancher Mißbrauch sich mit ihrem Namen deckt. Schon 1911 konnte Havelock Ellis konstatieren, daß die Analyse nicht nur in Österreich und der Schweiz, sondern eben- sowohl in den Vereinigten Staaten, in England, Indien, Kanada und gewiß auch in Australien gepflegt und betrieben werde.

In dieser Zeit des Kampfes und der ersten Blüte entstanden auch die literarischen Organe, die ausschließlich der Psychoanalyse dienten. Es waren das „Jahrbuch für psychoanalytische und psychopatho- logische Forschungen‘‘, herausgegeben von Bleuler und Freud, redigiert von Jung (1909—1914), das mit dem Ausbruch des Welt- krieges eingestellt wurde, das „Zentralblatt für Psychoanalyse“ (191 1), redigiert von Adler und Stekel, das alsbald von der „Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse‘ (1915, heute im zehnten Jahrgang) abgelöst wurde; ferner seit 1912 die von Rank und Sachs begründete „Imago“, eine Zeitschrift für die Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften. Das große Interesse der anglo- 418 Kurzer Abriß der Psychoanalyse amerikanischen Ärzte äußerte sich 1915 in der Gründung der noch jetzt bestehenden ‚„‚Psychoanalytic Review‘ durch White und Jelliffe. Später, 1920, trat das speziell für England bestimmte, von Ernest Jones redigierte „International Journal of Psycho-Analysis“ ins Leben. Der Internationale Psychoanalytische Verlag und das ihm entsprechende englische Unternehmen (I. PsA. Press) bringen unter dem Namen einer Internationalen Psychoanalytischen Bibliothek (Int. PsA. Library) eine fortlaufende Reihe analytischer Publikationen. Natürlich ist die Literatur der Psychoanalyse nicht ausschließlich in diesen periodischen Veröffentlichungen zu finden, die zumeist von psychoanalytischen Vereinigungen unterhalten werden, sondern an einer Unzahl von Stellen zerstreut, in wissenschaftlichen wie in literarischen Produktionen. Unter den Zeitschriften der romanischen Welt, die der Psychoanalyse besondere Aufmerksamkeit schenken, ist die vonH. Delgado in Lima (Peru) geleitete ‚‚Rivista de Psiquiatria‘ hervorzuheben.

Ein wesentlicher Unterschied dieses zweiten Jahrzehnts der Psychoanalyse vom ersten lag darin, daß Referent nicht mehr ihr einziger Vertreter war. Ein stetig wachsender Kreis von Schülern und Anhängern hatte sich um ihn gesammelt, deren Arbeit zuerst für die Ausbreitung der psychoanalytischen Lehren sorgte und dieselben dann fortführte, ergänzte und vertiefte. Von diesen An- hängern fielen im Laufe der Jahre, wie unvermeidlich, mehrere ab, gingen ihre eigenen Wege oder wandten sich zu einer Opposition, welche die Kontinuität in der Entwicklung der Psychoanalyse zu bedrohen schien. Zwischen 1911 und 1915 waren es C. G. Jung in Zürich und Alfred Adler in Wien, die durch ihre Umdeutungs- versuche an den analytischen Tatsachen und ihre Bestrebungen zur Ablenkung von den Gesichtspunkten der Analyse eine gewisse Erschütterung hervorriefen, aber es zeigte sich bald, daß diese Sezessionen keinen nachhaltigen Schaden gestiftet haben. Was ihnen an zeitweiligem Erfolg zugefallen war, erklärte sich leicht aus der Bereitwilligkeit der Menge, sich vom Druck der psycho- Kurzer Abrıiß der Psychoanalyse 419 analytischen Anforderungen befreien zu lassen, welchen Weg immer man ihnen dazu eröffnete. Die überwiegende Mehrzahl der Mitar- beiter hielt aus und setzte die Arbeit längs der ihnen angezeigten Richtlinien fort. Wir werden ihren Namen in der nun folgenden, sehr verkürzten Darstellung der Ergebnisse der Psychoanalyse auf den mannigfachen Gebieten ihrer Anwendung wiederholt begegnen.

IV Die geräuschvolle Ablehnung, welche der Psychoanalyse von seiten der ärztlichen Welt widerfuhr, hat ihre Anhänger: nicht abhalten können, sie zunächst in ihrer ursprünglichen Absicht zu einer speziellen Pathologie und Therapie der Neurosen zu entwickeln, eine Aufgabe, welehe auch gegenwärtig noch nicht vollkommen gelöst ist. Die unleugbaren Heilerfolge, welche weit über alles bisher Erreichte hinausgingen, spornten zu immer neuen Bemühungen an,und die Schwierigkeiten, die sich bei tieferem Eindringen in die Materie erhoben, veranlaßten tiefgreifende Veränderungen der analytischen Technik und bedeutsame Korrekturen an den Annahmen und Voraussetzungen der Theorie.

Die Technik der Psychoanalyse ist im Laufe dieser Entwicklung so bestimmt und so heikel geworden wie die irgendeiner anderen medizinischen Spezialität. In Verkennung dieser Tatsache wird besonders in England und Amerika viel gesündigt, indem Personen, die sich durch Lektüre eine nur literarische Kenntnis der Psycho- analyse erworben haben, sich für befähigt halten, analytische Be- handlungen zu unternehmen, ohne sich einer besonderen Schulung zu unterziehen. Die Erfolge eines solchen Vorgehens sind unheilvoll sowohl für die Wissenschaft wie für die Patienten und haben viel zur Diskreditierung der Psychoanalyse beigetragen. Die Gründung der ersten psychoanalytischen Poliklinik (durch M. Eitingon in Berlin, 1920) ist daher ein Schritt von hoher praktischer Bedeutung HOWORdRn. Dieses Institut bemüht sich einerseits, die analytische Therapie weiten 420 Kurzer Abriß der Psychoanalyse Volkskreisen zugänglich zu machen, anderseits übernimmt es die Ausbildung von Ärzten zu praktischen Analytikern in einem Lehrkurs, welcher die Bedingung einschließt, daß der Lernende an sich selbst eine Psychoanalyse vollziehen läßt.

Unter den Hilfsbegriffen, welche dem Arzt die Bewältigung des analytischen Materials ermöglichen, ist an erster Stelle der der „Libido“ zu nennen. Libido bedeutet in der Psychoanalyse zunächst die (als quantitativ veränderlich und meßbar gedachte) Kraft der auf das Objekt gerichteten Sexualtriebe (in dem durch die analytische Theorie erweiterten Sinne). Bei weiterem Studium ergab sich die Nötigung, dieser „Objektlibido‘‘ eine auf das eigene Ich gerichtete „narzißtische oder Ichlibido‘“ an die Seite zu stellen, und die Wechselwirkungen dieser beiden Kräfte haben es gestattet, von einer großen Anzahl normaler wie pathologischer Vorgänge im Seelenleben Rechenschaft zu geben. Es ergab sich bald die grobe Scheidung der sogenannten „, Übertragungsneurosen“ von den narzißtischen Affek- tionen, die ersteren (Hysterie und Zwangsneurose) die eigentlichen Objekte der psychoanalytischen Therapie, während die anderen, die narzißtischen Neurosen, zwar die Untersuchung mit Hilfe der Analyse gestatten, aber einer therapeutischen Beeinflussung prinzi- pielle Schwierigkeiten bereiten. Es ist richtig, daß die Libidotheorie der Psychoanalyse keineswegs "abgeschlossen und ihr Verhältnis zu einer allgemeinen Trieblehre noch nicht geklärt ist, die Psycho- analyse ist eben eine junge, durchweg unfertige, in rascher Entwick- lung begriffene Wissenschaft, aber es ist hier die Stelle zu betonen, wie irrig der Vorwurf des Pansexualismus ist, der so häufig gegen die Psychoanalyse erhoben wird. Er will besagen, daß die psycho- analytische Theorie keine anderen seelischen Triebkräfte als bloß sexuelle kennt, und macht sich dabei populäre Vorurteile zunutze, indem er „sexuell“ nicht im analytischen, sondern im vulgären Sinne verwendet.

Zu den narzißtischen Affektionen müßte die psychoanalytische Auffassung auch alle die Leiden rechnen, die in der Psychiatrie Kurzer Abriß der Psychoanalyse 421 „funktionelle Psychosen‘‘ genannt werden. Es ließ sich nicht be- zweifeln,daß Neurosen und Psychosen nicht durch eine scharfe Grenze getrennt waren, so wenig wie Gesundheit und Neurose, und es lag zu nahe, zur Erklärung der so rätselhaften psychotischen Phänomene die Einsichten heranzuziehen, die man an den bisher ebenso un- durchsichtigen Neurosen gewonnen hatte. Schon Referent hatte in der Zeit seiner Vereinsamung einen Fall von paranoider Erkrankung durch analytische Untersuchung halbwegs verständlich gemacht und in dieser unzweideutigen Psychose dieselben Inhalte (Komplexe) und ein ähnliches Kräftespiel wie bei simplen Neurosen nachgewiesen. E. Bleuler verfolgte bei einer ganzen Anzahl von Psychosen die Anzeichen von dem, was er „Freudsche Mechanismen“ nannte, und C. G. Jung erwarb sich mit einem Schlage ein großes Ansehen als Analytiker, als er 1901 für die absonderlichsten Symptome in den Endausgängen der Dementia praecox die Aufklärung aus der indivi- duellen Lebensgeschichte dieser Kranken gab. Die umfassende Bearbeitung der Schizophrenie durch Bleuler (1911) hat dann die Berechtigung psychoanalytischer Gesichtspunkte für die Auffassung dieser Psychosen in wahrscheinlich endgiltiger Weise dargetan.

In solcher Art wurde die Psychiatrie das nächste Anwendungs- gebiet der Psychoanalyse und ist es auch seither geblieben. Dieselben Forscher, welche am meisten für eine vertiefte analytische Kenntnis der Neurosen getan haben, wie K. Abraham in Berlin und S. Ferenczi in Budapest (um nur die hervorragendsten zu nennen), sind auch in der analytischen Durchleuchtung der Psychosen führend geblieben. Die Überzeugung von der Einheit und Zusammengehörigkeit all der Störungen, die sich uns als neurotische und psychotische Phäno- mene kundgeben, setzt sich trotz alles Sträubens der Psychiater immer stärker durch. Man fängt an zu verstehen, — vielleicht am besten in Amerika, — daß'nur das psychoanalytische Studium der Neurosen die Vorbereitung für ein Verständnis der Psychosen ergeben kann, daß die Psychoanalyse dazu berufen ist, eine WISSRE schaftliche Psychiatrie der Zukunft zu ermöglichen, die sich nicht 422 Kurzer Abriß der Psychoanalyse mehr mit der Beschreibung sonderbarer Zustandsbilder, unbe- greiflicher Abläufe, und mit der Verfolgung des Einflusses grober anatomischer und toxischer Traumen auf den unserer Kenntnis unzugänglichen seelischen Apparat zu begnügen braucht.

V Aber niemals hätte die Psychoanalyse durch ihre Bedeutung für die Psychiatrie die Aufmerksamkeit der intellektuellen Welt auf sich gezogen oder einen Platz in Tbe History of our times für sich erobert. Diese Wirkung ging von der Beziehung der Psychoanalyse zum normalen Seelenleben, nicht zum pathologischen aus. Ursprüng- lich beabsichtigte die analytische Forschung ja nichts anderes als die Entstehungsbedingungen (Genese) einiger krankhafter Seelen- zustände zu ergründen, aber in dieser Bemühung gelangte sie dazu, Verhältnisse von grundlegender Bedeutung aufzudecken, geradezu eine neue Psychologie zu schaffen, so daß man sich sagen mußte, die Giltigkeit solcher Funde könne unmöglich auf das Gebiet der Pathologie beschränkt sein. Wir wissen bereits, wann der entschei- dende Nachweis für die Richtigkeit dieses Schlusses erbracht wurde. Es war, als die Deutung der Träume durch die analytische Technik gelang, der Träume, die ja dem Seelenleben der Normalen angehören und doch eigentlich pathologischen Produktionen entsprechen, die regelmäßig unter den Bedingungen der Gesundheit entstehen können.

Hielt man an den psychologischen Einsichten fest, die man durch das Studium der Träume gewonnen hatte, so war nuy noch ein Schritt zu tun, um die Psychoanalyse als Lehre von den tieferen, dem Bewußtsein nicht direkt zugänglichen, seelischen Vorgängen, als ‚, Tiefenpsychologie‘‘ proklamieren und auf fast sämtliche Geistes- wissenschaften anwenden zu können. Dieser Schritt bestand in dem Übergang von der seelischen Tätigkeit des Einzelmenschen zu den psychischen Leistungen von menschlichen Gemeinschaften Kurzer Abriß der Psychoanalyse 425 und Völkern, also von der Individual- zur Massenpsychologie, und man sah sich durch viele überraschende Analogien zu ihm gedrängt. So hatte man z. B. erfahren, daß in den tiefen Schichten unbewußter Geistestätigkeit Gegensätze nicht voneinander unterschieden, son- dern durch das nämliche Element ausgedrückt werden. Aber der 'Sprachforscher K. Abel hatte schon 1884 die Behauptung aufgestellt (‚, Über den Gegensinn der Urworte‘‘), daß die ältesten uns bekannten Sprachen mit dem Gegensatz nicht anders verfahren sind. So hat das Altägyptische z. B. für stark und schwach zunächst nur ein Wort, und erst später werden die beiden Seiten der Antithese durch leichte Modifikationen auseinandergehalten. Noch in den modernsten Sprachen lassen sich deutliche Überreste dieses Gegensinnes aufzeigen, so im deutschen ‚‚Boden‘‘ — das Oberste wie das Unterste im Haus, ähnlich wie ‚‚a/2us‘‘ — hoch und tief — im Lateinischen. So ist die Gleichstellung der Gegensätze im Traum ein allgemeiner archaischer Zug menschlichen Denkens.

Um ein Beispiel aus einem anderen Gebiet zu geben: es ist un- möglich, sich dem Eindruck der vollen Übereinstimmung zu entziehen, die man zwischen den Zwangshandlungen gewisser Zwangskranker und den religiösen Betätigungen der Frommen in aller Welt entdeckt. Manche Fälle von Zwangsneurose benehmen sich geradezu wie eine karikierte Privatreligion, so daß man die offiziellen Religionen einer durch ihre Allgemeinheit ermäßigten Zwangsneurose gleichsetzen möchte. Dieser für alle Gläubigen gewiß höchst anstößige Vergleich ist psychologisch doch sehr fruchtbar geworden. Denn für die Zwangsneurose ist es der Psychoanalyse bald bekannt worden, welche Kräfte hier miteinander ringen, bis ihre Konflikte sich den merk- würdigen Ausdruck durch das Zeremoniell der Zwangshandlüngen geschaffen haben. Nichts ähnliches war für das religiöse Zeremoniell vermutet worden, bis es gelang, durch die Zurückführung des religiösen Gefühls auf das Vaterverhältnis als seine tiefste Wurzel auch hier die analoge dynamische Situation nachzuweisen. Dies Beispiel mag übrigens den Leser daran mahnen, daß auch die An- 424 Kurzer Abriß der Psychoanalyse wendung der Psychoanalyse auf nicht ärztliche Gebiete nicht umhin kann, hochgehaltene Vorurteile zu verletzen, an tiefwurzelnde Empfindlichkeiten zu rühren und so Feindschaften hervorzurufen, die eine wesentlich affektive Grundlage haben.

Wenn wir die allgemeinsten Verhältnisse des unbewußten Seelen- lebens (die Konflikte der Triebregungen, die Verdrängungen und Ersatzbefriedigungen) als überall vorhanden annehmen dürfen, und wenn es eine Tiefenpsychologie gibt, welche zur Kenntnis dieser Verhältnisse führt, so ist es eine billige Erwartung, daß die Anwen- dung der Psychoanalyse auf die mannigfachsten Gebiete der mensch- lichen Geistestätigkeit überall wichtige und bisher unerreichbare Resultate zutage fördern wird. Eine überaus gehaltvolle Studie von Otto Rank und H. Sachs hat sich bemüht zusammenzustellen, in- wieweit die Arbeit der Psychoanalytiker diese Erwartungen bis zum Jahre 1915 erfüllen konnte. Der Raummangel verbietet es mir, hier eine Vervollständigung dieser Aufzählung zu versuchen. Ich kann nur das wichtigste Ergebnis herausheben und einige Einzelheiten daren anlehnen.

‚Wenn man von wenig bekannten inneren Antrieben absieht, so darf man sagen, der Hauptmotor der Kulturentwicklung des Menschen ist die äußere reale Not gewesen, die ihm die bequeme Befriedigung seiner natürlichen Bedürfnisse verweigerte und ihn übergroßen Gefahren preisgab. Diese äußere Versagung zwang ihn zum Kampf mit der Realität, der teils in Anpassung an dieselbe, teils in Be- herrschung derselben ausging, aber auch zur Arbeitsgemeinschaft und zum Zusammenleben mit seinesgleichen, womit bereits ein Verzicht auf mancherlei sozial nicht zu befriedigende Triebregungen verbunden war. Mit den weiteren Fortschritten der Kultur wuchsen auch die Ansprüche der Verdrängung. Die Kultur ist doch überhaupt auf Triebverzicht aufgebaut, und jedes einzelne Individuum soll auf seinem Wege von der Kindheit zur Reife an’ seiner Person diese Entwicklung der Menschheit zur verständigen Resignation wieder- holen. Die Psychoanalyse hat gezeigt, daß es vorwiegend, wenn Aurzer.dbriß der Psychoanalyse 425 auch nicht ausschließlich, sexuelle Triebregungen sind, welche dieser kulturellen Unterdrückung verfallen. Ein Teil derselben zeigt nun die wertvolle Eigenschaft, sich von ihren nächsten Zielen ab- lenken zu lassen und so als ‚‚sublimierte‘‘ Strebungen ihre Energie der kulturellen Entwicklung zur Verfügung zu stellen. Ein anderer Anteil bleibt aber als unbefriedigte Wunschregung im Unbewußten bestehen und drängt nach irgendwelcher, wenn auch entstellter, Befriedigung.

Wir haben gehört, daß ein Stück der menschlichen Geistestätigkeit auf die Bewältigung der realen Außenwelt gerichtet ist. Nun fügt die Psychoanalyse hinzu, ein anderes, besonders hochgeschätztes Stück des seelischen Schaffens dient der Wunscherfüllung, der Ersatzbefriedigung jener verdrängten Wünsche, die seit den Jahren der Kindheit unbefriedigt in der Seele eines jeden wohnen. Zu diesen Schöpfungen, deren Zusammenhang mit. einem unfaßbaren Unbewußten immer vermutet wurde, gehören Mythus, Dichtung und Kunst, und wirklich hat die Arbeit der Psychoanalytiker eine Fülle von Licht auf die Gebiete der Mythologie, der Literaturwissen- schaft und der Künstlerpsychologie geworfen; als Vorbild sei hier nur die Leistung von O. Rank erwähnt. Man hat gezeigt, daß Mythen und Märchen eine Deutung zulassen wie die Träume, hat die ver- schlungenen Wege verfolgt, die vom Antrieb des unbewußten Wunsches bis zur Realisierung im Kunstwerk führen, hat die affektive Wirkung des Kunstwerks auf den Empfänger verstehen gelernt und beim Künstler selbst dessen innere Verwandtschaft wie seine Verschieden- heit vom Neurotiker geklärt und den Zusammenhang zwischen seiner Anlage, seinem zufälligen Erleben und seiner Leistung aufge- zeigt. Die ästhetische Würdigung des Kunstwerks sowie die Auf- klärung der künstlerischen Begabung kommen zwar als Aufgaben für die Psychoanalyse nicht in Betracht. Es scheint aber, daß die Psychoanalyse imstande ist, in all den Fragen, die das menschliche Phantasieleben betreffen, das entscheidende Wort zu sprechen.

Und nun zudritt: Die Psychoanalyse hat uns zu unserem wach- 28 Freud, X1rH.

426 Kurzer Abriß der Psychoanalyse senden Erstaunen erkennen lassen, welch ungeheuer wichtige Rolle der sogenannte Ödipus-Komplex, d. i. die affektive Beziehung des Kindes zu seinen beiden Eltern, im Seelenleben des Menschen spielt. Dies Erstaunen ermäßigt sich, wenn wir erfassen, daß der Ödipus- Komplex das psychische Korrelat zweier fundamentaler biologischer Tatsachen ist, der langen infantilen Abhängigkeit des Menschen und der merkwürdigen Art, wie sein Sexualleben im dritten bis fünften Jahr einsn ersten Höhepunkt erreicht, um dann nach einer Periode der Hemmung mit der Pubertät neu einzusetzen. Dann aber eröffnete sich die Einsicht, daß ein drittes, höchst ernsthaftes Stück der mensch- lichen Geistestätigkeit, jenes, das die großen Institutionen der Religion, des Rechts, der Ethik und all der Formen der Staatlichkeit geschaffen hat, im Grunde darauf abzielt, dem Einzelnen die Bewältigung seines Ödipus-Komplexes zu ermöglichen und seine Libido aus ihren infantilen Bindungen in die endgültig erwünschten sozialen über- zuleiten. Die Anwendungen der Psychoanalyse auf Religionswissen- schaft und Soziologie (Referent, Th. Reik, O. Pfister), welche zu diesem Ergebnis geführt haben, sind noch jung und nicht genügend gewürdigt, aber es ist nicht zu bezweifeln, daß weitere Studien die Sicherheit dieser wichtigen Aufschlüsse nur erhöhen werden.

Wie als Anhang muß ich noch erwähnen, daß auch die Pädogogik es nicht unterlassen kann, sich die Winke zunutze zu machen, die ihr die anälytische Erforschung des kindlichen Seelenlebens gibt. Ferner, daß sich unter den Therapeuten Stimmen erhoben haben (Groddeck, Jelliffe), die auch die psychoanalytische Behandlung schwerer organischer Leiden für aussichtsvoll erklären, da bei vielen dieser Affektionen auch ein psychischer Faktor mitgewirkt hat, auf den man Einfluß gewinnen kann.

So darf man die Erwartung aussprechen, daß die Psychoanalyse, deren Entwicklung und bisherige Leistung hier in knapper und un- zureichender Weise dargestellt wurde, als ein bedeutsames Ferment in die kulturelle Entwicklung der nächsten Dezennien eingehen und dazu verhelfen wird, unser Weltverständnis zu vertiefen und man- Kurzer Abriß der Psychoanalyse 427 chem im Leben als schädlich Erkanntem zu widerstreben. Nur vergesse man nicht daran, daß die Psychoanalyse für sich allein ein vollständiges Weltbild nicht liefern kann. Wenn man die Unter- scheidung annimmt, welche ich kürzlich vorgeschlagen habe, die den seelischen Apparat in ein der Außenwelt zugewendetes, mit Bewußt- sein ausgestattetes Ich und ein unbewußtes, von seinen Triebbedürf- nissen beherrschtes Es zerlegt, so ist die Psychoanalyse als eine Psychologie des Es (und seiner Einwirkungen auf das Ich) zu bezeich- nen. Sie kann also auf jedem Wissensgebiet nur Beiträge liefern, welche aus der Psychologie des Ichs zu ergänzen sind. Wenn diese Beiträge oft gerade das Wesentliche eines Tatbestandes enthalten, so entspricht dies nur der Bedeutung, welche das lange unerkannt gebliebene seelisch Unbewußte für unser Leben beanspruchen darf.

ET au ET au n B ur NACHSCHRIFT ZUR ANALYSE DES KLEINEN HANS NACHSCHRIFT ZUR ANALYSE DES KLEINEN HANS Vor einigen Monaten — im Frühjahr des Jahres ı922 — stellte sich mir ein junger Mann vor und erklärte, er sei der „kleine Hans“, über dessen kindliche Neurose ich im Jahre 1909 berichtet hatte. Ich war sehr froh, ihn wiederzusehen, denn er war mir etwa zwei Jahre nach Abschluß seiner Analyse aus den Augen geraten und ich hatte seit länger als einem Jahrzent nichts von seinen Schicksalen erfahren. Die Veröffentlichung dieser ersten Analyse an einem Kinde hatte viel Aufsehen und noch mehr Entrüstung hervorgerufen und dem armen Jungen war großes Unheil prophezeit worden, weil. er in so zartem Alter „entharmlost“ und zum Opfer einer Psychoanalyse gemacht worden war.

Nichts von all diesen Befürchtungen ist aber eingetroffen. Der kleine Hans war jetzt ein stattlicher Jüngling von ıg Jahren. Er behauptete, sich durchaus wohl zu befinden und an keinerlei Beschwerden oder Hemmungen zu leiden. Er war nicht nur ohne Schädigung durch die Pubertät gegangen, sondern hatte auch eine der schwersten Belastungsproben für sein Gefühls- leben gut bestanden. Seine Eltern hatten sich voneinander ge- schieden und jeder Teil eine neue Ehe geschlossen. Er lebe infolgedessen allein, stehe aber mit beiden Eltern gut und; be- daure nur, daß er durch die Auflösung der Familie von seiner lieben jüngeren Schwester getrennt worden sei.

432 Nachschrift zur Analyse des Kleinen Hans Eine Mitteilung des kleinen Hans war mir besonders merk- würdig. Ich getraue mich auch nicht, eine Erklärung für sie zu geben. Als er seine Krankengeschichte las, erzählte er, es sei ihm alles fremd vorgekommen, er erkannte sich nicht, konnte sich an nichts erinnern, und nur als er auf die Reise nach Gmunden stieß, dämmerte ihm etwas wie ein Schimmer von Erinnerung auf, das könnte er selbst gewesen sein. Die Analyse hatte also die Begebenheit nicht vor der Amnesie bewahrt, sondern war selbst der Amnesie verfallen. Ähnlich ergeht es dem mit der Psychoanalyse Vertrauten manchmal im Schlafe. Er wird durch einen Traum geweckt, beschließt ihn ohne Aufschub zu analy- sieren, schläft, mit dem Ergebnis seiner Bemühung zufrieden, wieder ein und am nächsten Morgen sind Traum und Analyse vergessen.

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Gedenkworte, Briefe und Vorreden 435 Dr. ANTON v. FREUND Am 2o. Jänner 1920, wenige Tage nach vollendetem vierzigsten Lebens- jahr, starb in einem Wiener Sanatorium Dr. Anton v. Freund, seit dem Budapester Kongreß im September ı918 Generalsekretär der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. Er war der stärkste Förderer und eine der schönsten Hoffnungen unserer Wissenschaft! In Budapest ı880 geboren, erwarb er das Doktorat der Philosophie und bestimmte sich selbst zum Lehramt, ließ sich aber dann bewegen, in die industriellen Unternehmungen seines Vaters einzutreten. Die großen Erfolge, die er als Fabrikant und Organisator erzielte, konnten aber die beiden, aus der Tiefe seines Wesens drängenden Bedürfnisse nach sozialer Hilfeleistung und nach wissenschaft- licher Betätigung nicht befriedigen. Für seine eigene Person anspruchslos, mit allen Gaben ausgestattet, durch die man die Menschen bezaubert und ihre Liebe gewinnt, verwendete er seine materiellen Machtmittel dazu, um andere zu fördern, die Härten ihres Schicksals zu mildern und überall den Sinn für soziale Gerechtigkeit zu schärfen. Er erwarb sich so einen großen Kreis von Freunden, die seinen Verlust schwer empfinden werden.

Als er in den letzten Jahren seines Lebens die Psychoanalyse kennen lernte, schien ihm die Erfüllung seiner beiden großen Wünsche in einem zu winken. Er stellte sich die Aufgabe, den Massen durch die Psychoanalyse zu helfen, die Heilwirkung dieser ärztlichen Technik, die bis dahin nur wenigen Reichen zugute kommen konnte, zur Linderung des neurotischen Elends der Armen zu nützen. Da der Staat sich um die Neurosen der Be- völkerung nicht kümmerte, die Kliniken zum größten Teil die psycho- analytische Therapie verwarfen, ohne einen Ersatz für dieselbe bieten kon können, und die vereinzelten psychoanalytischen Ärzte, an die Notwendig- keit der Selbsterhaltung gebunden, einer so riesigen Aufgabe nicht gewachsen waren, wollte Anton v. Freund durch seine private Initiative den Weg zur Erfüllung einer so wichtigen sozialen Pflicht für alle eröffnen. Während der Kriegsjahre hatte er eine damals sehr beträchtliche Summe, mehr als ı!/s Millionen Kronen, für humanitäre Zwecke der Stadt Budapest ge- sammelt. Diesen Betrag bestimmte er nun im Einvernehmen bar dem de“ maligen Bürgermeister Dr. Stephan v. Bärczy für die Gründung eines Gedenkworte, Briefe und Vorreden psycuoanalytischen Instituts in Budapest, in dem die Analyse gepflegt, ge- lehrt und dem Volke zugänglich gemacht werden sollte. Es bestand die Absicht, daselbst in größerer Zahl Ärzte zur psychoanalytischen Praxis aus- zubilden, die dann von der Anstalt für die Behandlung der armen Neurotiker aus dem Ambulatorium zu honorieren wären. Außerdem wäre das Institut ein Mittelpunkt für die wissenschaftliche Fortbildung in der Analyse ge- worden. Dr. Ferenczi war zum wissenschaftlichen Leiter der Anstalt be- stimmt, v. Freund selbst hätte seine Organisation und Erhaltung über- nommen. Einen entsprechend kleineren Betrag übergab der Stifter Professor Freud zur Gründung eines Internationalen Psychoanalytischen Verlags. Aber „Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe, die der Mensch, der vergängliche, baut?“ v. Freunds vorzeitiger Tod hat diesen menschenfreundlichen und für die Wissenschaft so hoffnungsvollen Plänen ein Ende gesetzt. Obwohl der von ihm gesammelte Fonds noch vorhanden ist, läßt doch die Haltung der gegenwärtigen Machthaber in der ungarischen Hauptstadt die Verwirklichung seiner Absichten nicht erwarten. Nur der psychoanalytische Verlag ist in Wien ins Leben getreten.

Das Beispiel, das der Verstorbene geben wollte, hat trotzdem bereits seine Wirkung geübt. Wenige Wochen nach seinem Tode ist in Berlin dank der Energie und Liberalität von Dr. Max Eitingon die erste psychoanalytische Poliklinik eröffnet worden. So findet Freunds Werk Fortsetzer, seine Person bleibt unersetzlich und unvergeßlich.

Gedenkworte, Briefe und Vorreden 437 PREFACE to