war die geheimnisvolle vollkommene Kreisbewegung, welche die alte Astronomie zugrunde legte, sowie die Lebenskraft, in welcher die Bio- logie vergangener Tage die Ursache der Haupteigenschaften des or- ganischen Lebens ausdrückte. Und jede Formel, welche Hegel, Schleier- macher oder Comte aufgestellt haben, das Gesetz der Geschichte aus- zudrücken, gehört diesem natürlichen Denken an, das überall der Analysis vorausgeht und eben — Metaphysik ist. Diese anspruchs- vollen Allgemeinbegriffe der Philosophie der Geschichte sind nichts als die notiones universales, welche Spinoza so meisterhaft in ihrem natürlichen Ursprung und ihrer verhängnisvollen Wirkung auf das wissenschaftliche Denken geschildert hat.i — Natürlich heben diese Abstraktionen, welche den Verlauf der Geschichte ausdrücken, aus diesem, der mit dem Bewußtsein unermeßlichen Reichtums die Seele bewegt, stets nur eine Seite heraus, und so sondert jede Philosophie eine etwas andere Abstraktion aus diesem Gewaltigen, Wirklichen aus. 2 Wollte man aus des Aristoteles Stufenfolge von Naturkräften bis zum Menschen ein Prinzip der Philosophie der Geschichte ableiten, so würde es von dem Comtes in Rücksicht seines eigentlichen Gehaltes sich etwa so unterscheiden, wie der Blick auf dieselbe Stadt von verschiedenen Höhen aus, ebenso dieses von der Humanität Herders 3, dem Hindurchdringen der Vernunft durch die Natur bei Schleiermacher, oder Hegels Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit. — Und wie zu weite Definitionen als Sätze wahr sind und nur als Definitionen falsch, so pflegt auch das, was in dem faltigen Gewand dieser Formeln sich birgt, nicht unrichtig zu sein, nur ein ärmlicher und unzureichender Ausdruck der machtvollen Wirklichkeit, deren Gehalt auszudrücken es beansprucht.
Da nun Philosophie der Geschichte in ihrer Formel die ganze We- senheit des Weltlaufs auszudrücken beansprucht, so will sie in der- selben zugleich mit dem Kausalzusammenhang auch den Sinn des geschichtlichen Verlaufs, d. h. seinen Wert und sein Ziel aus- sprechen, sofern sie einen solchen neben dem Kausalzusammenhang anerkennt. Die Enden unseres Bewußtseins, Wissen von Wirklich- keit und Bewußtsein von Wert und Regel, sind in ihrer Allgemein- vorstellung in eins gebunden: sei es nun, daß nach ihr in dem meta- physischen WeltgTunde diese Einheit angelegt ist, als eine Verwirk- ^ Scholion zu prop. 40 des zweiten Buchs der Ethik, sowie de intellectus emendatione.
* Ex. gr. qui saepius cum admiratione hominum staturam contemplati sunt, sub nomine hominis intelligunt animal erectae staturae; qui vero aliud assueti sunt contemplari, aliam hominum communem imaginem formabunt etc.
' Vgl. das vierte und fünfte Buch der Ideen, an welches dann das fünfzehnte an- knüpft, sowie den von Job. Müller mitgeteilten Entwurf des letzten Bandes gegen den Schluß.
Ihre Unfähigkeit, den Wert des geschichtlichen Verlaufs zu bestimmen 97 lichung des Weltzweckes vermöge des Systems der wirkenden Ur- sachen, oder daß die Zwecke, welche der Mensch sich setzt, die Werte, die er den Tatsachen der Wirklichkeit gibt, mit Spinoza und den Naturalisten als eine ephemere Form inneren Lebens in gewissen Er- zeugnissen der Natur angesehen werden, welche nicht in deren blinde Macht zurückreichen. Sei also Geschichtsphilosophie teleologisch oder naturalistisch: ihr weiteres Merkmal ist, daß in ihrer Formel des Welt- laufs auch der Sinn, Zweck, Wert, welchen sie in der Welt verwirk- licht sieht, vertreten ist. Negativ ausgedrückt, sie begnügt sich nicht mit der Erforschung des zugänglichen Kausalzusammenhangs, indem sie das Gefühl vom Werte des Weltlaufs, wie es in unserem Bewußt- sein als Tatsache auftritt, walten läßt, ohne es weder zu verstümmeln, noch vorwitzig in die Forschung zu mischen. Das tut der wahre Einzel- forscher. Sie geht auch nicht von den Werten und Regeln zurück zu dem Punkte im Selbstbewußtsein, an welchem diese mit dem Vor- stellen und Denken verknüpft sind. Das tut der kritische Denker. Sonst würde sie erkennen, daß Wert und Regel nur in der Beziehung auf unser System der Energien da sind und daß sie ohne Beziehung auf ein solches System keinen vorstellbaren Sinn mehr haben. Ein Arrangement der Wirklichkeit kann nie an sich, sondern immer nur in seiner Beziehung zu einem System von Energien Wert haben. Hier- aus ergibt sich weiter: naturgemäß finden wir, was im System unserer Energien als Wert empfunden, als Regel dem Willen vorgestellt wird, im geschichtlichen Weltlauf als den wert- und sinnvollen Gehalt des- selben wieder; jede Formel, in der wir den Sinn der Greschichte aus- drücken, ist nur ein Reflex unseres eigenen belebten Inneren; selbst die Macht, welche der Begriff von Fortschritt hat, liegt weniger in dem Gedanken eines Zieles, als in der Selbsterfahrung unseres ringenden Willens, unserer Lebensarbeit und des frohen Bewußtseins von Ener- gie in ihr: welche Selbsterfahrung sich in dem Bilde eines allgemeinen Fortschreitens auch dann projizieren würde, wenn in der Wirklich- keit des geschichtlichen Weltlaufs ein solcher Fortschritt sich keines- wegs ganz klar aufzeigen ließe. So beruht auf diesem Tatbestand das unvertilgbare Gefühl von dem Wert und Sinn des geschichtlichen Weltlebens. Und ein Schriftsteller wie Herder ist mit seiner Allge- meinvorstellung der Humanität niemals über das verworrene Bewußt- sein dieses Reichtums des Menschendaseins, dieser Fülle seiner freu- digen Entfaltungen hinausgegangen. Hieraus aber würde Philosophie der Geschichte, noch weiter in der Selbstbesinnung fortschreitend, haben folgern müssen: aus einer unermeßlichen Mannigfaltigkeit ein- zelner Werte baut sich der Sinn der geschichtlichen Wirklichkeit auf, wie aus derselben Mannigfaltigkeit von Wechselwirkungen sein Kau- Diltheys Schriften I n 9 8 Erstes einleitendes Buch salzusammenhang. Der Sinn der Geschichte ist also ein außerordent- lich Zusammengesetztes. So hätte auch hier wieder dieselbe Aufgabe sich ergeben, Selbstbesinnung, welche im Gemütsleben den Ursprung von Wert und Regel und üire Beziehung zu Sein und Wirklichkeit er- forscht, und allmähliche, langsame Analysis, welche diese Seite des verwickelten geschichtlichen Ganzen zerlegt. Denn was dem Menschen wertvoll sei und welche Regeln das Tun der Gesellschaft leiten sollen, das kann nur mit Hilfe der geschichtlichen Forschung mit irgend- einer Aussicht auf allgemeingültige Fassung untersucht werden. Und so stehen wir wieder vor demselben Grundverhältnis: die Philoso- phie der Geschichte, anstatt sich der Methoden der geschichtlichen Analysis und der Selbstbesinnung zu bedienen (welche ihrer Natur nach ebenfalls analytisch ist), verbleibt in Allgemeinvorstellungen, welche entweder den Totaleindruck des geschichtlichen Weltlaufs in einer Abbreviatur wie eine Wesenheit hinstellen oder dieses zusam- mengezogene Bild von einem allgemeinen metaphysischen Prinzip aus entwerfen.
Mit so einfacher Deutlichkeit als von keinem anderen Bestandteil der Metaphysik kann nun von dieser Philosophie der Geschichte ge- zeigt werden, daß in dem religiösen Erlebnis ihre Wurzeln liegen, und daß sie, von diesem Zusammenhang losgelöst, vertrocknet und verwest. Der Gedanke eines einheitlichen Plans der Menschenge- schichte, einer Erziehungsidee Gottes in ihr ist von der Theologie geschaffen worden. Ihr waren in Beginn und Ende aller Geschichte feste Punkte für eine solche Konstruktion gegeben: so entstand eine wirklich auflösbare Aufgabe, zwischen Sündenfall und letztem Gericht die verbindenden Fäden durch den geschichtlichen Weltlauf zu ziehen. — In der mächtigen Schrift de civitate dei hat Augustinus aus der metaphysischen Welt den Geschichtsverlauf auf dieser Erde entsprin- gen lassen und ihn dann wieder in diese metaphysische Welt aufge- löst. Denn nach ihm hebt schon in den Regionen der Geisterwelt der Kampf zwischen dem himmlischen und dem irdischen Staate an; Dä- monen treten den Engeln gegenüber; Kain als der civis hujus seculi dem Abel als dem peregrinus in seculo; die Weltmonarchie Babylon und Rom, welches es in der Weltherrschaft ablöst, das zweite Babylon treten dem Gottesstaat gegenüber, der im jüdischen Volke sich entwickelt, im Erscheinen Christi den Mittelpunkt seiner Geschichte hat und seitdem als eine Art von metaphysischer Wesenheit, ein mysti- scher Körper, auf dieser Erde sich entwickelt. Bis dann das Ringen der Dämonen und der sie anbetenden irdischen civitas mit dem Gottes- staate auf dieser Erde im Weltgericht endet und alles in die meta- physische Welt wiederum zurückkehrt. — Diese Philosophie der Ge- Sü substituiert nur den Realitäten der Theologie abstrakte Wesenheiten 99 schichte bildet den Mittelpunkt der mittelalterlichen Metaphysik des Geistes. Sie empfing durch die Theorie von den geistigen Substanzen, welche die allgemeine Metaphysik des Mittelalters entwickelt hat, eine Grundlage von strengerer metaphysischer Haltung; in der Ausgestal- tung der Papstkirche und ihrem Kampf mit dem Kaisertum erhielt sie eine gewaltige Aktualität und einleuchtende Gegenwärtigkeit; in der kanonistischen Theorie von der rechtlichen Natur dieses mysti- schen Körpers gelangte sie zu den einschneidendsten Folgerungen für die Auffassung der äußeren Organisation der Gesellschaft. Die harten Realitäten, mit denen sie operiert, gestatten, solange sie in Geltung bleiben, keinem der Zweifel Eingang, die sonst jeden Versuch, den Sinn der Geschichte in einem formelhaften Zusammenhang auszu- drücken, belasten. Niemand kann fragen, warum das mühsame Auf- wärtsklimmen der Menschheit notwendig war, da der Sündenfall vor seinen Augen liegt. Niemand kann fragen, warum der Segen der Ge- schichte nur einer Minderheit zugute komme, da der Ratschluß Gottes und der böse Wille die Antwort in der einen oder anderen Wendung in sich schließen. Auch kann der Zusammenhang dieser Geschichte, vermöge deren der Weltlauf einen einheitlichen Sinn hat und die Menschheit eine reale Einheit ist, von niemandem in Frage gestellt werden: da nach der massiven Vorstellung des Traditionalismus (ver- stärkt durch die Auffassung der Zeugung als eines Aktes der bösen Lust) das verderbte Blut Adams jedes Element dieses Ganzen durch- strömt und mit seiner dunkeln Farbe tingiert und da andererseits in dem mystischen Körper der Kirche von oben her eine ebensolche reale Leitung der Gnade stattfindet. — Die Literatur, welche in den Gnüidlinien, die Augustin gezogen, verharrt, erstreckt sich bis auf Bossuets Discours sur l'histoire universelle, und indem der Bischof von Meaux eine strengere Vorstellung von Kausalzusammenhang so- wie einen Begriff von nationalem Gesamtgeist einfügt, bildet er das Zwischenglied zwischen dieser theologischen Philosophie der Ge- schichte und den Versuchen des 18. Jahrhunderts. Turgots Plan einer Universalgeschichte entfaltete sich an dem Gedanken, die von Bossuet behandelte Aufgabe rational zu lösen: er hat die Philosophie der Geschichte säkularisiert. Vicos principj di scienza nuova lassen die äußeren Umrisse der theologischen Philosophie der Geschichte stehen: innerhalb dieses ungeheuren Gebäudes hat seine positive Arbeit, wirk- liche historische Forschung in philosophischer Absicht, sich in der alten Völkergeschichte angesiedelt und das Problem der Entwicklungsge- schichte der Völker, der allen Völkern gemeinsamen Epochen dieser Entwicklungsgeschichte verfolgt.
Der Gedanke eines einheitlichen Planes in dem geschichtlichen 7* lOO Erstes einleitendes Buch Weltlauf wandelt sich, indem er im i8. Jahrhundert von den festen Prämissen des theologischen Systems losgelöst festgehalten wird: aus seiner massiven Realität wird ein metaphysisches Schattenspiel. Aus dem Dunkel eines unbekannten Anfangs treten nunmehr die rätselhaft verwickelten Vorgänge des geschichtlichen Weltlaufs hervor, um sich in dasselbe Dunkel nach vorwärts zu verlieren. Wozu dies mühsame Emporklimmen der Menschheit? Wozu das Weltelend? Wozu die Be- schränkung des Fortschreitens auf eine Minderzahl? Vom Standpunkt des Augustin alles wohl zu begreifen, auf dem Standpunkt des i8. Jahr- hunderts Rätsel, für deren Auflösung jeder klare Anhaltspunkt fehlt. Daher ist jeder Versuch des i8. Jahrhunderts, den Plan und Sinn in der Menschengeschichte aufzuzeigen, nur Transformation des alten Sy- stems: Lessings Erziehung des Menschengeschlechtes, Hegels Selbst- entwicklung Gottes, Comtes Umwandlung der hierarchischen Organi- sation sind nichts anderes. Da der mystische Körper, welcher im Mittelalter den Zusammenhang der Weltgeschichte in sich schloß, sich in der Denkart des i8. Jahrhunderts in Individuen auflöst: muß ein Ersatz gefunden werden in einer Vorstellung, welche diese Ein- heit der Menschheit aufrechterhält. Zwei Wendungen treten ein, welche beide zu diesem Zweck die Metaphysik zu Hilfe rufen und beide jede wirklich wissenschaftliche Behandlung des Problems ausschließen. Die eine derselben substituiert metaphysische Wesenheiten, wie die allgemeine Vernunft, der Weltgeist solche sind, und be- trachtet die Geschichte als Entwicklung von diesen. Gewiß macht sich auch hier wieder geltend, daß solche Formeln eine Wahrheit bergen. Die Verbindung des Individuums mit der Menschheit ist Realität. Ist doch eben dies das tiefste psychologische Problem, das Geschichte uns aufgibt, wie das Mittel des Fortschreitens in ihr in letzter Instanz die aufopfernde Hingebung des Individuums ist, an Personen, die es Hebt, an den Zweckzusammenhang eines Systems der Kultur, welchem sein innerer Beruf eingeordnet ist, an das Gesamtleben der Verbände, als deren Glied es sich fühlt, ja an eine ihm unbekannte Zukunft, der seine Arbeit dient: Sittlichkeit also; denn diese hat eben kein anderes Merkmal als Selbstaufopferung. Aber die Formeln vom Zusammen- hang des einzelnen mit dem geschichtlichen Ganzen, wahr in dem, was sie vom persönlichen Gefühle dieses Zusammenhangs aussagen, treten in Widerspruch mit jedem gesunden Empfinden, indem sie alle Werte des Lebens in eine metaphysische Einheit, welche sich in der Geschichte entfaltet, versenken. Was ein Mensch in seiner einsamen Seele, mit dem Schicksal ringend, in der Tiefe seines Gewissens durch- lebt, das ist für ihn da, nicht für den Weltprozeß und nicht für irgendeinen Organismus der menschlichen Gesellschaft. Aber dieser Sie substituiert nur den Realitäten der Theologie abstrakte Wesenheiten loi Metaphysik ist die ergreifende Wirklichkeit des Lebens nur in einem Schattenriß sichtbar.
Auch ändert es hieran nichts^ wenn, sozusagen in einer weiteren Verflüchtigung, dieser allgemeinen Vernunft die Gesellschaft als eine Einheit substituiert wird. Das Band, das sie zur Einheit macht, aus dem Erlebnis in eine Formel umgewandelt, ist ein metaphysisches. Es war daher nicht eine willkürliche Wendung im Geiste Comtes, die aus den Begebenheiten seines Lebens oder gar aus dem Verfall seiner Intelligenz hervorgegangen wäre, sondern ein Schicksal, das in dem ursprünglichen Widerspruch zwischen seiner Formel des ein- heitlichen Zusammenhangs in der Geschichte sowie der in ihr ge- gründeten Tendenz auf Organisation der Gesellschaft vermittels einer geistigen Macht und seiner positiven Methode gelegen war, v/enn er von seiner philosophie positive und ihrer Methode zu einer Art von Religion als Grundlage der künftigen Gesellschaft fortschritt. Der Zwiespalt seiner Anhänger, der hierüber entstand, verdeutlicht nur diesen Widerspruch eines Systems, welches aus den Gesetzen des Na- turzusammenhangs den Imperativ für die Gesellschaft abzuleiten unternahm.
Der deutsche Individualismus war gezwungen, eine andere Wendung des Gedankens zu versuchen: auch sie führte ihn auf Meta- physik. Die unendliche Entwicklung des Individuums, in ihrem Ver- hältnis zur Entwicklung des Menschengeschlechts, wurde ihm das Hilfsmittel einer Lösung des geschichtsphilosophischen Problems. Aber die Metaphysik kämpft hier schon mit dem kritischen Bewußt- sein der Grenzen geschichtlichen Erkennens, und dieser Kampf zieht sich durch die ganze Gedankenarbeit dieser Richtung.
Kant selber fand in dem Plan der Vorsehung den Zusammenhang der Geschichte. Denn „das Mittel, dessen sich die Natur bedient, die Entwicklung aller ihrer Anlagen zustande zu bringen, ist der Antagonis- mus derselben in der Gesellschaft" — die „ungesellige Geselligkeit" i des Menschen. Seine Hypothese schränkt sich auf die Untersuchung ein, wie in der Geschichte das Problem der Erreichung einer allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft aufgelöst wird. „Be- fremdend bleibt es aber immer hierbei: daß die älteren Generationen nur scheinen um der späteren willen ihr mühseliges Geschäft zu trei- ben, um nämlich diesen eine Stufe zu bereiten, von der diese das Bauwerk, welches die Natur zur Absicht hat, höher bringen könnten; und daß doch nur die spätesten das Glück haben sollen, in dem Ge- bäude zu wohnen, woran eine lange Reihe ihrer Vorfahren (freilich ^ Kant Werke Rosenkr. Bd. 7, S. 321.
I02 Erstes einleitendes Buch ohne ihre Absicht) gearbeitet hatten, ohne doch selbst an dem Glück, das sie vorbereiteten, Anteil nehmen zu können. Allein so rätselhaft dieses auch ist, so notwendig ist es doch zugleich, wenn man ein- mal annimmt: eine Tiergattung soll Vernunft haben und als Klasse vernünftiger Wesen, die insgesamt sterben, deren Gattung aber un- sterblich ist, dennoch zu einer Vollständigkeit der Entwicklung dieser Anlagen gelangen." ^ Lessing hatte diese Schwierigkeit durch den Gedanken der See- lenwanderung gelöst. „Wie? Wenn es nun gar so gut als ausgemacht wäre, daß das große langsame Rad, welches das Geschlecht seiner Vollkommenheit näherbringt, nur durch kleinere schnellere Räder in Bewegung gesetzt würde, deren jedes sein Einzelnes eben dahin lie- fert? Nicht anders! Eben die Bahn, auf welcher das Geschlecht zu seiner Vollkommenheit gelangt, muß jeder einzelne Mensch erst durch- laufen haben." 2 Herder verhält sich realistischer, kritischer als beide. Ob er gleich sein Werk als Ideen zu einer Philosophie der Geschichte be- zeichnete, so hat er doch den Ausdruck, dessen sich schon Voltaire bedient, in anderem Verstände genommen und eine Formel über den Sinn der Geschichte nicht aufgestellt. Seine große und bleibende Leistung ent- sprang aus einer Kombination der positiven Wissenschaften in philosophi- schem, d.h. zusammenfassendem Geiste. Mit dem Griff des Genies ver- band er die Naturkunde jener Zeit mit dem Gedanken einer Universal- geschichte, wie er vor dem Geiste eines Turgot stand, von Voltaire auf- gefaßt, in Deutschland aber von Schlözer in seiner merkwürdigen „Vor- stellung der Universalhistorie" aufgenommen worden war. Vermöge dieser Verbindung erwuchsen aus den schon im Altertum wertgehal- tenen Beobachtungen über den Zusammenhang der Naturbedingungen mit dem geschichtlichen Leben nun jene leitenden Ideen, die Ritters allgemeiner Geographie zugrunde liegen. Er verknüpfte weiter mit Betrachtungen über die aufsteigende Reihe der Organisationen bis zum Menschen, die er mit Goethe teilte und die auf die Naturphiloso- phie gewirkt haben, einen Schluß der Analogie auf höhere Stufen des geistigen Reiches und von diesen auf Unsterblichkeit: an diesem Schluß hat schon Kant getadelt, daß er höchstens auf die Existenz anderer höherer Wesen deuten könne. Von diesem Punkte ab jedoch ist seine Arbeit wesentlich die des Universalhistorikers. Im Zusammen- ' Kant Werke Rosenkr. Bd. 7, S. 320/.
- Lessing, Erziehung des Menschen § 92, 93. Für meine nähere Ansicht über den Znsammenhang der Seelenwanderungslehre mit Lessings System verweise ich auf meine Untersuchungen in: Lessing, Preuß. Jahrbücher 1867 (jetzt in Das Erlebnis und die Dich- tung), nebst den Erörterungen von Const. Rößler ebenda, und meiner Entgegnung.
Oder einen unbeweisbaren Zusammenhang 103 wirken der beiden Faktoren der Naturbedingungen und des Menschen- wesens will er die Menschengeschichte in strengem Kausalzusammen- hang entwickeln. Ist er doch ein Schüler von Leibni2 und durch Spi- noza nur noch härter gegen die äußeren Endzwecke gestimmt. ^ Die Zweckmäßigkeit, die in der Weltgeschichte wie im Naturreich waltet, vollzieht sich nach ihm nur in der Form des Kausalzusammenhangs. Dieser weisen Zurückhaltung entspricht nun, daß er zwar das Pro- blem Lessings anerkannte — aber es als transzendent zurückließ. „Wenn jemand sagte, daß nicht der einzelne Mensch, sondern das Ge- schlecht erzogen werde, so spräche er für mich unverständlich, da Geschlecht und Gattung nur allgemeine Begriffe sind, außer, inso- fern sie in einzelnen Wesen existieren — als wenn ich von der Tier- heit, der Steinheit im allgemeinen spräche." Er verwirft das aus- drücklich als mittelalterliche Metaphysik, und er steht also mit Les- sing auf dem gesunden Boden des Realismus, der nur Individuen kennt, sonach als Sinn des Weltlaufs auch nur Entwicklung der Indi- viduen. Aber in bezug auf jede Vorstellung von der Art dieser Ent- wicklung der Individuen bemerkt er, mit deutlichem Wink auf Les- sing: „Auf welchen Wegen dies geschehen werde — -welche Philoso- phie der Erde wäre es, die hierüber Gewißheit gäbe?"
Ich entwickle nicht, wie nahe Lotzes Auffassung der Philosophie der Geschichte sich mit der von Herder berührt, sowohl in bezug auf die Verknüpfung von kausaler mit teleologischer Betrachtung, als in bezug auf den Realismus, der nur Individuen und was ihrer Ent- wicklung dient, anerkennt. An diesem Punkte hat Lotze doch über- Herder hinausgehen zu müssen geglaubt. Er tut das, indem er sozu- sagen die Methode, in welcher Kant den Glauben an Gott und die Unsterblichkeit begründete, auf den planvollen Zusammenhang der Geschichte anwendet und so als Bedingung desselben einen Anteil der Abgeschiedenen an dem Fortschritt der Geschichte aufzuzeigen sucht. „Keine Erziehung der Menschheit ist denkbar, ohne daß ihre Endergebnisse einst Gemeingut derer werden, die in dieser irdischen Laufbahn auf verschiedenen Punkten zurückgeblieben sind; keine Ent- wicklung einer Idee hat Bedeutung, wenn nicht zuletzt allen offenbar wird, was sie zuvor ohne ihr Wissen als Träger dieser Entwicklung erlitten." 2 Gefühl gegen Gefühl (denn in ein solches verschwimmt nun hier schließlich die Betrachtung des Plans der Geschichte, die * Ideen, Buch 14, 6: „Die Philosophie der Endzwecke hat der Naturgeschichte keinen Vorteil gebracht, sondern ihre Liebhaber vielmehr statt der Untersuchung mit scheinbarem Wahne befriedigt; wieviel mehr die tausendzweckige, ineinandergreifende Merschen- geschichte."
I04 Erstes einleitendes Buch einst in Augustinus mit so harten Realitäten begann, und scheint sich so selber in einen feinen Nebel aufzulösen): diese elegische Vorstellung von einem beschaulichen Anteil der Abgeschiedenen an dem, was wir hier durchkämpfen, welche an die Engelsköpfe erinnert, die auf alten Bildern aus dem Himmelsgewölk den Märtyrern zusehen, wie sie sich noch plagen müssen, erscheint uns in den Stunden nüchterner Kritik als zuviel, in träumenden aber als zuwenig, da das Endergebnis der Entwicklimg der Menschheit nur im Erlebnis besessen werden kann, nicht in müßiger Betrachtung.
XVL IHRE METHODEN SIND FALSCH Ist sonach die Aufgabe, welche die Wissenschaften sich stellten, an sich unlösbar, so sind ferner die Methoden derselben wohl dazu verwertbar, durch Generalisationen zu blenden, aber nicht dazu, eine bleibende Erweiterung der Erkenntnis herbeizuführen.
Die Methode der deutschen Philosophie der Geschichte entsprang einer Bewegung, welche im Gegensatz gegen das vom i8. Jahrhundert geschaffene natürliche System der Geisteswissenschaf- ten sich in die Tatsächlichkeit des Geschichtlichen versenkte. Die Träger dieser Bewegung waren Winckelmann, Herder, die Schlegel, W. V. Humboldt. Sie bedienten sich eines Verfahrens, welches ich als das der genialen Anschauung bezeichne. Es war dies Verfahren keine besondere Methode, sondern der Prozeß der fruchtbaren Gärung selber, in der die Einzelwissenschaften des Geistes ineinanderarbei- teten: eine werdende Welt. Diese geniale Anschauung ist durch die metaphysische Schule auf ein Prinzip zurückgeführt worden. Wohl empfing durch diese Konzentration der Gehalt der genialen Anschau- ung auf kurze Zeit eine ungewöhnliche Energie der Wirkung; aber diese Konzentration kam nur zustande, indem nun die notiones uni- versales ihr graues Netz über die geschichtliche Welt ausbreiteten. Der „Geist" Hegels, welcher in der Geschichte zum Bewußtsein seiner Freiheit kommt, oder die „Vernunft" Schleiermachers, welche die Na- tur durchdringt und gestaltet, dies ist eine abstrakte Wesenheit, welche in einer farblosen Abstraktion den geschichtlichen Weltlauf zusammen- faßt, ein Subjekt ohne Ort und ohne Zeit, den Müttern vergleichbar, zu denen Faust hinabsteigt. Aus der Anschauung abstrahierte All- gemeinvorstellungen sind dann die universalgeschichtlichen Epochen Hegels, und zwar ist die Abstraktion, die sie gewinnt, durch das meta- physische Prinzip geleitet; denn die Weltgeschichte ist ihm „eine Reihe Die Methoden der Philosophie der Geschichte sind falsch "05 von Bestimmungen der Freiheit, welche aus dem Begriff der Freiheit hervorgehen". Aus der Anschauung abstrahierte Allgemeinvorstellun- gen sind die Grundgestalten des Handelns der Vernunft, welche Schleiermacher entwirft, in denen dieses Handeln „als ein Mannigfal- tiges, abgesehen von den Bestimmungen durch Raum und Zeit, ge- sondert durch Begriffsbestimmungen" erkannt wird. Hegel, der von der Geschichte ausging, ordnet diese Allgemeinvorstellungen in einer Zeitreihe, Schleiermacher, der von dem Erlebnis in der gegenwärtigen Gesellschaft ausgeht, breitet sie nebeneinander aus, wie ein anderes Naturreich.