SigPhi · Wilhelm Dilthey

Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften

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kennen widersprechend sind. Wohl muß das Erkennen dem in ihm liegenden Gesetz gemäß seinen Gegenstand der Notwendigkeit unter- werfen. Aber muß oder kann ihm darum alles Gegenstand werden, muß oder kann alles von ihm erkannt werden?

• Max Müller, Ursprung und Entwicklung der Religion. S. 41.

138 Zweites Buch. Erster Abschnitt Diese Einsicht, daß das religiöse Leben der dauernde Un- tergrund der intellektuellen Entwicklung ist, nicht eine vorübergehende Phase im Sinnen der Menschheit, wird später durch die psychologische Zergliederung vervollständigt werden. Historisch ist dieses Verhältnis für die bereits abgelaufene Entwicklung nur inner- halb eines begrenzten Zeitraums nachweisbar. Es kann nicht histo- risch dargetan werden, daß das religiöse Leben, wie wir es solcher- gestalt als den Untergrund des geschichtlichen Lebens in Europa fest- stellen können, zu jeder Zeit einen Bestandteil der menschlichen Natur gebildet habe. Nur so viel ergibt sich aus dem bisher Entwickelten: wenn die Tatsachen uns zwängen, an irgendeinem Punkte der sich rückwärts erstreckenden Linie des geschichtlichen Verlaufs einen reli- gionslosen Zustand (Religion in dem Sinne des ursprünglichen religiösen Erlebnisses genommen, in welchem sie das Bewußtsein von gut und böse und die Beziehung hiervon auf einen Zusammenhang, von dem der Mensch abhängig ist, bereits enthält) anzunehmen — was jedoch nicht der Fall ist —, alsdann würde dieser Punkt zugleich ein Grenzpunkt des historischen Verstehens sein. Wir könn- ten über eine solche Zeit wohl historische Notizen haben, aber dieselbe läge jenseits der Grenzen unseres historischen Verständnisses. Denn wir verstehen nur vermittels der Übertragung unserer inneren Erfah- rung auf eine an sich tote äußere Tatsächlichkeit. Wo nun unableit- bare Bestandteile der inneren Erfahrung, durch welche der Zusammen- hang dieser Erfahrung in unserem Bewußtsein erst möglich ist, in einem historischen Zustande als abwesend aufgefaßt werden sollen, da sind wir eben an der Grenze des historischen Auffassens selber angelangt. Hiermit ist nicht ausgeschlossen, daß ein solcher Zustand bestanden habe. Es wäre möglich, daß Bestandteile der inneren Er- fahrung, ob sie gleich für uns nicht ableitbar sind, dennoch nicht primär wären, und die Erkenntnistheorie hat eine solche Möglichkeit zu prüfen. Aber das ist ausgeschlossen, daß wir ihn verstehen und von ihm aus einen Zustand, in welchem dieser unableitbare Bestand- teil alsdann aufiritt, verständlich machen könnten; ausgeschlossen also ist das historische Verständnis eines religionslosen Zustandes und der Entstehung des religiösen Zustandes aus ihm. Hervorragende neuere empiristische Schriften über die Anfänge der Kultur in England und bei uns verfallen daher in den folgenden Widerspruch. Sie finden un- ableitbare Tatsachen der inneren Erfahrung in dem primären Zustande der Menschheit noch nicht vorhanden, aber sie wollen weder darauf verzichten, diesen Zustand historisch zu verstehen, noch darauf, den folgenden aus ihm abzuleiten.

Soweit also überhaupt die Verbindung nackter Fakta zu gesell- Das religiöse Leben als beständige Unterlage der Kultur 139 schaftlicher Erfahrung reicht, gab es keine Zeit, in welcher nicht das Individuum, wie es sich fand, sich nur als fortbestehend, rückwärts bestimmt, sonach unbedingt abhängig gefunden hätte, alsdann den Horizont der Welt selber nach allen Seiten, sinnlich gesehen, ursäch- lich aufgefaßt, als in die Unendlichkeit zerfheßend.i Es gab keine Zeit, in welcher nicht die freie Spontaneität des Menschen mit dem anderen, dessen Druck ihn umgab, gerungen hätte, und auch die my- thischen Vorstellungen haben in dem Willen ihre starken Wurzeln. Keine Zeit bestand, in welcher der Mensch nicht im Gegensatz zu seinem armen Leben Bilder von etwas Reinerem und Vollkommenerem besaß. Und alles, was der Mensch wirkend fand, zeigte dem Gemüt, das Lust und Wehe empfindet, hofft und fürchtet, dem Willen, der liebt und haßt, ein doppeltes Angesicht. Dies alles ist Leben, nicht schließendes Erkennen. Sobald diese unableitbaren Bestandteile mei- nes eigenen Lebens, meiner inneren Erfahrung sich mit den histori- schen Tatsachen, und zwar den durch sichere Schlüsse verbürgten Tatsachen, nicht mehr zu geschichtlichem Verständnis zusammenschlie- ßen, bin ich an der Grenze des geschichtlichen Verfahrens angelangt. An diesem Punkte beginnt das Reich des geschichtlich Transzendenten. Denn auch das geschichtliche Verfahren hat eine innere, im Be- wußtseinsvorgang selber liegende und darum unverrückbare Grenze, so gut, als die naturwissenschaftliche Erkenntnis eine solche hat. Da es in dem gegenwärtigen Bewußtsein vermittels der geschichtlichen Fakten die Schatten der Vergangenheit erscheinen läßt, so vermag es nur aus dem Leben und der Realität dieses Bewußtseins ihnen ihre Wirklichkeit mitzuteilen.

So weit konnte hier, vor der psychologischen Analysis, der wich- tige Satz festgestellt werden, welchem gemäß das religiöse Leben der ^ Den Ausgangsptinkt dieses psychologischen Tatbestandes hat Schleiermacher auf unanfechtbare Weise festgelegt. Dies bildet sein unvergängliches Verdienst; er hat die intellektualistische Begründung der Religion auf Räsonnement des Verstandes, welches an der Hand der Begriffe Ursache, Verstand und Zweck geht, als sekundär aufgezeigt; er hat gezeigt, wie das Selbstbewußtsein Tatsachen enthält, welche den Ansatzpunkt alles reli- giösen Lebens bilden. Dogmatik § 36, i. (3. Aufl.) „Wir finden uns selbst immer nur im Fortbestehen, unser Dasein ist immer schon im Verlauf begriff'en; mithin kann auch unser Selbstbewußtsein, sofern wir, von allem anderen abgesehen, uns nur als endliches Sein setzen, dieses nur in seinem Fortbestehen repräsentieren. In diesem aber auch so vollständig — weil nämlich das schlechthinige Abhängigkeitsgefühl ein so allgemeiner Bestandteil unseres Selbstbewußtseins ist —, daß wir sagen können, in welcher Art des Gesamtseins und in welchen Zeitpunkt wir auch möchten gestellt sein, wir würden in jeder vollständigen Be- sinnung uns immer nur so finden, und daß wir dieses auch immer auf das gesamte endliche Sein übertragen." Sein Fehler lag darin, daß dieser tiefe Blick ihn nicht bestimmte, nun- mehr mit der intellektualistischen Metaphy-ik zu brechen und der Philosophie eine seinem Ausgangspunkt entsprechende, psychologische Grundlage zu geben. So verfiel er dem Piatonismus und der mächtigen Zeitströmung der Naturphilosophie.

140 Zweites Buch. Erster Abschnitt beständige Untergrund der uns geschichtlich bekannten intellektuellen Entwicklung ist. Wir finden nun das religiöse Leben mit dem mythischen Vorstellen in dem Zeiträume von der uns erhaltenen epischen Dichtung der Griechen ab bis zu dem Auftreten der Wissen- schaft in einer bestimmten Weise verbunden. Aus dem, was über die Art dieser Verbindung noch festgestellt werden kann, ent- nehmen wir wenige und ganz allgemeine Züge, welche für die An- schauung des Zweckzusammenhangs der intellektuellen Geschichte not- wendig sind.

Das mythische Vorstellen gestaltet einen realen und le- bendigen Zusammenhang der den Menschen jener Tage beson- ders bedeutsamen Phänomene. Hiermit leistet es etwas, was das Wahr- nehmen, Vorstellen, Wirken, welche mit den Objekten in täglichem Verkehr stehen, sowie die Sprache nicht leisten. Wohl verknüpfen Wahrnehmen und Vorstellen überall die Eindrücke zu Dingen, wel- chen Eigenschaften, Zustände, Tätigkeiten zukommen; zwischen diesen setzen sie Verhältnisse, insbesondere das von Ursache und Wirkung. So nachdrücklich als möglich muß man sich %^%^ri Auffassungen ver- wahren, welche diese aus dem täglichen Kleinverkehr mit den Ob- jekten entspringenden Züge unserer Vorstellungsweise in der Zeit der Mythenbildung in eine allgemeine Lebendigkeit des Weltzusammen- hangs aufgelöst vorstellen. Wohl ist ferner das frühe Bewußtsein der so entstehenden Beziehungen in der Sprache ausgedrückt worden. Das Wurzelverhältnis, die Sonderung der Wortarten, der Kasus, Tempora usw., die syntaktische Gliederung, die Unterordnung von Tatsachen unter Namen von Allgemeinvorstellungen: dies alles bildet Beziehun- gen ab, welche an der Wirklichkeit aufgefaßt und unterschieden wor- den sind. Das spätere philosophische Denken knüpft in vielen Punkten an die Sprache an; das mythische Vorstellen ist mit ihr in tiefen Bezügen verwebt. Dennoch ist, was hier geleistet wird, gänzlich ver- schieden von der Herstellung des realen und allgemeinen Zusammen- hangs zwischen den für die Menschen jener Tage bedeutsamen Phäno- menen, welche im mythischen Vorstellen vollbracht wird. Die Funk- tion des mythischen Vorstellens ist daher in dieser Zeit der analog, welche die Metaphysik für einen späteren Zeitraum hat. Nicht die Religion, nicht das in ihr gesetzte Bewußtsein Gottes bezeichnet ein solches erstes Stadium, daher auch nicht die Vorstellung des Supra- naturalen: sie bilden vielmehr die beständige Bedingung des geistigeu Lebens der Menschheit. Comtes Theorem von dem ersten Stadium der geistigen Entwicklung, das er als das theologische bezeichnet, ist daher unhaltbar, weil es die Funktion des mythischen Vorstellens im Zusammenhang der geistigen Entwicklung nicht von der Stellung der Das mythische Vorstellen 141 Religion in diesem Zusammenhang sondert. Und die Annahme von dem beständig in der Geschichte abnehmenden und allmählich vor der Wissenschaft verschwindenden Einfluß religiöser Vorstellungen auf die europäische Gesellschaft ist von dem Verlauf der Geschichte nicht bestätigt worden.

Und zwar zeigt das mythische Vorstellen eine relative Selbständigkeit dem religiösen Leben gegenüber. Zwar ruht der reale Zusammenhang von Phänomenen, welchen es gestaltet, auf dem religiösen Leben: dieses ist in ihm die alles Sichtbare über- schreitende Lebensmacht. Aber dieser Zusammenhang ist nicht in der religiösen Erfahrung allein gegründet. Er ist ebenso bedingt durch die Art, wie den Menschen jener Tage die Wirklichkeit gegeben ist. Diese ist für sie als Leben da, bleibt ihnen Leben, wird nicht durch Erkennen zu einem Objekt des Verstandes. Daher ist sie an allen Punkten Wille, Faktizität, Geschichte, d. h. lebendige ursprüngliche Realität. Da sie für den ganzen lebendigen Menschen da ist und noch keiner verstandesmäßigen Analysis und Abstraktion, sonach Verdün- nung unterworfen wird: so ist sie entsprechend selber Leben. Und wie solchergestalt der Zusammenhang, welchen das mythische Vor- stellen bildet, nicht allein aus dem religiösen Leben entspringt, £0 kann auch der Inhalt des letzteren nie ganz in der Vorstellungsform der My- then sich erschöpfen. Leben geht nie in Vorstellung auf. Das religiöse Erlebnis bleibt vielmehr das ewig Innere; in keinem Mythos und keiner Vorstellung eines Gottes findet es daher einen adäquaten Ausdruck.

Wie denn dasselbe Verhältnis auf einer höheren Stufe zwischen der Religion und der Metaphysik stattfindet.

So hat die Mythensprache für die vorwissenschaftliche Zeit z. B. der griechischen Stämme eine über den Ausdruck des reli- giösen Lebens hinausreichende Bedeutung. Die Grundmy- then der indogermanischen Völker, wie sie die vergleichende Mytho- logie festzustellen bemüht ist, gleichen hierin den Wurzeln ihrer Spra- chen, daß sie relativ selbständige Mittel des Ausdrucks sind, welche sich in dem Wechsel der religiösen Zustände als konstante Darstel- stellungsmittel erhalten. Sie dauern in immer neuen Metamorphosen (deren Gesetze aus denen der Phantasie fließen), welchen Wechsel auch die Vorstellungen von den Göttern und das ihnen zugrunde lie- gende religiöse Bewußtsein erfahren. Sie walten so selbständig in der Phantasie dieser Völker, daß sie in derselben nicht - rlöschen, auch wenn der Glaube erlischt, der in ihnen sich ausdrückte.

Sie dienen in relativer Selbständigkeit einem über das religiöse Bewußtsein hinausreichenden Bedürfnis, die Phänomene der Natur sowohl als der Gesellschaft in Zusammenhang zu bringen und eine 142 Zweites Bück. Erster Abschnitt erste Art von Erklärung derselben zu geben. Hier tritt uns die älteste Form des allgemeinen Verhältnisses entgegen, in welchem der religiöse Untergrund der intellektuellen Entwicklung Europas zu der in ihr wirksamen Richtung auf eine zusammenhängende Verknüpfung und Erklärung der Phänomene steht. Die Art der Erklärung ist höchst unvollkommen; der Zusammenhang der Phänomene wird als ein Wü- lenszusammenhang, ein Ineinandergreifen lebendiger Regungen und Handlungen erfahren und angeschaut. Sie vermochte daher nur eine abgegrenzte Zeit hindurch die intellektuelle Entwicklung dieser ju- gendstarken Stämme in sich zu fassen: alsdann zersprengte die Rich- tung auf Erklärung die imvollkommene Hülle.

VIERTES KAPITEL DIE ENTSTEHUNG DER WISSENSCHAFT IN EUROPA Der geschichtliche Verlauf, in welchem dies geschah, in welchem aus mythischem Vorstellen die wissenschaftliche Erklärung des Kos- mos entstand, ist uns nach seinem ursächlichen Zusammenhang nur sehr unvollkommen bekannt. Mindestens über drei Jahrhunderte liegen zwischen den Homerischen Gedichten, nach den Ansätzen der nam- haftesten Forscher der alexandrinischen Zeit, und der Geburt des ersten, welcher nach der Überlieferung eine wissenschaftliche Erklä- rung der Welt versuchte: des Thaies. Ein Zeitgenosse des Solon, lebte er in der zweiten Hälfte des siebenten Jahrhunderts und in der ersten Zeit des sechsten vor Christus. In diesem langen und dunklen Zeit- raum von den Homerischen Gedichten bis auf Thaies schritt, soviel können wir urteilen, die Entwicklung des aufklärenden Gei- stes in zwei Richtungen voran.

Die Erfahrung, welche in den Aufgaben des Lebens, insbe- sondere der Industrie und dem Handel erwuchs, unterwarf einen im- mer zunehmenden, räumlichen Bezirk der Erde und inner- halb desselben einen immer anwachsenden Kreis von Tat- sachen ihrer Herrschaft, d.h. der Einwirkung, der Voraussage so- wie der Einsicht in die Notwendigkeit des Zusammenhangs. Und sie benutzte hierbei den Erwerb von Völkern älterer Kultur, mit welchen die Griechen in Verbindung standen. Die Frage ist transzendent, ob es je eine Zeit gab, in welcher nicht in irgendeinem Umfange, irgend- einer Gestalt die Absonderung eines Bezirks von Erfahrung von dem des mythischen Vorstellens stattfand. Aber der Fortschritt ist eine feststellbare Tatsache, welcher in dem weiteren Verlauf des mythi- schen Vorstellens sichtbar ist und einerseits die Wissenschaft vorbe- reitete, andererseits die mythische Welt in ihrem Inneren umgestal- Zwei Richtungen des über den Mythus hinausschreitenden Geistes 143 tete: die lebendigen Kräfte, welche der affektiv bewegte Mensch als die Hand des Unendlichen auf ihm empfand, fürchtete, liebte, wurden immer mehr an den Horizont des sich erweiternden Umkreises von natürlichem Geschehen gedrängt; von wo sie sich in das Dunkel verloren.

Schon in der Homerischen Dichtung finden wir die mythische Welt im Zurückweichen begriffen. Die göttlichen Gewalten bilden eine Ordnung für sich, einen göttlichen Familienzusammenhang mit staatlichem Gefüge der Willensverhältnisse; ihre eigentlichen Sitze sind von dem Bezirk der gewöhnlichen Arbeit eines damaligen Grie- chen in Ackerbau, Industrie und Handel getrennt; sie verweilen nur zeitweilig in diesem Bezirk, vornehmlich in vorübergehendem Besuch in ihren Tempeln, und ihre Einwirkung auf das dem Erfahren und dem Gedanken unterworfene Gebiet wird zum supranaturalen Eingriff. Auch werden keine Vermählungen zwischen den olympischen Göttern und den Menschen mehr aus der Zeit der troischen und nachtroischen Ereignisse in den Homerischen Dichtungen berichtet. Ja es findet sich in diesen Dichtungen ein bestimmtes Bewußtsein über die Ab- nahme des Verkehrs zwischen Göttern und Menschen. So breitete die fortschreitende Aufklärung den Umkreis, den die natürliche Erklärung beherrscht, immer weiter aus und machte die Geister immer mehr skeptisch gegenüber der Annahme von supranaturalen Eingriffen.

Und zwar steht dieser Fortgang in Zusammenhang mit einer Ver- änderung des Lebensgefühls. Die Lebensordnung des heroischen Kö- nigtums verfiel, die epische Dichtung, die ihr Ausdruck gewesen war, erstarrte. Das Lebensgefühl, welches den veränderten politischen und sozialen Ordnungen entsprach, verkündete sich in der Elegie und dem Jambus mit freier Macht: das bewegte Innere der Person wurde zum Mittelpunkt des Interesses. In der lyrischen Dichtung sind, wenigstens aus der Zeit des Thaies, sogar Spuren, welche das Vertrauen auf die Götter zurücktretend hinter diesem selbständigen Lebensgefühl zei- gen.i Und an die Blüte der Gefühlsdichtung schloß sich die Sitten- betrachtung, in welcher der Geist den Bezirk der sittlichen Erfahrungen sich unterwarf.

Die andere Richtung, in welcher der erklärende Geist voran- schritt, ist noch in den Überresten der Literatur von Theogonien sichtbar. Die uns erhaltene Theogonie des Hesiod, unter ihnen die wichtigste, lag, mindestens in ihrem Kern, schon den ersten Philo- sophen vor. Die erklärende Richtung gestaltete in diesen Theogonien aus dem Stoff des mythischen Vorstellungskreises einen inneren, durch 144 Zweites Buch. Erster Abschnitt Zeugungen voranschreitenden Zusammenhang des Weltprozesses. Und zwar spielt sich dieser Weltprozeß weder als eine bloße Beziehung von Willensgewalten noch als ein aus allgemeinen Naturvorstellungen geknüpfter Zusammenhang ab. Nacht, Himmel, Erde, Eros sind Vor- stellungen, welche zwischen Naturtatsache und persönlicher Macht in dämmernden Zwielicht stehen. Aus dem Persönlichen wanden all- gemeine Vorstellungen von einem natürlichen Zusammenhang sich los.

Diese beiden Richtungen des Geistes zerstörten den Zu- sammenhang der Welt, welchen das mythische Denken ent- worfen hatte. Das andere, welches wir unserem Selbst als Natur gegen- überstellen, empfängt seinen lebendigen Zusammenhang aus dem Selbstbewußtsein, in welchem es da ist. Dieser Zusammenhang wird in voller Lebendigkeit von dem mythischen Denken erfaßt, Jiber vor dem Gedanken hält seine Wahrheit nicht stand; die Erfahrung' der Regelmäßigkeit in der Umwandlung der Stoffe, in der Abfolge der Weltzustände, in dem Spiel der Bewegungen verlangt eine andere Er- klärung; ein anderer Zusammenhang der Natur, als welcher in den Beziehungen der Willen von Personen gelegen ist, wird notwendig. Und so beginnt die Arbeit, diesen Zusammenhang gedankenmäßig, der Wirklichkeit entsprechend, zu entwerfen. Die Dinge, in Wirken und Leiden miteinander verkettet, Veränderung an Veränderung ge- bunden, Bewegung im Raum: dies alles ist der Anschauung gegeben, und es soll nun in seinem Zusammenhang erkannt werden.

Ein langer und mühsamer Weg erfahrenden und versuchenden Denkens beginnt, und, an seinem Ende angekommen, werden wir sagen: Dies andere, welches Natur ist, kann sowenig in Gedanken- elemente aufgelöst und durch sie gänzlich erkannt werden als es im mythischen Vorstellen durchdrungen wurde. Es bleibt undurchdring- bar, da es eine in der Totalität unserer Gemütskräfte gegebene Tat- sächlichkeit ist. Es gibt keine metaphysische Erkenntnis der Natur.

Dies alles stand bevor; aber wir verfolgen zunächst, wie, durch die beiden bezeichneten Richtungen allmählich vorbereitet, nunmehr die große Tatsache einer wissenschaftlichen Erklärung des Kosmos hervortrat. Im sechsten Jahrhundert ist diese Tat- sache entstanden, indem in den ionischen und italischen Kolonien der Griechen zu dieser Zeit elementare mathematische und astronomische Einsichter und Verfahrungsweisen auf das Problem angewandt wurden, welches auch das mythische Vorstellen beschäftigt hatte: die Ent- stehung des Kosmos. Die ionischen Kolonialstädte waren in rapider Entwicklung zu demokratischen Verfassungen und zur Entfesselung aller Kräfte vorangeschritten. Durch die Organisation ihres Kultus- rechtes war die geistige Bewegung in ihnen weniger von dem Priester- Entstehung der Wissenschaft ^ ^45 tum abhängig, als in den sie umgebenden, alten orientalischen Kultur- staaten. Und nun gab der in ihnen aufgehäufte Reichtum unabhän- gigen Männern die Muße und die Mittel der Forschung. Denn die selb- ständige Entwicklung der einzelnen Zweckzusammenhänge in der menschlichen Gesellschaft ist an die Verwirklichung derselben durch eine besondere Klasse von Personen gebunden. Nun war aber erst mit dem Anwachsen des Reichtums die Bedingung dafür geschaffen, daß einzelne Personen sich ganz und in geschichtlicher Kontinuität dem Erkennen der Natur widmeten. Diesen unabhängigen, weltbewan- derten Männern öffneten sich durch eine weltgeschichtliche Fügung seltenster Art zu derselben Zeit die uralten Stätten der Kultur im Orient, insbesondere während der zweiten Hälfte des siebenten Jahr- hunderts Ägypten. Die Geometrie, wie sie sich als eine praktische Kunst und eine Summe einzelner Sätze in Ägypten entwickelt hatte, und die Tradition langer astronomischer Beobachtung und Aufzeich- nung, wie sie auf den Sternwarten des Ostens bestand, wurden nun von ihnen zu einer Orientierung in dem Welträume benutzt, dessen Bild das mythische Vorstellen überliefert hatte.

Damit traten die Griechen in eine geistige Bewegnng ein, deren größerer, in den Orient zurückreichender Zusammenhang uns bis jetzt unzureichend bekannt ist. Sie ist aber durch den Zweckzusammen- hang des Erkennens bedingt. Die Wirklichkeit kann nur durch Aus- sonderung einzelner Teilinhalte sowie durch die abgesonderte Erkennt- nis derselben dem Gedanken unterworfen werden; denn in der kom- plexen Form ist sie für denselben nicht anfaßbar. Die erste Wissen- schaft, welche durch dies Verfahren entstand, ist die Mathematik gewesen. Raum und Zahl sind von der Wirklichkeit früh abgesondert worden, und sie sind einer rationalen Behandlung ganz zugänglich. Die Betrachtung begrenzter Flächen und Körper wird leicht aus der Anschauung der wirklichen Dinge abstrahiert; von solchen abgeschlos- senen Gebilden ging die geometrische Untersuchung aus; Geometrie und Zahlenlehre waren gemäß der Natur ihres Gegenstandes die ersten Wissenschaften, welche zu klaren Wahrheiten gelangten. Dieser Gang der Analysis der Wirklichkeit war vor dem Eintreten der Griechen in den Zusammenhang des Erkennens schon eingeschlagen, nun kam ihm die Eigentümlichkeit des griechischen Geistes entgegen. Anschau- ungskraft und Formsinn bildeten die auszeichnenden Eigentümlich- keiten dieses Geistes; dies zeigt sich höchst auffallend in dem anschaulich klaren und folgerichtigen Bilde des Weltalls, das bereits die Ho- merischen Epen enthalten. So löste nun die beginnende griechische Wissenschaft, insbesondere in der Pythagoreischen Schule, die Unter- suchung der räumlichen und Zahlenverhältnisse ganz los von <len prak- Diltheys Schiiften I 10 146 Zweites Buch. Erster Abschnitt tischen Aufgaben und untersuchte dieselben ohne jede Rücksicht auf Anwendbarkeit. Entsprechend ging die beginnende Astronomie von der Konstruktion der Weltkugel aus und begann Linien auf ihr zu ziehen. Mathematik, insbesondere Geometrie sowie deskriptive Astro- nomie, in einem späteren Zeitraum hinzutretend Logik, als Theorien, welche gewissermaßen in der Region reiner und angewandter For- men anschauend verweilen, bilden die vollkommensten intellektuellen Leistungen des griechischen Geistes.

FÜNFTES KAPITEL CHARAKTER DER ÄLTESTEN GRIECHISCHEN WISSENSCHAFT Hundert Jahre dieser fortschreitenden Entwicklung der griechi- schen Wissenschaft verflossen, bevor diese Physiker die Natur der ersten Ursachen, aus denen sie den Kosmos ableiteten, einer stren- geren allgemeinen Betrachtung unterwarfen. Und dies war doch die Bedingung für die Entstehung einer abgesonderten Wissenschaft der Metaphysik. Finden wir Thaies im ersten Drittel des sechsten Jahr- hunderts auf der Höhe seiner Tätigkeit, so reichen Leben und Wirk- samkeit des Heraklit und Parmenides, welche diesen Fortschritt mach- ten, eine geraume Zeit in das fünfte Jahrhundert hinein.