Jedoch gelangte Parmenides von diesen Wahrheiten, infolge der imvollkommenen, unbestimmten Art, in welcher er sie auffaßte, zu Folgerungen, welche auch diese Wehansicht unbenutzbarfürposi- tive Forschung machten und ihr darum schließlich nur Anwend- barkeit für die Beweisführungen des Skeptizismus übrigließen. Die moderne Naturwissenschaft, indem sie von der Erhaltung des Stoffs und der Kraft ausgeht, verlegt die ganze Veränderlichkeit und Mannig- faltigkeit der Prädikate in die Relationen. Parmenides überspannt die Tragweite des als Grundsatz des Naturerkennens gültigen ex nihilo nihil fit und konstruiert ein ewiges, kontinuierlich im Räume sich er- streckendes, jede Veränderung und Bewegung ausschließendes Sein, in welches ihm alle Vollkommenheit der göttlichen Weltordnung auf- geht. Er verneint von ihm aus die wirkliche, veränderliche, mannig- faltige Welt, und so wird ihm dann selbst ihr Schein unerklärlich.
So hoben denn Parmenides, Zeno, Melissus die ganze Welt- erklärung aus den Angeln, welche die ihnen vorausgegangene physi- sche Wissenschaft geschaffen hatte. Diese ältere Physik hatte den Kosmos von einem bildenden Prinzip aus, welches eine unbestimmte Veränderlichkeit in sich hat, mit den Hilfsmitteln der Vorstellungen von Bewegung des Stoffes im Räume, qualitativer Veränderung, Ent- stehung des Vielen aus dem Einen erklärt. Nun wurden alle kon- struktiven Prinzipien, mit welchen diese Physik arbei- tete, in Frage gestellt. — Was eine Größe hat, ist teilbar; so ge- lange ich nie zu dem Einfachen, aus welchem das Zusammengesetzte besteht, wenn ich nicht das Gebiet des Räumlichen verlasse. Verlasse ich aber dieses, so kann ich aus unräumlich Einfachem nie das Räum- liche zusammensetzen. Entsprechend kann jeder Zwischenraum zwi- schen zwei räumlichen Größen ins Unendliche geteilt werden. • — Andererseits wird jede Raumgröße von einer anderen umfaßt. — Der Weg, den ein bewegter Körper durchläuft, ist ins Unendliche teilbar.
In der Tat sind die Schwierigkeiten, welche diese Denker solcher- gestalt an dem Räume, der Bewegung, dem Vielen aufzeigten, inner- halb der Metaphysik selber unüberwindlich; nur der erkenntnistheore- tische Standpunkt, welcher auf den Ursprung der Begriffe zurückgeht, kann diese Widersprüche auflösen. Er erkennt, wie die Wirklichkeit in 158 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt der Anschauung gegeben ist, und wie die unendliche Freiheit des Wil- lens diese Wirklichkeit beliebig teüen und zusammensetzen, wie sie vermittels der Abstraktion das reale Kontinuum und die Bewegung durch Punkte, durch Zerlegung der Bahn der Bewegung in solche Punkte nachbilden kann, ohne damit doch jemals die Realität der An- schauungstatsache selber zu erreichen.
Jedem metaphysischen Theorem folgt als sein Schatten das Be- wußtsein des dunklen Rests von aus ihm nicht ableitbaren Tatsachen. Heraklits Werden widersprach seiner Konzeption von dem Feuer als lebendigem Substrat, an welchem das Werden haftet; dem Sein des Parmenides widersprach die veränderliche Welt. Der Fortgang der Metaphysik ist naturgemäß der zu immer komplizierteren Annahmen, welche in demselben Verhältnis geeigneter sind, die Tatsachen zu er- klären, andererseits aber auch eine wachsende Zahl von inneren Schwierigkeiten enthalten.
ZWEITES KAPITEL ZWEITES KAPITEL ANAXAGORAS UND DIE ENTSTEHUNG DER MONOTHEISTISCHEN METAPHYSIK IN EUROPA Neben Zeno und Melissas, welche so von der neu gewonnenen Grundlage aus ihre vernichtende Dialektik gegen alle Hilfsmittel der physischen Welterklärung richteten, treten Leukipp, Empedokles, Anaxagoras auf, welche auf diesem Boden die physische Welt- erklärung umgestalteten. In derselben Generation stehen jene skep- tische und diese fortschreitende Richtung nebeneinander. Schon damals bewährte sich, daß denen in der Wissenschaft die nützliche Wirkung gehört, welche nicht etwa die Wahrheit gegenüber dem Irrtum be- sitzen, sondern welche, vom Glauben an die Erkenntnis vorangetrie- ben, einen neuen Versuch machen, sich ihr anzunähern, auch indem sie Voraussetzungen hierbei verwenden, welche für den Verstand zur Zeit nicht widerspruchsfrei ausgebildet werden können. So wurden damals Bewegung und leerer Raum zur Erklärung benutzt, obwohl ohne Zweifel keiner der Forscher, welche von diesen Vorstellungen Gebrauch machten, die Schwierigkeiten aus ihnen zu entfernen imstande war. Denn dies ist der Zweckzusammenhang der menschlichen Wissen- schaft: an die Wirklichkeit tritt Versuch auf Versuch, sich ihr anzu- nähern und ihren Tatbestand erklärbar zu machen; die vollkommenen überleben die unvollkommenen. So entstand nun damals der neue meta- physische Grundbegriff des Elements, der genauer ausgebildete des Atoms. Die Folgerungen, welche aus den beiden dargelegten Prin- zipien für den Begriff des Seins in der eleatischen Schule gezogen wur- Leukipp, Empedokles, Anaxagoras. — Die Theor'etiker der Massenteilchen ^59 den, waren über das in diesen Prinzipien Gelegene hinausgegangen; übergewaltig waren zuerst die negativen Konsequenzen aufgetreten: die Weltansicht des All-Einen Seienden vernichtete den mannigfal- tigen Kosmos. Daher schritt nun der Wille der Erkenntnis über sie hinweg; Leukipp, Empedokles, Demokrit versuchten, das Prinzip des Seins der Aufgabe einer Erklärung der veränderlichen, mannigfal- tigen Welt anzupassen.
Ihr fundamentales Theorem setzte also in Parmenides ein. Es gibt weder Entstehen noch Vergehen, sondern — so fahren sie fort — nur Verbindung und Trennung von Massenteilchen vermit- tels der Bewegung im Weltraum. Dies Theorem tritt bei ihnen ganz gleichförmig auf. — Daß es aus der eleatischen Schule hervor- ging, kann nachgewiesen werden. ^ Zwar können die historischen Be- züge, in welchen diese Männer augenscheinlich untereinander standen, nicht mehr festgestellt werden. Auch kennen wir leider nicht die Art von Argumentation, vermöge deren Leukipp, Empedokles, Anaxagoras, Demokrit ihre Theorie der unveränderlichen Massenteilchen gegen- über dem einen eleatischen Sein gerechtfertigt haben. Wie dem sei, nun wurde im Aufbau der europäischen Metaphysik von dem Begriff des Seienden aus eine von den mehreren vorhandenen Möglichkeiten entwickelt, und zwar die nächstliegende: Zerschlagung der Wirklich- keit in Elemente, welche einerseits den Anforderungen des Denkens an unveränderliche Anhaltspunkte seiner Rechnung genugtaten, anderer- seits eine Erklärung von Veränderung, Vielheit und Bewegung nicht ausschlössen. Damit vollzog sich ein bedeutender Fortschritt. An die Stelle einer in unbestimmter Umwandlung wirksamen Kraft oder der Beziehung einer solchen auf einen grenzenlosen Stoff (Pythagoreer) traten sich selbst gleiche, unveränderliche Elemente. Aus jener Kraft konnte alles erklärt werden, diese Elemente ermöglichten eine klare, übersichtliche Rechnung in der Welterklärung.
Damit tritt in die Erklärung des Kosmos eine neue Art von Begriffen. Solche waren das Atom des Leukipp, die Samen der Dinge des Anaxagoras, die Elemente des Empedokles sowie die mathe- matischen Figuren, aus denen Plato die Körperwelt konstruierte. Die erste Ursache als Erklärunsfsgrund (dpxri) war eine metaphysische Kategorie, welche der ganzen Wirklichkeit als in ihr gleichmäßig überall gegebener Teilinhalt untergelegt werden konnte. Der Begriff des Elements oder Massenteilchens (Atoms) ist an der äußeren Natur entwickelt worden und hat, vermöge seines Merkmals starrer Unver- * Simpl. in phys. f. yr 6 ff. (Diels Doxogr. 483), wohl aus Theophrast geschöpft: AcÜKiTTUOc bd ö 'EXedxric f| MiXricioc...KOivuuvricac TTap|uevibr) xfic qpiXococpiac oü ti'iv auTf|v ißdöice TTap^evibri koI Eevoqpdvei irepl xOuv övtuüv öböv.
l6o Zweites Buch. Zweiter Abschnitt änderlichkeit, nur für sie Geltung. Auch ist er nicht ein Bestandteil der Naturwirklichkeit, d. h. ein in ihr enthaltener einfacher Begriff; solche sind Bewegung, Geschwindigkeit, Kraft, Masse. Vielmehr ist er eine konstruktive Schöpfung zur Erklärung von Naturerscheinun- gen, ganz wie der Begriff der platonischen Idee.
Indem der Begriff des Elements als metaphysische Realität auf- trat und behandelt wurde, entstanden Schwierigkeiten, welche unter diesen Bedingungen unüberwindlich waren. — Eine solche Schwierigkeit lag in der schon Leukipp zugeschriebenen An- nahme, neben dem Seienden komme auch Existenz dem Nichtseienden zu, d. h. dem leeren Räume. Und doch war ohne diese Annahme Be- wegung nicht möglich. Anaxagoras leugnet, ja bekämpft den leeren Raum^, aber er vermag dann freilich das Ausweichen seiner Massen- teilchen nicht zu erklären. — Eine weitere Schwierigkeit lag in der An- nahme der Unteilbarkeit von kleinen Körpern, dergleichen die Ato- misten lehrten. Hiergegen richtete, wie es scheint, Anaxagoras seine tiefsinnige Lehre von der Relativität der Größe. ^ — Endlich lag eine Schwierigkeit in der Unerklärbarkeit der qualitativen Veränderung aus Atomen; ihr gegenüber entwickelte Anaxagoras eine sehr zusammen- gesetzte Theorie, und an diesem Punkte bemerkt man, welche Bedeu- tung für die Fortentwicklung der Atomistik das Auftreten des Prot- agoras hatte. Denn Protagoras steht zwischen Leukipp und Anaxagoras einerseits und der Vollendung des atomistischen Systems andererseits. Seine Theorie der Sinneswahrnehmung ermöglichte erst die wissen- schaftlich begründete Ablösung der Vorstellungen des Qualitativen von den Atomen, und daß sich Demokrit, vielleicht in einer besonderen Schrift, mit Protagoras auseinandergesetzt habe, wird ausdrücklich überliefert.^ — Die Atomtheorie des Demokrit, von so viel Schwie- rigkeiten umgeben, durch Protagoras mit der Skepsis verbunden, er- hielt durch Metrodor und Nausiphanes eine noch skeptischere Hal- tung; so gelangte sie durch Nausiphanes zu Epikur^; sie erhielt sich, allen Schwierigkeiten trotzend, weil sie, wie der weitere Verlauf zeigen wird, ein berechtigter Bestandteil der Naturerklärung ist.
War schon der Begriff von Massenteilchen ein konstruktiver meta- physischer Begriff: so entstand für diese Theoretiker der Massenteil- chen nun das konstruktive Problem, ob aus ihnen allein der Kosmos erklärt werden könne.
' Arist. Phys. IV, 6.
* Simpl, in phys. f. 35r. (Mullach I, 251 fr. 15). Dazu vgl. den einleuchtenden Nachweis Zellers, Anaxagoras habe in seiner Schrift sich auf Leukipp polemisch bezogen ' Plut. adv. Colot. c. 4. p. 1109A. Vgl. Sext. Empir. adv. Math. VII, 389.
* Zeller das. 857 ff.
Der Charakter des Anaxagoras und seine Leistung l6l An diesem Punkte der Entwicklung, es war in der schönsten Zeit Athens, trat nun im Zusammenhang mit der Lage der Wissenschaften diejenige Konstruktion des Kosmos in erstem, groß gedachtem Wurf hervor, welche der europäischen Metaphysik ihre lang dauernde Macht über den Geist unsres Weltteils verschafft hat. Dies ist die Lehre von einer vom Kosmos selber unterschiedenen Weltvernunft, welche als erster Beweger die Ursache des regelmäßigen, ja zweckmäßigen Zu- sammenhangs im Kosmos ist.
Der Monotheismus, d. h. der Gedanke des einen Gottes, welcher, von der Natur nicht nur im Begriff, sondern als Tatsächlichkeit gänz- lich unterschieden, als eine rein geistige Macht die Welt regiert, ent- stand in dem Abendlande im Zusammenhang mit den astronomischen Untersuchungen; er ist daselbst zwei Jahrtausende lang durch ein Räsonnement getragen worden, welches in der Auffassung des Welt- gebäudes seinen Rückhalt hatte. Mit Ehrfurcht nähere ich mich dem Manne, welcher zuerst diesen einfachen Zusammenhang der regelmäßi- gen Bewegungen der Gestirne mit einem ersten Beweger ersann. Seine Person erschien dem Altertum als repräsentativ für eine Richtung des Geistes auf das Wissen sv^^erte, mit Vernachlässigung dessen, was Klug- heit für den eigenen Nutzen sucht. „Anaxagoras soll einem, der ihn befragte, weswegen doch jemand das Sein dem Nichtsein vorziehe, geantwortet haben: wegen der Betrachtung des Himmels sowie der über den ganzen Kosmos verbreiteten Ordnung."^ Diese Stelle ver- deutlicht den Zusammenhang, in welchem die Alten den Geist seiner astronomischen Forschungen mit seiner monotheistischen Metaphysik erblickten. Von da ergoß sich über sein ganzes Wesen der Charakter von gefaßter Würde, ja Erhabenheit, den er nach der Auffassung guter Berichterstatter seinem Freunde Perikles mitteilte. - Die Trümmer seines Werkes über die Natur atmen dieselbe ein- fache Majestät. Man hält unwillkürlich den Anfang desselben mit der großen Urkunde des Monotheismus der Israeliten, der Schöpfungs- geschichte, zusammen. „Zusammt waren alle Dinge, unermeßlich an Menge und Kleinheit; denn auch das Kleine war ein Unermeßliches. Und da alles zusammt war, war nichts deutlich hervortretend, wegen der Kleinheit." 3 Anaxagoras zergliedert aber den Anfangszustand der Materie mit den Hilfsmitteln der unteritalischen Metaphysik. Die älteste Vorstellung von einer in selbsttätiger Umwandlung begriffenen Ma- terie, welche alles abzuleiten gestattete und sonach im Grunde nichts, war in dieser unteritalischen Metaphysik beseitigt worden. Ihr folgend * Außer den bekannten Stellen Plutarchs vgl. den Phädrus Tlatos p. 270 A. ' Simplic. in phys. f. 33V. (Mullach I, 248 fr. i.)
Diltheys Schriften I II 102 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt und mit Empedokles und Demokrit hierin einig, legte Anaxagoras seinem Denken den folgenden Satz zugrunde: „Die Hellenen sprechen nicht mit Recht von Entstehung und Untergang. Denn kein Ding ent- steht, noch geht es zugrunde." ^ Verbindung und Trennung, sonach Bewegung der Substanzen im Räume, trat an die Stelle von Entstehung und Untergang, Diese Massenteilchen, welche Anaxagoras, Leukipp und Demokrit zugrunde legten, sind die Basis jeder Theorie über den Naturzusammenhang geblieben, welche einen festen, der Rechnung zugänglichen Ansatz fordert. In mehreren Punkten unterschieden sich nun die „Samen der Dinge" ^^ auch kurzweg „Dinge" des Anaxagoras (sozusagen die Dinge im kleinen) von den Atomen des Demokrit. Anaxagoras, nach der Lage der Forschung zu seiner Zeit, entwickelte den denkbar härtesten Realismus. In seinen Massenteilchen ist jede Abstufung von Qualität, welche die sinnliche Wahrnehmung irgendwo darbietet, gegeben. Und da ihm nun jede Vorstellung des chemischen Prozesses fehlte, mußte er zu zwei Hilfssätzen greifen, deren Paradoxie die Tradition nicht mehr aus dem Zusammenhang verstanden hat. In jedem Naturobjekt sind alle Samen der Dinge enthalten; aber unsere Sinne haben enge Grenzen der Empfindungsfähigkeit: hieraus erklärte er den täuschenden Schein qualitativer Veränderungen. ^ Alsdann aber findet sich schon bei Anaxagoras das Theorem von der Relativität der Größe, das die sophistische Epoche in negativem Sinne ausge- beutet hat, und dessen Tragweite später Hobbes selbständig ent- wickelte. Es scheint, daß Anaxagoras im Zusammenhang hiermit an- nahm, jeder für uns vorstellbare kleinste Teil sei wiederum als ein System zu betrachten, das eine Vielheit von Teilen in sich fasse. Ver- schiedene Experimente werden von ihm überliefert, durch welche er physikalische Grundvorstellungen zu befestigen unternahm. Als Phy- siker in eminentem Sinne wurde er von der Tradition bezeichnet.
Vermittels einer gewagten Induktion übertrug er nun die Physik der Erde auf das Himmelsgewölbe.
Am hellen Tage fand bei Aegos Potamoi der Fall eines sehr gro- ßen Meteorsteines statt. Anaxagoras ging davon aus, daß derselbe aus der Gestirnwelt stamme, und er schloß so aus dem Falle dieses Meteor- * Es ist bemerkenswert, daß das älteste Experiment über Sinnestäuschungen, über das Nachricht auf uns gekommen ist, von ihm in diesem Zusammenhang zum Beweis verwandt wurde. Setzt man dem Weiß tropfenweise eine dunkelfarbige Flüssigkeit zu, so vermag unsere Sinnesempfindung die schrittweisen Veränderungen der Färbung nicht zu unterscheiden, obgleich in der Wirklichkeit diese Veränderungen stattfinden. Seine Para- doxie vom schwarzen Schnee gehört demselben Zusammenhang an. — Andere Experimente des Anaxagoras Arist. Phys. IV, 6.
Anaxagoras begründet den Monotheismus auf die Astronomie 103 Steines auf die physische Gleichartigkeit des ganzen Weltgebäudes, ^ Da er den Umlauf des Mondes um die Erde dieser näher als den Um- lauf der Sonne ansetzte und entsprechend die Sonnenfinsternisse aus dem Zwischentreten des Mondes zwischen Erde und Sonne ableitete, so wird er auch aus den Sonnenfinsternissen geschlossen haben, daß der Mond eine große, dichte Masse sein müsse. - Die Schlüsse können nicht mehr auf einleuchtende Weise hergestellt werden, vermöge deren er nun Stellungen, Größen und Ursachen des Leuchtens für die ein- zelnen Gestirne bestimmte. Die Mondfinstemisse erklärte er teils aus dem Erdschatten, teils aus zwischen Erde und Mond befindlichen, dunklen Körpern. — Die der Erde nächste Bahn unter den uns be- kannten Gestirnen beschreibt der Mond, offenbar, da er in den Sonnen- finsternissen zwischen Erde und Sonne tritt. Anaxagoras stellte eine Theorie der Mondphasen auf und, wie Plato als seine Aufsehen ma- chende Behauptung hervorhob 3, leitete er das Licht des Mondes (min- destens teilweise) aus der Bestrahlung desselben durch die Sonne ab; „indem die Sonne im Kreise um ihn herumgeht, wirft sie immer neues Licht auf ihn (den Mond)".* In Zusammenhang hiermit hielt er den Mond mit seinen Schluchten und Bergen für bewohnt; es erinnert an den Meteorstein, wenn er die Fabel, daß der nemeische Löwe vom Him- mel gefallen sei, dahin interpretierte: derselbe möge wohl aus dem Monde gefallen sein. — Die Sonne dachte er als eine glühende Stein- masse, in einer entfernteren Region des Himmels umlaufend; indem er wohl ihre Größe mit der des Mondes verglich, erklärte er sie für viel größer, als den Peloponnes, welchem er den Mond gleichsetzte» — Auch die Sterne waren ihm solche glühende Massen, deren Wärme wir nur wegen der Entfernung nicht empfinden.
Diese Erkenntnis der physischen Gleichartigkeit in der Beschaffen- heit aller Körper diente ihm als Lehrsatz, um, auf Grund der den Unter- satz bildenden Tatsache der Umdrehung der Gestirne, seinen großen metaphysischen Schluß zu vollziehen. Denn in dem Theorem von der physischen Gleichartigkeit aller Weltkörper war auch die Einsicht ent- halten, daß die Schwerkraft in ihnen allen wirke. Hieraus ergab sich die Notwendigkeit der Annahme einer ihr entgegenwirkenden Kraft ' Dieser Schluß des Anaxagoras aus Silenus erhalten bei Diogenes Laert. II, II f.
Zu dem Folgenden sei bemerkt, daß gemäß dem Zweck der Darlegung davon abge- sehen ist, ob Anaxagoras alle diese Theorien zuerst aufgestellt hat.
' Hippol. philos. VIII, 9 (Diels 562): und zwar verbindet Hipp, in seinem Bericht miteinander: Anaxagoras habe Finsternisse und Mondphasen zuerst genau bestimmt, und: er habe den Mond für einen erdartigen Körper erklärt sowie Berge und Täler auf ihm angenommen.
II» 164 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt von außerordentlicher Stärke, welche den Kreisumschwung dieser schweren und mächtigen Körper hervorgebracht hat und erhält. An den Fall des genannten großen Meteorsteins knüpfte Anaxagoras die Erklärung: die ganze Sternwelt bestehe aus Steinen: würde der ge- waltige Umschwung nachlassen, dann müßten sie abwärts stürzen.* Die Überlieferung vergleicht, ohne dem Anaxagoras diesen Vergleich zuzuschreiben, dieses dem Umschwung der Gestirne zugrunde liegende Verhältnis zwischen der Schwerkraft, welche die Weltkörper abwärts zieht, und der den Umschwung hervorbringenden Kraft, welche ihren Fall hindert, mit dem, vermöge dessen der Stein nicht aus der Schleu- der tritt, das Wasser in einer Schale beim Umschwung derselben, wenn dieser schneller als die Bewegung des Wassers nach unten ist, nicht ausgegossen wird. 2 Mit diesem Schluß verknüpfte sich nun an dem jetzt erreichten Punkte ein zweiter, dessen Glieder vielleicht noch auf überzeugende Weise ergänzt werden können. Vermöge desselben bestimmte er diese Kraft, welche die Drehungen der Gestirne im Weltraum hervorbringe, als eine beständig und zweckmäßig wirkende, welche von außen, von der Weltmaterie ganz getrennt, den Umlauf der Gestirne hervorrufe und erhalte. So tritt das Weltprinzip der Vernunft (des voOc), getra- gen von einem astronomischen Räsonnement, in die Geschichte.
Die Drehung nämlich, welche Anaxagoras auf die der Schwerkraft entgegenwirkende Kraft zurückführt, wird von ihm mit der Drehung (Ttepixuupricic) ausdrücklich in eins gesetzt, „in welcher sich Gestirne, Sonne und Mond, Luft und Äther gegenwärtig umdrehen".^ — Diese letztere ist natürlich die scheinbare, in welcher sich der ganze Himmel mit allen seinen Gestirnen täglich einmal von Ost gegen West um unsere Erde bewegt. Anaxagoras kannte die Drehung der ganzen Him- melskugel um ihre Achse, wenn auch dieser Begriff der Achse noch nicht in seiner mathematischen Strenge von ihm gedacht wurde. Ver- folgte er nun die parallelen Kreise, in welchen einige Gestirne teil- weise über dem Horizonte umlaufen, andere ganz, bis zu den kleinsten Kreisen des Bären oder des dem Pole damals zunächststehenden Sterns ß des Kleinen Bären: so mußte er eine, wenn auch noch so un- vollkommene Vorstellung des nördlichen Endpunktes dieser Achse sich bilden.* — Hier erscheint eine Kombination der Nachrichten un- * Diogenes a. a. O.
* Diogenes a. a. O.
* Humboldt, Kosmos (erste Ausg.) II, 348. 50t vgl. I, 139 u. a. a. O. nach Jacobis bandschriftlichen Aufzeichnungen über das mathemalische Wissen der Griechen, welche Aufzeichnungen HumboUlt erwähnt, die aber verloren sind oder irgendwo verborgen ruhen. Plut. de facie in orbe Lunae c. 6. p. 023 C. Ideler, Mcteorologia Graec. 1832 p. 6.
* Womit die Art übereinstimmt, in welcher in dem Artikel des Diogenes über Ana- Anaxagoras begründet den Monotheismus auf die Astronatnie 165 ausvveichlich, durch welche man erst den Zusammenhang derselben untereinander und mit der damaligen Lage der Astronomie herzustel- len vermag. 1 Diese Stelle, welche den nördlichen Endpunkt eines Stabes bilden würde, um welchen wir die Drehung etwa stattfindend dächten, ist der kosmische Punkt, von welchem aus der Nus (die Weltvernunft) die Drehungsbewegung in der Materie begann, imd von welchem aus sie noch gegenwärtig bewirkt wird. Der Nus fing mit dem Kleinen an; die Stelle, an welcher das geschah, war der Pol. Dieser war sonach die Stelle, an welcher die Drehung be- gann; von ihr aus hat sich dann die Drehung immer weiter verbreitet und wird sich verbreiten, und von ihr aus wurde mit der Drehung zu- gleich die Scheidung der Massenteilchen bewirkt. Die Wiederherstel- lung der Grundansicht des Anaxagoras in solchem Sinne ist nur die deutlichere Vorstellung des in folgenden Sätzen Enthaltenen: Die von dem Nus hervorgebrachte Drehung ist identisch mit der gegenwärtigen Drehung der Himmelskugel, der Nus aber hat diese Drehung von einer kleinen Angriffsstelle aus hervorgebracht, und von dieser aus hat die Drehung sich immer weiter ausgebreitet. Denn diese Sätze führen auf einen Anfangspunkt, an welchem der kleinste Kreis an der Him- melskugel beschrieben wird.
Geht man nun von dieser Grundvorstellung aus, so übersieht man, wie Anaxagoras seinen Monotheismus erschloß. War er von der Ver- breitung der Wirkung der Schwerkraft in allen Himmelskörpern aus- gegangen und hatte eine entgegenwirkende Kraft postuliert, so schloß er jetzt näher, auf Grund der gemeinsamen Drehung aller Stellen der Himmelskugel (indem er für die Eigenbewegungen von Sonne, Mond und Planeten einen besonderen mechanischen Erklärungsgrund sich vorbehielt), auf eine von der Materie dieser Körper unab- hängige, zweckmäßig, sonach intelligent wirkende Kraft. „Das andere hat einen Teil von allem mit sich verbunden. Der Nus aber ist ein Unermeßliches und Selbstherrliches und er ist mit keinem xagoras der Pol erwähnt wird; Diog. II, q. War doch der Teil des Himmels, an welchem diese Stelle sich befindet, seit den Zeiten Homers besonders wichtig:,,die Bärin, die sonst der Himmelswagen genannt wird, welche sich an derselben Stelle umdreht...und allein niemals in Okeanos' Bad sich hinabtaucht." Aratus bemerkt (phaen. 37 sq.), daß die Griechen bei ihrer Schiffahrt den Großen Bären brauchen, weil er heller ist und leichter bei dem Einbruch der Nacht gesehen werden kann. Die Phönizier halten sich an den Kleinen Bären, der zwar dunkler, aber den Schiffen nütilicher ist, weil er einen kleineren Kreis beschreibt.
* Es ist mir wertvoll, in den memoires de I'institut Bd. XXIX S. 176 ff., Martin, hypoth^ses astronomiques des plus anciens philosophes de la Gr^ce ^trangers ä la notion de la sph^ricit^ de la terre diese Kombination, welche ich seit einer Reihe von Jahren in meinen Vorlesungen vorgetragen, zu finden.
l66 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt Dinge 1 gemischt, sondern allein für sich ruhet er auf sich selber."- — Zuerst: der Nus muß von der Materie gesondert sein; denn wäre er dem anderen beigemischt, so würde das mit ihm Zusammenge- mischte ihn hindern, so daß er kein Ding so zu beherrschen vermöchte, wie er nun vermag, da er auf sich selber ruht.^ Und zwar wurde eine solche selbständige Kraft, welche die gemeinsame Drehung hervor- bringt, überhaupt am einfachsten von der Weltkugel räumlich getrennt und von einer Angriffsstelle außerhalb derselben die Drehung und Weltbildung bewirkend gedacht; für Anaxagoras, welchem der Nus das „Leichteste" und „Reinste" aller „Dinge", sonach ein verfeinertes Stoffliches oder doch an der Grenze von Stofflichkeit noch befind- lich gewesen ist, war diese Vorstellung unvermeidlich. — Alsdann: Die Erkenntnis der gemeinsamen Bewegungen an der ganzen Himmels- kugel vervollständigte diesen Schluß dahin, daß diese von außen wir- kende Kraft eine sei. — Endlich: Die Betrachtung der inneren Zweck- mäßigkeit des Weltgebäudes wie der einzelnen Organisationen der Erde ließ diesen ersten Beweger als einen nach innerer Zweckmäßig- keit wirkenden Nus erkennen. Diese Zweckmäßigkeit des Weltalls ist aber nicht seine Angemessenheit für die Zwecke des Menschen, sondern die immanente, deren Ausdruck die Schönheit, deren Folgetat- sache der einheitliche Zusammenhang für einen Verstand ist, welche daher auf einen ordnenden, aber sozusagen unpersönlichen Verstand zurückweist.*