Also wir ergänzen durch unsere Einsicht, um die Skeptiker von Grund aus zu verstehen. Sie sprechen von einem Wahrnehmungs- zustand, den der Mensch erleidet 1, und unterscheiden diesen vom Er- kennen.2 Aber keine Ahnung ist in ihnen, daß das Innewerden eines solchen Zustandes, welches sie nicht bestreiten, eben selber ein Wis- sen, und zwar das sicherste Wissen ist, von welchem jede Erkenntnis ihre Gewißheit zu Lehen tragen muß. Vielmehr suchen sie gemäß dem metaphysischen Standpunkt die Wahrheit ausschließlich in dem, was als objektive Grundlage dem in der äußeren Wahrnehmung gegebenen Phänomen vom Denken untergelegt wird.^ Sie erkennen daher zwar das Sehen, das Denken als einen zweifellosen Tatbestand an; aber derselbe schließt für sie nicht ein wertvolles Wissen, nämlich von den Tatsachen des Bewußtseins, in sich. Infolge davon entwickeln sie nicht klar, daß die Außenwelt nur Phänomen für das Bewußtsein sei, und gelangen sonach nicht zu einer folgerichtigen Anschauung der Außenwelt in diesem Sinne*, sondern sie fragen nur, ob der im Bewußtsein gegebene Sinneseindruck als ein Zeichen von der objek- tiven Grundlage solcher Phänomene benutzt werden kann. Und sie leugnen das mit Recht. Sie verneinen richtig jede Art von Erkenntnis dieser objektiven Unterlage der Phänomene: des Kantschen Dinges an sich.* Also nur darin irren sie, daß sie auf Grund hiervon die Mög- lichkeit des Wissens bestreiten.
So erklärt Sextus Empiricus ausdrücklich: der Skeptiker hebt das Erscheinende nicht auf; er erkennt den passiven Zustand, in dem er sich in der Wahrnehmung findet, an und bezweifelt nur jede Behaup- ^ Diogenes IX, 103: uepi \xhi ujv lic övGpuuTTOi 7T(icxo|Liev, öfioXoToOfiev.
^ KOI Ydtp ÖTi riiu^pa ^cxl koI öti Miuev koI öXXa TToXXot tüjv ^v tuj ßiiu qpmvo- H^vujv femfivLÜCKOfiev irepi 6' iLv oi boYMOtTiKol biaßeßaioövTai tuj Xö-fui, qpd)uevoi Kaxei- XfjcpGai, irepl toütuuv k-Ki\o\).^v die (i&r)XiJuv, ^öva hl xd Träör] fivuOcKoiJev. Diogenes Die Schranken des antiken Skeptizismus 237 tung Über das diesem Zustand objektiv zugrunde Liegende. ^ Bei Diogenes Laertius findet man damit übereinstimmend die Grenzen des Skeptizismus angegeben, wie sie von den Skeptikern gegenüber den Entstellungen der Metaphysiker festgestellt wurden. Zustände, die wir erleben, Phänomene (ict cpaivöineva), werden nicht bezweifelt, wohl aber jede Erkenntnis dessen, was wahrhaft ist, dessen nämlich, was in der Außenwelt ihnen zugrunde liegt. 2 Diese ausdrücklichen Erklärun- gen zeigen, daß den Skeptikern die richtige Verwertung der von ihnen anerkannten Phänomene des Bewußtseins für das Pro- blem des Wissens durchaus fehlt. Daher leugnen sie jedes Wissen von etwas wahrhaft Seienden, während sie im Grunde nur eine Erkenntnis der Außenwelt widerlegt haben. Am deutlichsten wird diese Grenze ihres Denkens durch einen sonderbaren Streit. Sagen die Skeptiker: alles ist falsch, so erklären die Metaphysiker: also auch diese Behaup- tung, und sonach hebt sie sich selber auf. Die gründlichste Erwide- rung der Skeptiker hierauf ist: der Skeptiker drückt mit solchen Wor- ten nur seinen eigenen Zustand aus, ansichtslos, ohne über das außer- halb seiner den Phänomenen Unterliegende irgend etwas auszusagen.^ Da muß denn der Erkenntnistheoretiker hinzutreten, um den Streit zu schlichten, und muß erklären: eben in diesem Zustand ist ein wahr- haftes Wissen gegeben, und in ihm liegt der Ausgangspunkt aller Philosophie.
Nachdem wir uns diese Schranken des Skeptizismus klargemacht haben, verweisen wir nunmehr mit Entschiedenheit jeden, welcher eine Erkenntnis der objektiven Unterlage des in unseren Eindrücken Er- scheinenden für möglich hält, auf die definitive Beseitigung jedes Ver- suchs solcher Art, wie sie in den auf uns gekommenen Überresten der vortrefflichen skeptischen Schule enthalten ist. Der Relativismus der modernen Philosophen ist von dem des Sextus Empiricus in keinem Punkte unterschieden, soweit er sich auf den Nachweis der Unmög- lichkeit aller Metaphysik bezieht. Er geht nur über ihn hinaus in be- zug auf die Herstellung einer Theorie vom Zusammenhang der Phäno- mene in den Schranken der Einsicht von ihrer Relativität. Obwohl die Wahrscheinlichkeitslehre des berühmtesten aller Skeptiker, des Kar- neades, doch auch schon entwickelt, daß nach Verzicht auf die Wahr- heit die Herstellung eines widerspruchslosen Zusammenhangs der Phänomene zum Zwecke der Feststellung des Wertes eines einzelnen Eindrucks möglich bleibe.
Der Relativismus der Skeptiker erweist die Unmöglichkeit, den objektiven Zusammenhang der Außenwelt zu erkennen, durch 238 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt die Kritik der Wahrnehmung sowie durch die des Denkens. Sa bereitet er die große Beweisführung vor, welche das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert gegeben hat, indem die empiristische Schule seit Locke die Wahrnehmung zergliederte, um in ihr die Möglichkeit einer objektiven Erkenntnis zu finden, zugleich aber die rationale Schule zu demselben Zwecke das Denken zergliederte: wobei sich dann unwidersprechlich herausstellte, daß weder hier noch dort eine Quelle metaphysischer Erkenntnis des objektiven Zusammenhangs der Er- scheinungen zu entdecken sei.
Die erste Frage ist sonach: Welcher ist der Erkenntniswert des in der sinnlichen Wahrnehmung Gegebenen? Die Erschei- nungsbilder sind zunächst bedingt durch die Sinnesorgane. Die Protagoreische Begründung des Relativismus durch Beobachtungen über die Sinne ist nunmehr vermittels eines vorgeschrittenen biologi- schen Studiums vertieft. — Die Sehwerkzeuge der lebenden Wesen sind sehr verschieden und zwingen uns, auf eine Verschiedenheit der durch sie bedingten Gesichtsbilder zu schließen. Hier wendet diese Schule die Methode an, subjektive Sinneserscheinungen zu beobachten und die Bedingungen, unter denen sie auftreten, als Analogien zu be- nutzen, um sich über die Abweichungen der Gesichtsbilder der Tiere von den normalen menschlichen Gesichtseindrücken eine Vorstellung zu bilden. Dasselbe Verfahren wird auch durch die anderen Sinnes- organe hindurch verfolgt. Bei trockener Zunge in der Fieberhitze haben wir andere Geschmacksempfindungen als in normalem Zu- stande, und so kann angenommen werden, daß auch die entsprechen- den Verschiedenheiten in der tierischen Organisation von einer Ver- schiedenheit der Geschmacksempfindungen begleitet sind. Das Ergeb- nis wird in folgendem schönen Bilde zusammengefaßt: Wie der Druck derselben Hand auf die Leier bald einen tiefen Ton bald einen hohen bewirkt, so bringt das Spiel derselben wirkenden Objekte infolge der in dem Bau lebender Wesen liegenden feinen und mannigfachen Ab- stimmung der Empfindungen ganz verschiedene Phänomene hervor. — Dieselbe Verschiedenheit kann alsdann innerhalb der Menschen- welt festgestellt werden; die phantastischen Gesichtserscheinungen sowie die großen Differenzen in der Reaktion auf Eindrücke durch Lust und Unlust sind hierfür Belege. — Nun sind aber weiter die Ob- jekte uns in fünf Arten von Sinneswahrnehmungen gegeben; so ist derselbe Apfel als glatt, wohlriechend, süß, gelb für uns da. Wer kann nun sagen, ob er nur eine Beschaffenheit hat, nach der ver- schiedenen Einrichtung der Sinnesorgane aber verschieden erscheint? Das obige Bild von dem Drucke derselben Hand auf die Leier kann diese Möglichkeit veranschaulichen. Und kann nicht ebensogut der Er erweist die Unmöglichkeit einer metaphysischen Erkenntnis ^39 Apfel die fünf verschiedenen, ja noch mehrere uns unbekannte Eigen- schaften haben? Ein zugleich Blind- und Taubgeborener nimmt an, daß nur drei Eigenschaftsklassen der Objekte vorhanden sind. Dann aber sind wir nicht berechtigt, solchen Bedenken gegenüber die Na- tur zu Hilfe zu rufen, welche unsere Sinnesorgane ihren Gegenständen korrespondierend mache. — Ja selbst innerhalb des einzelnen Sin- nesorgans sind die Eindrücke von dem Wechsel seiner Zu- stände abhängig. Dasselbe Wasser scheint, auf entzündete Stellen gegossen, siedend zu sein, welches von dem normalen Temperaturge- fühl der Haut als lau empfunden wird. — So nahe rückt die skeptische Lehre an die Theorie der Sinnesenergien, wie Johannes Müller sie be- gründet hat, heran. 1 Die Einsicht in die Relativität der Sinnesbilder erweitert sich, in- dem wir gewahren, wie die wechselnden äußeren Umstände, unter denen ein Objekt gegeben ist, eine Verschiedenheit der Emdrücke bedingen. Dieselbe objektive Ursache des Tons bringt in dünner Luft einen anderen Eindruck als in dicker hervor; schabt man das Hörn der Ziege, das in dem Bestand des Ganzen schwarz erscheint, so ändert sich der Sinneseindruck in Weiß; ein einzelnes Sandkorn erscheint hart, ein Sandhaufen weich. 2 So gewinnt der Skeptiker die allgemeine Formel von der Relativität jedes Wahrnehmungsbildes oder Sinneseindrucks. Alle von ihm aufgestellten Tropen erweisen sich schließlich als Spezi- fikationen des einen umfassenden Theorems von der Relativität der Eindrücke. 3 Diese Eindrücke sind durch das Subjekt sowie durch die äußeren Bedingungen, unter denen das Objektive auftritt, bedingt; und so kann man im Gegensatz zu aller Metaphysik, welche zum Wesen- haften hindurchzudringen behauptet, aussprechen, daß die Wahrneh- mungen nur Relationen des Objektiven ausdrücken können.
Und der Verstand? das Denken? Die Widerlegung der objek- tiven Naturerkenntnis durch die Skeptiker ist an diesem Punkte weit unvollkommener als in der Untersuchung über den Erkenntniswert der sinnlichen Wahrnehmung. — Die Vernunftwissenschaft von Plato und Aristoteles war in Mißkredit geraten. Kameades geht davon aus, daß der Verstand seinen Stoff aus der Wahrnehmung schöpfen muß. Blei- ben wir daher zunächst innerhalb dieser Voraussetzung. Das Problem empfängt hier seine allgemeinste Fassung durch den Begriff des Kri- * Die vier ersten Tropen des Sextus, hypotyp. I, 40 — 117, sind in diesem Absatz zusammengefaßt.
' Zum achten Tropus 135 ff. vgl, 39 sowie Gellius, N. A. XI, 5, 7: omnes omnino res, quae sensus hominum movent, töjv irpöc Ti esse dicunt.
240 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt teriums. Es ist klar, daß die Wahrnehmungen nicht ein Kriterium in sich tragen, welches die falschen von den wahren schiede. Wir ver- mögen nicht jene von diesen nach einem inneren Kennzeichen, das sie an sich haben, zu sondern. Das Kriterium muß also im Denken, im Verstände gesucht werden. Das Denken ist hier nun aber in der- selben Lage wie jemand, der das Porträt einer ihm unbekannten Per- son vor sich sieht und aufgefordert wird, die Ähnlichkeit dieses Por- träts aus demselben allein zu beurteilen; unser Verstand kann aus den Bildern in den Sinnen auf das Unbekannte, das ihnen zugrunde liegt, nicht schließen. — Nehmen wir dagegen mit Plato und Aristoteles an, das Denken habe einen eigenen Gehalt, so können wir das Verhältnis desselben zu der Realität nicht feststellen. Der Verstand im In- nern des Menschen enthält in sich kein Datum zur Feststellung dessen, was draußen ist. Auch vermag das Schlußverfahren nicht in sol- chen Schwierigkeiten zu Hilfe zu kommen. Die Skeptiker erkennen schon vollständig: Soll der Obersatz eines Syllogismus sicher sein, ohne aus anderen Syllogismen nur abgeleitet zu sein, so muß er durch eine vollständige Induktion erwiesen werden, und in diesem Falle ist das im Schlußsatz scheinbar Gewonnene schon in dem Obersatz enthalten; sonach entsteht im Schluß nicht eine neue Wahrheit. Jedes Schlußverfahren setzt also eine Wahrheit letzter Instanz schon voraus, welche aber für den Menschen weder in der Wahrnehmung noch im Verstände vorhanden ist.
Diese Beweise von der Unmöglichkeit einer Erkenntnis des Ob- jektiven sind durchweg siegreich gegenüber jeder Metaphy- sik, da dieselbe einen objektiven Zusammenhang der Welt außer uns nachzuweisen beansprucht. Sie widerlegen nur nicht Erkenntnis über- haupt. Übersehen sie doch, daß in uns selber eine Realität gegeben ist, welche nicht abgewiesen werden kann. Die Disjunktion: entweder äu- ßere Wahrnehmung oder Denken, hat eine Lücke. Dies verkannten die Skeptiker, und noch Kant hat es nicht gesehn.
Der Skeptizismus deckt aber auch die Schwierigkeiteninden realen Begriffen auf, welche die Bänder jeder metaphysischen Konstruktion der Welt sind, und zwar sind diese Schwierigkeiten teil- weise unbesieglich. — So sieht er richtig, daß der Begriff der Ur- sache nicht eine Realität, sondern eine bloße Relation ausdrückt; als solche Relation hat aber die Ursache keine reale Existenz, sondern wird nur zu dem Wirklichen hinzugedacht. ^ Er bemerkt, daß die Ur- sache weder als der Wirkung vorausgehend noch als ihr gleichzeitig gedacht werden kann. Ili ihm zeigt sich, daß jeder Versuch, das Ver- * Sextus, adv. Math, IX, 204 sq.
Fortgang d. Differenzietung d. Wissenschaf ten u. Absonderung d. Einzelwissensch. 241 hältnis von Ursache und Wirkung in seinen einzelnen Bestandteilen klar zu denken, unausführbar ist. Demgemäß erfuhr die Denkbarkeit des Verhältnisses von Ursache und Wirkung von selten des Skeptizis- mus bereits Angriffe, welchen gegenüber es keine Verteidigung gibt. — Der Begriff Gottes als der Weltursache wird von Karneades dem Zweifel unterworfen, in einer sehr flachen Bestreitung der flachen, im Menschen den Naturzweck erblickenden Teleologie, alsdann aber vermitteLs einer Aufdeckung der Antinomie zwischen den Eigenschaf- ten eines persönlichen Wesens und der Natur des Vollkommenen und Unendlichen. 1 — Ebenso werden in den mathematischen und physika- lischen Grundbegriffen von Körper, Ausdehnung, Bewegung, Mi- schung die bekannten Schwierigkeiten für den zerlegenden Verstand nachgewiesen.
Der Gegensatz der skeptischen Schulen zu der praktischen Philosophie der Metaphysiker konzentriert sich in der Bestreitung der fundamentalen Theorie vom höchsten Gute. Auch diese Po- lemik zeigt den schwachen Punkt in ihrer Position sehr deutlich. Ihr scharfsinnigstes Argument ist dieses. Ein Streben des Willens nach dem Guten als seinem Objekt setzt voraus, daß nicht in diesem Stre- ben selber schon das Gute gelegen sei, da wir ja aus dem Zustande des Strebens heraustreten wollen, sondern in seinem Ziele. Nun kann dieses Ziel nicht ein Tatbestand außer uns, sondern muß unser eigener Zu- stand, unsere Gemütsverfassung sein; auch ein körperlicher Zustand ist nur in der Gemütsverfassung für uns als Gut vorhanden. Soweit ist die Darlegung vortrefflich. Aber nun tritt wieder die beständig wirkende Verwechselung des unmittelbaren Wissens mit abstrakter Er- kenntnis ein. Wir können nicht erkennen, welche Gemütsverfassung für uns das Gute sei, da wir nicht einmal wissen, ob und was die Seele ist, um deren Verfassung es sich handelt. Ein grober Trugschluß des Skeptizismus!
Die nacharistotelische Metaphysik und ihr subjektiver Charakter.
Die Philosophie war die organisatorische Macht gewesen, welche noch zuletzt in der aristotelischen Schule den ganzen Inbegriff der wissenschaftlichen Forschungen geleitet hatte, wie in der platonischen Schule die mathematische und astronomische. Die Geschichte des ^ Jedoch hat auch Karneades das Dasein der Götter nicht leugnen wollen. Cicero, N. D. III, 17, 44. Haec Cameades aiebat, non ut deos tolleret, sed ut Stoicos nihil de diis explicare convinceret.
Diltheys Schriften I l6 242 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt skeptischen Geistes, wäe wir ihn geschildert haben, zeigt aber, daß auch die Vollendung der Metaphysik in Aristoteles nicht vermocht hatte, den negativen erkenntnistheoretischen Standpunkt, welcher in den Sophisten zunächst einer unvollkommeneren Metaphysik gegen- übergetreten war, zu überwinden. Andererseits war nunmehr eine Än- derung dadurch vorbereitet, daß unter dem organisatorischen Einfluß der metaphysischen Philosophie Natur- und Geisteswissen- schaften herangewachsen waren. So vollzog sich in dem gro- ßen Differenzierungsprozeß des europäischen Geistes eine wei- tere Sonderung. Von der Metaphysik, der Naturphilosophie und der praktischen Philosophie lösten sich nunmehr die Einzelwissenschaften bis zu einem gewissen Grade los. Jedoch geschah diese Abtrennung noch nicht so folgerichtig als in der neueren Zeit. Viele der bedeu- tendsten positiven Forscher blieben in einem Schulverband oder doch m innerer Beziehung zu einer der metaphysischen Schulen. Diesem Gange der Entwicklung entsprach, daß zugleich neue metaphysische Sekten entstanden, welche sich in den Dienst der persönlichen Befrie- digung des Gemüts begaben.
So sondern sich eine Metaphysik, welche die Leitung der wissen- schaftlichen Bewegung aufgibt, und Einzelwissenschaften, die sich posi- tiv, von Empirie und Vergleichung aus, entwickeln. Stoische, epikurei- sche, eklektische Metaphysik waren Mächte der Kultur, der großen gebildeten Gesellschaft; die Einzel Wissenschaft dagegen stützte sich ausschließlich auf Erfahrung und trat in den Dienst jener Zivilisation, welche der Herrschaft über die Erde zustrebt.
Die bezeichneten metaphysischen Systeme haben auf ein- fachere Weise Ergebnisse zusammengefaßt und erlernbar gemacht; sie haben dieselben möglichst den Angriffen der Skeptiker durch ge- ringere Anforderungen an Strenge des Beweisverfahrens entzogen und dem anwachsenden empirischen Geiste angenähert. So liegt ihr Ziel in einer Gemütsverfassung, ihr Zusammenhang in der allgemeinen Kultur, ihre Darstellungsform in der Vereinfachung. Der Atomis- mus ist durch die Epikureer nicht fruchtbarer für die Erklärung der komplexen Tatsachen der Natur geworden, als er in dem System des Demokrit gewesen war. Denn die Annahme der Epikureer, daß die Atome im leeren Räume von oben nach unten kraft ihrer Schwere fallen, und zwar mit gleicher Geschwindigkeit und einer Abweichung von der senkrechten Linie, war so augenscheinlich ungeeignet zur Er- klärung des Kosmos, daß nur der Leichtsinn der Schule und ihre rückständigen astronomischen Ansichten diesen Teil des Systems er- klärlich machen. Der Monotheismus hat, wenn auch die Stoa ihn nun dem Empirismus nähert oder pantheistisch färbt, den Gegensatz Subjektiver Charakter der nacharistotelischen Metaphysik ^43 einer bewegenden, die Formen in sich fassenden Kraft und des Stoffes nicht überwunden.
Die Geschichte hat nur zu verzeichnen, daß von dem Auftreten des Leukipp ab der Gegensatz einer mechanischen, atomi- stischen Erklärung der Natur und einer theistischen, teleo- logischen fortbestanden hat, solange die alten Völker lebten. Die atomistische Gedankenarbeit war keinen Tag unterbrochen. Ihr ist der Kosmos ein bloßes Aggregat; die Teile stehen in ihm ein jeder für sich, als gäbe es keine anderen. Der Anfangszustand der Welt, von dem sie ausgeht, ist dem ersten Zustand der Gesellschaft, den die naturrechtlichen Theoretiker ersannen, zu vergleichen, nach welchem Individuen in die Welt geworfen sind, die nur an sich denken und nun iri der Enge derselben aneinanderprallen. Und zwar bildet sich mit immer klarerer Einseitigkeit diese Richtung aus, welche das ganze Problem eliminiert: wie können Einzeldinge unter gemeinsamen Ge- setzen stehen und aufeinander wirken? So pflanzt sich von Geschlecht zu Geschlecht der Kampf fort zwischen der Klarheit, welche nur das sinnlich Vorstellbare anerkennt, und der Tiefe, welche das Unfaßbare und doch Tatsächliche eines Zusammenhangs ausdrücken möchte, der in keinem einzelnen sinnlichen Element wohnen kann. Goethe nennt das einmal den Kampf des Unglaubens und des Glaubens und erklärt diesen Gegensatz für den tiefsten in aller Geschichte. Die mechanische Philosophie sowie andererseits die skeptische haben innerhalb der alten Welt sich der Zurückführung der besonders an der Gestimwelt an- geschauten Naturordnung auf eine intellektuelle Ursache entzogen. Der Skeptizismus leugnete infolge seiner unfruchtbaren, rein negativen Stel- lung zu den Phänomenen die Erkennbarkeit des Seienden überhaupt. Die Philosophie der Atomisten erhielt wenigstens dasjenige Problem rege, dessen wissenschaftliche Behandlung bei den neueren Völkern dann die Metaphysik der intellektuellen Ursache in Frage gestellt hat: das Problem einer mechanischen Erklärung des Kosmos.
An einem Punkte findet eine Veränderung statt, welche sich von der Metaphysik zu den großen Fragen der Einzelwissenschaften er- streckt und für die weitere intellektuelle Entwicklung von außerordent- lich bedeutenden Folgen ist. Die Bedingungen, unter denen die natio- nal-griechischeStaatswissenschäft gestanden hatte, sind nun vorüber. In der Zeit ihrer Herrschaft galt es, den Einzelstaat zu einem Athleten zu bilden; die Freiheit, welche in diesen Staaten be- stand, war ein Anteil an der Herrschaft gewesen, und ein moderner Mensch würde den Zustand eines athenischen Bürgers in der Zeit von Kleon in vieler Rücksicht als Sklaverei empfunden haben. Wohl hatte sich schon mitten in der Zeit nationaler Entwicklung hiergegen ein 244 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt Widerspruch geregt. Die politischen Schriften des immer noch nicht genug gewürdigten Antisthenes sowie des Diogenes, von denen der eine nicht Vollbürger, der andere ein Verbannter war, haben die innere Freiheit des Weisen gegenüber dem Drucke des Staates, ja ein Gefühl von Fremdheit des inneren Lebens gegenüber dem ganzen Lärme des äußeren politischen Apparats geltend gemacht. Wie die national-grie- chische Entwicklung zu Ende gegangen ist, wie die Züge Alexanders den Osten erschließen und alsdann später das römische Imperium seine weltgeschichtliche Mission einer Vereinigung aller kultivierten Na- tionen unter einem Rechte und einem Haupte zu vollbringen sich an- schickt: verändert sich allmählich das Lebensgefühl des Menschen, der den Griechen und Italiker mit dem dunkel gefärbten Bewohner der östlichen Länder tagtäglich vergleicht und das gemeinsam Mensch- liche fühlt; das Band, das den Orientalen, der in Griechenland lebt und lehrt, den Nationalgriechen, der unter einem makedonischen Für- sten oder später unter römischen Optimaten steht, mit dem Staate verbindet, ist von gänzlich anderer Art als das, welches einen Sokrates mit dem Rechte seiner Heimatstadt verbunden hatte. So entsteht eine gänzlich veränderte politische Philosophie.
Die Literatur über den Staat ist in beständigem Wachstum begriffen. Cicero spricht mit Bewunderung von der großen Zahl und der geistigen Bedeutung der politischen Werke aus der Schule von Plato und Aristoteles; wir kennen die Titel der politischen Schriften von Speusipp aus Athen, von Xenokrates aus Chalcedo, von Heraklides aus dem pontischen Heraklea, dann die von Theophrast aus Eresus (eine große Zahl), von Demetrius aus Phalerum, von Dikäarch aus Messana. Neben die augenscheinlich geringe Zahl von politischen oder vielmehr gegen das politische Leben gerichteten Schriften der Epi- kureer tritt eine reiche stoische politische Literatur, Schriften des Zeno aus Citium, des Kleanthes aus Assus, des Herill aus Karthago, Persans aus Citium, Chrysipp aus Soli, Sphärus vom Bosporus, Diogenes aus Seleucia, Panätius aus Rhodus. Man bemerkt, daß in der stoischen Schule die Herkunft aus Barbarenländern bedeutend überwiegt. Zeno wird als ein Phönizier bezeichnet; Persans soll zunächst Sklave Zenos gewesen sein. Indem die Stoa die Barbarenvölker zu sich heranzieht, indem alsdann die Übertragung der griechischen Spekulationen über Staat und Recht auf die Römer stattfindet, vollzieht sich eine Verbin- dung der politischen Wissenschaft, insbesondere der stoischen, mit den Monarchien, die auf Alexander folgen, und ihren Lebensbedürf- nissen, alsdann mit dem römischen Staatsleben. Die stoische Schule verknüpft nun eine vereinfachte teleologische Metaphy- sik mit dem Gedanken des Rechtes der Natur, und in dieser dem Die politische Wissenschaft der metaphysischen Schulen 245 praktischen Bedürfnis angepaßten Zusammenfassung lag ein Haupt- moment ihrer Wirkung. Durch die Römer vollzieht sich dann die epochemachende Verbindung der Spekulationen über das Natur- recht mit der positiven Jurisprudenz.
Und in dieser Literatur arbeitet sich nun ein verändertes ge- sellschaftliches Gefühl des Menschen der letzten Jahrhunderte vor Christus durch. Dies ist schon in der Art bemerkbar, in welcher der selbstsüchtige Quietismus der Epikureer das Naturrecht der älte- ren nationalen Zeit umformt. Der Staat ist nach dieser Schule auf einen Sicherheitsvertrag gegründet, der von dem Interesse diktiert wird; so ist der Privatmensch und dessen Interesse der Maßstab seines Wertes. Das veränderte gesellschaftliche Gefühl findet aber einen wür- digeren Ausdruck in der politischen Wissenschaft der stoischen Schule. Die monotheistische Metaphysik entwickelt hier Folgerungen, welche durch den national-griechischen Geist und seine Institutionen vorher gehemmt waren. Nun wird die Gesamtheit aller vernünftigen Wesen als ein Staat betrachtet, in welchem die Einzelstaaten enthalten sind, wie Häuser in einer Stadt. Dieser Staat lebt unter einem Gesetz, das als allgemeines Naturgesetz über allen einzelnen politischen Rechtsord- nungen steht. Die einzelnen Bürger dieses Staates sind mit gewissen Rechten ausgestattet, die auf jenem allgemeinen Gesetz beruhen. Der Wirkungsbereich des Weisen ist dieser Weltstaat.
Die Selbständigkeit der Einzelwissenschaften.
Zugleich traten nun die alten Völker, wie erwähnt, in das Stadium der Einzelwissenschaften. Intellektuelle Veränderungen so durchgrei- fender Art pflegen mit Abänderungen in der Stellung der Personen, v/elche ihre Träger sind, sowie der Einrichtung der wissenschaftlichen Anstalten verbunden zu sein. Neben die Philosophenschulen traten nun die von Fürsten und Staaten gegründeten wissenschaftlichen Anstal- ten. Alexandrien wurde durch die Schöpfungen einer großherzigen und weisen Politik Mittelpunkt der neuen geistigen Bewegung; die intellektuelle Herrschaft ging damit von Athen dorthin über. Denn es bedurfte von jetzt ab der Observatorien mit einem immer reicheren Apparat von Instrumenten, der zoologischen und botanischen Gärten, der Anatomien und ungeheuren Bibliotheken, um an der Spitze dieser positiven Wissenschaften zu bleiben. Was nun geschah, ist nicht ge- ringer, als was die metaphysische Bewegung bisher geschaffen hatte. Wenn das Eintreten der neueren europäischen Völker in das Stadium der positiven Wissenschaften vom fünfzehnten Jahrhundert ab Renaissance ist, so werden in dieser die positiven Forschungen da auf- genommen, wo die Einzel Wissenschaften der Alten den Faden ihrer 246 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt