Die Erneuerung der Naturwissenschaften geht von den Arabern aus 293 griechischer Sprache, Metaphysik und Naturerkenntnis geworden; syri- sche Übertragungen griechischer Schriften vermittelten die Kenntnis derselben und wurden vielfach Übersetzungen in das Arabische zu- grunde gelegt. 1 Und zwar war der syrische Aristoteles, wie er zu den Arabern kam, schon von dem ursprünglichen gar sehr verschieden; freilich kann das nähere Verhältnis zwischen dem syrischen Aristo- teles und den Theorien der arabischen Philosophen, wie sie zuerst bei al Kindi und al Farabi auftraten, nach dem gegenwärtigen Stand unse- rer Kenntnis noch nicht zureichend festgestellt werden. ^ Mit der Ver- legung der Residenz der Kalifen nach Bagdad, welches in der Mitte zwischen den beiden Sitzen des Naturwissens, Indien und den Schulen griechischer Wissenschaft, lag, wurden die Araber Träger dieser Tra- dition und ihrer Fortbildung. Nicht viel über hundert Jahre waren damals vergangen, seitdem diese arabischen Beduinen die Grenzen ihres Landes überschritten und Palästinas und Syriens sich bemäch- tigt hatten, und die Geschichte hat kein zweites Beispiel eines so wun- derbar raschen Übergangs aus einem verhältnismäßig niedrigen geisti- gen Zustande in den einer raffinierten Zivilisation. Die Kunst syrischer Ärzte, "welcher diese zur Herrschaft über Asien aufsteigenden Beduinen bedurften, führte Hippokrates und Galen ein, und Naturwissen wie Theologie wiesen auf Aristoteles; Kultus und Verwaltung machten mathematische und astronomische Kenntnis notwendig: eine edle wissenschaftliche Neubegier bemächtigte sich der Nation. Aus Kon- stantinopel kam unter al Mamun (813—833) eine große Anzahl von griechischen Manuskripten als Geschenk des Kaisers; eine von den Kalifen angeordnete geregelte Tätigkeit der Übertragung erfüllte das neunte Jahrhundert und reichte in das zehnte hinein; Übersetzungen von Schriften des Aristoteles, Hippokrates, Galen, Dioskorides, Euklid^ Apollonius Pergäus, Archimedes, Ptolemäus setzten die Araber in die Lage, die naturwissenschaftliche Arbeit da wiederaufzunehmen, wo die Griechen sie hatten fallen lassen.
Die so entstandene naturwissenschaftliche Bewegung innerhalb des Islam hat die positiven Wissenschaften fortgebildet, welche in Alexan- drien bestanden hatten, und die Differenzierung der Wissenschaft auf- rechterhalten, wie sie damals vollzogen war. Die Bedeutung der Ara- ber für die Entwicklung dieses positiven Naturwissens kann zwar noch nicht mit zureichender Sicherheit festgestellt werden 3, doch ist die Wichtigkeit der Vermittlung keinem Zweifel unterworfen, die ihnen nach ihrer geographischen Lage und ihrer Verbreitung über ein so ^ Munk, Mdlanges de philosophie juive et arabe p. 3 13 ff.
* Nur unbestimmte Vermutungen bei Renan, AverroSs " p. q2ff.
294 Zweites Buch. Dritter Abschnitt weites Reich zufiel. So verdankt das Abendland ihrer Vermittlerrolle das indische Positionssystem der Ziffern und die Erweiterung der grie- chischen Algebra. 1 Und in einer zwiefachen Richtung haben sie ohne Zweifel durch selbständige Fortschritte die Entstehung der modernen Na- turwissenschaft vorbereitet.
Die Araber haben die alchimistische Kunst mit anderen Wis- senschaft aus Alexandrien empfangen. Wir kennen leider den Zustand nicht ausreichend, in welchem dieselbe auf sie überging. Diese Kunst, die auf Metallveredlung gerichtet war, verselbständigte das chemische Experiment, welches vorher in dem Dienste bald der Medizin bald der Technik gestanden hatte. Sie entzündete so einen mächtigen Eifer für die reale Zerlegung der Naturobjekte, nachdem solange die ideellen Zerlegungen der metaphysischen Methoden die Menschheit ge- täuscht hatten. Sie nährte diese Leidenschaft durch die geheimnisvolle auf die Theorie der Metallverwandlung gegründete Hoffnung, das Prä- parat darzustellen, welches unedle Metalle in Silber und endlich in Gold überzuführen ermögliche. So entwickelte sie den Keim einer theo- retischen Ansicht, welche nicht wie die aristotelische von den vier Ele- menten auf Anschauung und Spekulation, sondern auf wirkliche Zer- spaltung gegründet war, in der Lehre von dem Mercurius und dem Sul- phur. Unter diesen Namen verstand man nicht einfach Quecksilber und Schwefel, sondern Substanzen, deren Verhalten gegenüber dem Experi- ment, insbesondere der Einwirkung des Feuers, sie der einen oder der andern dieser beiden Klassen einordnete. Auf diesem Wege entstand erst das wahre Problem, in den durch chemische Zerlegung dargestell- ten Stoffen die Komponenten der Materie zu entdecken. Und wie un- vollkommen auch die Ergebnisse dieser ersten alchimistischen Epoche in theoretischer Hinsicht waren, so bereiteten sie doch quantitative Untersuchungen und eine angemessene Vorstellung über die Konsti- tution der Materie vor. Zugleich hat diese alchimistische Kunst eine große Anzahl von Präparaten zuerst hergestellt und auf neue chemische Manipulationen geführt. ^ Die andere Richtung, in welcher die Araber durch.Gelbständigen Fortschritt die Entstehung der modernen Naturerkenntnis vorbereitet haben, bestand in der Entwicklung und Benutzung der Mathematik als eines Werkzeugs zur Darstellung quantitativer Bestimmungen ^ über die Übertragung des als „indisch" ausdrücklich bei den Arabern bezeichneten Systems Wöpcke, Mem. sur la propagation des chifFres Indiens. Journal asiatique 1863 I. 27; über die Möglichkeiten, die Herkunft der Algebra zu bestimmen, Hankel, Z. Gesch. d. Mathematik S. 259 ff. Cantor, Gesch. d. Mathematik I, 620ff.
- Nähere Angaben über die praktischen Kenntnisse der arabischen Chemiker bei Kopp, Geschichte der Chemie I, 5 1 ff.
Selbständ. Fortscht. d. Arabet. Auch sie gelangen nicht zur Kausalerklär. d. Natur 295 Über die Natur. Erfinderischer Gebrauch messender Instrumente, un- ermüdliche Verbesserung der Hilfsmittel der griechischen Gradmes- sung, unterstützt durch Erweiterung der Kenntnis der Erde, dann das Zusammenwirken reich ausgestatteter Sternwarten für die Verbesse- rung und Vervollständigung des astronomischen Materials und das Zu- sammenwirken vieler Forscher und freigebig zugeteilter Mittel nach großem Plane haben ein Netz quantitativer Bestimmungen auf der alexandrinischen Grundlage hergestellt, welches einer schöpferischen naturwissenschaftlichen Epoche unschätzbare Dienste leisten sollte. So ist in die Alphonsinischen Tafeln, welche die gemeinsame Arbeit mau- rischer, jüdischer und christlicher Astronomen im Dienste des Königs Alphons von Kastüien (auch das ganz in der Art der Kalifen) herge- stellt hat, der Ertrag der arabischen Astronomie übergegangen, und diese Tafeln waren dann die Grundlage der astronomischen Studien. ^ So trat in die neue Generation von Völkern, welche untereinander in lebendigem Austausch insbesondere durch die Vermittlung der Ju- den standen, Kenntnis des naturwissenschaftlichen Vermächtnisses der Griechen und selbständige Vermehrung dieses Erbes. Der inneren reli- giösen Erfahrung und der Theologie stellte sich Naturerkenntnis als ein zweiter unabhängiger Mittelpunkt intellektueller Arbeit und Befrie- digung gegenüber. In dem Reiche des Islam ging dies Licht auf, ver- breitete sich über Spanien, und schon früh, wie die Gestalt eines Ger- bert zeigt, fielen seine Strahlen auch in das christliche Abendland.
Doch war diese Naturerkenntnis der Araber sowenig als die der Alexandriner imstande, den vorhandenen deskriptiven und theologischen Zusammenhang des Wissens vom Kosmos durch einen, wenn auch noch so unvollkommenen Versuch der Kau- salerklärung zu ersetzen. — Der vorherrschende Betrieb der for- malen und der deskriptiven Wissenschaften und die Macht einer Meta- physik der psychischen Kräfte und substantialen Formen sind von uns als korrelate geschichtliche Tatsachen erkannt worden. ^ Die formalen Wissenschaften der Mathematik und Logik, deskriptive Astronomie und die Erdkunde, welche in die Grenzen der deskriptiven Wissen- schaft eingeschlossen ist: dies waren die Erkenntnisse, welche beiden Arabern einen hohen Grad von Ausbildung erlangten und den Mittel- ^ Näheres über die Leistungen der Araber in der Mathematik bei Hankel, Z. Ge- schichte der Mathematik S. 222 — 293; über ihre Leistungen in der mathemat. Geographie Reinaud, Geographie d'Aboulßda, t. I introduction; über ihre Leistungen in der Astronomie S^dillot, Materiaux p. s. ä l'histoire compar6e des sciences mathematiques chez les Grecs et les Orientaux, wozu in bezug auf die von Sedillot behauptete Antizipation der Tycho- nischen Fntdeckung der Variation des Mondlaufs durch Abul Wefa die Einwendungen Biots zu berücksichtigen sind.
2gt> Zweites Buch. D rittet Abschnitt punkt der höheren intellektuellen Interessen bildeten. Der nächste äußere Zusammenhang dieser Wissenschaften bestand in dem Gesamt- bilde des Kosmos, welches schon Eratosthenes, Hipparch und Ptole- mäus angestrebt hatten. Daher ist die enzyklopädische Richtung der alexandrinischen Wissenschaft in dem Wissen des Mittelalters natur- gemäß in noch höherem Grade sichtbar. Sie zeigt sich in der Enzyklo- pädie der Lauteren Brüder wie in den abendländischen Arbeiten eines Beda, Isidor, ja eines Albertus Magnus, in Verbindung mit metaphysi- scher und theologischer Begründung. — Dagegen waren auch in der arabischen Naturerkenntnis Wissenschaften wie Mechanik, Optik, Aku- stik, welche einen Kreis zusammengehöriger Teilinhalte der Naturer- fahrung abgesondert behandeln und daher eine Ableitusg der zusam- mengesetzten Gleichförmigkeiten des Naturganzen ermöglichen, noch nicht so weit entwickelt, um den Versuch einer.Kausalerklärung der Naturerscheinungen aus Naturgesetzen zu gestatten. Ja die Aussicht auf kausale Naturerklärung, welche die Atome Demokrits einst inner- halb eines engen Umkreises bekannter Naturtatsachen, bei Anwendung! einer willkürlichen Methode^, darzubieten schienen, mußte mit der wachsenden Erkenntnis der Verwicklung des Naturgewebes zunächst mehr zurücktreten; wir finden daher bei den Arabern ein Extrem von atomistischer Naturanschauung im Dienste der orthodoxen Mutaka- limun. Die Grundwissenschaft jeder erklärenden Naturerkenntnis, die Mechanik, machte bei den Arabern keine Fortschritte. Die Ideen über die Bewegung, den Druck und die Schwere usw. waren sowenig als bei den Alexandrinern ausreichend, die metaphysischen Fiktionen der psychischen Wesenheiten und substantialen Formen zu ersetzen. Die Fortschritte in der Optik über Ptolemäus hinaus, wie sie das uns er- haltene Werk des al Hazen zeigt, hatten zunächst keine Wirkung auf das Ganze der Naturansicht. Die Leistungen der Chemie gestatteten noch nicht, die Materie in ihre wirklichen Bestandteile aufzulösen und deren Verhalten festzustellen, und so ist wohl bei Ibn Roschd eine Nei- gung bemerkbar, die Aristotelische Lehre von der Materie der des Ana- xagoras anzunähern, aber dieselbe kann noch nicht durch eine auf wirk- liches Naturwissen begründete ersetzt werden. In der arabisch-mau- rischen Astronomie treten Bedenken in bezug auf die komplizierte epizyklische Hypothese des Ptolemäus hervor 2, doch hat noch kein Ver- such Erfolg, sie durch eine angemessenere zu ersetzen. Endlich waren * Vgl. den Gegensatz der Methoden zwischen diesen Älteren und Plato S. l8iff.
* Schon Gabir ben Ablah stellt sich freier zu den Hypothesen des Ptolemäus; der von den Lateinern als Alpetragius bezeichnete Astronom bekämpft dann die Epizyklen- theorie des Ptolemäus (Delambre, Histoire de l'astronomie du moyen äge p. 171 ff.), und ebenso Ibn Roschd.
Dem entspricht die Herrschaft der Aristotelischen Metaphysik 297 die organischen Formen, welche im Kommen und Gehen der Indivi- duen auf der Erde unwandelbar sich zu erhalten scheinen, weder durch die Paläontologie 'm. ihrem vorübergehenden Charakter erkannt noch einer Kausalbetrachtung unterworfen worden, sondern immer noch waren sie nur durch eine teleologische Betrachtung dem Verständnis zugänglich.
So machte die Lage der Naturwissenschaften in der ganzen Zeit von ihrem Auftreten bei den Arabern bis zu dem Erlöschen der wissen- schaftlichen Kultur dieses Volkes die metaphysischen Vorstellungen von psychischen Ursachen und deren Äußerungen in den Formen des Naturganzen noch nicht für die Erklärung der Natur entbehrlich.
Und zwar entsprach die besondere Gestalt, welche diese teleo- logische Metaphysik der psychischen Ursachen in dem System und der Schule des Aristoteles erhalten hatte, andauernd der Lage der Na- turerkenntnis. — Die Araber haben bei den syrischen Christen die peripatetische Schule in Blüte vorgefunden. Es ist nutzlos zu fragen, ob dieser äußere Umstand über das Studium des Aristoteles bei ihnen entschied 1, in der Stufe ihres Naturwissens lagen die positiven Ur- sachen, welche ihnen das System des Aristoteles als die angemessenste Form der Wissenschaft vom Kosmos erscheinen ließen. W^ohl war die positive Naturwissenschaft der Alexandriner und Araber nicht überall in Übereinstimmung mit dem System des Aristoteles. Wohl floß ferner bei den Arabern die Überlieferung der mathematischen Naturwissen- schaft keineswegs überall mit der Entwicklung ihrer peripatetischen Schule zusammen; Thurot hat die Fortdauer der relativen Sonderung der positiven Naturwissenschaft von der Metaphysik, wie sie das Er- gebnis der Entwicklung der antiken Wissenschaft gewesen ist, an einem hervorragenden Falle nachgewiesen; das hydrostatische Theo- rem, welches von seinem Entdecker den Namen Prinzip des Archi- medes führt, ist sowohl in der weiteren griechischen als in der arabi- schen Geschichte der Wissenschaft den Mathematikern bekannt und bleibt in ihrer Tradition erhalten, dagegen ist es den Metaphysikern nicht bekannt. 2 Doch tastete auch die positive Wissenschaft noch nicht die Metaphysik des Aristoteles in ihrem Kern an, vielmehr bestand zwischen den großen Zügen des Naturwissens und denen der Aristo- telischen Metaphysik Übereinstimmung. Noch hatte das Femrohr nicht Veränderungen auf den andern Himmelskörpern gezeigt, noch bestand kein Anfang einer allgemeinen Physik des Weltgebäudes, und so er- hielt sich die Aristotelische Lehre von einer doppelten Welt: der voU- * über diese Frage Rennn, Averroes ' p. 03.
* Thurot in der Revue arch^ologiquc n. s. XIX, 1 1 1 ff. (Recherches bistoriques sur le principe d'Archimede).
2g8 Zweites Buch. Dritter Abschnitt kommenen und unwandelbaren Ordnung der Gestirne und dem Wech- sel des Entstehens und Vergehens unter dem Monde. Daher wurde die Gedankenmäßigkeit des Kosmos nicht durch eine pantheistisch vor- gestellte Weltvemunft ausgedrückt, vielmehr blieb die Welt der Ge- stirne der Sitz einer bewußten Intelligenz, welche von hier ausstrahlte und in einer niederen Welt sich kundtat. Ja die theologische Meta- physik, für welche dieser Gegensatz im Kosmos Symbol eines in der inneren Erfahrung gegebenen Gegensatzes war, gab diesem Schema eine gewaltigere Macht, als es in der alten Welt besitzen konnte. Und der Zusammenhang, welcher von der Gestirnwelt zu der veränderlichen Erde, ihrer Pflanzendecke und ihren Bewohnern reicht, nahm in sich als ihm völlig entsprechend, die deskriptive Wissenschaft des Kos- mos auf.
So ging neben der Aneignung des Naturwissens der Griechen die Übertragung des Aristoteles her. Dieselbe begann unter al Mamun, und während des neunten und zehnten Jahrhunderts wurden die Über- setzungen des Aristoteles beständig vervollständigt. Auf dieser Grund- lage, in Wechselwirkung mit dem lebendigen Naturstudium, erhielt die arabische Philosophie in Ibn Sina imd Ibn Roschd ihre vollendete Gestalt: als eine selbständige Fortsetzung der peripatetischen Schule.
Während die Araber so vom neimten Jahrhundert ab Natur- erkenntnii wie Aristotelische Wissenschaft neben der Theologie pfleg- ten, hat im christlichen Abendlande, wo sich alles in breiteren Massen entwickelte, die Theologie lange beinahe ausschließlich geherrscht. Enzyklopädien überlieferten tote Notizen über die Na- tur. Gerbert bringt im zehnten Jahrhundert aus Spanien etwas von dem Licht des arabischen Naturwissens, dann kehrt Constantinus Afri- canus von seinen Orientreisen mit medizinischen Schriften zurück, Adelard von Bath gewinnt ebenfalls von den Arabern naturwissen- schaftliche Kenntnis; alsdann folgen einander dichter Übertragungen von Aristoteles, seinen Kommentatoren und arabischen Physikern. ^ Aber nur spärlich lichtet sich die Finsternis, die über dem Natur- wissen liegt. Das intellektuelle Leben des Abendlandes pulsierte bis zum Ende des zwölften Jahrhunderts in der Theologie und der ihr ver- bundenen metaphysischen Betrachtung der menschlichen Geschichte und Gesellschaft. Auch änderte es hieran nichts, daß man die Logik des Aristoteles als ein mächtiges Hilfsmittel theologischer Dialektik benützte und in Abälard eine kühne Subjektivität die Rechte des Ver- standes scharfsinniger geltend machte, als je vorher geschehen. Wohl zersetzte das negative Treiben der theologischen Dialektiker jener Tage ^ Das Nähere bei Jourdain neben den recherches in seiner philosophie de Saint Thomas I, 40 ff.
Übertragung der Naturwissenschaft auf das Abendland 29g den Bestand der überlieferten Dogmatik; wie in den entsprechenden Erscheinungen des Islam, entwickelte sich aus den Antinomien der religiösen Vorstellung imwiderstehlich der Zweifel bis zur Verzweif- lung des Verstandes, und vergebens suchten Bernhard von Clairvaux und die Viktoriner in der Mystik den Frieden des Geistes. Aber erst dann hörte die theologische Metaphysik auf, Mittelpunkt des ganzen europäischen Denkens zu sein, als nun das Naturwissen und die Na- turphilosophie der Alten und der Araber über den Horizont der abend- ländischen Christenheit traten und allmählig ganz sichtbar wurden. Dies ist die größte Veränderung, welche im Verlauf der intellektuel- len Entwicklung Europas während des Mittelalters stattgefunden hat. Diese Veränderung im Abendlande wurde durch die wieder- holten Verbote der naturwissenschaftlichen und metaphysischen Schrif- ten des Aristoteles nicht aufgehalten. Schon im ersten Drittel des drei- zehnten Jahrhunderts ist so ziemlich der ganze Körper der aristoteli- schen Schriften übertragen. Die Systeme des Ibn Sina und Ibn Roschd werden bekannt und bedrohen den christlichen Glauben. Die abend- ländische Metaphysik des Mittelalters entsteht zum Schutze dieses Glau- bens aus der Verknüpfung der Theologie des Christentums und der von ihr ausgehenden metaphysischen Philosophie der Geschichte mit dem arabischen Aristoteles und der mit seinem Studium verbundenen Naturerkenntnis. Die Universität Paris wird, als Sitz dieser Meta- physik, zum Mittelpunkt der geistigen Bewegung Europas. Ein Jahr- hundert hindurch, von der Mitte des dreizehnten ab, während Albert der Große und sein Schüler vom Kölner Dominikanerkloster, Thomas von Aquino, Duns Scotus und der kühnste, gewaltigste der Scho- lastiker, der papstfeindliche Wilhelm von Occam, lehren, sind die Augen von ganz Europa auf diese neue Vernunftwissenschaft und ihr Schiksal gerichtet. — Zugleich ist nun das Material für eine selb- ständige Fortarbeit der abendländischen Christen in den Naturwissen- schaften gegeben. Langsam, breit und tief entwickelte sich diese Ar- beit. Die äußeren Bedingungen, unter welchen die Wissenschaften in den Klöstern und an von der Kirche geleiteten Anstalten sich befanden, unterstützten die Übermacht des theologisch-metaphysischen Inter- esses, und die Beschäftigung des Hofes Friedrichs des Zweiten mit den 'Naturwissenschaften, wie sie durch das Vorbild des Kalifen hervorgerufen war, fand keine Nachfolge. Die politische Verfassung Europas gab den Problemen der Geschichte und des Staates sowie den Schriften hierüber ein Gewicht, welches sie in den Despotenreichen des Islam nicht besaßen. Der Gang der öffentlichen Angelegenheiten im Abend- lande war schon damals von Ideen mächtig beeinflußt, und diese zogen das öffentliche Interesse besonders auf sich. Die selbständige.
300 Zweites Buch. Dritter Abschnitt ja geniale Fortarbeit des christlichen Abendlandes in dem Einzelwis- sen lag daher zunächst während des dreizehnten und vierzehnten Jahr- hunderts auf dem Gebiete der Geisteswissenschaften. So wurde die Er- weiterung des Naturwissens in erster Linie benützt, eine von Metaphysik getragene enzyklopädische Einheit des Wissens herzustellen. Dieser Richtung des Geistes entsprachen die Schrift über die Natur der Dinge des Thomas von Cantiprato, der Naturspiegel des Vinzenz von Beauvais, das Buch der Natur von Konrad von Megenberg, das Weltbild von Pierre d'Ailly, und die Gesamttätigkeit des Albertus Magnus war von ihr bestimmt. Es kann noch nicht genügend beurteilt werden, was von den Einzelergebnissen, welche uns zuerst bei Albertus begegnen, einem selbständigen Naturstudium entsprungen war; jedoch kann För- derung der beschreibenden Naturwissenschaft in eigener Beobachtung und Untersuchung ihm nicht abgesprochen werden. Alsdann trat in Roger Bacon das Bewußtsein von der Bedeutung der Mathematik als des „Alphabets der Philosophie" und der experimentalen Wissenschaft als der „Herrin der spekulativen Wissenschaften" hervor. Er ahnte die Macht einer auf Erfahrung gegründeten Erkenntnis der wirkenden Ursachen im Gegensatz zu syllogistischer Scheinwissenschaft, und seine mächtige Einbildungskraft eilte den Ergebnissen seiner Arbeit voraus in seltsamen Antizipationen künftiger Entdeckungen. Andererseits tra- ten im Abendlande allmählich die teils herübergebrachten, teils selb- ständig gemachten Erfindungen auf, welche das Zeitalter der Ent- deckungen vorbereiteten. 1 SECHSTES KAPITEL ZWEITER ZEITRAUM DES MITTELALTERLICHEN DENKENS Von der Übertragung des arabischen Naturwissens und der Aristo- telischen Philosophie hebt das neue Stadium des mittelalterlichen Den- kens an und dauert bis zum Ausgang des Mittelalters. Der frühere Zeitraum hatte eine Dialektik als Grundlage der Theologie geschaffen, den von den Vätern, insbesondere von Augustinus entworfenen Beweis für das Dasein einer transzendenten Ordnung immaterieller Wesen- heiten fortgebildet und die Aufgabe, einen verstandesmäßigen Zu- sammenhang des Glaubensinhaltes zu gewinnen, in einer Theologie gelöst, welche jedoch das dem Denken Erfaßbare noch nicht metho- disch von dem Unerfaßlichen schied. Schon diese Aufgaben selber empfingen nun unter den neuen Bedingungen eine reifere Fassung. Die ' Näheres in den grundlegenden Untersuchungen von Libri, Histoire des sciences math6matiques t. IL Die abschließende metaphysische Formel 3Q^ Vergleichung von Christentum, Islam und Judentum verbreitete ihre Helle über das Gebiet der Theologie; die Vergleichung der Vernunft- wissenschaft des Aristoteles mit der Theologie der Religionen erleuch- tete die Grenzen des Beweisbaren und des religiösen Geheimnisses; die Verbindung des Naturwissens mit der Theologie erweiterte den Hori- zont der Vemunftwissenschaft. Wie wurden nun unter den neuen Be- dingungen die Aufgaben, welche wir im vorigen Zeitraum sonderten, gefaßt und zu lösen versucht?
I. ABSCHLUSS DER METAPHYSIK DER SUBSTANTIALEN FORMEN Indem jetzt mit der Theologie der monotheistischen Religionen die Wissenschaft vom Kosmos verknüpft wurde, entsprangen zwar wei- tere unlösbare Schwierigkeiten, welche die Zersetzung der mittelalter- lichen Metaphysik herbeigeführt haben, jedoch solange sie verdeckt werden konnten und das Gute des Willens mit dem Vernünftigen des De'nkens, das Christliche mit der griechischen Vemunftwissenschaft in eins gesetzt wurden, ergab sich hieraus die Geltung einer glänzenden Formel, welche die bisherige Metaphysik zu systematischer Einheit abschloß.
Zunächst substituierte man den analytischen Ergebnissen des Plato und Aristoteles, welche letzte Voraussetzungen des Kosmos enthalten, den konstruktiven philonisch-neuplatonischen Gedanken. Nach dem- selben haben die Ideen in Gott ihren Ort, und von dieser intelli^ giblen Welt strahlen die das All durchwirkenden Kräfte aus. Diesen Gedanken hatte Augustinus, wie es andere Kirchenväter getan, in die Philosophie des Christentums aufgenommen i und mit der Schöpfungs- lehre in Verbindung gesetzt. Die Dinge sind nach ihm von der Gott- heit als Ausdruck der in ihr bestehenden intelhgiblen Welt unveränder- licher Ideen geschaffen; so empfängt die Metaphysik als Vemunftwis- senschaft nun eine einfachere und mehr systematische Fassung ihres Zusammenhangs: die intelligible Welt in Gott ist der Schöp- fung eingebildet, und die diesem objektiven Zusammenhang ent-