SigPhi · Wilhelm Dilthey

Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften

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Metaphysik, als Theologie, war das reale Band gewesen, welches im Mittelalter Religion, Wissenschaft und Kunst, die verschiedenen Seiten des geistigen Lebens, zusammengehalten hatte: nun wurde dies Band gesprengt. Das intellektuelle Leben der neuen Völker war so weit herangewachsen und ihr Verstand durch die Scholastik so diszipliniert für die Forschung um der Forschung willen, daß eingeschränktere Aufgaben vermittels strengerer Methoden gestellt und auch gelöst zu werden begannen. Die Zeit selbständiger Entwicklung der Einzelwissenschaften war gekommen. Die Ergebnisse der posi- tiven Epoche der alten Welt konnten aufgenommen werden. Wo ein Archimedes, Hipparch und Galen den Faden positiven Forschens fal- len gelassen, konnte er wieder angeknüpft werden. Altertum und Mit- telalter haben in der Wissenschaft die Antwort auf das Rätsel der Welt, in der Wirklichkeit die Verkörperung der höchsten Ideen gesucht; so war die Betrachtung der idealen Bedeutung der Erscheinungen mit der Zergliederung ihres ursächlichen Zusammenhangs vermischt worden. Indem jetzt die Wissenschaft sich von der Religion loslöste, ohne sie ersetzen zu wollen, trat die kausale Forschung aus dieser falschen Ver- knüpfung und näherte sich den Bedürfnissen des Lebens. Man war des abstrakten Schließens auf transzendente Objekte, der metaphysischen Spinngewebe, welche vom Diesseits zum Jenseits gezogen wor- den waren, satt, und doch dauerte das aufrichtige Ringen nach der Wahrheit hinter den Erscheinungen fort. So wandte sich nun der Ro- mane den Erfahrungen der äußeren Natur und des Weltlebens, der nordische Mensch zunächst der lebendigen religiösen Erfahrung zu.

De7 moderne Mensch und die Metaphysik 357 Und jetzt erschien auch an dieser Wende der intellektuellen Ent- wicklung als Träger der neuen Richtung eine neue Klasse von Personen: der Kleriker machte dem Literaten, dem Schriftsteller oder auch dem Professor an einer der von Städten oder aufgeklär- ten Fürsten gegründeten oder neugestalteten Universitäten Platz. In den Städten, in welchen diese Männer auftraten, bestand nicht der Un- terschied zwischen einer großen tätigen aber ununterrichteten Skla- venmasse und einer kleinen Zahl freier Bürger, welche jede Art von körperlicher Arbeit als ihrer unwürdig ansahen. Während dies Ver- hältnis in den griechischen Städten den Fortschritt der Erfindungen in hohem Grade gehindert hatte, entstanden im Zusammenhang mit der Industrie in den modernen Städten Erfindungen von großer Tragweite. Der weite Schauplatz unseres Erdteils und die ungeheuren Mittel dieser modernen Welt brachten einen ununterbrochenen Zusammenhang vie- ler Arbeiter hervor. Diesen aber stand die Natur nicht als ein in sich göttliches Gewächs gegenüber: die Hand des Menschen griff durch sie hindurch, hinter ihren Formen die Kräfte zu erfassen. In dieser Bewegung entstand der Charakter der modernen Wissenschaft: Studium der Wirkliclikeit, wie sie in der Erfahrung gegeben ist, ver- mittels der Aufsuchung des kausalen Zusammenhangs, sonach durch Zerlegung der zusammengesetzten Wirklichkeit in ihre Faktoren, be- sonders durch das Experiment. Die Aufgabe, das Konstante in den Veränderungen der Natur festzustellen, wurde durch die Aufsuchung von Naturgesetzen gelöst. Das Naturgesetz verzichtet darauf, das We- sen der Dinge auszudrücken, und indem so Grenzen der positiven Wis- senschaft hervortraten, wurde das Studium der Wirklichkeit ergänzt durch eine Erkenntnistheorie, welche das Feld der Wissenschaf- ten abmaß.

So entstanden, als die eigentümlichen Erzeugnisse der modernen Wissenschaft, Erforschung der Kausalgesetze der Wirklichkeit auf dem Gebiete der Natur wie der gesellschaftlich-geschichtlichen Welt und Theorie der Erkenntnis. Diese beiden führen seitdem den Vernichtungs- krieg gegen die Metaphysik, und jetzt ist ihre Tendenz, auf der Grund- lage der Erkenntnistheorie einen Zusammenhang der Einzelwissen- schaften der Wirklichkeit herzustellen.

Und hat sich nun in dieser modernen Welt, an deren Eingang wir stehen, Metaphysik zu verteidigen versucht, so ändert sich doch allmählig ihr Charakter und ihre Lage. — Die Stelle, die sie im Zusammenhang der Wissenschaften zu behaupten ver- sucht, ist eine andere. Denn indem die positiven Wissenschaften die Wirklichkeit analysieren und die allgemeinsten Bedingungen derselben in einem System von Elementen und Gesetzen festzustellen streben, in- 35 S Zweites Buch. Vierter Abscluiitt dem sie sich der Stellung dieser Sätze zur Wirklichkeit wie zum Be- wußtsein kritisch bewußt werden: verliert die Metaphysik ihren Platz als Grundlage der Erklärung der Wirklichkeit in den Einzelwissen- schaften, und ihr bleibt nur als mögliche Aufgabe, die Ergebnisse der positiven Wissenschaften in einer allgemeinen Weltansicht abzuschlie- ßen. Der Grad von Wahrscheinlichkeit, der einem solchen Versuche erreichbar ist, kann nur ein bescheidener sein. — Ebenso ändert sich die Funktion solcher metaphysischen Systeme in der Gesell- schaft. Überall wo Metaphysik fortbestand, wandelte sie sich in ein bloßes Privatsystem ihres Urhebers und derjenigen Personen, welche sich vermöge einer gleichen Verfassung der Seele von diesem Privatsystem angezogen fanden. Dies war durch die veränderte Lage bedingt. Dieselbe hat die Macht einer einheitlichen monotheistischen Metaphysik gebrochen. Die veränderten physikalischen und astronomi- schen Grundbegriffe haben die Schlüsse der monotheistischen Meta- physik zerstört. Eine freie Mannigfaltigkeit von metaphysi- schen Systemen, deren keines erweisbar ist, hat sich nun gebildet. So blieb der Metaphysik nur die Aufgabe, Zentren zu schaffen, in wel- chen die Ergebnisse der positiven Wissenschaften sich zu einem befriedi- genden allgemeinen Zusammenhang der Erscheinungen in einer Fassung von relativem Werte sammeln konnten. Die positive Wissenschaft bringt nach der Ansicht der Metaphysiker nur die einzelnen Worte und die Regeln der Verknüpfung derselben hervor, welche dann erst unter ihren Händen zum Gedicht werden. Aber ein Gedicht hat keine allgemeingültige Wahrheit. Man hat ungefähr in derselben Zeit neben- einander Schelling seine Offenbarungsphilosophie, Hegel seine Weltvernunft, Schopenhauer seinen Weltwillen, die Materialisten ihre Anarchie der Atome beweisen hören; alle mit gleich guten oder schlech- ten Gründen. Handelt es sich etwa darum, unter diesen Systemen das wahre auszusuchen? Das wäre ein sonderbarer Aberglaube; so ver- nehmlich als möglich lehrt diese metaphysische Anarchie die Rela- tivität aller metaphysischen Systeme. Ein jedes von ihnen repräsen- tiert so viel, als es in sich faßt. Es hat so viel Wahrheit als eingegrenzte Tatsachen und Wahrheiten seinen grenzenlosen Verallgemeinerungen zugrunde liegen. Es ist ein Organ, sehen zu machen, die Individuen durch den Gedanken zu vertiefen und zu dem unsichtbaren Zusammenhang in Beziehung zu erhalten. Dieses und vieles Verwandte bildet die neue Funktion der Metaphysik in der modernen Gesell- schaft. Daher sind diese Systeme der Ausdruck bedeutender und in ihren Gedanken weit um sich greifender Personen. Die wahren Meta- physiker haben gelebt, was sie schrieben. Descartes, Spinoza, Hobbes, Leibniz sind von neueren Geschichtschreibem der Philosophie immer Beständige Abnahine d. Bedeut. d. Metaphysik. Ihre Funkt, i. d. Gesellsch. ändert sich 359 mehr als zentrale Individualitäten aufgefaßt worden, in deren weiter Seele eine Lage der wissenschaftlichen Gedanken sich auf relative Weise abspiegelt. Ebendieser ihr repräsentativer Charakter beweist die Relativität des Wahrheitsgehaltes in ihren Systemen. Die Wahrheit ist nicht etwas Repräsentatives.

Aber selbst diese Funktion der metaphysischen Systeme in der modernen Gesellschaft kann nur vorübergehend sein. Denn diese schimmernden Zauberschlösser der wissenschaftlichen Einbildungs- kraft können, nachdem die Relativität ihres Wahrheitsgehaltes er- kannt ist, das ernüchterte Auge nicht mehr täuschen. Und gleichviel wie lange noch ein Einfluß auf die Kreise der Gebildeten von meta- physischen Systemen geübt werden mag, die Möglichkeit, daß ein solches System von relativer Wahrheit, das neben vielen anderen von demselben Wahrheitsgehalt steht, als Grundlage für die Wissenschaf- ten benutzt werde, ist unwiederbringlich dahin.

ZWEITES KAPITEL DIE NATURWISSENSCHAFTEN In dem dargelegten allgemeinen Zusammenhang entstand die moderne Naturwissenschaft. Der Geist der neueren Völker war in den wissenschaftlichen Korporationen des Mittelalters diszipliniert worden. Die Wissenschaft, als Beruf, der sich in großen Körperschaf- ten vererbte, betrieben, steigerte ihre Anforderungen an technische Vollendung und schränkte sich auf dasjenige ein, was sie zu beherrschen vermochte. Und zwar sah sie sich hierbei durch kräftige Impulse ge- fördert, welche sie in der Gesellschaft vorfand. In demselben Maße, in welchem sie von der Untersuchung der letzten Gründe sich los- löste, empfing sie von den fortschreitenden praktischen Zwecken der Gesellschaft, dem Handel, der Medizin, der Industrie ihre Aufgaben. Der erfindende Geist in dem arbeitsamen, die Handgriffe mit sinnen- dem Nachdenken vereinigenden Bürgertum schuf der experimentellen und messenden Wissenschaft Hilfsmittel von unberechenbarer Bedeu- tung. Und von dem Christentum her lebte in diesen romanischen und germanischen Völkern ein mächtiges Gefühl, daß dem Geist die Herr- schaft über die Natur gebühre, wie es Francis Bacon ausgedrückt liat. So löst sich eine ihrer eingeschränkten Ziele sichere positive Wissen- schaft der Natur immer klarer von dem Ganzen der geistigen Bildung, welche als Metaphysik aus der Totalität der Gemütskräfte ihre Nah- rung gezogen hatte. Das Naturerkennen scheidet sich von dem seeli- schen Gesamtleben ab. Immer mehrere von den Voraussetzungen, 360 Zweites Buch. Vierter Abschnitt welche in dieser Totalität gegeben sind, werden von dem Naturerken- nen eliminiert. Seine Grundlagen werden vereinfacht und auf das in der äußeren Wahrnehmung Gegebene immer genauer eingeschränkt. Die Naturwissenschaft des sechzehnten Jahrhunderts arbeitete noch mit Phantasien von psychischen Verhältnissen in den Naturvorgängen; Ga- lilei und Descartes begannen den erfolgreichen Kampf gegen diese überlebenden Vorstellungen aus der metaphysischen Zeit. Und allmäh- lich wurden selbst Substanz, Ursache, Kraft bloße Hilfsbegriffe für die Lösung der methodischen Aufgabe, zu den in der äußeren Erfah- rung gegebenen Erscheinungen die Bedingungen zu suchen, unter wel- chen ihr Nebeneinander und ihre Abfolge erklärt und ihr Eintreffen vorausgesagt werden kann.

Diese moderne Naturwissenschaft hat allmählich die Metaphy- sik der substantialen Formen zersetzt.

Der denknotwendige Zusammenhang, den die moderne Naturwis- senschaft als Erklärungsgrund der gegebenen Wirklichkeit sucht, ge- mäß dem in der Metaphysik entwickelten und von derselben ihr vor- gezeichneten Ideal der Erkenntnis, hat zu seinem Material die ebenfalls in der Metaphysik aus dem Erlebnis der vollen Menschennatur abstra- hierten und wissenschaftlich entwickeltetn Begriffe der Substanz und der Kausalität (wirkenden Ursache). Als die Begriffe von Erkennt- nisgrund oder Denknotwendigkeit in der Entwicklung der Metaphysik auftraten, fanden sie diese beiden Grundvorstellungen vor, als welche das menschliche Denken vom Gegebenen rückwärts zu den Gründen leiten. Dementsprechend sehen wir die Naturforschung bemüht, das anschauliche Bild der Veränderungen und Bewegungen an den Objek- ten in die Verkettung von Ursachen und Wirkungen aufzulösen, die Regelmäßigkeiten in ihnen zu erfassen, durch welche sie für den Ge- danken beherrschbar werden, und als Träger dieses Vorgangs Sub- stanzen zu konstruieren, welche nicht wie sinnliche Objekte dem Ent- stehen und Vergehen unterworfen sind. Soweit unterscheidet sich die Gedankenarbeit der modernen Naturwissenschaft gar nicht von der Arbeit der Griechen, die ersten Gründe des gegebenen Weltalls auf- zusuchen. Worin besteht nun das die Erforschung der Natur bei den neueren Völkern am meisten Unterscheidende, worin der Kunstgriff, vermittels dessen sie das alte Lehrgebäude vom Kosmos zerstört haben?

Schon in der Alchimie macht sich die Richtung auf die wahren Faktoren der Natur geltend. Die Aristotelische Elementenlehre hatte Eigenschaften, welche sich der einfachen Wahrnehmung darbieten, Wärme, Kälte, Feuchtigkeit, Trockenheit, zugrunde gelegt. Das Sta- dium der Chemie, wie es Paracelsus repräsentiert, bedient sich der Naturwissenschaft zersetzt Metaphysik der substantialen Formen 361 chemischen Analyse, um hinter diese deskriptive Betrachtungsweise zu den wirklichen Faktoren, aus denen die Materie sich zusammen- setzt, zu dringen. Es unterscheidet daher drei Grundkörper (tres primas substantias), das was brennt: Sulphur, das was raucht und sich sub- limiert: Mercurius, das was als unverbrennliche Asche zurückbleibt: Sal. Aus diesen Grundkörpem, welche zwar nicht isoliert dargestellt, aber von der chemischen Kunst am Verbrennungsvorgang unterschie- den werden können, leitet Paracelsus erst die Aristotelischen Elemente ab. So war der Weg beschritten, durch die tatsächliche Zerlegung der Materie im Experiment sich den chemischen Elementen zu nähern; eben der Verbrennungsprozeß, von welchem Paracelsus ausging, sollte Lavoisier den Eintritt in die quantitative Untersuchungsweise vermit- teln. Jedoch lange Zeit bevor die Chemie zu einer sicheren Grund- legung gelangte, wurde die Mechanik durch Galilei exakte Wissen- schaft. Lagrange hat in bezug auf diese Leistung Galileis hervorge- hoben, es habe, um die Jupitertrabanten, Venusphasen und Sonnen- flecken zu finden, nur des Teleskops und des Fleißes bedurft, wo- gegen nur ein außerordentlicher Geist die Gesetze der Natur in Er- scheinungen, welche man stets vor Augen gehabt, aber bis dahin nicht hatte erklären können, zu entwirren vermocht habe. Die einfachen, be- grifflich wie quantitativ bestimmten Vorstellungen, welche er zugrunde legte, setzten eine Zerlegung des Bewegungsvorgangs in abstrakte Komponenten voraus, und sie ermöglichten gerade durch die Einfach- heit der fundamentalen Beziehungen die Unterordnung der Bewegungen unter die Mathematik. Das scheinbar so selbstverständliche Prinzip der Trägheit durchschnitt die ganze von uns dargelegte metaphysische Theorie, nach welcher eine Bewegung nur durch das Fortwirken der sie hervorbringenden Ursache sich forterhält, sonach den gleichför- mig fortdauernden Bewegungen eine gleichförmig wirkende Ursache zugrunde gelegt werden mußte. Auf diese Theorie, welche der Sinnen- schein von gestoßenen und in Ruhezustand zurückkehrenden Körpern empfahl, war die Annahme von psychischen Wesenheiten als Ursachen eines weiten Kreises von Veränderungen in der Natur einerseits be- gründet worden, wie sie andererseits aus der Gedankenmäßigkeit der Bewegungen ihre mehr andauernde Kraft empfing. Nunmehr zeigte das Prinzip Galileis den Grund der Fortdauer einer Bewegung in der Notwendigkeit des Beharrens des Objektes selber in seinem Bewe- gungszustande; dieser Notwendigkeit gemäß durchläuft das Objekt jedes folgende Differential seiner Bahn, weil es das vorangehende durchlaufen hat. Die Grundlage der metaphysischen Naturbetrachtung war vernichtet.

Die erste Anwendung der Mechanik auf ein verwickeltes System 362 Zweites Buch. Vierter Abschnitt von Tatsachen, zugleich die glänzendste und erhabenste, deren sie fähig ist, war die auf die großen Bewegungen der Massen im Weltraum. So entstand die Mechanik des Himmels. Sie wurde ermöglicht durch die Fortschritte der Mathematik in analytischer Geometrie und Differen- tialrechnung. Nun wurde das verwickelte Getriebe der im Weltraum kreisenden Gestirne durch die Theorie von der Gravitation, als dem unsichtbaren Bande der Sternenwelt, der mechanischen Betrachtungs- weise untergeordnet. Damit sanken die Gestimgeister der metaphysi- schen Naturauffassung dahin und wurden zu Märchen einer verklun- genen Zeit.

Die unermeßliche Veränderung der menschlichen Weltansicht, welche sich so vollzog, begann, indem Kopemikus, anknüpfend an die Forschungen der Griechen, welche dasselbe versucht, die Sonne in die Mitte der Welt stellte.,,Denn wer könnte wohl", so sagt er, „in dem herrlichen Naturtempel dieser Fackel einen anderen Ort anweisen wol- len." Die drei Keplerschen Gesetze entwarfen deskriptiv die Figuren und Zahlenverhältnisse der heliozentrischen Planetenbewegungen, in welchen Kepler, den Spuren der pythagoreischen Schule nachgehend, die Harmonie des Himmels anschaute. Newton suchte die Erklärung für die so ihrer Form nach bestimmten Bewegungen. Und zwar er- klärte er sie durch eine Zerlegung in zwei Faktoren. Der eine Faktor liegt in einem Anstoß, welchen die Planeten in der Richtung einer Tangente an ihre gegenwärtige Bahn erhalten haben, der andere in der Gravitation; so kann die Krümmung ihrer Bahnen abgeleitet v/erden. Auf solche Weise tritt an die Stelle der geistigen Wesen, deren vor- stellende Kraft und innere geistige Beziehung zueinander der Erklä- rungsgrund der verwickelten Formen der scheinbaren Bahnen und ihrer mechanisch zusammenhangslosen Räderwerke gewesen waren, nach- dem einmal durch den heliozentrischen Standpunkt des Kopernikus das Problem eine einfachere, durch Kepler eine genau präzisierte Fassung erhalten hatte, der Mechanismus, dem Triebwerk einer ungeheuren Uhr vergleichbar. Und das Mittel war die Zerlegung, die auf das Zu- sammenwirken von Faktoren, welche der Erklärung dienen, die Form zurückführte, während diese bis dahin Gegenstand einer ästhetischen und teleologisch deskriptiven Betrachtung gewesen war.

Wir verfolgen nicht die Bedeutung der fortschreitenden Chemie und Physik für die gänzliche Veränderung der bisherigen Metaphy- sik; insbesondere in der Chemie schien nun das analytische Verfah- ren experimentell die Auffindung der Substanzen bewirken zu wollen, die im Kosmos vereinigt sind; aber die Formen des organischen Le- bens waren der zweite Hauptstützpunkt für die Metaphysik der sub- stantialen Formen, und auch diesen sollte sie nun verlieren. Die Meta- Auflösung des Schlusses aus de?t Tatsachen der Astronomie "i^"^ physilc der substantialen Formen widerstand vermittels des Begriffs einer Lebensseele_, der anima vegetativa, noch eine Zeitlang der An- forderung, die organischen Formen und Leistungen als das am meisten komplexe aller Phänomene der Natur ebenfalls auf den physikalischen und chemischen Mechanismus zurückzuführen. Dann wies die Biologie dieser Lebensseele wenigstens die Benutzung der chemischen und phy- sikalischen Kräfte zu: bis schließlich die Mehrzahl der Biologen, insbe- sondere in Deutschland, den Begriff von Lebensseele, Lebenskraft als für den Fortschritt der Forschung unfruchtbar zurückstellte und ganz zu eliminieren bemüht war. Auch hier war es wiederum die Zerlegung der vordem als ein lebendiges, von einem Psychischen aus entwickel- tes Ganzes betrachteten forma naturae, was die alte Metaphysik stürzte. — So drang das analytische Verfahren, nicht die bloße Zerle- gung in Gedanken, sondern die tatsächlich eingreifende, den ersten Naturursachen entgegen und löste psychische Wesenheiten so- wie substantiale Formen auf.

Hatte die monotheistische Lehre den Mittelpunkt der bis- herigen Metaphysik gebildet und besaß sie innerhalb der strengen Wissenschaft ihren Hauptstützpunkt an dem Schluß aus den Tat- sachen der Astronomie, so wurde nun auch die Stringenz dieses Schlusses zersetzt.

Noch Kepler war durch seine Entdeckungen nur dahin geführt worden, die göttliche Kraft, welche die Bewegungen der Planeten her- vorbringt, in die Sonne als den Mittelpunkt aller ihrer Bahnen zu ver- legen und so bereits eine Zentralkraft in der Sonne anzunehmen. „Wir müssen eins von beiden voraussetzen: entweder, daß die bewegenden Geister, je weiter sie von der Sonne entfernt sind, um so schwächer wer- den^ oder daß es einen bewegenden Geist in dem Mittelpunkte aller dieser Bahnen^ nämlich in der Sonne, gebe, der jeden Himmelskörper in eine um so schnellere Bewegung versetzt^ je näher ihm dieser ist, bei den entfernteren aber wegen der Erstreckung und Herabminderung der Kraft gleichsam ermattet." ^ Alsdann fiel auch noch für Newton nur ein Erklärungsgrund der Form der Planetenbewegungen in den Bereich der Materie; er bedurfte neben ihm der Annahme, daß der Planet durch einen Stoß in eine gewisse Richtung mit einer gewissen Geschwindigkeit geworfen sei. So war der erste Beweger, wenn auch zu einem untergeordneten Ge- schäft, immer noch erforderlich. Ja mehr, Newton erklärt, daß Pla- neten und Kometen zwar nach den Gesetzen der Schwere in ihren Bahnen verharren, aber die ursprüngliche und regelmäßige Lage der- ^ Kepler, Mysterium cosmographicum c. 20.

3^4 Zweites Buch. Vierter Abschnitt selben nicht durch diese Gesetze erlangen konnten. „Dies vollkommene Gefüge der Sonne, der Planeten und Kometen hat nur aus dem Rat- schluß und der Herrschaft eines einsichtigen und mächtigen Wesens hervorgehen können." ^ Seine geistige Substanz ist Trägerin der Wech- selwirkung der Teile im Weltall. So dauerte eine Zeit hindurch, wenn auch abgeschwächt, die Macht des astronomischen Teils des kosmolo- gischen Beweises für das Dasein Gottes fort. Eine Anzahl von bedeu- tenden Köpfen, welche sonst einen leidenschaftlichen Kampf gegen den Kirchenglauben führten, fand sich auch von diesem so abgeschwäch- ten Argument überzeugt. Indem aber die mechanische Theorie von Kant und La place dazu angewendet wurde, die Entstehung des Pla- netensystems zu erklären, trat in der neuen Hypothese der Mechanis- mus an die Stelle der Gottheit.

Die metaphysische Beweisführung, welche uns durch die ganze Geschichte der Metaphysik begleitet hat, ist als solche von jetzt an zerstört. Zudem ist die Unterscheidung einer höheren unverän- derlichen Welt von der des Wechsels unter dem Monde nunmehr durch die Entdeckungen über die Veränderungen auf den Gestirnen sowie durch die Mechanik und Physik des Himmels aufgehoben. Was zurück- bleibt ist die metaphysische Stimmung, ist jenes metaphysische Grundgefühl des Menschen, welches diesen durch die lange Zeit seiner Geschichte begleitet h^t, von der Zeit ab, da die Hirtenvölker des Ostens zu den Sternen aufblickten, da die Priester auf den Sternwarten der Tempel des Orients den Dienst der Gestirne und ihre Betrachtung verbanden. Dieses metaphysische Grundgefühl ist in dem mensch- lichen Bewußtsein mit dem psychologischen Ursprünge des Gottes- glaubens überall verwoben; es beruht auf der Unermeßlichkeit des Raumes, welcher ein Symbol der Unendlichkeit ist, auf dem reinen Lichte der Gestirne, das auf eine höhere Welt zu deuten scheint, vor allem aber auf der gedankenmäßigen Ordnung, welche auch die ein- fache Bahn, die ein Gestirn am Himmel beschreibt, zu unserer geo- metrischen Raumanschauung in eine geheimnisvolle aber lebendig empfundene Beziehung setzt. Dies alles ist in einer Stimmung verbunden, die Seele findet sich erweitert, ein gedankenmäßiger gött- licher Zusammenhang breitet sich rings um sie in das Unermeßliche aus. Dies Gefühl ist nicht fähig, in irgendeine Demonstration auf- gelöst zu werden. Die Metaphysik verstummt. Aber von den Sternen her klingt, wenn die Stille der Nacht kommt, auch zu uns noch jene Harmonie der Sphären, von welcher die Pythagoreer sagten, daß nur das Geräusch der Welt sie übertäube; eine unauflösliche metaphysi- ' Aus der berühmten allgemeinen Anmerkung zu dem dritten Buche von Newtons mathematischen Prinzipien.

Mechanisdie Naturerklärung darf nicht als neue Metaphysik angesehen werden 3^5 sehe Stimmung, welche jeder Beweisführung zugrunde lag und sie alle überleben wird.

Wenn nun solchergestalt die moderne Naturwissenschaft die ganze bisher dargestellte Metaphysik der substantialen Formen und der psy- chischen Wesenheiten aufgelöst hat bis in den innersten Kern, den die einheitliche geistige Weltursache ausmacht, so entsteht die Frage: in was hat sie dieselbe aufgelöst?