SigPhi · Wilhelm Dilthey

Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften

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Die wissenschaftliche Beschäftigung bringt Methode in dieses Verfahren. Aus dem beweglichen veränderlichen Ich ver- setzt sie den Mittelpunkt für das System von Bestimmungen, dem die Eindrücke eingeordnet werden, in dies System selber. Sie entwickelt einen objektiven Raum, irmerhalb dessen die einzelne Intelligenz sich an einer bestimmten Stelle findet, eine objektive Zeit, in deren Linie die Gegenwart des Individuums einen Punkt einnimmt, sowie einen objektiven Kausalzusammenhang und feste Elementeinheiten, zwischen Vorstellen und Erkenntnis der Außenwelt vollziehen sich nach dein Satz vom Grunde 393 denen er stattfindet. Die ganze Richtung der Wissenschaft geht dahin, an die Stelle der Augenblicksbilder, in welchen Mannigfaches an- einandergeraten ist, vermittels der vom Denken verfolgten Relatio- nen, in denen diese Bilder im Bewußtsein sich befanden, objektive Realität und objektiven Zusammenhang zu setzen. Und jedes Urteil über Existenz und Beschaffenheit eines äußeren Gegenstandes ist schließlich durch den Denkzusammenhang bedingt, in welchem diese Existenz oder Beschaffenheit als notwendig gesetzt ist. Das zufällige Zusammen von Eindrücken in einem veränderlichen Subjekt bildet nur den Ausgangspunkt für die Konstruktion einer allgemeingültigen Wirk- lichkeit.

Sonach beherrscht der Satz, jedes Gegebene stehe in einem denk- notwendigen Zusammenhang, in welchem es bedingt sei und selber be- dinge, zunächst die Lösung der Aufgabe, allgemeingültige und feste Urteile über die Außenwelt festzustellen. Die Relativität, in wel- cher das Gegebene in der Außenwelt auftritt, wird von der wissen- schaftlichen Analysis in dem Bewußtsein der Relationen, welche das Gegebene in der Wahrnehmung bedingen, zur Darstellung ge- bracht. So steht schon jede Auffassung der Objekte der Außenwelt unter dem Satze des Grundes.

Dies ist die eine Seite der Sache. Andererseits aber muß die kritische Anwendung des Satzes vom Grunde auf eine meta- physische Erkenntnis verzichten und sich mit der Auffassung äußerer Verhältnisse von Abhängigkeit innerhalb der Außenwelt ge- nügen lassen. Denn die Bestandteile des Gegebenen sind ver- möge ihrer verschiedenen Herkunft ungleichartig d. h. un- vergleichbar. Sonach können sie nicht aufeinander zurückgeführt wer- den. Eine Farbe kann mit einem Tone oder mit dem Eindruck von Dichtigkeit nicht in einen direkten inneren Zusammenhang gebracht werden. Daher muß das Studium der Außenwelt das innere Verhält- nis des in der Natur Gegebenen unaufgelöst lassen und sich mit der Aufstellung eines auf Raum, Zeit und Bewegung gegründeten Zusam- menhangs begnügen, welcher die Erfahrungen zu einem System ver- bindet. So steht zwar die Auffassung und Erkenntnis der Außenwelt unter dem Gesetz: jedes in sinnlicher Wahrnehmung Gegebene findet sich in einem denknotwendigen Zusammenhang, in welchem es bedingt ist und selber bedingt, und nur in diesem dient es der Auffassung des Existierenden. Aber die Verwertung dieses Gesetzes ist durch die Be- dingungen des Bewußtseins auf die bloße Herstellung eines äußeren Zusammenhangs von Beziehungen eingeschränkt worden, durch welche den Tatsachen ihr Platz im System der Erfahrungen bestimmt wird. Eben das Bedürfnis der Wissenschaft, einen solchen denknotwendigen 394 Zweites Buch. Vierter Abschnitt Zusammenhang herzustellen, hat dahin geführt, von dem inneren vvesen- haften Zusammenhang der Welt abzusehen. Diesem ist ein Zusammen- hang mathematisch-mechanischer Natur substituiert worden, und hier- durch erst wurden die Wissenschaften der Außenwelt positiv. So wurde aus dem inneren Bedürfnis dieser Wissenschaften heraus die Metaphy- sik als unfruchtbar zurückgeschoben, noch bevor die erkenntnistheo- retische Bewegung in Locke, Hume und Kant sich gegen sie wandte. Und nun ist die Stellung des Erkenntnisgesetzes vom Grunde zu den Geisteswissenschaften eine andere, als die zu den Wissenschaften der Außenwelt: auch dies macht eine Unterord- nung der ganzen Wirklichkeit unter einen metaphysischen Zusammen- hang unmöglich. Das, dessen ich innewerde, ist als Zustand meiner selbst nicht relativ, wie ein äußerer Gegenstand. Eine Wahrheit des äußeren Gegenstandes als Übereinstimmung des Bildes mit einer Rea- lität besteht nicht, denn diese Realität ist in keinem Bewußtsein ge- geben und entzieht sich also der Vergleichung. Wie das Objekt aus- sieht, wenn niemand es in sein Bewoißtsein aufnimmt, kann man nicht wissen wollen. Dagegen ist das, was ich in mir erlebe, als Tatsache des Bewußtseins darum für mich da, weil ich desselben innewerde: Tat- sache des Bewußtseins ist nichts anderes als das, dessen ich innewerde. Unser Hoffen und Trachten, unser Wünschen und Wollen, diese innere Welt ist als solche die Sache selber. Gleichviel welche Ansicht jemand hegen mag über die Bestandteile dieser psychischen Tatsachen — und Kants ganze Theorie des inneren Sinnes kann nur als solche Ansicht logisch gerechtfertigt erscheinen —: daß solche Bewußtseins- tatsachen bestehen, wird dadurch nicht berührt. ^ Daher ist uns das, dessen wir innewerden, als Zustand unserer selbst nicht relativ ge- geben, wie der äußere Gegenstand. Erst wenn wir dies unmittelbare Wissen uns zu deutlicher Erkenntnis bringen oder anderen mitteilen wollen, entsteht die Frage, wiefern wir hierdurch über das in der inne- ren Wahrnehmung Enthaltene hinausgehen. Die Urteile, welche wir aussagen, sind nur gültig unter der Bedingung, daß die Denkakte die innere Wahrnehmung nicht abändern, daß dies Zerlegen und Verknüp- fen, Urteüen und Schließen die Tatsachen unter den neuen Bedingun- gen des Bewußtseins als dieselben erhält. Daher hat der Satz vom Grunde, nach welchem jedes Gegebene in einem denknotwendigen Zusammenhang steht, in dem es bedingt ist imd bedingt, zu dem Umkreis • Kant, K, d. r. V. I, i § 7 „die Zeit ist allerdings etwas Wirkliches, nämlich die wirkliche Form der inneren Anschauung. Sie hat also subjektive Realität in Ansehung der inneren Erfahrung, d. i. ich habe wirklich die Vorstellung von der Zeit und meinen Bestimmungen in ihr". In diesen Sätzen wird das, was ich oben zunächst behaupte, an- erkannt, nur in Verbindung mit einer Theorie über die Komponenten der inneren "Wahr- nehmung.

Andere Stellung des Geistigen 3Q5 der geistigen Tatsachen nie dieselbe Stellung gehabt, welche er der Au- ßenwelt gegenüber in Anspruch nehmen darf. Er ist hier nicht das Gesetz, unter welchem jede Vorstellung von Wirklichkeit steht. Nur sofern die In- dividuen einen Raum in der Außenwelt einnehmen, an einem Zeitpunkt auftreten und sinnfällige Wirkungen in der Außenwelt hervorbringen, werden sie in das Netz dieses Zusammenhangs mit eingefügt. So setzt zwar die vollständige Vorstellung der geistigen Tatsachen ihre äußere Einordnung in den von der Naturwissenschaft geschaffenen Zusam- menhang voraus, aber unabhängig von diesem Zusammenhang sind die geistigen Tatsachen als Wirklichkeit da und haben die volle Realität derselben.

So haben wir in dem Satze vom Grunde die logische Wurzel aller folgerichtigen Metaphysik d. h. der Vernunftwissenschaft und in dem Verhältnis des so entstehenden logischen Ideals zur Wirklichkeit den Ursprung der Schwierigkeiten dieser Vemunftwissenschaft erkannt. Dieses Verhältnis macht uns nunmehr einen großen Teil der bisher dargelegten Phänomene der Metaphysik unter einem allge- meinsten Gesichtspunkt begreiflich. Folgerichtig ist nur die Metaphysik, welche ihrer Form nach Vemunftwissenschaft ist d. h. einen logischen Weltzusammenhang aufzuzeigen sucht. Vernunftwissenschaft war daher gleichsam das Rückgrat der europäischen Metaphysik. Aber dag Gefühl des Lebens in dem wahrhaftigen, natürlich starken Men- schen und der ihm gegebene Gehalt der Welt ließen sich nicht in dem logischen Zusammenhang einer allgemeingültigen Wissenschaft er- schöpfen. Die einzelnen Inhalte der Erfahrung, die in ihrer Herkunft voneinander getrennt sind, ließen sich nicht durch Denken einer in den anderen überführen. Jeder Versuch aber, einen anderen als einen logischen Zusammenhang in der Wirklichkeit aufzuzeigen, hob die Form der Wissenschaft zugunsten des Gehaltes auf.

Die ganze Phänomenologie der Metaphysik hat gezeigt, daß die metaphysischen Begriffe und Sätze nicht aus der reinen Stellung des Erkennens zur Wahrnehmung entsprangen, sondern aus der Arbeit des- selben an einem durch die Totalität des Gemütes geschaffenen Zusam- menhang. In dieser Totalität ist zugleich mit dem Ich ein Anderes, ein von ihm Unabhängiges gegeben: dem Willen, welchem es widersteht und der die Eindrücke nicht ändern kann, dem Gefühl, das von ihm leidet: unmittelbar also, nicht durch einen Schluß, sondern als Leben. Dieses Subjekt uns gegenüber, diese wirkende Ursache möchte der Wille der Erkenntnis auf dem natürlichen Standpunkte durchdringen und bewältigen. Er ist sich zimächst des Zusammenhangs des Subjek- tes des Naturlaufs mit dem Selbstbewußtsein nicht bewußt. Selbstän- dig steht ihm dieses in der äußeren Wahrnehmung gegenüber, und 39^ Zweites Buch. Vierter Abschnitt erstrebt, es nun mit den ihm gegebenen Mitteln von Begriff, Urteil, Schluß, sonach als denknotwendigen Zusammenhang, zu begreifen. Aber was in der Totalität unseres Wesens gegeben ist, kann nie ganz in Gedanken aufgelöst werden. Entweder wurde der Gehalt der Meta- physik unzureichend für die Anforderungen der lebensvollen Menschen- natur, oder die Beweise erwiesen sich als unzureichend, indem sie das, was der Verstand an der Erfahrung festzustellen vermag, zu überschrei- ten strebten. So wurde die Metaphysik ein Tummelplatz von Trug- schlüssen.

Was in dem Gegebenen von selbständiger Provenienz ist, liat einen für die Erkenntnis unauflöslichen Kern, und Inhalte der Erfahrung, die durch die Herkunft voneinander getrennt sind, lassen sich nicht einer in den anderen überführen. Daher ist die Metaphysik von falschen Ableitungen und von Antinomien erfüllt gewesen. So entsprangen zu- nächst die Antinomien zwischen dem mit endlichen Größen rechnen- den Intellekt und der Anschauung, welche der Erkenntnis der äußeren Natur angehören. Ihr Kampfplatz war schon die Metaphysik des Alter- tums. Das Stetige in Raum, Zeit und Bewegung kann durch die Kon- struktion in Begriffen nicht erreicht werden. Die Einheit der Welt und ihr Ausdruck in dem gedankenmäßigen Zusammenhang allgemeiner Formen und Gesetze kann durch eine Analysis, welche in Elemente zer- legt, und eine Synthesis, die aus diesen Elementen zusammensetzt, nicht erklärlich gemacht werden. Das Abgeschlossene des AnschauungsbU- des wird durch die Unbegrenztheit des über dasselbe hinausschreiten- den Willens der Erkenntnis überall wieder aufgehoben. Dazu treten andere Antinomien, indem das Vorstellen die in den Weltlauf verfloch- tenen psychischen Lebenseinheiten in seinen Zusammenhang aufneh- men und das Erkennen sie seinem System unterwerfen will. So entstanden zunächst die theologischen und metaphysischen Antinomien des Mittelalters, und als die neuere Zeit das psychische Geschehen selber in seinem Kausalzusammenhang zu erkennen unternahm, traten die Widersprüche zwischen dem rechnenden Denken und der inneren Er- fahrung innerhalb der metaphysischen Behandlung der Psychologie hin- zu. Diese Antinomien können nicht aufgelöst werden. Für die positive Wissenschaft sind sie nicht da, und für die Erkenntnistheorie ist ihr subjektiver Ursprung durchsichtig. Daher stören sie die Harmonie un- seres geistigen Lebens nicht. Aber sie haben die Metaphysik zerrieben.

Wül das metaphysische Denken, solchen Widersprüchen trotzend, das Subjekt der Welt wirklich erkennen: so kann dies nichts anderes für es sein als — Logismus. Jede Metaphysik, welche das Subjekt des Weltlaufs erkennen zu wollen beansprucht, in ihm aber etwas an- deres als Denknotwendigkeit sucht, gerät in einen augenscheinlichen Allgemeinster Gesichtspunkt für die Schwierigkeiten der Metaphysik 397 Widerspruch zwischen ihrem Ziel und ihren Hilfsmitteln. Das Den- ken kann einen anderen als logischen Zusammenhang in der Wirklichkeit nicht finden. Denn da uns nur der Befund unseres Selbstbewußtseins unmittelbar gegeben ist und wir sonach in das Innere der Natur nicht direkt hineinblicken, so sind wir, wenn wir unabhän- gig vom Logismus über dieses eine Vorstellung bilden wollen, auf eine Übertragung unseres eigenen Inneren auf die Natur angewiesen. Diese kann aber nur ein poetisches Spiel analogischen Vorstellens sein, wel- ches bald die Abgründe und dunkelen Gewalten unseres Seelenlebens, bald die ruhige Harmonie desselben, den hellen freien Willen, die bil- dende Phantasie in das Subjekt des Naturlaufs hineinträgt. Die meta- physischen Systeme dieser Richtung haben sonach, ernstlich wissen- schaftlich genommen, nur den Wert eines Protestes gegen den denknot- wendigen Zusammenhang. So bereiten sie die Einsicht vor, daß in der Welt mehr und anderes als dieser enthalten ist. Darin allein lag die vorübergehende Bedeutung der Metaphysik Schopenhauers und ihm verwandter Schriftsteller. Sie ist im Grunde eine Mystik des neunzehn- ten Jahrhunderts und ein lebens-, willenskräftiger Protest gegen alle Metaphysik als folgerichtige Wissenschaft. Wann dagegen das Erkennen nach dem Satze vom Grunde sich des Subjektes des Weltlaufs zu bemächtigen entschlossen ist, entdeckt es nur Denknotwendigkeit als den Kern der Welt, daher besteht für dasselbe weder der Gott der Religion noch die Erfahrung der Freiheit.

Die Bänder des metaphysischen Weltzusammenhangs können von dem Verstände nicht eindeutig bestimmt werden.

Wir gehen weiter. Die Metaphysik vermag die Verkettung der inneren und äußeren Erfahrungen nur durch Vorstellungen über einen inneren inhaltlichen Zusammenhang herzustellen. Und wenn wir diese Vorstellungen ins Auge fassen, ergibt sich die Unmöglichkeit der Meta- physik. Denn diese Vorstellungen sind einer klaren eindeutigen Bestim- mung unzugänglich.

Der Differenzierungsprozeß, in welchem die Wissenschaft sich von den anderen Systemen der Kultur sondert, zeigte sich uns als beständig fortschreitend. Nicht mit einem Male löste sich aus der Gebundenheit aller Gemütskräfte der Zweckzusammenhang der Erkenntnis. Wieviel Ähnlichkeit hatte doch noch die Natur, welche aus einem inneren Zu- stand in den anderen nach einer inneren Lebendigkeit übergeht, oder das begrenzende Prinzip im Mittelpunkt der Welt, das die Materie an sich zieht und gestaltet, mit den göttlichen Kräften der Hesiodeischen Theogonie! Und wie lange blieb dann die Ansicht herrschend, welche die gedankenmäßige Ordnung des Weltalls auf ein System psychischer 39^ Zweites Buch. Vierter Abschnitt Wesenheiten zurückführte! Mühsam löste sich der Intellekt von diesem inneren Zusammen los. Allmählich gewöhnte er sich, mit immer weni- ger Leben und Seele in der Natur hauszuhalten und auf immer einfa- chere Formen der inneren Verbindung den Zusammenhang des Welt- laufs zurückzuführen. Zuletzt wurde auch die Zweckmäßigkeit als Form eines inneren inhaltlichen Zusammenhangs in Frage gestellt. Als die beiden inneren Bänder, welche den Weltlauf in all seinen TeUen zusammenhalten, blieben Substanz und Kausalität /:urück.

Indem wir uns das Schicksal der Begriffe Substanz und Kausalität zurückrufen, ergibt sich: Metaphysik als Wissenschaft ist unmöglich.

Der denknotwendige Zusammenhang setzt Substanz und Kausalität als feste Größen in die Verkettung aufeinanderfolgender und neben-, einander bestehender Eindrücke ein. Nun erfährt die Metaphysik ein Wunderbares. Sie ist in dieser Zeit ihrer von Erkenntnistheorie noch nicht gebrochenen Zuversicht überzeugt, zu wissen, was unter Sub- stanz und unter Kausalität zu denken sei. In Wirklichkeit zeigt ihre Geschichte beständigen Wechsel in der Bestimmung dieser Begriffe und vergebliche Versuche, sie zu widerspruchsloser Klarheit zu ent- wickeln.

Schon unsere Vorstellung des Dinges kann nicht zur Klarheit gebracht werden. Wie kann die Einheit, welcher mannigfache Eigen- schaften, Zustände, Wirken und Leiden inhärieren, von diesen letzte- ren abgegrenzt werden? Das Beharrliche von den Veränderungen? Oder wie vermag ich festzustellen, wann eine Verwandlung desselben Din- ges noch stattfindet und wann es vielmehr aufhört zu sein? Wie ver- mag ich das in ihm was bleibt von dem abzusondern was wechselt? Wie kann endlich diese beharrliche Einheit als in einem räumlichen Außereinander irgendwo sitzend gedacht werden? Alles Räumliche ist teilbar, enthält also nirgend eine zusammenhaltende unteilbare Ein- heit, und andererseits schwinden mit dem Räume, wenn ich ihn hinweg- denke, alle sinnlichen Qualitäten des Dinges. Dennoch kann diese Ein- heit nicht aus dem bloßen Zusammengeraten verschiedener Eindrücke (in Wahrnehmung und Assoziation) erklärt werden; denn eben im Gegensatz hierzu drückt sie ein inneres Zusammengehören aus.

Von diesen Schwierigkeiten hervorgetrieben, tritt der Substanz- begriff auf. Wie wir geschichtlich nachwiesen, ist er aus dem Be- dürfnis entstanden, das Feste, welches wir in jedem Dinge als beharr- liche Einheit annahmen, gedankenmäßig zu erfassen und zur Lösung der Aufgabe zu verwerten, die wechselnden Eindrücke auf ein Blei- bendes, in dem sie verbunden sind, zu beziehen. Aber da er nichts als die wissenschaftliche Bearbeitung der Dingvorstellung ist, so entfaltet er die in dieser gelegenen Schwierigkeiten nur deutlicher. Selbst das Die Begriffe Substanz ujid Kausalität nicht eindeutig öestimmbat 399 metaphysische Genie des Aristoteles sahen wir vergebens ringen, diese aufzulösen. Auch ist es umsonst, wenn nun die Substanz in das Atom verlegt wird. Denn mit ihr werden auch ihre Widersprüche in dieses unteilbare Räumliche, dieses Ding im Kleinen verlegt, und die Natur- wissenschaft muß sich begnügen, sofern sie den Begriff von etwas bildet, das in unserem Naturlauf nicht weiter zerlegt werden kann, diese Schwierigkeiten nur von sich auszuschließen: auf ihre Lösung verzichtet sie. So wandelt sich der metaphysische Begriff des Atoms in einen bloßen Hilfsbegriff zur Beherrschung der Erfahrungen. Eben- sowenig werden die Schwierigkeiten gelöst, wenn die Substanz der Dinge in ihre Form verlegt wird. Vergeblich sahen wir die ganze Metaphysik der substantialen Formen mit den Schwierigkeiten dieses Begriffes ringen, und die Wissenschaft muß sich auch hier schließlich, ihre Grenzen gegen das Unerforschliche wahrend, damit begnügen, diesen Begriff als ein bloßes Symbol für einen Tatbestand zu behan- deln, welcher sich dem Erkennen, wenn es den Zusammenhang der Tat- sachen aufsucht, als objektive Einheit in denselben darbietet, jedoch in seinem realen Gehalt unauflöslich ist.

Und im Kern des Substanzbegriffs selber, mag man ihn auf Atome oder auf Naturformen beziehen, bleibt eine nicht zu bewältigende Schwierigkeit. Die Wissenschaft von emem denknotwendigen Zusam- menhang der Außenwelt drängt dahin, die Substanz als eine feste Größe zu behandeln und sonach Wechsel, Werden und Veränderung in die Re- lationen dieser Elemente zu verlegen. Aber sobald dies Verfahren mehr als Hilfskonstruktion der Bedingungen für die Denkbarkeit des Natur- zusammenhangs sein, sobald eine Bestimmung über das metaphysische Wesen des Substantialen daraus entnommen werden soll, tritt eine Art von Vexierspiel ein. Die innere Veränderung ist nun in das psychische Geschehen hinübergeschoben, hier blitzt jetzt die Farbe auf, erklingt der Ton. Dann haben wir nur die Wahl, einem starren Mechanismus der Natur die innerliche Lebendigkeit psychischen Geschehens gegen- überzusetzen und so die metaphysische Einheit des Weltzusammen- hangs, die wir suchten, aufzugeben oder die unveränderlichen Ele- mente in ihrem wahren Werte als bloße Hilfsbegriffe aufzufassen.

Es würde ermüden, wollten wir nun zeigen, wie der Begriff der Kausalität ähnlichen Schwierigkeiten unterliegt. Auch hier kann bloße Assoziation die Vorstellung des inneren Bandes nicht erklären, und doch kann der Verstand nicht eine Formel entwerfen, in welcher aus sinnlich oder verstandesmäßig klaren Elementen ein Begriff zu- sammengesetzt würde, der den Inhalt der Kausalvorstellung darstellte. Und so wird die Kausalität ebenfalls aus einem metaphysischen Be- griff zu einem bloßen Hilfsmittel für die Beherrschung der äußeren Er- 400 Zweites Buch. Vierter Abschnitt fahrungen. Denn die Naturwissenschaft kann nur dasjenige, was durch Elemente der äußeren Wahrnehmung und Operationen des Denkens mit denselben belegt werden kann, als Bestandteile ihres Erkenntnis- zusammenhangs anerkennen.

Können so Substanz und Kausalität nicht als objektive Formen des Naturlaufs aufgefaßt werden, so läge der mit abstrakten verstan- desmäßig präparierten Elementen arbeitenden Wissenschaft am näch- sten, in ihnen wenigstens apriorische Formen der Intelligenz festzuhalten. Die Erkenntnistheorie Kants, welche die Abstraktionen der Metaphysik in erkenntnistheoretischer Absicht benutzte, glaubte hierbei stehenbleiben zu können. Alsdann würden diese Begriffe wenig- stens einen festen obzwar. subjektiven Zusammenhang der Erscheinun- gen ermöglichen.

Wären sie solche Formen der Intelligenz selber, dann müßten sie als solche dieser gänzlich durchsichtig sein. Fälle solcher Durchsich- tigkeit sind das Verhältnis des Ganzen zu den Teilen, der Begriff von Gleichheit und Unterschied; in ihnen besteht über die Interpretation der Begriffe kein Streit: B kann unter dem Begriffe von Gleichheit nur dasselbe als A denken. Die Begriffe von Kausalität und Substanz sind augenscheinlich nicht von solcher Art. Sie haben einen dunklen Kern einer nicht in sinnliche oder Verstandeselemente auflösbaren Tatsäch- lichkeit. Sie köimen nicht wie Zahlbegriffe in ihre Elemente eindeutig zerlegt werden; hat ihre Analysis doch zu endlosem Streit geführt. Oder wie kaim etwa eine bleibende Unterlage, an welcher Eigenschaf- ten und Tätigkeiten wechseln, ohne daß dieses Tätige selber in sich Veränderungen erführe, vorgestellt, wie für den Verstand faßbar ge- macht werden?

Wären Substanz imd Kausalität solche Formen der Intelligenz a priori, sonach mit der Intelligenz selber gegeben, alsdann könnten keine Bestandteile dieser Denkformen aufgegeben und mit anderen ver- tauscht werden. In Wirklichkeit nahm das mythische Vorstellen, wie wir sahen, in den Ursachen eine freie Lebendigkeit und seelische Kraft an, welche in unserem Begriff einer Ursache im Naturlauf mcht mehr anzutreffen ist. Die Elemente, welche ursprünglich in der Ursache vorgestellt wurden, haben eine beständige Minderung erfahren, und andere sind in einem Vorgang von Anpassung der ursprünglichen Vor- stellung an die Außenwelt in ihre Stelle eingetreten. Diese Begriffe haben eine Entwicklungsgeschichte.

Der Grund selber, aus welchem die Vorstellungen von Substanz und Kausalität sich einer eindeutigen klaren Bestimmung nicht fähig erweisen, kann innerhalb dieser phänomenologischen Betrachtung der Metaphysik nur als eine Möglichkeit vorgelegt werden, die dann die Substanz und Kausalität sind nicht Verstandesformen 40 1 Erkenntnistheorie zu erweisen hat. In der Totalität unserer Gemüts- kräfte, in dem erfüUten lebendigen Selbstbewußtsein, welches das Wir- ken eines anderen erfährt, liegt der lebendige Ursprung dieser beiden Begriffe. Nicht eine nachkommende Übertragung aus dem Selbstbe- wußtsein auf die an sich leblose Außenwelt, durch welche diese letz- tere in mythischem Vorstellen Leben empfinge, braucht hierbei an- genommen zu werden. Das Andere kann im Selbstbewußtsein so ur- sprünglich wie das Selbst als lebendige wirksame Realität gegeben sein. Was aber in der Totalität der Gemütskräfte gegeben ist, das kann nie von der Intelligenz ganz aufgeklärt werden. Der Differenzierungs- prozeß der Erkenntnis in der fortschreitenden Wissenschaft kann da- her als Vorgang der Abstraktion von immer mehr Elementen dieses Lebendigen absehen: jedoch der unlösliche Kern bleibt. So erklären sich alle Eigenschaften, welche diese beiden Begriffe von Substanz und Kausalität im Verlauf der Metaphysik gezeigt haben, und es kann ein- gesehen werden, daß auch künftig jeder Kunstgriff des Verstandes diesen Eigenschaften gegenüber machtlos sein wird. Daher wird echte Naturwissenschaft diese Begriffe als bloße Zeichen für ein x, welches ihre Rechnung bedarf, behandeln. Die Ergänzung dieses Verfahrens liegt dann in der Analysis des Bewußtseins, welche den ursprüng- lichen Wert dieser Zeichen imd die Gründe, aus welchen sie in der na- turwissenschaftlichen Rechnung erforderlich sind, aufzeigt.

Ganz anders stehen zu diesen Begriffen die Geisteswissenschaften. Sie behalten von den Begriffen Substanz und Kausalität nur das recht- mäßigerweise, was im Selbstbewußtsein und der inneren Erfahrung gegeben war, und sie geben alles auf, was in ihnen aus der Anpassung an die Außenwelt stammte. Sie dürfen daher von diesen Begriffen keinen direkten Gebrauch zur Bezeichnung ihrer Gegenstände machen. Ein solcher hat ihnen oft geschadet und nie an irgendeinem Punkte ge- nützt. Denn nie haben diese abstrakten Begriffe dem Erforscher der menschlichen Natur über diese mehr sagen können, als in dem Selbst- bewußtsein gegeben war, aus welchem sie hervorgegangen sind. Selbst wenn der Begriff von Substanz auf die Seele anwendbar wäre, ver- möchte er nicht einmal die Unsterblichkeit in einer religiösen Ordnimg der Vorstellungen zu begründen. Führt man die Entstehung der Seele auf Gott zurück, so kann was entstanden ist auch untergehen, oder was sich in einem Vorgang von Emanation ausgesondert liat in die Einheit zurücktreten. Schließt man aber die Annahme einer Schöp- fung oder Ausstrahlung von Seelensubstanzen aus Gott aus, so fordert die seelische Substanz eine atheistische Wcltordnung: die Seelen sind dann, gleichviel ob allein ohne Gott oder unabhängig neben Gott, un- gewordene Götter.

Diltheys Schriften I 26 402 Zweites Buch. Vierter Abschnitt Eine inhaltliche Vorstellung des Weltzusammenhangs kann nicht erwiesen werden.

Indem die Metaphysik ihre Aufgabe weiter verfolgt, entspringen aus den Bedingungen derselben neue Schwierigkeiten, welche eine Lö- sung der Aufgabe unmöglich machen. Ein bestimmter innerer ob- jektiver Zusammenhang der Wirklichkeit, unter Ausschluß der möglichen übrigen, ist nicht erweisbar. An einem weiteren Punkte stellen wir daher fest: Metaphysik als Wissenschaft ist un- möglich.