SigPhi · Wilhelm Dilthey

Einleitung in die Geisteswissenschaften

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Das Studium der äußeren Organijation der Gefellichaft hat, feitdem e3 in Europa auftrat, feinen Mittelpunkt in der Staat3- wiſſenſchaft. In der Abenddämmerung des Lebens der griechiichen Politien treten die zwei großen Staatötheoretifer hervor, welche das Fundament dieſer Wifjenfchaft gelegt haben. Wohl beftanden damals noch die Phylen und Phratrien einerſeits, die Demen andrerſeits, ala die Refte der alten Geichlechter- und Gemeinde» ordnungen, beſaßen Recht3perfönlichkeit und Vermögen, neben ihnen beftanden auch freie Genofienichaften. Aber im pofitiven Rechte Athens jcheint 1) zwiſchen dem Beichluß einer Corporation und der Abrede für eine gemeinfame Handelsunternehmung fein Unterfchied beftanden zu haben. Unter dem allgemeinen Begriff von xowwri« wurde das ganze Berbandäleben befaßt und eine Untericheidung wie die römische zwifchen universitas und societas hatte ſich nicht herausgebildet. Ariftotele8 formulirt daher nur das Ergebniß der griechiichen Verbandsentividlung, wenn er von dem Begriff der xowwria in feiner Politik ausgeht, dag genetiiche Verhält⸗ niß entwidelt, da8 von dem Yamilienverband zu dem Dorfverband (xoun), von diefem zum Stadtftaat (ndAıs) führt, alsdann aber den Dorfverband, ala ein Stadium von nur geichichtlicdem In— tereffe in feiner politifchen Theorie felber verſchwinden läßt und den freien Genoſſenſchaften feine Stelle in feinem Staate zutheilt. Mar doch im griechiichen Leben in der Herrichaftsordnnung des Stadtftantes alles Verbandaleben untergegangen. — Es entwickelten fi) dann weitere Beftandtheile einer Theorie der äußeren Organi- fation der Gefellichaft in der Rechtäwiflenichaft, in der kirchlichen Wiſſenſchaft: am hellen Tage der Geichichte jehen wir ben größten Verband, den Europa hervorgebracht Hat, die Tatholilche Kirche, heranwachſen und in theoretifchen Formeln feine Natur ausſprechen, aus ihr heraus feine Rechtsordnung fich Ichaffen.

Die europätfche Gejellichaft zeigte nach der Franzöfiichen Re- volution ein ganz neues Phänomen, als ſozuſagen die Hemmungs⸗ apparate, weld;e in ihrer früheren äußeren Organijation zwiſchen den ftarfen Leidenjchaften der arbeitenden Claſſen und der die v Dal. das Solon zugeichriebene Geſetz Corp.jur. 1. 4 Dig. de coll. 47, 22, Die Gefellichaftäwifienichaft. 105 Eigenthums⸗ und Rechtsordnung aufrecht erhaltenden Staatsmacht beftanden hatten, nunmehr größtentheild weggefallen waren, und das rapide Wachäthum der Induftrie und der Verkehrsverbindungen eine täglich anwachſende Maſſe von Arbeitern, durch Intereſſenge⸗ meinjchaft über die Grenzen der Einzelſtaaten hinaus verbunden, durch den Fortichritt der Aufklärung ihrer Intereffen immer deut- licher betvußt, der Staat3macht gegenüberftellte. Aus der Auffafjung diefer neuen Thatſache entjprang der Verfuch einer neuen Theorie, der Geſellſchaftswiſſenſchaft. Im Frankreich bebeutete Socivlogie die Ausführung der gigantifchen Traumidee, aus der Berfnüpfung aller von der Wiſſenſchaft gefundenen Wahrheiten die Erkenntniß der wahren Natur der Gejellichaft abzuleiten, auf Grund diejer Erkenntniß eine neue den herrichenden Thatlachen der Wifjenichaft und Induftrie entiprechende äußere Organifation der Gefellichaft zu entwerfen, ſowie vermittelft diefer Erfenntniß die neue Gejellfchaft zu leiten. Im diefem Berftande hat während der gewaltthätigen Krifen in der Wende des Jahrhunderts der Graf Saint:Simon den Begriff der Sociologie entwidelt. Sein Schüler Comte bat die angeftrengte Arbeit eined ganzen Leben? mit folgerichtiger Beharrlichkeit dem ſyſtematiſchen Aufbau diejer Wiſſenſchaft gewidmet.

In der Rüdwirkung auf diefe Arbeiten, unter dem Einfluß derielben Lage der Gejellichaft entftand in Deutichland der Begriff und Verſuch einer Gefellfchaftälehre!). In gefunden, willenjchaft- lich pofitivem Sinn, unternahm fie nicht, die Staatswiſſenſchaften durch ein Ganzes von ungeheuren Dimenfionen zu erjegen: fie wollte fie ergänzen. Das Ungureichende des abſtrakten Staatäbe- griffs war, ſeit den erften Bliden von Schlözer, durch die hiſtoriſche Schule immer deutlicher zum Bewußtſein gekommen, dieje hatte die Thatſache des Volkes durch ihre Arbeiten in einer ganz neuen 1) Zu der gründlichen Ueberficht der Literatur in Mohls Geſchichte und Literatur der Staatswiſſenſchaften I, 1855 ©. 67ff. bemerke ich, daß der erfte (und fruchtbarfte) Entwurf (mas Mohl ©. 101 nicht hervorgehoben) hinter 1850 zurüdgeht und in Steins Socialismus Frankreichs 2. Aufl. 1848 ©. 14 ff. fich findet.

106 Erſtes einleitendes Bud.

Tiefe gejehen. Hegel, Herbart, Krauje wirkten in derſelben Richtung. Es Tann nicht beftritten werben, daß man, von dem @inzelleben der Individuen zur Staatmacht fortichreitend, zwifchen beiden ein weites Reich von Thatſachen antrifft, welche dauernde Beziehungen diefer Individuen aufeinander und die Welt der Güter enthalten. Der Staatsmacht ſtehen die Individuen nicht ala iſolirte Atome gegenüber, fondern ald ein Zujammenhang. Im Sinne unferer bisherigen Darlegungen wird man weiter an= ertennen müflen, daß auf der Grundlage der natürlichen Yamilien- gliederung und der Niederlaffung, im neinandergreifen der Thätig= feiten des Kulturlebens in ihren Beziehungen auf die Güter eine Organifation entfteht, welche der Staat von Anfang an trägt und ermöglicht, welche aber nicht ganz, wie fie ift, in den Zuſammen⸗ bang der Staatsgewalt eingegliedert wird. Die Ausdrüde Volk und Gejellichaft haben zu diefer Thatſache eine augenfcheinliche Beziehung.

Die Trage nach der Griftenzberechtigung einer bejonderen Geſellſchaftswiſſenſchaft ift nicht die über die Eriftenz diefer That⸗ fache, jondern über die Zweckmäßigkeit, fie zum Gegenftand einer bejonderen Wiflenichaft zu machen. — Im Ganzen gleicht die Frage, ob irgend ein Theilinhalt der Wirklichkeit geeignet ei, von ihm aus bewieſene und fruchtbare Sätze zu entwideln, der Trage, ob ein Meier das vor mir liegt ſcharf ſei. Man muß fchneiden. Eine neue Wiſſenſchaft wird conftituirt durch die Entdeckung wich⸗ tiger Wahrheiten, aber nicht durch die Abſteckung eines noch nicht occupirten Zerraind in der weiten Welt von Thatfachen. Das muß gegen den Entwurf Robert von Mohl's Bedenken erregen. Diefer geht davon aus, daß zwiſchen Einzelperfon, Familie, Stamm und Gemeinde!) einerjeit?, dem Staat andrerſeits, gleich- förmige Beziehungen und in Folge deflen bleibende Geftaltungen einzelner Beitandtheile der Bevölkerung ſich befinden: jolche werden 1) So nachdem er auf Grund der Einwendungen Treitichle’3 (Ge- jellichaftsmwifienichaft 1859) Die Gemeinde aus feiner Gefellichaftölehre ausge⸗ ichieden hatte. Vgl. darüber Encyklopädie der Staatäwifienfchaften. Aufl. 2.

Sie Geſellſchaftswiſſenſchaft. 107 durch die Gemeinjchaft der Abftammung von bevorzugten Yamilien, die Gemeinfchaft der perjönlichen Bedeutung, der Verhältniffe des Beſitzes und Erwerbs ſowie der Religion gebildet. Ob auf Grund dDiefer Abgrenzung eines Thatbeftandes eine „allgemeine Geſell⸗ ichaftälehre d. 5. Begründung des Begriff und der allgemeinen Geſetze“1) der Gejellichaft nothivendig jei, würde nur durch Die Auffindung diejer Gelee beiviejen werden können. Jede andere Art von Erörterung jcheint fein Ergebnik zu verjprechen. — In vieljähriger Arbeit hat Lorenz von Stein verfucht, einen folchen Zuſammenhang von Wahrheiten zu enttwideln; was er anftrebt ift eine wirkliche erflärende Theorie, welche zwiſchen bie Güterlehre?), in der lebten Faſſung: zwiſchen die Erkenntniß der wirthichaft- lichen Thätigfeit, der Arbeit des Gottesbewußtjeind und der Arbeit des Willens °) einerjeit? und die Staatswiſſenſchaft andrerſeits treten ſoll. Uebertragen wir das in den bier entwidelten Zu⸗ ſammenhang, fo wäre dieje Wiflenfchaft das Bindeglied zwiſchen den Willenichaften von den Syſtemen der Kultur und der Staats⸗ wiſſenſchaft. Die Gejellichaft ift ihm, dem entiprechend, eine dauernde und allgemeine Seite in allen Zuftänden der menſchlichen Gemeinfchaft, ein weſentliches und machtvolles Element der ganzen Weltgefchichte). Erſt wenn wir an einer jpäteren Stelle jeine tiefgedachte Theorie einer logiſchen Prüfung unterwerfen, Tann Die Frage entichieden werden, ob die von ihm entividelten Wahrheiten zur Ablonderung einer Gejellichaftälehre berechtigen.

Auch an diefem Punkte tritt die Nothivendigkeit einer erfennt- nißtheoretiihen und logiſchen Grundlegung hervor, welche dag Berhältniß der abftrahirten Begriffe zu der gejellichaftlich-gefchicht- lichen Wirklichkeit, deren Theilinhalte fie find, aufllärt. Denn bei den Stantögelehrten macht fi) die Neigung bemerkbar, die Ge⸗ jellichaft ala eine für fich beftehende Wirklichkeit zu betrachten. Will doc Mohl die Gefellichaft geradezu ala „ein wirkliches Leben, 108 Erſtes einleitendes Buch.

einen außer dem Staate ftehenden Organismus“?!) verftanden willen, ala ob irgend einer ihrer Lebenskreiſe außerhalb ber Alles erhaltenden Staatsgewalt, außerhalb der vom Staat ge⸗ ſchaffenen Rechtsordnung die Dauer haben könne, welche nad) ihm jelber zu ihren Merkmalen gehört. Stein conftruirt gejellfchaftliche Ordnungen und Verbände und läßt dann über fie im Staat fich die Einheit in abloluter Selbftbeftimmung zur höchften Yorm alle gemeiner Perfönlichkeit erheben. Sieht man bei ihm Gefellichaft und Staat einander ala Mächte gegenübertreten, jo kann der Em- pirifer dem doch nur die Unterjcheidung der zu einer gegebenen Beit beitehenden Staatsmacht und der in ihrer Herrichaftsiphäre befindlichen, aber nicht von ihr gebundenen, jondern in einem eigenen Syſtem von Beziehungen ftehenden freien Kräfte unter- legen. Sn einer theoretifchen Betrachtung über die Kräfteverhält- niffe im politifchen Leben kann man jo gut als das Kräfteverhält- niß zwiſchen Stantdeinheiten auch das zwiſchen der Staatsmacht und den freien Kräften in's Auge faſſen. Aber Gejellichaft in diefem Verſtande faßt auch Refte älterer ftaatlicher Ordnungen in fih fie jet fich nicht wie die Geſellſchaft Stein? aus Beziehungen von einer beftimmten Provenienz zufammen.

XIV.

XIV.

Phileſephie der Gefhichte und Sorislogie find keine wirklihen Wiſſenſchaften.

Mir ftehen an der Grenze der biäher zur Ausbildung ge= langten Einzelwifjenfchaften der gefchichtlich-gefellfchaftlihen Wirk⸗ lichkeit. Dieje haben zunächſt Bau und Funktionen der wichtigften dauernden Thatbejtände in der Welt der piychophufiichen Wechſel⸗ wirkungen zwiſchen Individuen innerhalb des Naturganzen erforjcht. Es bedarf anhaltender Uebung, um dieje übereinander fich lagernden, einander fich Ichneidenden engeren Zufammenhänge von Wechjel- Philoſophie der Geſchichte und Sociologie feine Wiffenichaften. 109 wirtung, die ſich in ihren Trägern, den Individuen, kreuzen, gleichzeitig ala Theilinhalte der Wirklichkeit, nicht ala Abſtraktionen, vorzuftellen. Verſchiedene Perfonen find in jedem von uns, das Hamilienglied, der Bürger, der Berufsgenofje; wir finden ung im Zufammenhang fittlicher Verpflichtungen, in einer Rechtsordnung, in einem Zweckzuſammenhang des Lebend, der auf Befriedigung gerichtet ift: nur in der Selbftbefinnung finden wir die Lebens⸗ einbeit und ihre Gontinuität in ung, welche alle dieje Beziehungen trägt und hält. So Hat auch die menſchliche Geſellſchaft ihr Leben in der Herborbringung und Geftaltung, Bejonderung und Ber- knüpfung biefer dauernden Thatbeftände, ohne daß fie oder eines der fie mittragenden Individuen darum ein Bewußtſein von dem Zuſammenhang bderjelben beſäße. Welch ein Vorgang von Diffe- venzirung, in welchem das römilche Recht die Privatrechtsiphäre abfonderte, die mittelalterliche Kirche der religiöfen Sphäre zu voller Selbftändigkeit verhalf! Bon den Beranftaltungen ab, welche ber Herrichaft des Menjchen über die Natur dienen, bis zu den höchften Gebilden der Religion und Kunft arbeitet jo der Geift beftändig an Scheidung, Geftaltung dieſer Syfteme, an ber Entwidlung der äußeren Organijation der Geſellſchaft. Ein Bild, nicht weniger erhaben ala jedes, dad Naturforichen von Entitehung und Bau des Kosmos entwerfen kann: während die Individuen kommen und gehen, ift doch jedes von ihnen Träger und Mitbildner an diefem ungeheuren Bau der gefchichtlich-gefell- Ichaftlichen Wirklichkeit.

Löſt nun aber die Einzelwiſſenſchaft diefe dauernden Zuftände aus dem rajtlofen, wirbelnden Spiel von Veränderungen los, welches die gefchichtlich-gejellichaftliche Welt erfüllt: To haben fie doch Entftehung und Nahrung nur in dem gemeinjchaftlichen Boden diefer Wirklichkeit; ihr Leben verläuft in ben Beziehungen zu dem Ganzen, aus welchem fie abftrahirt find, zu den Indivi⸗ duen, welche ihre Träger und Bildner find, zu ben anderen dauern⸗ den Geftaltungen, welche die Geſellſchaft umfaßt. Das Problem des Verhältnifſſes der Leiftungen diefer Syſteme zu einander im Haushalt der gejellichaftlichen Wirklichkeit tritt hervor. Diefe Wirk- 110 Erftes einleitended Buch.

lichkeit jelber, ala ein lebendiges Ganze, möchten wir erkennen. Und fo werden wir unaufbaltfam dem allgemeinften und lebten Problem ber Geifteswifjenichaften entgegengetrieben: giebt e8 eine Erkennt⸗ niß dieſes Ganzen der geichichtlich-gefellichaftlichen Wirklichkeit?

Die wiſſenſchaftliche Bearbeitung der Thatjachen, welche irgend eine der Einzelwiflenjchaften vollbringt, führt den Gelehrten in ber That in mehrere Zufammenhänge, deren Enden von ihm felber weder aufgefunden noch verknüpft werden zu können fcheinen. ch verdeutliche die8 an dem Beiſpiel des Studiums poetifcher Merle. — Die mannichfaltige Welt der Dichtungen, in der Auf- etnanderjolge ihrer Erfcheinungen, kann zunächſt nur in und aus der umfaflenden Wirklichkeit des Kulturzufammenhangs verftanden werden. Denn Fabel, Motiv, Charaktere eines großen dichterifchen Werkes find durch dag Lebenzidenl, die Weltanficht, ſowie die ge- ſellſchaftliche Wirklichkeit der Zeit bedingt, in der es entftand, rüd- wärts durch die weltgejchichtliche Uebertragung und Entwicklung dichterifcher Stoffe, Motive und Charaktere. — Andrerjeit3 führt die Analyſe eines dichterifchen Werkes und feiner Wirkungen zurück auf die allgemeinen Gejete, welche dieſem Theil des in der Kunſt vorliegenden Syſtems der Sultur zu Grunde liegen. Denn bie wichtigften Begriffe, Durch welche ein dichterifches Werk erkannt wird, die Geſetze, welche in feiner Gejtaltung wirken, find in der Phantafie des Dichter? und ihrer Stellung zur Welt ber Erfahrungen begründet und können nur durch ihre Bergliederung gewonnen werden. Die Phantafie aber, melde ung ala ein Wunder, ala ein vom Alltagsleben der Menjchen ganz verfchie- dene Phänomen zunächſt gegenübertritt, ift für die Analyfis nur die mächtigere Organilation beftimmter Menjchen, welche in der ausnahmsweiſen Stärke beftimmter Vorgänge gegründet iſt. So⸗ nach baut fi) das geiftige Leben feinen allgemeinen Geſetzen ge- mäß in dieſen mächtigen Organifationen zu einem Ganzen von Yorm und Leitung auf, welches von der Natur ber Durchſchnitts⸗ menſchen ganz abweicht und doch nur in denfelben Geſetzen ge- gründet ift. Wir werden aljo in die Anthropologie zurückgeführt. Die Correlatthatſache der Phantafie bildet die äfthetiiche Empfänglichkeit. Sie verhalten ſich zu einander wie das fittliche Urtheil zu den Beweggründen des Handelns. Auch dieſe Thatjache, welche die Wirkung von Dichtungen, die auf die Berechnung diefer Wir- fungen gegründete Technik, die Nebertragung äfthetiicher Stimmungen auf ein Beitalter erklärt, ift eine Folgethatſache der allgemeinen Geſetze des geiftigen Lebens. — Sonach ift das Studium der Ge- Ichichte dichteriicher Werke und der nationalen Literaturen an zwei Punkten von dem des geiftigen Leben? überhaupt bedingt. Ein- mal fanden wir es nämlich abhängig von der Erkenntniß des Ganzen ber gejchichtlich-gejellichaftlichen Wirklichkeit. Der concrete urſächliche Zuſammenhang ift hineinverwebt in den der menjchlichen Kultur überhaupt. Wir fanden aber zweitens: die Natur geiftiger Thätigfeit, welche dieſe Schöpfungen hervorgebracht Hat, wirkt nach den Gejeten, welche das geiftige Leben überhaupt beberrichen. Daher muß eine wahre Poetif, welche Grundlage für dad Studium ber fchönen Literatur und ihrer Gefchichte fein joll, ihre Begriffe und Säbe aus der Verknüpfung gefchichllicher Forihung mit. diejem allgemeinen Studium der menjchlichen Natur gewinnen. — Unverädtlich ift endlich die alte Aufgabe einer jolchen Poetik, Regeln für die Herborbringung und die Beurtheilung von dich- terischen Werken zu entwerfen. Die zwei claffiichen Arbeiten Leſſings haben gezeigt, wie Klare Regeln aus den Bedingungen, unter die unjere äfthetiiche Empfänglichkeit vermöge der allgemeinen Natur einer beftimmten tünftleriichen Aufgabe tritt, abgeleitet werden Türmen. Den Hintergrund einer allgemeinen Methode von Abſchätzung deſſen, was den Eindrud dichteriicher Werke beftimmt, bat freilich Leifing abfichtlich, nach der ihm eigenen Strategie der Theilung von Fragen und Außfonderung der zur Zeit ihm auf lösbaren Einzelprobleme, in feinem Dunkel gelaſſen; aber es ift Har, daß die Behandlung dieſes Jolchergeftalt allgemein gefaßten Problems vermittelft der Analyfe ber äfthetiichen Wirkungen auf die allge- meinflen Eigenjchaften der menjchlichen Natur zurüdgeführt haben würde. Wir können alfo das äſthetiſche Urtheil nicht auslöſen aus der Auffaflung dieſes Theils der Geſchichte; ſchon dem In⸗ tereſſe, das aus dem Strom des Gleichgiltigen ein Werk zur Be: 112 Erſtes einleitenbes Buch.

trachtung heraushebt, liegt die Urtheil zu Grunde. Wir können nicht eine exakte Gaufalerfenntniß, welche die Beurtheilung aus⸗ ſchlöſſe, herftellen. Dieje ift von der geichichtlichen Erkenntniß durch feine Art von geiftiger Chemie abzufcheiden, jolange der Erkennende ein ganzer Menſch ift. Und doch bilden andrerjeit? Beurtheilung, Regel, wie fie in ben Zuſammenhang diefer Erfenntniß verwebt find, eine britte jelbftändige Clafle von Sätzen, die nicht aus den beiden anderen abgeleitet werden fann. Dies trat uns fchon am Beginn dieſes Ueberblidd entgegen. Nur in der pfychologifchen Wurzel mag ein folder Zuſammenhang beftehen: zu dieſer aber dringt nur die über die Einzelwifjenichaften hinausgehende Selbft- befinnung.

Diefe dreifache Verbindung jeder Einzelunterfuchung, jeder Einzelwiſſenſchaft mit dem Ganzen der geichichtlich-gejellichaftlichen Wirklichkeit und ihrer Erkenntniß kann an jedem anderen Punkte nachgewieſen werden: Verbindung mit dem concreten Gaufalzu- fammenhange aller Thatfachen und Veränderungen biejer Wirflich- feit mit den allgemeinen Geſetzen, unter denen dieje Wirklichkeit fteht, und mit dem Syſtem der Werthe und Smperative, das in dem Verhältniß des Menſchen zu dem Zuſammenhang feiner Aufgaben angelegt ift. Giebt e8, jo fragen wir nun genauer, eine Wiſſen⸗ Schaft, welche diefen dreifachen die Einzelwiſſenſchaften überfhreitenden Zufammenhang erkennt, die Beziehungen erfaßt, welche zwiſchen der geichichtlichen Thatfache, dem Geſetz und der da8 Urtheil leitenden Regel beftehen?

Zwei Wiflenichaften von ſtolzem Titel, die Philofophie der Geſchichte in Deutichland, die Sociologie in England und Frankreich beanspruchen eine Erlkenntniß diefer Art zu fein.

Der Urjprung der einen dieſer Willenichaften lag in bem hriftlichen Gedanken eines inneren Zuſammenhangs fortichreiten- der Erziehung in ber Gefchichte der Menſchheit. Clemens und Auguftinus bereiteten fie vor, Vico, Leffing, Herder, Humboldt, Hegel führten fie aud. Unter dem mächtigen Antrieb, den fie in dem chriftlichen Gedanken einer gemeinfamen Erziehung aller Nationen durch die Vorſehung, eines ſich jo verwirklichenden Reiches Philoſophie d. Geſchichte u. Sociologie beanjpruchen fie zu erfennen. 113 Gottes empfangen hat, fteht fie noch Heute. Der Urfprung ber anderen lag in den Erjchütterungen der europäiichen Gejellichaft feit dem lebten Drittel des 18. Jahrhunderts; eine neue Organi- ſation der Geſellſchaft jollte unter der Leitung des im 18. Jahr⸗ Hundert mächtig berangewachjenen wiſſenſchaftlichen Geiftes ſich vollziehen; von dieſem Bedürfniß aus follte der Zuſammenhang des ganzen Syſtems der wiſſenſchaſtlichen Wahrheiten, von ber Mathematit aufwärts, feftgeftellt und ala ihr letztes Glied bie neue erlöfende Willenfchaft der Gejellichaft begründet werden; Condorcet und Saint⸗Simon waren die Vorläufer, Comte der Begründer diefer umfaflenden Wiſſenſchaft der Geſellſchaft, Stuart Mill ihr Logiker, in Herbert Spencers ausführlicher Darftellung begirmt fie die Phantafien, welche ihre ungeftüme Jugend bewegt haben, abzuthun ').

Gewiß, ein armfeliger Glaube wäre es, die Weije, in der es ber Kunft des Gelchichtichreiberd (ie wir jahen) gegeben ift, das Allgemeine des Zuſammenhangs menfchlicher Dinge im Be⸗ ionderen zu fchauen, fei die einzige und ausschließliche Yorm, in welcher der Zuſammenhang diejer unermeßlichen geſchichtlich-geſell⸗ 1) Bon Saint:-Simon können mit Sicherheit folgende Gebanten in der Sociologie Comte's abgeleitet werben: der Begriff ber Geiellichaft, im Unterichied von dem des Staates, ala einer von den Grenzen ber Staaten nicht eingeichräntten Gemeinschaft; vgl. feine Schrift: Reorganisation de la societe europeenne, ou de la necessit& et des moyens de rassembler les peuples de l’Europe en un seul corps politique, en conservant & chacun sa nationalite (in Gemeinichaft mit Auguftin Thierry verfaßt) 1814; bann der Gedanke einer nach der Zerfehung der Gejellfchaft nunmehr nothivenbigen Organifation derjelben, vermittelft einer leitenden geiftigen Macht, welche ala Philoſophie der pofitiven Wiffenichaften die Verfettung der Wahrheiten in diefen Wiffenjchaften aufzufinden und aus ihr die Socialwifjenichaften abzu⸗ leiten babe; vgl. Nouvelle Enncyclopedie 1810, fowie dad Memoire über diefelbe ꝛc.; endlich ift der Plan, nach welchem ex feit 1797 zuerft die mathe matiſch⸗phyfikaliſchen Wiſſenſchaften in der polgtechniichen Schule ftubirte, dann die biologischen in der medicinifchen Schule von feinem Mitarbeiter und Schüler Comte dann wirklich in wiflenfchaftlicdem Geifte durchgeführt worden. Gomte verband mit diefer Grundlage Turgot's feit 1750 ent: widelte Theorie von den drei Stadien der Intelligenz und de Maiſtre's Theorie von der Rothivendigkeit einer im Gegenſatz zu der zerſetzenden Tendenz bes Proteftantismus bie Geſellſchaft zufammenbaltenden eeiftinen Gewalt.

Diltbey, Einleitung.

114 Erſtes einleitendes Bud).

ſchaftlichen Welt ſür uns da iſt. — Immer wird in dieſer fünftle- riſchen Darſtellung eine große Aufgabe der Geſchicht— ſchreibung beſtehen, welche durch die Generaliſationswuth einiger neueren engliſchen und franzöſiſchen Forſcher nicht eniwerthet werden kann. Denn wir wollen Wirklichkeit gewahr werden, und der Verlauf der erkenntnißtheoretiſchen Unterſuchung wird zeigen, daß fie, wie ſie iſt, in ihrer durch kein Medium veränderten That- ſächlichkeit, nur in dieſer Welt des Geiſtes für und beſteht. Und zwar liegt für unſer Anſchauen in allem Menſchlichen ein Intereſſe nicht des Vorſtellens allein, ſondern des Gemüths, der Mitempfin⸗ dung, des Enthuſiasmus, in welchem Goethe mit Recht die ſchönſte Frucht geſchichtlicher Betrachtung ſah. Hingebung macht das Innere des wahren congenialen Hiſtorikers zu einem Univerſum, welches die ganze geſchichtliche Welt abſpiegelt. In dieſem Univerſum ſittlicher Kräfte hat das Einmalige und Singulare eine ganz andere Bedeu⸗ tung als in der äußeren Natur. Seine Erfaſſung iſt nicht Mittel, ſondern Selbſtzweck: denn das Bedürfniß, auf dem ſie beruht, iſt unvertilgbar und mit dem Höchſten in unſerem Weſen gegeben. Daher haftet auch der Blick des Geſchichtſchreibers mit einer natür⸗ lichen Borliebe an dem Außerordentlichen. Ohne es zu wollen, ja oft ohne es zu willen vollzieht auch Er beftändig eine Abftraf- tion. Denn das Auge deijelben verliert für die Theile des That— beitandes, welche in allen gefchichtlichen Ericheinungen wieder⸗ fehren, die friſche Enmpfänglichkeit, wie die Wirkung eines Ein: drudes, der eine bejtimmte Stelle der Netzhaut anhaltend trifft, ſich abſtumpft. Es bedurfte der philanthropiichen Beweggründe des 18. Jahrhunderts, um das Alltägliche, allen Gemeinjame in einem Beitalter, die „Sitten“, wie ſich Voltaire ausdrückt, ſowie die Veränderungen, welche in Bezug auf diejes ftattfinden, neben dem Außerordentlichen, den Handlungen der Könige und den Schid- lalen der Staaten, wieder recht fichtbar zu machen. Und der Untergrund de3 zu allen Zeiten Gleichen in der menschlichen Natur und dem Weltleben tritt überhaupt nicht in die künſtleriſche Ge— ſchichtsdarſtellung. Auch fie alfo beruht auf einer Abſtraktion. Aber diefelbe ift unmwillfürlih, und da fie aus den ftärkiten Be- Anſchauung dieſes Zuſammenh. i. d. künftleriichen Geichichtichreibung. 115 weggründen der Menichennatur entipringt, jo werden wir ihrer gewöhnlich gar nicht inne. Indem wir ein Vergangenes miterleben, durch die Kunft geichichtlicher Vergegenwärtigung, werden wir be— lehrt, wie durch dag Schauspiel des Lebens jelber; ja unjer Welen erweitert ſich, und pfychilche Kräfte, die mächtiger find ala unſre eigenen, fteigern unjer Dafein.

Daher find die ſociologiſchen und geſchichtsphiloſophiſchen Theorien faljch, welche in der Darftellung des Singularen einen bloßen Rohſtoff für ihre Abftraktionen erbliden. Diejer Aberglaube, welcher die Arbeiten der Geichichtichreiber einem geheimnißvollen Proceß unterwirft, um den bei ihnen vorgefundenen Stoff des Singularen alchymiſtiſch in das lautere Gold der Abftraftion zu verwandeln und die Gelchichte zu zivingen ihr letztes Geheimniß zu berrathen, ift genau jo abenteuerlich, ala je der Traum eines alchymiſtiſchen Naturphilofophen war, welcher das große Wort der Natur ihr zu entloden gedachte. Es giebt Jo wenig ein ſolches leßtes und einfaches Wort der Geichichte, das ihren wahren Einn ausfpräche, ala die Natur ein ſolches zu verrathen bat. Und ganz fo irrig ala diejer Aberglaube ift das Verfahren, welches gewöhnlich mit ihm verbunden ift. Diefes Verfahren will die von den Gefchichtichreibern ſchon formirten Anfchauungen vereinigen. Aber der Denker, welcher die gejchichtliche Welt zum Objekt bat, muß in direkter Verbindung mit dem unmittelbaren Rohmaterial der Geichichte und all ihrer Methoden mächtig fein. Er muß ſich demjelben Geſetz harter Arbeit an dem Rohſtoff unteriverfen, unter dem der Geichichtichreiber fteht. Den Stoff, der durch daß Auge und die Arbeit des Gejchichtichreiberd jchon zu einem künſtleriſchen Ganzen verbunden ift, jei eg mit pfychologifchen fei es metaphy- ſiſchen Säten in Zuſammenhang bringen: diefe Operation wird immer mit Unfruchtbarkeit behaftet bleiben. Spricht man von einer Philoſophie der Gejchichte, jo kann fie nur hiſtoriſche Forſchung in philoſophiſcher Abficht und mit philofophiichen Hilfsmitteln fein.