SigPhi · Wilhelm Dilthey

Einleitung in die Geisteswissenschaften

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Zu diefer Grundlegung felber wenden wir und nunmehr. Sie entnimmt für ihren Aufbau auß dem Biäherigen nur den Be weis der Nothiwendigfeit einer die Geifteswiflenichaften begründen den allgemeinen Wiflenichaft. Dagegen muß fie für die im erften Buch entwidelte Anſchauung der geichichtlich-gefellichaftlichen Wirk⸗ Iichfeit und de Vorgangs, in welchem deren Erkenntniß ftattfindet, joweit diefe Anſchauung mehr al® eine Zufammenordnung von Thatfachen ift, nun exft die ftrenge Begründung darlegen.

Wir finden nun in der Literatur der Geifteswiflenichaften zwei unterichiedene Geftalten einer Jolden Grundlegung. Während die Begründung ber Geifteswifjenichaften auf die Selbit- bejinnung, jomit auf Erkenntnißtheorie und Piychologie bisher in einer geringen Anzahl von Arbeiten verjucht worden ift, welche erft durch die kritische Philofophie des 18. Jahrhundert? hervorgerufen wurden, befteht jeit mehr ala zweitaufend Jahren ihre Begründung auf Metaphyſik. Denn feit einer fo langen Zeit wurde die Erkenntniß der geiftigen Welt auf die Erkenntniß Gottes ala ihre Urhebers und auf die Wiſſenſchaft von dem allgemeinen inneren Zuſammenhang der Wirklichkeit al von dem Grunde der Natur jowie des Geiftes zurückgeführt. Insbeſondere bis in da 15. Jahrhundert Hat die Metaphyſik (den Zeitraum von der Bes gründung der alexandrinischen Willenjchaft bis zum Aufbau der chriſtlichen Metaphyſik ausgenommen) über die einzelnen Wiſſen⸗ Ihaften gleich einer Königin geherrſcht. Ordnet diefelbe fich doch, ihrem Begriff nach nothivendig, alle einzelnen Wiſſenſchaften unter, wenn fie überhaupt anerkannt wird. Diefe Anerkennung aber war jo lange jelbftverftändlich, ala der Geift den inneren und all⸗ gemeinen Zuſammenhang der Wirklichkeit zu erkennen gewiß war.

156 Zweite Buch. Erſter Abfchnitt.

Denn Metaphyſik ift eben das natürliche Syſtem, welches aus der Unterordnung der Wirklichkeit unter das Geſetz des Erkennens entipringt. Metaphyſik ift alſo überhaupt die Verfaſſung ber MWiffenichaft, unter deren Herrfchaft das Studium des Menfchen und der Geleichaft ſich enttwicelt haben und unter deren Einfluß fie no heute, wenn auch in vermindertem Umfang und Grade, ftehn.

An der Pforte der Geiſteswiſſenſchaften tritt ung daher die Metaphufit gegenüber, begleitet von dem Skepticismus, der von ihr ungertrennlich ift, gleichlam ihr Schatten. Der Beweis ihrer Un⸗ baltbarkeit bildet den negativen Theil der Grundlegung der einzelnen Geifteswifjenichaften, welche wir im erften Buch ala nothwendig erfannt haben. Und zwar verſuchen wir die abftrafte Beweis⸗ führung des 18. Jahrhunderts durch die Hiftoriiche Erkenntniß dieſes großen Phänomens zu ergänzen. Wol bat das 18. Jahr⸗ Hundert die Metaphyſik widerlegt. Aber der deutſche Geift lebt, unterichieben von dem englifchen und frangöfifchen, in dem hiſtoriſchen Bewußtſein der Kontinuität, deren Faden bei und im 16. und 17. Jahrhundert nicht abriß; Hierauf beruht feine Biftorifche Tiefe, in welcher daB Vergangene einen Moment des gegenwärtigen gejchichtlichen Bewußtſeins bildet. So bat die Liebe zum großen Alterthum einerjeit3 die gebrochene Metaphyſik bei und in edlen Geiftern auch im 19. Zahrhundert geftüßt; aber eben durch diejelbe gründliche Verſenkung in ben Geift des Pergangenen, in die Erforſchung der Gefchichte des Gedankens haben wir nun andrerſeits die Mittel ertvorben, die Metaphyſik in ihrem Urjprung, ihrer Macht und ihrem Verfall gefchichtlich zu ertennen. Denn die Menfchheit wird dieje große geiftige Thatfache, wie jede andere, welche fich überlebt hat, welche aber ihre Tradition mit fich fortichleppt, nur völlig überwinden, indem fie diefelbe begreift.

indem aber der Leſer dieſer Darftellung folgt, wird er ge= ſchichtlich für die erfenntnißtheoretiiche Grundlegung vorbereitet. Die Metaphyfit, ala das natürliche Syſtem, war, wie die folgende Darftellung begründen wird, ein nothwendiges Stadium in der geiftigen Entwicklung der europäiichen Völler. Daher Metaphyfit ald Grundlegung ber Geiſteswiſſenſchaften. 157 fann der Standpunkt der Metaphyſik von dem, welcher in die Wiſſenſchaften eintritt, gar nicht durch bloße Argumente zur Seite geichoben,, jondern er muß von ihm wo nicht durchlebt, doch ganz durchgedacht und folchergeftalt aufgelöft werden. Beine Folgen erftreden fi) durch den ganzen Bulammenhang der modernen Begriffe, die Litteratur der Religion und des Staats, bes Rechts wie der Gejchichte ift zum größten Theil unter feiner Herrichaft entitanden, und auch der übrigbleibende Theil befindet fi) meift, jelbft gegen jeinen Willen, unter feinem Einfluß. Nur wer diejen Standpunkt in feiner ganzen Kraft jich Har gemacht b. h. das Bedürfniß bdefielben, das in der unveränderlichen Natur des Menjchen wurzelt, geichichtlich verftanden, jeine lang währende Macht in ihren Gründen erfannt und feine Yolgen fich entwidelt bat, vermag jeine eigene Denkart von diejem metaphyſiſchen Boden ganz loszulöſen und die Wirkungen der Metaphyſik in der ihm vorliegenden Litteratur der Geiſteswiſſenſchaften zu erfennen ſowie zu eliminiren. Hat doch bie Menſchheit jelber dieſen Gang ge- nommen. Alsdann nur wer die einfache und Harte Form der prima philosophia an ihrer Gejchichte erkannt hat, wird die Un- Haltbarkeit der gegenwärtig herrſchenden Metaphyſik durchſchauen, welche mit den Erfahrungswiflenichaften verbunden oder ihnen an⸗ gepaßt ift: der Philoſophie der naturphiloſophiſchen Moniſten, Schopenhauers und ſeiner Schüler ſowie Lotzes. Endlich nur wer die Gründe der Sonderung von philoſophiſchen und empiriſchen Geiſtes⸗ wiſſenſchaften, welche in eben dieſer Metaphyſik gelegen find, erkannt, fowie die Folgen diefer Sonderung in der Geichichte der Metaphufif verfolgt Hat, wird in dieſer Sonderung in rationale und empirifche Wiſſenſchaften dad ftehen gebliebene Gehäuſe des metaphufiichen Geiſtes erkennen und es entichloffen wegräumen, um dem gefunden Verfländniß des Zuſammenhangs der Geiſteswiſſenſchaften freien Boden zn Ichaffen.

158 Zweites Buch. Erſter Abichnitt.

Zweites Kapitel.

Ser Begriff der Metaphyſik. Das Problem ihres Berhältnities zu den nächftverwandien Ericheinungen.

Die Betrachtung der geichichtlichen Welt gab uns eine ſchwere Trage auf. Die Wechſelwirkung der Individualeinheiten, ihrer Freiheit, ja ihrer Willfür (diefe Worte in dem Verſtande von Namen für das Erlebniß, nicht für eine Theorie genommen), die Berichiedenheit der nationalen Charaktere und der Individualitäten, endlich die aus dem Naturzufammenhang, in welchem dies Alles auftritt, ftammenden Schidfale:; diefer ganze Pragmatismus der Geſchichte bewirkt einen zuſammengeſetzten weltgeſchicht— lichen Zweckzuſammenhang, vermittelſt der Gleichartigkeit der Menſchennatur ſowie vermittelſt anderer Züge in ihr, welche eine Mitarbeit des Einzelnen an einem über ihn ſelber Hinaus⸗ reichenden ermöglichen, in den großen Formen der auf freies sneinandergreifen der Kräfte gegründeten Syſteme jowie der äußeren Organijation der Menſchheit: in Staat und Recht, wirth- ſchaftlichem Leben, Sprache und Religion, Kunft und Wiſſenſchaft. So entftehen Einheit, Nothivendigkeit und Geſetz in der Geichichte unſeres Geſchlechts. Mag der pragmatiiche Gejchichtichreiber im Spiel der einzelnen Kräfte, in den Wirkungen der Natur und des Geſchicks ober auch einer höheren Hand ſchwelgen, mag der Metaphyſiker feine abftrakten Formeln dieſen wirkenden Kräften jubftituiren, ala ob fie gleich den Geftirngeiftern der eben- falls durch metaphyſiſche Borftellungen genährten Aftrologie dem Menfchengeichlecht feine Bahn vorjchrieben: beide reichen nicht ein⸗ mal an dieje Yrage jelber heran. Das Geheimniß der Gejchichte und der Menjchheit ift tieffinniger ala die Einen und die Anderen. Sein Schleier lüftet fi), wo man den mit fich jelber beichäftigten Willen des Menſchen, gegen feine Abfiht, an einem über ihn Binausreichenden Zweckzuſammenhang wirken oder wo man jeine eingeſchränkte intelligenz an diefem Zuſammenhang etwas voll: bringen fieht, deffen diejer bedarf, daß aber von der einzelnen In⸗ telligena weder beabfichtigt noch voraußgejehen war. Der blinde Fauft Die intellektuelle Entwicklung ein Zweckzuſammenhang. 159 in der letzten täuſchenden Arbeit ſeines Lebens iſt das Symbol aller Helden der Geſchichte, ſo gut als Fauſt, der mit Auge und Hand des Herrſchers Natur und Geſellſchaft geſtaltet.

Innerhalb diefes lebendigen Zweckzuſammenhangs, welcher in der Totalität der Menſchennatur gegründet iſt, hat ſich allmälig die intellektuelle Entwicklung des Menſchengeſchlechts in der Wiſſenſchaft abgeſondert. — Sie bildet einen vernünftigen Zuſammen⸗ hang, der über das Individuum hinausreicht. Die Zweckthätigkeit der einzelnen Menſchen, die Schleiermacher ala „Wiſſenwollen“, andere als „Wiſſenstrieb“ bezeichnen (Namen für eine Thatſache des Bewußtſeins, nicht aber Erklärung dieſer Thatſachey, muß auf die entiprechende Zweckthätigkeit anderer Menſchen rechnen, diejelbe aufnehmen und in fie hinübergreifen. Und zwar find gerade Vor- ftellungen, Begriffe, Säße einfach übertragbar. Darum findet in dieſem Zuſammenhang oder Eyſtem eine jo ftätige Yortentwidlung ftatt, al3 auf feinem anderen Felde menschlichen Thuns. Obwohl biefer Zweckzuſammenhang der wifjenjchaftlichen Arbeit nicht durch einen Geſammtwillen geleitet wird, jondern er vollzieht fi in der freien Thätigfeit der einzelnen Individuen. — Die allgemeine Theorie dieſes Syſtems iſt Erfenntnißtheorie und Logik. Sie hat daB Verhältniß der Elemente in diefem vernünftigen Zuſammen⸗ Hang des im Menſchengeſchlecht fich vollziehenden Erfenntnißpro- zeſſes zu einander, jofern e3 einer allgemeinen Yallung fähig ift, zu ihrem Gegenſtande!?). Somit ſucht fie in dem über das In⸗ bividuum hinausreichenden Zuſammenhang dieſes Erfenntnißvor- gangs Nothwendigkeit, Gleichförmigkeit und Geſetz. Ihr Material Siſt die Geſchichte der menſchlichen Erkenntniß ala Thatſache und ihren Schlußpunkt bildet das zuſammengeſetzte Bildungsgeſetz in dieſer Geſchichte der Erkenntniß. — Denn obgleich die Geſchichte der Wiſſenſchaft theilweiſe durch ſehr mächtige, zum Theil höchſt eigenwillige Individuen gemacht wird, obgleich die verſchiedenen Anlagen der Nationen auf dieſe Geſchichte einwirken, das miliou der Geſellſchaft, in welchem dieſer Erkenntnißvorgang ſich vollzieht, überall ihn mitbeftimmt: dennoch zeigt die Geſchichte des willen- 160 Zweites Buch. Erſter Abſchnitt.

ſchaftlichen Geiftes eine über ſolchen Pragmatismus hinausreichende folgerichtige Einheit. Pascal betrachtet das Menichengeichlecht ala ein einziges Individuum, welches immerfort lernt. Goethe vergleicht die Gejchichte der Wiflenfchaften mit einer großen Fuge, in welcher die Stimmen ber Völker nad) und nach zum Vorſchein kommen.

In diefem Zweckzuſammenhang der Gelchichte der Willen- Ichaften tritt an einem beftimmten Punkte, im 5. Jahrhundert v. Chr. bei den europäiſchen Völkern die Metaphyſik hervor, beherrſcht in zwei großen Beiträumen den wiflenjchaftlichen Geift Europas und ift alddann ſeit mehreren Sahrhunderten in einen allmäligen Auflöfungsprogeß eingetreten.

Der Ausdrud Metaphyſik wird in fo verichiedenem Verſtande gebraucht, daß der Inbegriff von Thatjachen, welcher bier mit dieſem Namen bezeichnet wird, zunächſt hiſtoriſch einigermaßen abgegrenzt werden muß.

Es ift bekannt, daß der Ausdruck uriprünglid nur die Stellung der „erften Philojophie” des Ariftoteles Hinter feinen naturwiſſenſchaftlichen Schriften bezeichnete, daß derſelbe aber als⸗ dann, der Zeitrichtung entiprechend, auf eine Wiſſenſchaft beffen, was über die Natur hinausgeht, gedeutet wurde!).

Mas Ariftoteles unter erfter Philofophie verftand, wird da= _ rum der Beitimmung diefes Begriffs am zweckmäßigſten zu Grunde gelegt, weil dieje Wiſſenſchaft durch Ariftoteles ihre jelbftändige von den Einzelwifjenichaften Ear unterjchiedene Geftalt empfangen bat, und weil der Begriff der Metaphyſik, wie derjelbe im Zus jammenbang hiermit von Xriftoteles geprägt wurde, in dem folge- richtigen Verlauf des Erkenntnißvorgangs angelegt war. Das was Hiftoriich hier auftrat, kann zugleich als das was in dem 1) Bonitz, Aristotelis Metaphysica II, p. 3 80. erörtert erichöpfend, bat Ariftoteles dieſe Wiffenfchaft ald mewrn yılooopl« bezeichnete, daß ber Ausdruck vera Ta yuoıza für diefen Theil der Schriften bes Ariftoteled im Zeitalter des Auguſtus zuerft auftritt (wahricheinlich auf Andronikus zurück⸗ zuführen) und zunächſt den Schrifteninbegriff bedeutet, welcher auf den natur: wiflenjchaftlichen in der Sammlung und in dem von Ariftoteles hinreichend angedeuteten ſyſtematiſchen Zuſammenhang folgte, aldbann aber, ber Zeitrich tung entiprechend, auf eine Wiflenichaft des Tranzicendenten gebeutet wurbe.

. « Der Begriff der Metaphyſik durch Ariftoteles beftimmt. 161 Zweckzuſammenhang der Geſchichte der Wiſſenſchaften bedingt war, erwieſen werden. — Von der Erfahrung unterſcheidet fich nach Ariſtoteles die Wiſſenſchaft dadurch, daß ſie den Grund erkennt, welcher in der wirkenden Urſache gelegen iſt. Von der Einzel⸗ wiſſenſchaft unterſcheidet fich die Weisheit, in welcher der Wifſſens⸗ trieb ſeine in ihm ſelber gelegene Befriedigung findet (das Wort Weisheit hier in ſeinem engſten, höchſten Verſtande genommen, ſonach die erſte Weisheit), dadurch, daß fie die erſten Gründe, welche ganz allgemein die ganze Wirklichkeit begründen, erkennt. Sie enthält alle Gründe für die befonderen Erfahrungskreiſe und ſie beherrſcht vermittelſt dieſer Gründe das geſammte Handeln. Dieſe erſte vollkommene Weisheit iſt eben die erſte Philoſophie. Während die Einzelwiſſenſchaften, 3. B. die Mathematik, einzelne Gebiete des Seienden zu ihrem Gegenftand haben, hat dieje erfte Philofophie dad ganze Seiende oder dad Seiende als Seiendes d. 5. die gemeinjamen Beitimmungen des Seienden zu ihrem GSegenftand. Und während jede Einzelwiflenichaft, entiprechend biejer Aufgabe, ein beftimmtes Gebiet des Seienden zu erkennen, in der Feftftellung der Gründe nur bis zu einem gewifjen Punkte zurückgeht welcher felber im Zuſammenhang der Erkenntniß rüd- wärts bedingt ift, Hat die erſte Philoſophie die nicht weiter im Erkenntnißvorgang bedingten Gründe alles Seienden zu ihrem Gegenftand. ') Diefe Begriffäbeftimmung der erften Philojophie oder Meta⸗ phyſik, welche Ariftoteles entwarf, wird von den am meiften ber- vorragenden Metaphyſikern des Mittelalters feitgehalten.2) In der neueren Philojophie überwiegt immer mehr die, am meilten abftrafte unter den Formeln bes Ariftoteles, welche die ‘Meta- phyſik ala Wiſſenſchaft der nicht weiter im Erfenntnißvorgang be- 1) Dieje Begrifföbeftimmung der nowrn yılocoyla bed Ariftoteles ift vermittelft der DBerbinbung von insbejonbere Metaph. I, 1. 2. IH, 1ff. VI, 1 abgeleitet. In Betreff bes DVerhältnifies ber Begriffe von aoyia, rEWTn Oopla, Olms Voyös ZU npWrn yılocopla verweije ich auf Schweg⸗ ler? Commentar zur Metaphyfit S. 14 und ben Index bon Boniß s. v. coole.

2) Thomae Aquinatis summa de veritate 1. I, c. 1.

Dilthey, Einleitung. 11 162 Zweites Bud. Erfter Abichnitt.

dingten Gründe beftimmt. So definirt Baumgarten die Metaphyſik ala die Wiſſenſchaft der erften Erkenntnißgründe Und auch Kant beftimmt ganz übereinflimmend mit. Ariftotele® den Begriff der- jenigen Wiſſenſchaft, welche er ala die dogmatilche Metaphyſik be⸗ zeichnet und deren Auflöfung zu vollbringen er unternahm. Er Inüpft in feiner Kritif der Vernunft genau an den Ariftoteliichen Begriff von Gründen, welche jelber nicht mehr bedingt find, an. Jeder allgemeine Sab (jagt Kant), injofern er ala Oberjat in einem Bernunftichluß dienen farm, iſt ein Prinzip, nach welchem das⸗ jenige erkannt wird, was unter die Bedingung defielben jubjumirt wird. Diefe allgemeinen Sätze als ſolche find nur comparative Prinzipien. Die Vernunft unterwwirft nun aber alle Verſtandes⸗ regeln ihrer Einheit, zu den bedingten Erkenntniſſen des Ver⸗ ftandes fucht fie das Unbedingt. Hierbei wird fie von ihrem ſynthetiſchen Prinzip geleitet: ift dag Bedingte gegeben, jo ift auch die ganze Reihe einander untergeordneter Bedingungen, die mit- bin ſelber unbedingt ift, gegeben. Dies Prinzip ift nad Kant das der dogmatiichen Metaphufil, und diejelbe ift ihm ein noth- wendiges Stadium in der Entwidlung der menjchlichen Intelli⸗ genz.!) — Alsdann jtimmen mit der Begriffsbeftimmung Des Ariftoteles die meiften philojophiichen Schriftfteller der letzten Generation überein.?) In diefem Verſtande ift der Materialis⸗ mus oder der naturwiſſenſchaftliche Monismus jo gut Metaphyſik, ala die Ideenlehre Platos; denn auch in jenen Handelt es ſich um die allgemeinen nothwendigen Beitimmungen des Seienden.

Aus der Ariftoteliichen Begriffebeftimmung der Metaphyſik ergiebt fich vermittelft der ficheren Einfichten der kritiſchen Philo- ſophie ein Merkmal der Metapbufit, welches ebenfalls einem Streit nicht unterliegen kann. Kant hat dies Merkmal richtig heraus⸗ gehoben. Alle Metaphyſik überjchreitet die Erfahrung. Sie ergänzt 2) Trendelenburg, log. Unterjuchungen (dritte Aufl.) 1, 6ff. Ueber: weg, Logik (dritte Aufl.) S. 9ff. Schelling, der in feinen letzten Arbeiten ebenfalla auf Ariftoteles zurüdgeht, Philofophie der Offenbarung, W. W. 1, 3, 38. Lotze, Metaphyſik ©. 6ff.

Unpaltbarkeit abweichender Beftimmungen des Begriffe Metaphyfil. 163 da8 in der Erfahrung Gegebene durch einen objel- tiven und allgemeinen inneren Zuſammenhang, welcher nur in der Bearbeitung der Erfahrumg unter den Bebin- gungen des Bewußtſeins entfteht. Herbart bat diefen wahren Charakter aller Metaphufit, wie er ſich aus der Betrachtung ihrer Geſchichte unter dem Gefichtspunft eines Eritiichen Denkens ergiebt, meifterhaft dargelegt. Jede Atomenlehre, welche das Atom nicht blos als einen methodiſchen Hilfebegriff betrachtet, ergänzt bie Erfahrung durch Begriffe, welche in der Bearbeitung dieſer Erfahrung unter den Bedingungen des Bewußtſeins entiprungen find. Der naturwiſſenſchaftliche Monismus fügt eine in feiner Erfahrung liegende, dieje vielmehr ebenfalld ergänzende Beziehung zwiſchen materiellen und pfychiſchen Vorgängen zu dem Erfahrenen Binzu, welcher gemäß in den Beftandtheilen der Materie entiweder überall piuchiiches Leben verbreitet ift oder in den allgemeinen Eigenichaften diejer Beitandtheile die Gründe des Auftretens von pſychiſchem Leben liegen.

Einige Schriftfteller gebrauchen den Ausdrud Metaphyfil in einem von diejem herrichenden Sprachgebrauch abweichenden Sinne, weil fie einzelne Beziehungen verfolgen, in welche natur= gemäß die jo gejchichtlich aufgefaßte Thatfache der Metaphufil tritt.

Kant's Begriff von der dogmatiichen Metaphyſik fchien in feinen elementaren Beftimmungen nur den des Ariftoteles auf- zunehmen und weiterzudenten. Dies ift darin gegründet: das Erkennen, auf feinem natürlicden Standpunfte, bewegt fich feinem Weſen gemäß in der Richtung von den gefundenen bedingten Wahrheiten auf ihren lebten, unbedingten Zuſammenhang; aus dieſer Richtung des Erkennen? entiprang die Metaphyſik des Arifto- teles ala geichichtlihe Thatſache, ſowie der Begriff von rückwärts nicht wei’er bedingten Gründen, durch den jozufagen die Sprung- feder im Zweckzuſammenhang des Denkens bloagelegt wird, welcher dieje metaphufilche Geiftesrichtung in Bewegung febt; und biejelbe Nothivendigkeit im Grunde der Bedingungen bes Vewußtſeins er- faßte auch der tiefe Blick Kant’. Ex, auf feinem kritiſchen Stand⸗ punkt, jo ſahen wir weiter, durchſchaute auch die erkenntnißtheoretiſche 164 Zweites Bud. Erſter Abichnitt.

Vorausſetzung, welche in diejer dogmatifchen Metaphyſik enthalten war. — Über hier beginnt jeine Abweichung von Ariftoteles. Seinem erfenntnißtheoretiichen Standpunkt gemäß will er den Begriff der Metaphyſik aus ihrem Uriprung im Erkennen entwerfen. Nun denkt er aber unter der unbeweisbaren Vorausſetzung, allgemeine und nothwendige Wahrheiten hätten eine Erlenntnißart a priori zu ihrer Bedingung. Daher erhält für ihn Metaphyſik als die Wiſſenſchaft, welche die höchfte una mögliche Vernunfteinheit in unfere Erkenntniß zu bringen ftrebt,!) folgerecht das Merkmal, Syftem derreinen Bernunft zu fein d. h. „philofophiiche Er- fenntniß aus reiner Vernunft in ſyſtematiſchem Zufammenhang.“ *) Und fo ift ihm Metaphyſik durch ihren Urſprung in der reinen Ver⸗ nunft beftimmt, welcher allein philoſophiſches, apodiktiiches Willen ermöglicht. Bon der dogmatiſchen untericheidet er fein eigenes Syſtem ala kritiſche Metaphyfik; biegt ex doch die Ausdrücke der alten Schule auch ſonſt in das Erfenntnißtheoretiiche um. Seine Faſſung des Begriffe Metaphyſik ging auf feine Schule über. >) Aber diefe Abweichung von dem hiſtoriſchen Sprachgebrauch ver- widelt Kant in Wiberfprüche, da ſelbſt die Metaphyfit des Arifto- teles eine jolche reine Vernunftwiſſenſchaft nicht ift, und fie bringt in feine Terminologie eine auch von ſeinen Verehrern bemerfte Duntelbeit.

Ein anderer Sprachgebraud) hebt eine Beziehung an ber Metaphyfit hervor, welche für die allgemeine Vorftellung der Ge— bildeten am meiften in den Vordergrund tritt, und diefer Sprach⸗ gebrauch ift daher im Leben jehr verbreitet. Wol find auch die moniftiichen Syſteme der Naturphilojophie Metaphyſik. Aber der Schwerpunkt der großen geichichtlichen Maſſe von Metaphyſik liegt den gewaltigen Speculationen näher, welche nicht nur die Er— fahrung überjchreiten, jondern ein von allem Sinnfälligen unter- ſchiedenes Reich von geiftigen Weſenheiten annehmen. Dieſe Speculationen bliden aljo in ein hinter der Sinnenwelt Derborgenes, Weienhaftes: eine zweite Welt. Die Vor— 3) Apelt, Metaphyfik ©. 21 ff.

Unhaltbarkeit abweichender Beftimmungen des Begriffe Metaphyſik. 165 ftellung findet fich daher bei dem Namen Metaphyfil am ftärkften zu der Gedantenmwelt eines Plato oder Ariſtoteles, Thomas von Aquino oder Leibniz Hingezogen. Und diefe Idee von Metaphyſik wird durch den Namen felber unterftüßt, den auch Kant auf ein Objekt bezog, welches trans physicamı gelegen fei!). Auch hier wird eine einzelne Beziehung der Metaphyſik einjeitig heraußgehoben; in die Welt des Glauben? reichen einige der tiefiten Wurzeln der bezeichneten Klaſſe metaphyfiicher Syiteme, und aus diefen jogen dieſelben einen Theil ihrer Kraft, dag Gemüth ganzer Zeitalter zu beherrichen. Endlich bezeichnen Schriftfteller jeden Zuftand von Ueber— zeugung über den allgemeinen objektiven Zufammenbang der Wirk— lichkeit oder enger über das die Wirklichkeit Ueberſchreitende ala Metaphyſik, und jo ſprechen fie von einer naturwüchſigen, einer Volksmetaphyſik. Sie drüden richtig eine Verwandtſchaft aus, welche zwilchen biefen Weberzeugungen und der Metaphyſik ala Wiſſenſchaft beiteht, aber das Bewußtſein diefer Verwandtſchaft wird angemeſſener durch eine Anwendung der bezeichneten Aus— drüde in einem übertragenen Sinn bezeichnet, als durch eine Jolche Erweiterung bed Wortfinng von Metaphyfit, welche die gejchichtliche Einſchränkung defielben auf Wiflenjchaft aufbebt. - Mir gebrauchen alfo den Ausdrud: Metaphyſik in dem entwidelten von Ariſtoteles geprägten Verſtande. Während mın Wiſſenſchaft überhaupt nur mit der Menjchheit jelber wieder unter: _ gehen kann, ift innerhalb ihres Syſtems dieſe Metaphyſik eine geichichtlich begrenzte Erſcheinung. Andere Thatjachen des geiftigen Leben gehen ihr innerhalb des Zweckzuſammenhangs unferer intelleftuellen Entwidlung voraus, fie ift von anderen be- gleitet und wird von ihnen in der Herrichaft abgelöft. Der ge- ſchichtliche Verlauf zeigt ala ſolche andere Thatjachen: die Religion, den Mythos, die Theologie, die Einzelwiſſenſchaſten der Natur und der geichichtlich-gejellichaftlicden Wirklichkeit, endlich die Selbft- befinnung und die in ihr entipringende Erkenntnißtheorie. So empfängt das Problem, das uns befchäftigt, auch die Geftalt: 166 | Zweites Buch. Erſter Abichnitt.

welche find die Beziehungen der Metaphufit zu dem Zweckzu⸗ ſammenhang der intellektuellen Entwidlung und den diejen aus⸗ machenden, anderen großen Thatjachen des geiftigen Lebens?

&omte bat verſucht, diefe Beziehungen in einem einfachen Geſetz auszudrücken, welchem gemäß in der intellettuellen Entwick⸗ lung des Menſchengeſchlechts ein Stadium der Theologie abgelöft worden jei von einem der Metaphyſik, unb dieſes von einem ber pofitiven Wiſſenſchaften. Metaphyſik ift alfo auch für ihn und feine weitverbreitete Schule ein vorlibergehendes Phänomen in der Geſchichte des Fortichreitenden wiflenfchaftlichen Geiſtes, wie fie ea für Kant und jeine Schule in Deutichland und für John Stuart Mill in England ift.

Auch Kant Hat fih geichichtlich mit der Metaphufil aus— einandergejeßt, und diejer tieffinnigfte Geift, den die neueren euro- päilchen Völker hervorgebracht haben, hat bereits erkannt, daß in der Geſchichte der Intelligenz ein nothiwendiger, in der Natur des menfchlichen Erklenntnißvermögens jelber begründeter Zufammenhang beftehe. Der menjchliche Geiſt durchlief drei Stadien, „das erite war das Stadium des Dogmatigm“ (in den gewöhnlichen Sprach⸗ gebrauch übertragen: der Metaphufit), „das zrveite das des Slep⸗ ticiam, das dritte das des Kriticiam der reinen Vernunft; dieſe Beitordnung ift in der Natur des menſchlichen Erkenntnißvermögens gegründet.” ’) Der Knoten in diefem Drama des Erfenntnißvor- gang liegt nad Kant in der oben?) entwidelten Natur der Ber- nunft, aus ihr ent|pringt eine natürliche und unvermeibliche Sllufion, und fo wird der menjchliche Geift in den dialektiſchen Wiberftreit zwilchen Dogmatigm (Metaphufit) und Skepticism verwidelt, die Auflöſung dieſes Widerftreit3 durch Erkenntnißtheorie ift aber der Kriticiam. °) Sowohl diefe Theorie von Kant ald die von Comte enthalten eine einjeitige Auffafjung des Thatbeftandes. Comte hat die Hifto- rilchen Beziehungen der Metaphyfil zu demjenigen wichtigen Theil der intelleftuellen Bewegung, welchen Skepticismus, Selbftbefinnung und Erkenntnißtheorie bilden, gar nicht unterſucht; er bat Problem ihres Verhältniffes zu den näcdhftverwandten Ericheinungen. 167 die Beziehungen der Metaphyſik zu Religion, Mythos und Theologie ohne die hier nothivendige Zerlegung des zuſammenge⸗ fetten Thatbeſtandes behandelt, und jeine Theorie tritt daher in Widerfpruch mit den Thatſachen der Gelchichte und der Ge⸗ ſellſchaft. Ya feine Auffaffung der Metaphyſik jelber entbehrt der geichichtlichen Einficht in die wahren Grundlagen der Macht derjelben. Kant jeinerfeit? giebt eine Konftruftion, nicht eine gefchichtliche Darlegung, und dieje Konftrultion ift von feinem erfenntnißtheo- retiſchen Standpunkt, innerhalb befielben von feiner Ableitung alles apodiktiichen Willen? aus den Bedingungen des Vewußtſeins, ein- feitig beftimmt. Die nachfolgende Darlegung analyfirt nur den geichichtlicden Thatbeftand; an jpäterer Stelle Tann ihm das Er- gebniß aus der Analyfis des Bewußtſeins zur Beitätigung dienen.

Drittes Rapitel.

Das religisfe Leben als Unterlage der Metaphyſil. - Der Zeit- raum des mythiſchen Borftellens.

Niemand kann bezweifeln, daß der Entitehung der Wiflen- Ichaften in Europa eine Zeit vorausgegangen ift, in welcher die intelleftuelle Entwicklung fich in der Sprache, Dichtung und im mythiſchen Vorftellen jowie im Fortſchritt der Erfahrungen des praftifchen Lebens vollzog, dagegen eine Metaphyfik oder Wifjen- ſchaft noch nicht beftand!). — Wir treffen die europäiſche Menfch- 1) Zurgot hat zuerft verjucht das Gejekmäßige in ber Entwidlung der Intelligenz zu entwideln, ba Bico’3 scienza nuova (1725) fi) auf die Entwidlung ber Nationen bezieht. Er geht richtig von der Sprache aus; bad mythiſche Borfiellen bezeichnet ihm dann die erfle Stufe des auf bie Urfachen gerichteten Forſchens. „La pauvret6 des langues et la necessite des metaphores, qui re&sultoient de cette pauvrete, firent qu’on employa les allö&gories et les fables pour expliquer les phenomönes physiques. Elles sont les premiers pas de la philosophie. [Oeuvres 2, 272 (Paris 1808) aus den Papieren Zurgot’3, die auf feine Reden über die Geſchichte von 1750 fich bezogen.] Les hommes, frappes des phenome£nes gensibles, supposerent que tous les effets ind&pendans de leur action &toient produits par des etres semblables & eux, mais invisibles et plus puissans [2, p. 63].

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