zu dem der Subftanz in Beziehung’). Denn was außer ber Subſtanz ala jeiend bezeichnet werden Tann, ift dies, weil es einer ſolchen und zwar einer Einzelſubſtanz zulommt. Daher ift die erite Bedeutung, in welcher von einem Seienden die Rebe ift, die von Einzelfubftang: alles Webrige wird darum als jeiend be- zeichnet, weil es die Quantität, Qualität oder Eigenſchaft zc. eines ſolchen Seienden ift?).
Die Metaphyſik iſt fonach in erfter Linie bie Wifjen- Ihaft von den Subftanzen, und es wird fich zeigen, daß ber höchſte Punkt, welchen fie erreicht, Erkenntniß der göttlichen Subftanz ift. Nur in uneigentlihem Sinne darf man jagen, daß fie da8 Seiende in feinen weiteren Bedeutungen zum Gegenftande habe, mag es als Qunlitatived, Quantitatived oder als andere prädilative Beitimmung auftreten?) Näher unter- ſcheiden ſich die folgenden einfachen Beftandtheile der Ausſage und der ihr entiprechenden Wirklichkeit: die Subſtanz ift ein meßbares Quantum von eigen\chaftlicher Beftimmtheit ſowie in Res lation ftehend, und zwar in den Verhältniſſen von Ort und Seit, Thun und Leiden‘). So bildet die Subſtanz den Mittelpunft der Metaphyſik des Ariftoteles, wie fie ihn in der Metaphyſik der Atomiler und Platos gebildet Hatte. Erſt mit dem Auftreten der beſonderen Erfahrungsmwifienichaften tritt der Begriff der Kaufalität in den Vordergrund, welcher mit dem Begriff des Geſetzes in Beziehung fteht. Kann nun die Metaphyſik des Ariftoteles diefen ihren Grundbegriff der Subftanz zu verftandes- mäßiger Klarheit bringen?
Eine Definition, welche in dem platoniihen Sophiſtes erwähnt wird°), beflimmt das Wahrhaft-Seiende (övruc dr) 4) Hierzu kommen in ber vollftändigen Aufzählung der zehn Kategorien no Zyeır und xeio9as, vgl. die Meberfiht in Prantl's Geſchichte ber Logik I, 207.
5) Plato Sophiftes 247 DE.
256 Zweites Buch. Zweiter Abfchnitt.
als dad, was dad Vermögen zu wirken und zu leiden befitt, und nach anderen bat Leibniz diefe Definition wieder auf- genommen?). Diejelbe führt den Begriff der Subftanz in den ber Kraft, der urjächlichen Beziehung zurüd und löſt ihn in dieſen auf. Eine ſolche Begriffsbeftimmung könnte fich in dem fpäteren Stadium, in dem Leibniz auftrat, nüßlich erweilen, um der Subſtanzvor⸗ ftellung einen Begriff von größerer Verwerthbarkeit für die natur- willenjchaftliche Betrachtung zu ſubſtituiren. Aber fie drückt nicht daB aus, was in dem Thatbeftand des Dinges von und vorge= jtellt it und was folgerecht die dem Erkennen dienende Unter⸗ Iheidung der Subſtanz und des ihr Inhärirenden abgrenzen will. Der realiftifche Geift des Ariſtoteles war bemüht, dies direkt zu bezeichnen.
Ariſtoteles beftimmt einerjeit3, was wir in dem realen Zufammenhang der Wirklichkeit unter Subftanz ung vorftellen. Sie ift dag, was nicht Accidens von einem Anderen ift, von dem vielmehr Anderes Accidens ift; wo von der Einzel- ſubſtanz und ihrem Subftratum die Rede ift, drüdt dies Ariftoteles durch eine bildliche, räumliche Vorftellung aus. Er ftellt andret- jeitö feft, wa3 wir in dem Dentzujammenhang unter Subftanz vorftellen. In diefem ift die Subftanz Subjekt; fie bezeichnet dad, was im Urtbeil Träger von prädifativen Beſtimmungen it; daher werden alle anderen Yormen der Ausfage (Kategorien) von der Subſtanz prädictt?).
Verknüpft man dieje leßtere Beitimmung mit den früheren: jo ſucht Ariftoteleg in der Metaphufil dad Subjelt oder die Subjekte für alle Eigenfchaften und Veränderungen, die un? am Kosmos entgegentreten. Dies iſt die Beichaffenheit aller meta— phyſiſchen Geiftezrichtung: diefelbe ift nicht auf den Zuſammen⸗ bang gerichtet, in welchem Zuftände und Veränderungen mit ein= ander verbunden find, jondern geht geradenmeges auf dad da= Hinterliegende Subjekt oder die dahinter liegenden Subjekte.
2) ipsam rerum substantiam in agendi patiendique vi consistere Leibn. opp. I, 156. Erdm. 3) xarnyopoüvras zera mv ovoıwv. Vgl. Bonik ind, Ar. unter ovore.
Die Analyfis der Staufalität bei Ariftoteles. 257 Aber die Metaphyfit des Ariftoteles arbeitet, indem fie das objektive Verhältnig der Subftanz zum Accidens erkennen will, wie es an diefen Subjekten befteht, mit Beziehungen, welche fie nicht auf- zubellen vermag. Was heißt in fich, in einem Anderen fein? Die Subſtanz im Gegenjaß zum Accidens wird nod) von Spinoza durd) dag Merkmal von in se esse ausgedrückt; das Accidens ift in der Subſtanz. Dieje räumliche VBorftellung ift nur ein Bild. Mas mit dem Bilde gemeint ſei, ift nicht, wie Gleichheit oder Verjchiedenheit, dem Berftande durcchfichtig und kann an feiner äußeren Erfahrung aufgezeigt werden. In Wirklichkeit iſt dieſes In⸗ſich-ſein in der Erfahrung der Selbftändigfeit, im Selbſtbewußtſein gegeben, und wir verftehen es, weil wir es erleben. Und kann wohl weiter, ohne daß Hinter die logifche Form der Verknüpfung von Subjelt und Prädikat zurücdgegangen wird, das Verhältniß dieſes meta⸗ phyfiſchen zu dem logischen Ausdruck der in der Subſtanz gelegenen Beziehung aufgehellt werden?
In dem vorliegenden Zujammenhang hat der verjchiedene Sinn fein Intereſſe, in welchen ſich Ariftoteles dann im Einzelnen des Ausdrucks Subſtanz bedient; derjelbe entfpringt daraus, daß Ariftoteleg von den verichiedenen Subjeften, auf welche feine Meta⸗ phyſik zurückgeht, jpricht: von Materie ald Grundlage (Ürcoxeiue- vov), von dem Weien, das dem Begriff entipricht (A ara Tor Aoyov oroia), von dem Einzelding (tude ve). Insbeſondere an das Einzelding al die erfte Subftanz lehnen ſich Beftimmungen '), die jo unvolllommen durchgebildet find, daß wir von ihnen abfehen.
Unter den anderen Klafjenbegriffen der Ausſage, den Sate- gorien, haben Thun und Leiden für die Metaphyfil die größte Bedeutung. Der Begriff der Kaufalität tritt in der neueren Metaphyſik neben den der Subftanz, ja das Streben beiteht, die Eubitanz in die Kraft aufzulöien. Es ift bezeichnend für bie Metaphyſik der Alten, daB die Unterjuchung der in diejem Begriff gelegenen Probleme noch zurüdtritt; die Subftanzen, ihre Be- wegungen im Raume,’ die Formen bilden den Geſichtskreis ihrer Dilthey, Ginleitung. 17 258 Zweites Bud. Zweiter Abichnitt.
Phyſik und ſonach ihrer Metaphyſik; Thun und Leiden werden in dieſem Zuſammenhang der anjchaulich Haren Borjtellung der Bewegung untergeordnet!). Und zwar führt in dem Zuſammen⸗ hang der Welterflärung die Thatjache der Beiwegung an den Sub- ftanzen zurüd in die lebten erklärenden Begriffe des ariſtoteliſchen Syſtems, welche in demjelben eine gründliche Kaujalvorftellung und bie Erlenntniß der Gejeße der Bewegung, der Veränderung erſetzen müſſen; hier wird uns jpäter der die Bergliederung der Wirklichkeit abichließende, aber unbalibare Begriff von Vermögen (duvauıs) begegnen. — Im Einzelnen jah dann Ariftotele® wol die Schwierigfeit, den Unterjchied von Thun und Leiden durchweg feftzuhalten; jo ift die Wahrnehmung ein Leiden, und dennoch verwirklicht der Gefichtäfinn thätig im Sehen feine Natur?). Auch bemerft er die andere Schwierigkeit, Einwirkung des Wirkenden auf da Leidende vorftellig zu machen, aber wie unzureichend ift doch die von ihm gefundene Löfung, daß auf dem Boden bes Gemeinfamen da8 Verſchiedene aufeinander wirke und dag Thätige fid) das Leidende ähnlich mache?). | 2. So ringt Ariftoteles vergeblich, Begriffe wie Subftanz und Urfache wirklich faßbar zu machen; die Schwierigkeiten aber häufen fih, indem er nunmehr die platonifche Lehre von den Jubftan- ialen Formen zur Aufllärung des Weltzuſammenhangs benutzt. Mol widerlegt er die Lehre Platos von der getrennten Eriftenz der Ideen fiegreich; aber wird er ein anderes objektives Verhältniß der Ideen zu den Dingen zur Sllarheit bringen können?
Ariftoteles erkennt der Einzelſubſtanz allein Wirklichkeit in ftrengem DBerftande zu. ber mit diejer Einficht, welche dem Naturforſcher, dem gefunden Empirifer in ihm entipricht, iſt das, was er don der Ideenlehre beibehält, auf dem Standpunkt des natürlichen Syſtems der Metaphyſik nicht verträglich. — Auch er 1) Phys. III, 3 p. 202 a 25?rel oliv auyw xurnoss vgl. de gen. et corr. I, 7 p. 324 a 24 Metaph. VII, 4 p. 1029 22. In letzterer Stelle wird xivnoıs als Kategorie an die Stelle von woseir und maayeır eingejeßt.
Neuer Verſ., d. Derhältn. d. jubftantialen Formen z. d. Dingen 3. beftimmen. 259 findet nur da Wiſſen, wo durch den allgemeinen Begriff er- kannt wird; nur jo weit die Tadel der allgemeinen Begriffe in die Ginzeljubftanz hineinleuchtet, vermag dieje erhellt zu werden. Der allgemeine Begriff madt die Welenzbeftimmung oder Yorm de3 Ding fichtbar; dieje bildet feine Subftanz in einem fefundären Sinne, fo nämlich, wie fie für den Verftand da it (7 xara Tov Idyor odoia). Der Grund diefer Säbe über daB Willen liegt in der Borausfegung, welche die Wurzel aller meta- phyſiſchen Abftraftion ift; das unmittelbare Willen und Erfahren, in welchem das Ginzelne für und ba ift, wird für geringer und unvolllommener gehalten, ala der allgemeine Begriff oder Sat. Diefer Borausfegung entſpricht die metaphyſiſche Annahme: das Werthvolle an den Einzeljubftanzen und das dieſelben mit der Gottheit Verknüpfende ſei dad Gedanfenmäßige in ihnen. — In dem Wider- ſpruch zwiſchen dieſen Vorausſetzungen und der gefunden Einficht des Ariſtoteles über die Einzelſubſtanz zeigt ſich von neuem die Unmöglichkeit, auf dem Standpunkt der Metaphyſik das Verhältniß des Einzeldinges zu dem, was die allgemeinen Begriffe als den Inhalt der Welt ausdrücken, zu beſtimmen. Das einzelne Ding hat nach Ariſtoteles allein volle Realität, aber es giebt nur von der allgemeinen Weſensbeſtimmung, an welcher es theilnimmt, ein Wiſſen; hieraus ergeben ſich zwei Schwierigkeiten. Es widerſpricht dem Grundgedanken von der Erkennbarkeit des Kosmos, daß das an ihm wahrhaft Reale unerkennbar bleibt. So— dann wird nach den allgemeinen Vorausſetzungen der Ideenlehre, dem Wiſſen von den allgemeinen Weſensbeſtimmungen entſprechend, eine Realität der Formen angenommen, und dieſe Annahme führt nun zu dem halben und unglücklichen Begriff einer Subſtanz, welche doch nicht die Wirklichkeit der Einzelſubſtanz hat. Kann dieſe Verwirrung, welche in dem doppelten Sinne von Sein, von Subftanz liegt, gelöſt werden, bevor die Erkenntnißtheorie die einfache Wahrheit entwickelt, daß die Art, in welcher das Denken das Allgemeine ſetzt, keine Vergleichbarkeit hat mit der Art, wie die Wahrnehmung die Wirklichkeit des Einzelnen erfährt? bevor 260 Zweites Buch. Zweiter Abſchnitt.
demnach die falſche, metaphufifche Beziehung durch eine Haltbare, erkenntnißtheoretiſche erſetzt wird!)?
innerhalb der Einzelwiflenjchaften Hat diefe Metaphyfik der jubftantialen Yormen noch auffälligere Konjequenzen. Die mit ihr verbundene Wiſſenſchaft verzichtet auf die Erfenntniß des Neränderlihen an ihrem Gegenftande, denn fie faßt nur die bleibenden Formen auf. Sie giebt die Erkenntniß de Zu⸗ fälligen auf, denn fie ift allein auf die Weſensbeſtimmungen gerichtet. Wenige Minuten nur fehlten Kepler, um welche jeine Berehmung des Mar? von der Beobachtung abwich, aber fie ließen ihn nicht ruhen und wurden der Antrieb feiner großen Entdeckung. Dieje Metaphyfif dagegen ſchob den ganzen ihr uner= Härbaren Reit, wie fie ihn an ben veränderlichen Erjcheinungen zurüdließ, in die Materie. So erflärte Ariftoteleg ausdrücklich, daß die individuellen Verjchiedenheiten innerhalb einer Art, wie die Yarbe der Augen, die Höhe der Stimme für die Erklärung aus dem Zwecke gleichgiltig jeien: fie wurden den Einwirkungen des Stoffe zugewielen ®). Erft ald man die Abweichungen vom Typus, die Zwiſchenglieder zwilchen einem Typus und einem anderen, die Veränderungen in die Rechnung aufnahm, durchbrach die Willenichaft diefe Schranken der ariftoteliichen Metaphyfif, und die Erkenntniß durch das Geſetz des Veränderlichen ſowie durch die Entwicklungsgeſchichte trat hervor.
3. Indem Ariftoteles jo die Realität der Ideen in die wirkliche Welt verlegte, entitand die Zerlegung biefer Wirklichkeit in Die vier Prinzipien: Stoff, Form, Zweck und wirkende Urſache, und es traten ala die legten und die Zergliederung der Wirklichkeit abjchließenden Begriffe feines Eyftemd die von Dynamis (Ver⸗ mögen) und Energie hervor.
Das Denken hebt am Kosmos als das Unveränderliche 1) Aus berjelben metaphyſiſchen Behandlungsweile des Problems ent: ipringt die umfelige, nicht aufzulöfende Frage, ob die Subitanz in ber form oder dem Stoff oder dem Einzelding zu fuchen ſei. gl. Arift. Metaph. VI, 3 p. 1028b 33 und die zutreffende Ausführung bei Zeller a. a. DO. 309 ff.
Verhaltniß von Bewegung, Zweck und Materie. 961 die Form heraus, die Tochter der platoniichen dee. Diele enthält das Weſen der Einzelſubſtanzen in ſich. Da die unver: änderlichen Formen in dem Entftehen und Vergehen enthalten find, ihr Wechfel aber einen Träger fordert, fondern wir an dem Kosmos als ein zweites ihn Fonftituirendes Prinzip die Materie ab. In dem Naturlauf ift dann die Form ſowohl der Zwed, deſſen Realiſation derjelbe zuftrebt, ala die bewegende Ur- ſache, welche von innen aus da3 Ding, gleichlam ala feine Seele '), in Bewegung jett oder von außen feine Bewegung bewirkt. So⸗ nach leitet dieſe Betrachtungsweiſe das, was im Naturlauf auf- tritt, nicht aus feinen Bedingungen in diefem ab, welche nad) Geſetzen zuſammenwirken, fondern an die Stelle eines Zuſammen⸗ wirkens von Urſachen tritt der Begriff der Dynamis, des Ver- mögend, und ihm entipricht der Begriff der zweckmäßigen Wirk: lichkeit oder Energie.
In dieſen Begriffen befteht der Zuſammenhang der Wifjen- ſchaft des Ariftoteles, fie werden fchon in den erjten Büchern ber Metaphufit als die Mittel der Naturauffaffung entwidelt und führen durch das Bewegungsſyſtem des Kosmos bis zum unbe» wegten Beweger. Denn dies ift die Seele der ariftoteliichen Naturauffaflung: nicht die Sonderung von bewegender Urjache, Zwed und Form — diefelbe ift nur analytifches Hilfamittel —, viel- mehr die Ineinsſetzung des Zweckes, welcher Yorm ift, mit der bewegenden Urſache jowie die Sonderung dieſes dreifach=einen realen Faktors von dem realen, wenn auch im Kosmos nicht iſolirt vorkommenden Faktor: der Materie. Und bier enticheidet fih auch der Charakter feiner Naturwifſenſchaft. Im neueren Denten ift das Studium der Bewegungen losgelöft von der Auf- faffung des Zweckes; die Bewegung wird durch ihr allein eigene Elemente beftimmt; fo ift die Konjequenz der neueren Naturauf- faffung, daß fie, wenn fie von der metaphyſiſchen Verwerthung der Ideen nicht lafjen will, diefelbe von der mechanifchen Betrach⸗ tungsweiſe jcheidet, wie Leibniz gethan Hat. Bei Ariftoteles da= gegen verbleibt der Begriff der Bewegung an die Yormen des 262 Zweites Buch. Zweiter Abfchnitt.
Kosmos gebunden; er wird don ihnen nicht wirklich losgeldſt, jo wenig, wie die Analyfis des Denkens in der Logik des Arifto- teles Hinter die Formen deflelben zurüdgeht. So entipringt jeine Unterfcheidung der volllommenen, in ſich zurüdfehrenden Kreis⸗ beivegung von einer gradlinigen, welche in ihrem Endpuntt erlifcht. Diefer Auffaffung ift das Gedankenmäßige der Kreisbewegung ein Urfprüngliches, ja in der Gottheit unmittelbar Bedingtes. Sie hat den verhängnißvollen Gegenſatz der Naturformen unter dem Monde von denen jenjeit defjelben begründet, und fo lange er die Ge- müther beherrſchte, beftand feine Möglichkeit einer Mechanik des Himmels. Dies ift das Bezeichnende gerade der erfolgreichen Richtungen des griechiichen Naturſtudiums: es bleibt an die An ſchauung mathematijcher Schönheit und innerer Zweckmäßigkeit in den kosmiſchen Formen gebunden. Zwar zerlegt es die zufammengejeßten Formen der Bewegung in einfachere, aber in dieſen einfacheren bleibt der zweckmäßige, äfthetilche Charakter der Form erhalten.
Sp will Ariftoteles zivar die Bewegung im Weltall (welcher er in Acht griechiichem Geifte auch die qualitative Veränderung einordnet) auf ihre Urſachen zurüdführen; da aber alle beivegende Kraft ihm zweckmäßige Aktion ift, welche die Form realifirt, ja ihm in der Yorm die Urfache der Bewegung liegt: jo ift immer nur die in der Yorm enthaltene Kraft, welche Entwidlung her⸗ vorbringt, Urjache einer ihr gleichartigen Form. Daher ift dieſe Grklärung in einen Zauberkreis gebannt, innerhalb befien die Formen immer jchon da find, um deren Erklärung es fidh eigentlich handelt: fie find die Kräfte, welche das Leben im Weltall herborbringen: fie führen folgerichtig auf eine erjte, be= wegende Kraft zurüd.
Metaphyſik und Naturwiſſenſchaft.
Die Leiſtungen einer ſolchen Naturerklärung ſind durch dieſen ihren Charakter beſtimmt. Wie die platoniſche Schule ein Mittel⸗ punkt für mathematiſche Forſchung war, ſo wurde es nun die ariſtoteliſche für die beſchreibenden und vergleichenden Wiſſenſchaften. Gerade weil die Bedeutung dieſer ariftote- lichen Schule für den Fortichritt der Wiſſenſchaften jo unermeß- Die ariftoteliiche Metaphufit und die Naturwifjenichaft. 263 lich, der in ihr lebende Geiſt wiſſenſchaftlicher Betrachtung, em⸗ piriicher Forſchung fo hoch entwickelt geweſen ift, hat die Trage ein lebhaftes Interefſſe erregt, warum auch diefe Schule fidh mit unbeftimmten, vereinzelten und theilweile irrigen Vorftellungen von Bewegung, Drud, Schwere x. genügen ließ, warum fie nicht zu gefunderen mechanifchen und phyſikaliſchen Vorftellungen fort- ging. Man fragt nach den Urfachen der Einſchränkung der erfolg» reichen griechiichen Einzelforſchung auf die formalen Wiljenfchaften der Mathemathik und der Logik ſowie auf die bejchreibenden und vergleichenden Wiflenichaften innerhalb eines jo langen Zeitraums. Diefe Frage fteht augenjcheinlich mit der anderen in Zujammen- hang, wodurd die Herrfchaft der Metaphyſik der ſubſtantialen Formen bedingt war. Der formale und dejfriptive Cha— rakter der Wiſſenſchaften und die Metaphyfil der Formen find korrelative geſchichtliche Thatſachen. Man bewegt ſich nun im Zirkel, wenn man bie Metaphyſik als die Ur- lache betrachtet, welche den Fortſchritt des miflenjchaftlichen Geiftes über Diele feine damaligen Schranken hinaus’ gehemmt habe; denn aladann muß die Macht diefer Metaphyfit erklärt werden. Dies deutet darauf, daß beides, ſowol der Charakter der Wifjenjchaften in diefem Stadium ala die Herrichaft der Metaphyfil, in gemein- lamen tiefer zurücliegenden Urſachen gegründet jei.
63 fehlte ben Alten nicht an Sinn für Thatfachen und Be⸗ obachtung; ja auch das Experiment ward von ihnen in größerem Umfang, ald man gewöhnlich annimmt, angewandt, wenn auch die jozialen Verhältniffe hier hinderlich waren: der Gegenjab einer regierenden Bürgerjchaft, welche zugleich die Wiſſenſchaft pflegte, zu dem Stlavenftande, welchen die Arbeit mit der Hand zufiel, ver- bunden damit die Mißachtung der körperlichen Arbeit. Das Genie der Beobachtung in Ariftoteles, die Ausbreitung defjelben über ein ungeheure Gebiet haben in immer zunehmendem Grade die Bewunderung der pofitiven Forjcher in der neueren Zeit erregt. Wenn Ariftoteles nicht felten das, was Beobachtungen darbieten und was dur Schluß, insbeſondere durch Analogie, aus ihnen abgeleitet ift, vertvechjelt, jo macht jich hierin allerdings das Vor- 264 Zweites Buch. Zweiter Abſchnitt.
herrſchen des Raiſonnements im griechiichen Geifte nachtheilig geltend. Ferner findet fich in den Schriften des Ariftoteles eine große Anzahl von Erperimenten erwähnt, die theild von Anderen vor ihm angeftellt waren, theild von ihm felber gemadjt worden find. Aber bier fällt nun die Ungenauigfeit in der Wiedergabe derjelben auf, der Mangel jeder Art von quantitativen Beitimmungen, bejonder® aber die Unfruchtbarfeit des Experimen⸗ tiren? bei Wriftoteled und jeinen Zeitgenoſſen für wirkliche Auf- löſung theoretiicher Fragen. Es beftand nicht eine Abneigung gegen dad Experiment, wol aber eine Unfähigkeit, von demfelben den richtigen Gebrauch) zu machen. Auch kann dieſe nicht in dem Mangel an Inftrumenten, welche quantitative Beſtimmungen er- möglichten,, gelegen haben. Erft two die Fragen an die Natur lolche fordern, werden diejelben erfunden, und felbft ber Mangel einer von wiſſenſchaftlich Gebildeten betriebenen Induſtrie hätte das Hervortreten ſolcher Erfindungen doch nur erſchweren können. Zunächſt kann nun die Thatfache nicht beftritten werben, daß die fontemplative Berfaffung des griechiſchen Geiftes, welcher den gedanfenmäßigen und äfthetifchen Charakter der Formen auffaßte, das willenjchaftliche Nachdenken in der Betrachtung fefthielt und die Derififation der Ideen an der Natur erichwerte. Das Menfchen- geichlecht beginnt nicht mit vorausſetzungsloſen methodiichen Unter: ſuchungen der Natur, jondern mit inhaltlich erfüllter Anſchauung, religiöfer zuerſt, dann mit der fonternplativen Betrachtung des Kos⸗ mos, in welcher der Zweckzuſammenhang der Natur fortdauernd feit- gehalten wird. Orientirung, Auffaffung der Formen und Zahlen⸗ verhältniffe im Weltall ift das Erfte, die Ordnung des Himmels wird mit religiöfer Scheu und kontemplativer Seligkeit in ihrer Vollkommenheit angeichaut, die Gejchlechter der Organigmen laflen eine auffteigende, von pſychiſchem Leben erfüllte Zweckmäßig⸗ feit gewahren und ermöglichen vermittelft ihrer eine dejfriptive Wiſſenſchaft. So wendet fi} die Betrachtung, welche der ältere Glaube bireft auf ben Himmel gerichtet Hatte, der Einzelforſchung über die Naturkörper auf der Erde zu, wird aber auch hier länger durch eine in ber Naturreligion gegründete fromme Scheu von Ber- Die ariftoteliicde Metaphyfik und die Raturwiflenichaft. 265 gliederung des Lebendigen zurüdgehalten. Dieſer Zauberkreis der Anſchauung eines idealen Zuſammenhangs fchließt fich in fi, ſcheint irgend eine Lücke zu zeigen, und es ift der Triumph der Metaphyſik, ihm alle Thatjachen, welche die Erfahrung barbietet, einzuordnen. — Diejer geichichtliche Thatbeftand kann feinem Zweifel unterliegen, und es kann fi) nur fragen, welche Tragweite er ala Erllärungdgrund babe. Es jei jedoch geftattet, einen zweiten Er- klärungsgrund von mehr hypothetiſchem Charakter einzuführen. Die abgefonderte Betrachtung eines Kreifes zuſammengehöriger Theil- inhalte, wie fie Mechanik, Optik, Akuſtik barbieten, jet einen hoben Grad von Abſtraktion in dem Forjcher voraus, welcher nur dad Ergebniß langer techniſcher Ausbildung der ifolirten Wiſſenſchaft if. In der Mathematit war eine ſolche Abftraftion durch Tpäter zu erörternde piychologifche Verhältniffe von Anfang an borbereitet. In der Aftronomie wurde in Folge der Entferming der Geftirne die Betrachtung ihrer Bewegungen von ber ihrer übrigen Eigenschaften losgelöſt. Aber auf keinem anderen Gebiet ift vor der alerandrinischen Schule eine Anzahl verivandter, zufammen- gehöriger Theilinhalte der Naturericheinungen einer beftimmten und ihnen angemefjenen erflärenden Borftellung unterworfen worden. Geniale Aperçus wie da8 der pythagoreiſchen Schule über die Zonverhältnifjfe hatten Teine durchgreifenden Folgen. Die beicjrei: bende und vergleichende Naturwifſenſchaft bedurfte ſolcher Ab⸗ ftraftion nicht, fie Hatte in der Vorftellung des Zweckes einen Leitfaden und führte vorläufig auf piychiiche Urſachen zurüd. So erflärt fich die Verbindung der glänzenden Leiftungen der ariſto— teliſchen Schule auf diefem Gebiet mit bem gänzlichen Mangel gefunder mechanifcher und phyſikaliſcher Vorftellungen in derjelben.
Die Gottheit als der lebte und höchſte Gegenstand der Metaphyſik.
Den Schlußpunft der Metaphyſik bed Ariftoteles bildet feine Theologie. In ihr vollzieht fich erſt die vollftändige Verknüpfung des anazragoreiihen Monotheismus mit der Lehre von den fubftantialen Yormen.
266 Zweites Buch. Zweiter Abfchnitt.
Seit Anaxagoras ift die herrfchende europätfche Metaphyfik Begründung der Lehre von einer lebten, intelligenten und der Welt gegenüber jelbftändigen Urjache derjelben. Dieje Lehre tritt aber bier unter veränderte Bedingungen der metaphyſiſchen Be⸗ griffe und der allgemeintifjenichaftlichen Lage. So erfährt fie eine Reihe von Umgeftaltungen während des auf Anaragoras folgenden aweitaujendjährigen Leben? der Metaphufil. Die Umgeftaltungen liegen in den Schriften von Plato, Ariftoteles und den Philofophen des Mittelalter mit zureichender Klarheit vor und erfordern daher feine eingehende Erörterung des Thatbeſtandes. Der Zufammenbang dieſer Geichichte verlangt nur den Nachweis, daß die Metaphyfik fortdauernd an aſtronomiſchen Schlüjfen einen pofitiven, willenichaftlicden Rückhalt Hatte, welcher ihr unerjchütterliche Sicherheit gab. Dieſe Schlüffe, unterftüßt durch folche aus der Zweckmäßigkeit der Organismen, haben erheblich dazu beigetragen, daß die Metaphyſik zweitaufend Jahre den Charakter einer Weltmacht behielt: königliche Gewalt, nicht in dem engen Kreiſe von Gelehrten, fondern über die Gemüther aller Gebildeten, wodurch auch die ungebildeten Maflen ihr untergeordnet blieben. Das religiöfe Erlebniß, welches für den Glauben an Gott die tieffte und unzer⸗ ftörbare Grundlage enthält, wird nur bei einer ‘Minderheit der Menſchen in der von dem Wirbel der egoiftifchen Interefjen nicht geitörten Belonnenheit eines gläubigen Herzen? verftanden. Die Autorität der Kirche ift im Mittelalter oft beftritten worden. Die Äußeren Mittel des Hirchlichen Gehorſams und des Firchlichen Strafſyſtems Haben beftändige gährende Bewegungen und Die ſchließliche Zerſpaltung der Kirche nicht aufhalten Türmen. Aber unerjchüttert fteht in diejen zweitaufend Jahren die auf die Lage der europäiſchen Willenfchaft gegründete Metaphyſik der intelligen- ten Welturjache.
Ariftotele8 bat auch an diefem Punfte die Geitalt der euro» päiichen Metaphyſik weſentlich durch die Art, wie er die wichtigften Thatfachen und Schlüffe zufammenfaßte, beftimmt. Die Gottheit iſt der Beweger, durch welchen jchließlich alle Bewegungen inner= halb des Kosmos (wenn auch auf vermittelte Weile) bedingt find; Bedeutung ber Afteonomie für die Lehre des Ariftotele® von Gott. 267 und zwar find die Bewegungen der Geftirne in ihrer Gedanken⸗ mäßigfeit ein Ausdrud der im Zwecke liegenden Bewegungskraft; die Aftronomie ift die der Philoſophie nächſtverwandte mathematijche MWillenichaft). Diefe Gedanken fchreiten in der von Anaxagoras zuerit betretenen Bahn fort, und ein Zug der Ideen wirkt von ihnen weiter biß auf die von dem gedanfenmäßigen, harmonijchen Charakter der Welt getragenen Forſchungen Kepler’3, nach welchen in Abmeffungen und Zahlen die VBolllommenheit Gottes ſich ab- ſpiegelt.
Die Theologie des Ariſtoteles liegt in der Abhandlung vor, welche als zwölftes Buch der Sammlung der metaphyfiſchen Schriften eingefügt iſt. Sie enthält den Höhepunkt derſelben; denn fie erweift das Dajein der Einzelſubſtanz, welche immateriell und veränderung3los iſt und von Anfang an ala das eigentliche Objekt der eriten Philoſophie von Ariftotele® bezeichnet worden ift®). Die Abhandlung fteht einerjeitd mit dem Schluß der Phyſik ſowie der Schrift über dad Himmelsgebäude, andrerjeit? mit den Grund» beftimmungen der metaphufiichen Schriften in Beziehung.
Diefe ariftotelifche Theologie beherricht das ganze Mittelalter. Jedoch übernahm in der jpäteren philoſophiſchen Entwicklung die erftgefchaffene Intelligenz die Stelle des Bewegers des Tirfternhimmeld, und aus den göttlichen Subftanzen, durch welche Ariftoteled die zufammengejegen Bewegungen der anderen Welt« förper hervorbringen läßt, wurde ein phantaftifches Reich von Geftirngeiftern. Der Gegenjat der Welt des Aether? und der Kreisbewegung zu der Welt der vier andern Elemente und der grablinigen Bewegungen, fonach des Bezirks des Emigen zu dem des Entſtehens und Vergehens wurde nun zum räumlichen Rahmen eines aus der inneren Welt ftammenden Gegenjabed. So entftand jene Borftellung, welche Dantes unfterbliches Gedicht verewigt hat.
Der Schluß bes Ariftoteles auf den unbewegten Beweger hat zwei Seiten.
268 Zweites Buch. Zweiter Abichnitt.
Die erfte Seite dieler Beweisführung zeigt befonder deutlich, wie innerhalb diefer Metaphyſik für den Willen, welcher von innen anfängt, feine Stelle ift, ja daß diejenige Transſcendenz, deren Weſen ift, von der Natur auf den Willen zurückzugehen, für fie noch nicht da ift. Ariftoteles aljo lehrt Folgendes. — Die Be- wegung ift ewig, eim zeitlicher Anfang derjelben kann nicht ge- dacht werden. Das Syftem der Bervegungen im Kosmos kann nun nicht jo vorgeftellt werden, daß jede Bewegung rückwärts eine weitere Bewegungsurſache habe und diefe Kette der Bewegungsurſachen in das Unendliche verlaufe, denn jo fämen wir nie zu einer wahrhaft wirkenden, erſten Urfache, ohne welche doch fchließlich alle Wirkungen unerklärt bleiben würden. Sonach muß ein lekter Haltpunkt angenommen werden. — Und zivar muß dieſe erfte Urſache als unbemwegt beitimmt werden. Wenn fie fi} jelber bewegt, jo muß in ihr das, was bewegt wird, von dem, was be= mwegt und welchem ſonach Bewegtwerden nicht zukommt, unter- Ichieden werden. Da die Bewegung Tontinuirlich ift, kann fie nicht auf einen veränderlichen Willen nach Art der Willen in den be- feelten Weſen zurüdgeführt werden, ſondern muß in Eine erfte unbewegte Urfache zurüdgehn. So gelangen wir zu dem unbe: wegten Beweger als der reinen Aktivität oder dem actus purus fowie zu der metaphyfiichen Konftruftion der eriten Bewegung ala Kreigbervegung. ') Die andere Seite des Beweiſes benubt die Betrachtung der gedantenmäßigen Formen, welche fich in den Bewegungen des Kosmos verwirklichen. Bewegung erjcheint in diefem Zuſammen⸗ hang ala ein Beſtimmtwerden der Materie durch die Form. Da die Bewegung in der Geftirnmwelt unmwandelbar ſich jelber gleich und in fich zurückkehrend ift, jo muß die Energie, welche fie bervorbringt, als unkörperliche Form oder reine Energie gedadjt werden. In dieſer fällt der letzte Zweck mit der beivegenden Kraft der Welt zufammen?). „Dielen oberiten Zweck zu erreichen ift 1) Dieſe Argumentation iſt mit meiſterhafter Strenge im achten Buche der Phyſik durchgeführt, welches ſo in die Metaphyſik überführt. 2) Metaph. XII, 7, populär und ohne Benutzung der metaphyfiſchen Der Schluß des Ariftoteles auf die Gottheit. 269