haben bisher eine wirklich wiljenjchaftliche theoretiiche Bearbeitung gefunden.
54 Erſtes einleitenbes Buch.
Wir fahen, die Naturgrundlage der gejellichaftlichen Glie— derung, welche in das tieffte metaphufiiche Geheimniß zurückreicht und von bort her in gefchlechtlicher Liebe, Kindezliebe, Liebe zum mütterlicden Boden mit ftarlen dunflen Banden naturgewaltiger Gefühle und zulammenbält, bringt in den Grundverhältnifien ber genealogiichen Gliederung und der Niederlaffung Gleichartigkeit Hleinerer und größerer Gruppen und Gemeinjchaft zwifchen ihnen hervor; das gejchichtliche Leben entwickelt dieſe Gleichartigkeit, ver- möge deren inZbejondere die einzelnen Völker ſich dem Studium als abgegrenzte Einheiten darbieten. Hierliber hinaus entftehen nun dauernde Gebilde, Gegenftände der gefellichaftlicden Analyſe, wenn entweder ein auf einem Beftandtheil der Menjchennatur be- ruhender, und darum andauernder Zweck piychiiche Alte in den einzelnen Individuen in Beziehung zu einander feßt und jo zu einem Zweckzuſammenhang verknüpft, oder wenn dauernde Urs lachen Willen zu einer Bindung in einem Ganzen vereinen, mögen nun dieſe Urſachen in der natürlichen Gliederung oder in den Zwecken, welche die Menjchennatur bewegen, gelegen fein. Inſo⸗ fern wir jenen erfteren Thatbeftand auffafjen, unterjcheiden wir in der Gejelichaft die Syſteme der Kultur; injofern wir diefen letz⸗ teren betrachten, wird die Äußere Organifation ſichtbar, welche ſich die Menfchheit gegeben bat: Staaten, Verbände, und, wenn man weiter greift, da Gefüge dauernder Bindungen der Willen, nad) den Grundverhältnifien von Herrichaft, Abhängigkeit, Eigenthum, Gemeinichaft, welches neuerdings in einem engeren Verſtande ala Geſellſchaft im Gegenſatz zum Staat bezeichnet worden ift.
Die Einzelnen find in der Wechjeliwirlung des gejchichtlich- gejellichaftlichen Lebens thätig, indem fie in dem lebendigen Spiel ihrer Energien eine Mannichfaltigfeit von Zwecken zu verwirklichen fuchen. Die Bebürfnifje, welche in der menjchlichen Natur ange- legt find, werden in Folge der Eingefchränktheit des Menſchenda⸗ feina nicht von der iſolirten Thätigkeit des Ginzelnen befriedigt, fondern in der Theilung der menjchlichen Arbeit und in dem Erb⸗ gang ber Generationen. Died wird möglich durch die Gleichartig- feit der Menfchennatur und die im Dienft diefer Zwecke ftehende Einzelwiflenichaften der Syfteme der Kultur. 55 überfchauende Vernunft in ihr. Aus diefen Eigenjchaften ent- fpringt die Anpaffung de8 Handelns an den Ertrag der Arbeit bes Vorlebens, an die Mitwirkung der Thätigfeit der Gleichzeitigen. So greifen die weienhaften Lebenszwecke des Menſchen durch Ge⸗ ſchichte und Geſellſchaft hindurch.
Die Wiſſenſchaft unternimmt nun, nach dem Satze vom Grunde, welcher allem Erkennen zu Grunde liegt, die Abhängig- feiten feftzuftellen, welche innerhalb eines ſolchen auf einem Be— ftandtbeil der Menfchennatur beruhenden, über das Individuum hinausgreifenden Zweckzuſammenhangs zwilchen den einzelnen pfy⸗ chiſchen oder pfychophyſiſchen Elementen beftehen, die ihn bilben, ſowie die Abhängigkeiten, welche zwiſchen ihren Eigenjchaften ftatt- finden. Sie beftimmt, wie Ein Element daß andere in dieſem Zweckzuſammenhang bedingt, von dem Auftreten Einer Eigenschaft in ihm da3 einer anderen abhängig ift. Da bieje Elemente bewußt find, können fie in gewillen Grenzen in Worten ausgedrückt werben. Daher bildet fich dieſer Zuſammenhang in einem Ganzen von Sätzen ab. Jedoch find diefe Sätze ſehr verjchiedener Natur; je nachden die piychiichen Elemente, welche in dem Zweckzuſammen⸗ bang verbunden find, vorwiegend dem Denken oder dem Fühlen oder dem Willen angehören, treten Wahrheiten, Gefühlsausſagen, Regeln auseinander. Und bdiefer Verjchiedenheit ihrer Natur ent- Ipricht die ihrer Verbindung, folgerichtig der Abhängigkeiten, welche die Wiſſenſchaft zwiſchen ihnen findet. Schon an dieſem Punkte kann eingejehen werden, daB es einer der größten Fehler der ab⸗ ftralten Schule war, alle diefe Verbindungen gleichmäßig ala Iogifche aufzufaffen, und ſonach ſchließlich alle dieſe geiftigen Zweck⸗ thätigkeiten in Vernunft und Denken aufzulöfen. Ich wähle für einen ſolchen Zwedzufammenhang den Ausdrud: Syftem.
Die Abhängigkeiten, die jolchergeftalt in Beziehung auf den Zweckzuſammenhang von piychiichen oder pfychophyſiſchen Ele— menten inmerhalb eines einzelnen Syſtems beftehen, exiftiren zu⸗ nächſt in Bezug auf diejenigen Grundverhältniffe deſſelben, welche ihm an allen Punkten gleichförmig eigen find. Solche bilden die allgemeine Theorie eines Syſtems. Abhängigkeiten diejer 56 Erjtes einleitendes Bud).
allgemeinften Art hat Schleiermacher innerhalb des Syſtems der Religion zwiſchen der Thatjache des religiöjen Gefühls und den Thatjachen der Dogmatif und philofophiichen Weltanſchauung, zwiſchen der Thatjache dieſes Gefühls und denen des Cultus jowie der religiöjen Geſelligkeit aufgeftelt. Das Thünen'ſche Ge- je drüdt da3 Verhältniß aus, in welchen die Entfernung vom Markte, indem fie die Verwerthung der Bodenprodufte beeinflußt, die Intenfität der Landwirthichaft bedingt. Solche Abhängigkeiten werden naturgemäß gefunden und dargeftellt in dem Bulammen- wirken der Analyfe des Syſtems mit dem Schluß aus der Natur der Wechſelwirkung der in ihm verbundenen pfychiſchen oder pigchophufiichen Elemente jowie der Bedingungen von Natur und Geſellſchaft, unter denen fie flattfindet. Alsdann beftehen Ab- bängigfeiten engeren Umfangs zwiſchen den Modifikationen dieſer allgemeinen Eigenjchaften eines Syſtems, welche eine Einzelge- ftalt deilelben bilden. So ift ein Dogma innerhalb eines religiöfen Einzeligftem3 nicht unabhängig von den anderen, welche in dem⸗ jelben mit ihm vereinigt find; ja die Hauptaufgabe der Dogmenge- Ichichte und Dogmatik, wie fie durch Schleiermachers tiefere Analyſe der Religion zu klarem Bewußtſein gelangte, wird darin liegen, an die Stelle eines untergefchobenen logischen Verhältniſſes von Ab⸗ hängigfeit, vermöge deflen nur ein Lehrſyſtem entiteht, in beiden Wiſſenſchaften die Art von Abhängigkeit der Dogmen untereinander zu jegen, welche in der Natur der Religion, ingbejondere des Chriſtenthums gegründet ift.
Und zwar beruhen diefe Willenichaften von den Syſtemen der Kultur auf piychiichen oder pſychophyſiſchen Inhalten, und dieſen entiprechen Begriffe, welche von denen, die von der Individualpfychologie benußt werden, ſpecifiſch verjchieden find und verglichen mit ihnen ald Begriffe zweiter Ordnung im Aufbau der Geiſteswiſſenſchaften bezeichnet werden können. Denn die Inhaltlichkeit, wie fie in dem Beſtandtheil der Menſchen⸗ natur angelegt ift, auf welchem der Zweckzuſammenhang eines Syſtems beruht, bringt in der Wechſelwirkung der Indivi⸗ duen unter den Bedingungen bed Naturganzen, in geichichtlicher Sie weilen auf Piychologie und Erkenntnißtheorie zurüd, 57 Steigerung zufammengejeßte Thatjachen hervor, welche fih von der in der Piychologie entwickelten zu Grunde liegenden Inhalt⸗ lichkeit jelber unterjcheiden und die Grundlage der Analyfis des Syſtems bilden. So beherrjcht der Begriff der wiſſenſchaftlichen Ge⸗ wißheit in feinen verjchiedenen Geftalten, ala Neberzeugung von Wirk: lichkeit im Wahrnehmen, als Evidenz im Denten, als Bewußtſein von Nothmwendigleit gemäß dem Sa vom Grunde im Erkennen die ganze Theorie der Wiſſenſchaft. So bilden die piychophufiichen Begriffe von Bedürfniß, Wirthichaftlichkeit, Arbeit, Werth u. a. die nothivendige Grundlage für die von der politiichen Oekonomie zu vollziehende Analyſis. Und wie zwilchen den Begriffen, jo be= fteht (gemäß der Begriffe mit Säben verfnüpfenden Beziehung) zwilchen den fundamentalen Sätzen diefer Wiflenfchaften und den Ergebniſſen der Anthropologie ebenfalls ein Verhältniß, nach welchem fie ald Wahrheiten zweiter Ordnung in dem auffteigenden Zuſammenhang der Geifteswiflenichaften bezeichnet werden können.
Wir können den Zuſammenhang der Argumentation, welchem diefe Analyje der Einzelwiſſenſchaften des Geiſtes gewidmet ift, nunmehr ein weitered Glied einfügen. Die Thatſachen, welche die Syſteme der Kultur bilden, können nur vermittelft der That⸗ fachen, welche die piychologiide Analyje erkennt, ftudirt werben. Die Begriffe und Süße, welche die Grundlage der Erkenntniß diefer Syſteme ausmachen, ftehen in einem Verhältniß von Ab» bängigfeit zu den Begriffen und Sätzen, welche die Piychologie entwidelt. Aber dies Verhältniß ift jo-veriwidelt, daß nur eine zujammenhängende erfenntniß-theoretifche und logiſche Grundlegung, welche von der bejonderen Stellung des Erkennens zu der ge- ſchichtlichen, der gejellichaftlichen Wirklichkeit ausgeht, die Lücke auzfüllen kann, welche zwiſchen den Einzelwifjenfchaften der pſycho⸗ phufiichen Einheiten und denen der politiichen Defonomie, des Rechts, der Religion u. a. bis heute befteht. Dieſe Lücke wird von jedem Einzelforſcher gefühlt. Die englifch-Franzöfiiche Wiflen- ſchaftslehre, welche auch bier ein bloßes Verhältniß der deduftiven und der indultiven Operation fieht, und daher auf dem rein logischen Wege durch Unterfuchhung der Tragweite diejer beiden 58 Erſtes einleitendes Bud).
Dperationen die ſchwierige Yrage zu löſen glaubt, hat ihre Uns fruchtbarfeit nirgend deutlicher als in den weitläufigen Debatten über biejen Punkt dargethan. Die methodologiſchen Vorausſetzungen diejer Debatten find irrig. Die Frage ift nicht, wie dieſe Forſcher fie ftellen, ob ſolche Wiſſenſchaften einer deduktiven Entwidelung fähig jeien, welche dann einer induktiven Berifilation und An- paſſung an die complexen Verhältniſſe des thatlächlichen Lebens unterliege, oder ob fie induftiv zu entwideln und dann durch eine Deduktion aus der menſchlichen Natur zu betätigen ſeien. Diefe Trageftellung jelber ift in der MUebertragung eines abftraften Schema’3 aus den Naturwiflenichaften gegründet. Nur das Studium der Arbeit des Erkennens, welche unter den Bedingungen ber bejonderen Aufgabe der Geiſteswiſſenſchaften fteht, kann das Problem des bier beftehenden Zuſammenhangs auflöſen.
Man könnte ſich nun vorftellen, ea gebe Wefen, beren Wechſel⸗ wirkung nur in einem ſolchen Sneinandergreifen pſfychiſcher Alkte in Einem oder einer Mehrheit von Syſtemen verlief. Man bächte fi dann alle Wirkungen folder Wejen ala ſähig in einen folden Zweckzuſammenhang einzugreifen und ſchränkte ihr ganzes Berhältniß zu einander auf diefe Fähigkeit ihre Zweckthätigkeit einem oder mehreren folder Zuſammenhänge anzupafien ein. Ob gleich ein jebe3 biejer Wejen jein Thun dem der vor oder neben ihm befindlichen anpafite, um es zweckmäßig einzurichten, verbliebe jedes berjelben für fi), nur die Intelligenz ftiftete zwiſchen ihnen einen Zuſammenhang, ſie rechneten auf einander, aber fein lebendiges Gefühl von Gemeinichaft bejtünde zwiſchen ihnen; fie vollzögen jo pünttlih und vollftändig, glei bewußten Atomen, bie Aufgaben ihrer Zweckzuſammenhänge, daß fein Zwang und fein Verband zwijchen ihnen nothwendig wäre.
Der Menſch ift nicht ein Weſen folder Art. Es befteben andere Eigenschaften feiner Natur, welche in der Wechſelwirkung diefer piychiichen Atome zu den dargelegten noch andere conftante Beziehungen Hinzufügen, deren am meiften in's Auge fallenden von und als Staat bezeichnet werden. Es beiteht in Folge hiervon eine andere theoretiiche Betrachtung des gejellichaftlichen Lebens, Wiflenichaften der äußeren Organifation ber Gefellichaft. 59 welche in den Staatswiſſenſchaften ihren Mittelpunkt hat. Die regellofe Gewalt feiner Leidenjchaften jo gut ala fein inniges Bedürfniß und Gefühl von Gemeinſchaft machen den Dienfchen, wie ex Beftandtheil in bem Gefüge diefer Syfteme ift, fo zu einem Glied inderäußeren DOrganijation der Menjchheit. Bon der Struktur, welche ein Zuſammenhang pſychiſcher Elemente in dem Zweckganzen eines Syſtems zeigt, von der Analyfis derjelben, welche die Beziehungen in einem ſolchen Syſtem unterjucht, unterjcheiden wir die Struktur, welche in dem Berbande von Willenzeinheiten entfteht, und die Analyfis der Eigenfchaften der äußeren Organifation der Gejell- Ihaft, der Gemeinjamleiten, der Verbände, des Gefüges, dad in Herrſchaftsverhältnifſen und Außerer Bindung vom Willen entitebt.
Die Grundlage, auf welcher biefe andere Form dauernder Beziehungen in der Wechſelwirkung beruht, reicht eben fo tief, ala die, welche die Thatjache der Syſteme hervorbringt. Sie liegt zu= nächit in der Eigenichaft des Menjchen, vermöge deren er ein ge- ſelliges Weſen if. Mit dem Naturzufammenhang, in welcher der Menſch fteht, den Gleichartigkeiten, die jo entipringen, den dauern⸗ den Beziehungen von pfychiichen Akten in Einem Menſchenweſen auf ſolche in einem anderen find dauernde Gefühle von Zuſammen⸗ gehörigfeit verbunden, nicht nur ein Taltes Vorftellen diejer Ver- hältnifje. Andere gewaltfamer wirkende Kräfte nöthigen die Willen zum Berbande zufammen: Interefje und Zwang. Wirken dieſe beiden Arten von Kräften nebeneinander: jo kann die uralte Streitfrage, welchen Antheil jede von ihnen an der Ent— ſtehung des Verbands, des Staates Habe, nur Durch Hiftorifche Analyfiz von Yal zu Fall aufgelöft werben.
Natur und Umfang der Wiflenichaften, welche jo ent- ftehen, ergiebt fich erft näher aus der Erörterung ber Kulturſyſteme und ihrer Wiſſenſchaften. Bevor wir in dieje eintreten, ziehen wir zwei weitere Folgerungen in den Zufammenhang der Bewweisführung, welche durch diefe Analyfe der Geifteswifjenjchaften hindurch geht.
Augenscheinlich befteht daſſelbe Verhältniß, vermöge. deſſen Begriffe und Säbe ber Wifienfchaften der Kultur von denen der Anthropologie abhängig waren, auch auf dieſem Gebiet ber 60 Erſtes einleitendes Buch.
Wiſſenſchaften von der Äußeren Organijation der Gefellichaft. Die Thatjachen zweiter Orönung, welche bier die Grundlage bilden, werden an einem fpäteren Punkt erörtert werden, da fie erſt nach einer näheren Analyfi3 der Syſteme der Kultur mit hinreichender Deutlichkeit gefehen werden können. Aber wie wir fie auch ber ſtimmen werben, fie müſſen daffelbe Problem einjchließen, defien Borhandenjein Beweis für die Nothivendigkeit einer Wiſſenſchaft ift, welche unter den allgemeinen Bedingungen menjchlichen Er— kennens die Geftaltung des auf die gefchichtliche und gejellichaft- liche Wirklichkeit gerichteten Erkenntnißproceſſes unterjucht, eine Grenzen, feine Mittel, den Zuſammenhang der Wahrheiten dar- legt, in welchem voran zu fchreiten der Wille der Erkenntniß in der Menjchheit auf diefem Gebiet gebunden if. Die Lücke im Zuſammenhang des wiljenfchaftlichen Denkens hat ſich den Staats⸗ wiſſenſchaften jo fühlbar gemacht, ala denen der Religion oder politiichen Oekonomie.
Faßt man alddann dad Verhältniß dieſer beiden Claſſen von Wiſſenſchaften zu einander in's Auge, jo entfteht bier für den Logiker eine Forderung an methodiſches Bewußtſein über den Zuſammenhang des Erlenntnikvorgangd, in dem dieje Einzel» wiſſenſchaften entftanden find, welche noch weiter führt. Die Wiſſenſchaften einer jeden dieſer beiden Clafſen können gemäß der Natur des Vorgangs von Zerlegung, in welchem fie fich Ihieden, nur in der beitändigen Relation ihrer Wahrheiten auf die in der anderen Claſſe gefundenen entwicdelt werden. Und innerhalb einer jeden dieſer Claſſen befteht daſſelbe Verhältniß, oder wie könnten die Wahrheiten der Wiſſenſchaft der Aeſthetik ohne die Beziehung zu denen der Moral wie zu denen der Re— ligion entwidelt werden, da doch der Urſprung der Kunft, die Thatjache des Ideals, in diejen lebendigen Zuſammenhang zurüd- weitt? Wir erkennen auch bier, indem wir analyfiren und den Theilinhalt abftralt entwickeln; aber Bewußtſein über diefen Zuſammenhang und Verwerthung deſſelben: das ift die große methodologiſche Anforderung, welche aus diefem That- beitand ent|pringt; nie barf die Beziehung bed jo gewifjermaßen Sie weilen auf Piychologie und Erfenntnißtheorie zurüd. 61 berauspräparirten Theilinhalte® auf den Organismus der Wirk- lichkeit, in welchem allein das Leben jelber pulfirt, vergefien werden, vielmehr Tann da8 Erkennen nur von diefer Beziehung aus den Begriffen und Säben ihre genaue Form geben und ihren angemefjenen Erkenntnißwerth zutheilen. Es war der Grunbfehler der abſtrakten Schule, die Beziehung des abftrabirten Theilinhaltes auf das lebendige Ganze außer Acht zu laſſen und fchließlich dieſe Abſtraktionen ala Realitäten zu behandeln. Es war der come plementäre, aber nicht minder verhängnikvolle Irrthum der hiſtoriſchen Schule, in dem tiefen Gefühl der lebendigen, irrational gervaltigen, alles Erkennen nad dem Sabe vom Grunde über- Ichreitenden Wirklichkeit au8 der Welt der Abftraktion zu flüchten.
. XI. Die Wiſſenſchaften von den vyſtemen der Kultur.
Den Ausgangspunkt für dag Verſtändniß des Begriffs von Syftemen des gejellichaftlichen Lebens bildet der Lebensreichthum be einzelnen Individuums felber, das als Beftandtheil der Gejell- haft Gegenstand der erften Gruppe von Wiſſenſchaften ift. Denken wir und einmal dieſen Lebensreichthum in einen gegebenen Individuum als gänzlich unvergleichbar mit dem in einem anderen und auf daſſelbe nicht übertragbar. Aladann könnten dieje Individua einander durch phyfiſche Gewalt bewältigen und unterjochen, allein fie bejäßen feinen gemeinfamen Inhalt, jedes wäre in fich jelber verichloffen gegen alle anderen. In der That giebt e in jedem Individuum einen Punkt, an welchem es ſich ſchlechterdings nicht einordnet in eine ſolche Coordination feiner Thätigfeiten mit an⸗ deren. Was von diefem Punkte auß in der Lebenzfülle des Individuums bedingt ift, das geht in Feines der Syſteme des gejellichaftlichen Lebens ein. Die Gleichartigfeit der Individuen ift die Bedingung dafür, daß eine Gemeinſamkeit ihres Lebens⸗ inhaltes da ift. — Denken wir und dann das Leben in einem jeden 63 Erftes einleitendes Buch.
diefer Individua wohl vergleichbar und übertragbar, aber einfach und unzerleglich, alddann würde die Thätigkeit der Gejellichaft Ein einziges Syſtem bilden. Wir machen und die einfachften Eigen- ſchaften eines ſolchen Grundſyſtems Har. Daſſelbe beruht zunächft auf der Wechſelwirkung der Individuen in der Gejelichaft, fofern fie, auf der Grundlage eined denfelben gemeinfamen Beltand- theils der Menfchennatur, ein Ineinandergreifen der Thätigkeiten zur Tolge bat, in welchem diejer Beitandiheil der Menſchennatur zu feiner Befriedigung gelangt. Hierdurch unterjcheidet fich ein ſolches Grundſyſtem von jeder DVeranftaltung, welche nur ein Syſtem von Mitteln für die Bebürfniffe der Geſellſchaft in fich faßt. Geht man von der Wechjelwirtung von Individuen aus, fo unterfcheidet fich die direkte, in welcher ein Individuum A feine MWirtung auf B C D erftredt und von ihnen Einwirkung em= pfängt, von den indirelten, welche auf den Forkwirkungen der Veränderung in B auf R Z beruhen. Vermöge ber erfteren ent- fteht ein Horizont Direkter Wechſelwirkungen der einzelnen Indi⸗ viduen und dieſer ift für fie ein jehr verfchiedener. Die indirekten find in der Geſellſchaſt nur begrenzt durch die fie ver- mittelnden Bedingungen der Außenwelt. Ein ſolches Syſtem, wie es auf den direkten und indirekten Wechſelwirkungen von In⸗ dividuen in der Gejellihaft beruht, hat nothwendig die Eigen- Ichaften der Steigerung und Entwidlung Denn zu den Geſetzen der pinchiichen Lebendeinheit, welche Steigerung und Entwiclung bedingen, tritt das entiprechende Grundverhältnig ihrer Wechſel⸗ wirkungen, welchem gemäß Empfindungen, Gejühle, VBorftellungen bei ihrer Uebertragung von dem Individuum A auf dad B in A mit ihrer alten Stärke verbleiben, während fie auf B über- gehen. — Beltünde nun ein einziges folches Syftem, jo würde es da3 ganze Leben der Gefellichaft ausmachen; der Vorgang der Mebertragung in ihm und fein Inhalt wären ein und einfach. In Wirklichkeit ift der Lebensreichthum des Individuums in Wahr- nehmungen und Gedanken, in Gefühle, in Willensakte gejchieden. Gleichviel aljo, welche Sonderungen und Verbindungen in ihm ſonſt noch ftattfinden, ſchon hierdurch, vermöge der natürlichen Die Wiſſenſchaften von den Syſtemen der Kultur. 63 Gliederung des piychiichen Lebens, ermöglicht diefer Lebensinhalt eine Verſchiedenheit der Syſteme im Leben der Gejellichaft.
Diefe Syſteme beharren, während die einzelnen Individuen felber auf dem Schaupla des Lebens erſcheinen und von dem⸗ jelben wieder abtreten. Denn jedes ift auf einen beftimmten, in Modifitationen wiederkehrenden Beitandtheil der Perfon gegründet. Die Religion, die Kunft, das Recht find unvergänglich, während die Individua, in denen fie leben, wechjeln. So firömt in jeber Generation neu die Inhaltlichleit und der Reichthum der Dienfchen- natur, jofern fie in einem Beftandtheil derjelben gegenwärtig oder mit ihm in Beziehung find, in das auf diefen gegründete Syſtem ein. Iſt auch 3. 3. die Kunſt auf dad Vermögen der Phantafie, ala einen einzelnen Beftandtheil der Menjchennatur, gegründet: fo ift do in ihren Schöpfungen der ganze Reichthum der Menſchen⸗ natur gegenwärtig. Seine volle Realität, Objektivität empfängt da3 Syſtem aber erft Dadurch, daß die Außenwelt Einwirkungen von Individuen, die raſch vergänglich find, auf eine mehr dauernde oder fih wiedererzeugende Weile aufzubewahren und zu vermitteln die Fähigkeit hat. Dieje Verbindung von werthvoll nach dem Zweck eined ſolchen Syſtems geftalteten Beitandtheilen der Außenmelt mit der lebendigen, aber vorübergehenden Thätigkeit der Perſonen, erzeugt eine von den Individuen jelber unabhängige äußere Dauer und den Charakter von maffiver Objektivität diejer Syfteme. Und fo geftaltet fich jedes derjelben als eine auf einem Beftandtheil der Natur der Perfonen berubende, von ihm aus mannichfacdh ent» widelte Thätigfeitäweife, welche im Ganzen der Gejellichaft einem Zweck bderjelben genügt, und die mit denjenigen in der Außenmelt bergejtellten dauernden oder im Zuſammenhang mit der Thätigfeit fi) erneuenden Mitteln ausgeftattet ift, welche dem Zweck diejer Thätigfeit dienen.
Das einzelne Individuum ift ein Kreuzungspunkt einer Mehr- beit von Syſtemen, welche fi) im Verlauf der fortichreitenden Kultur immer feiner pecialifiren. Ja derjelbe Lebensakt eines Individuums kann dieje Vielfeitigkeit zeigen. Indem ein Gelehrter ein Werk abfaßt, kann dieler Vorgang ein Glied in der BVerbin- 64 Erfted einleitendes Buch.
dung von Wahrheiten bilden, welche die Wiſſenſchaft ausmachen; zugleich iſt derſelbe das wichtigſte Glied des ökonomiſchen Vor⸗ gangs, der in Anfertigung und Verkauf der Exemplare ſich voll⸗ zieht; derſelbe hat weiter als Ausführung eines Vertrags eine rechtliche Seite, und er kann ein Beſtandtheil der in den Ber- waltungszuſammenhang eingeordneten Berufsfunktionen des Ge— lehrten fein. Das Niederichreiben eines jeden Buchſtabens dieſes Werkes ift jo ein Beitandtheil all diefer Syſteme.
Die abftrafte Wiſſenſchaft ftellt nunmehr dieſe jo in der geichichtlichegejellichaftlichen Wirklichkeit veriwebten Syſteme neben- einander. Wird doch der Einzelne in fie Hineingeboren und findet fie daher ala eine Objektivität fich gegenüber, die vor ihm war, nach ihm verbleibt und mit ihren Veranſtaltungen auf ihn wirft. So ftellen fie fich der wiſſenſchaftlichen Einbildungskraft ala auf fi jelber beruhende Objektivitäten dar. Nicht nur die Wirth: Ihaftsordnung oder die Religion, ſelbſt die Wiſſenſchaft ſteht ala eine ſolche bildlich vor und. Der umfaffende Schluß von der erſcheinenden Himmelskugel, von der täglichen und jährlichen Be— wegung der Sonne, den theilweije fo verichlungenen Bewegungen der Geitirne an ihr auf die wirklichen. Stellungen, Maſſen, Ve- wegungsformen, Geichwindigleiten der Körper im Weltraume eriftirt in feinen Gliedern für den heutigen Menſchen ala ein ob⸗ jektiver Thatbeftand, Theil des umfafjenderen der Naturwiſſenſchaft, ganz losgelöſt von den Perjonen, in denen er ſich vollzieht: ein Thatbeftand, zu welchem ſich der Einzelne ala zu einer geiftigen Wirklichkeit verhält.
Indem jo diefe Syfteme nebeneinander der Analyfi3 unterworfen werden, können jolche Unterfuchungen nur in fteter Beziehung auf die andere Claſſe von Unterfuchungen angeftellt werden, welche Die Ge⸗ meinfamfeiten und Verbände innerhalb der gefchichtlich-gejellichaft« lichen Welt zu ihrem Gegenftande haben. Im Hinblid auf dieſe Beziehung tritt ein für die Conftitution diefer Wiſſenſchaften folgen- reicher Unterjchied zwiſchen den einzelnen Syſtemen hervor.
Ein jedes berjelben entwickelt fich innerhalb bes Ganzen der gejchichtlich-gejellfchaftlichen Wirklichkeit. Denn jedes ift das Er- Ihr Studium m. dem d. äuß. Organijation d. Gefellichaft verbunden. 65 zeugniß eines Beſtandtheils der menfchlichen Natur, einer in ihm angelegten, durch den Zweckzuſammenhang des gejelljchaftlichen Lebens näher beftimmten Thätigkeit. Es ift in diefer der Gefell- ihaft aller Zeiten gemeinfamen Grundlage angelegt, wenn es auch erft auf einer höheren Kulturftufe zu abgelonderter und innerlich reicher Entfaltung gelangt. In einem ftärkeren oder geringeren Grade ftehen nun diefe Syfteme mit der äußeren Organifation der Gefellichaft in Beziehung, und bie DVerhältniß bedingt ihre nähere Geftaltung. Insbeſondere kann dag Studium der Syſteme, in welche das praktiſche Handeln der Gejelljchaft ich zerlegt Hat, von dem Studium des politifchen Körpers nicht getrennt werden, da fein Wille alle äußeren Handlungen der ihm unterivorfenen In—⸗ Dividuen beeinflußt.
Die Beziehungen zwiichen den Syftemen der Kultur und der äußeren Organijation der Geſellſchaft. Das Recht.
Das vorige Kapitel war der Darlegung des Unterſchieds zwilchen den Syftemen der Kultur und der äußeren Organifation der Gejellichaft gewidmet. Das Kapitel, in welchem der Leſer ſich befindet und das die Wiffenichaften von den Syftemen der Kultur behandelt, hat zunächft auf der Grundlage dieſer Darlegung ben Begriff eines Syſtems der Kultur entwidelt. Bon der Auffaffung des Unterſchieds zwiſchen den Syſtemen der Kultur und der äußeren Organijation der Gejellichaft wenden wir ung nun zu der Auffaffung der Beziehungen zwilchen ihnen.
Goethe hat in feiner reifen Epoche, in welcher jeine natur= wiffenfchaftliche Betrachtungsweiſe durch den Yortgang zur Ber- gliederung der gefchichtlichen Welt erft zu einer MWeltanficht fich erweiterte, nach dem Tode feines Freundes Karl Auguft, aus der Einfamkeit von Dormburg (Juli 1828), feine Anficht der ge- ihichtlicden Welt folgendermaßen ausgedrüdt. Er geht von dem Blick auf das Schloß und die Gegend unter ihm aus; ſo entfteht ihm ein anfchauliches Bild für die abftrafte Wahrheit: „die ver- nünftige Welt ſei von Gefchlecht zu Geichlecht auf ein jolgerechtes Dilthey, Einleitung.
66 Erſtes einleitendes Buch.