Ramayana
Sanskrit-Epos des alten Indien, traditionell dem Weisen Valmiki zugeschrieben — als »erster Dichter« (adikavi) verehrt, weil er dessen poetische Form festlegte —, wahrscheinlich in einem ursprünglichen Kern um das 5. Jahrhundert v. Chr. entstanden, mit späteren Erweiterungen über mehrere Jahrhunderte, und mit rund vierundzwanzigtausend Versen, verteilt auf sieben Bücher (Kandas), das zweite große Epos des Hinduismus nach dem Mahabharata, jedoch mit weit einheitlicherer und linearerer Erzählstruktur. Es erzählt das Leben des Prinzen Rama, der als Avatar des Gottes Vishnu gilt, von seiner Geburt im Königreich Ayodhya bis zu seinem vierzehnjährigen Waldexil — Folge einer höfischen Intrige seiner Stiefmutter Kaikeyi —, begleitet von seiner Gattin Sita, dem Musterbild von Treue und weiblicher Tugend in der indischen Kultur schlechthin, sowie seinem Bruder Lakshmana. Den dramatischen Kern des Werks bildet die Entführung Sitas durch den Dämonenkönig Ravana, den Herrscher von Lanka, die einen großen Krieg auslöst, in dem Rama, verbündet mit der von dem hingebungsvollen Hanuman — einer zentralen Gestalt der volkstümlichen hinduistischen Verehrung wegen seiner absoluten Treue — angeführten Affenarmee, Ravana besiegt und seine Gattin rettet. Das Werk erforscht mit moralischer Tiefe die Spannungen zwischen persönlicher, familiärer und königlicher Pflicht (Dharma) und gipfelt in umstrittenen Episoden wie der Feuerprobe, die Sita bestehen muss, um ihre Reinheit zu beweisen, und, in manchen Fassungen, ihrer späteren Verstoßung durch Rama angesichts anhaltender Gerüchte über ihre Treue — Passagen, die in der zeitgenössischen indischen feministischen Kritik intensive Debatten ausgelöst haben. In unzähligen regionalen Fassungen in Indien, Südostasien und darüber hinaus verbreitet — vom Tamil bis zum Thailändischen und Indonesischen —, bleibt das Ramayana bis heute eines der lebendigsten religiösen, kulturellen und künstlerischen Werke ganz Asiens, aufgeführt in Theater, Tanz und Volksfesten wie dem Ram Lila.