Martin Luther
Deutscher Theologe und Augustinermönch (1483–1546), geboren in Eisleben, Professor für biblische Theologie an der Universität Wittenberg, und die Gestalt, die die Reformation auslöste — das Ereignis, das die religiöse Einheit Westeuropas dauerhaft zerbrach. Von tiefer geistlicher Angst um sein eigenes Seelenheil gequält, gelangte er durch das Studium des Römerbriefs des Paulus zu der Lehre, die seine gesamte Theologie prägen sollte: die Rechtfertigung allein durch den Glauben (sola fide), wonach der Mensch nicht durch eigene Verdienste oder Werke erlöst wird, sondern allein durch die Gnade Gottes, empfangen durch den Glauben. Diese Überzeugung führte ihn 1517 dazu, die Fünfundneunzig Thesen zu verfassen, ein akademisches Dokument, das den Ablasshandel — die Zahlung von Geld gegen den Erlass von Sündenstrafen — als theologischen und seelsorgerlichen Missstand anprangerte und, dank des Buchdrucks rasch verbreitet, eine Krise auslöste, die die römische Kirche nicht eindämmen konnte. 1521 exkommuniziert und von Kaiser Karl V. auf dem Reichstag zu Worms geächtet, wo er den berühmten Satz »Hier stehe ich, ich kann nicht anders« sprach, fand er Zuflucht unter dem Schutz des Kurfürsten von Sachsen, wo er das Neue Testament in Rekordzeit ins Deutsche übersetzte und damit entscheidend zur Festlegung des modernen Standarddeutschen beitrug. In Von der Freiheit eines Christenmenschen (1520) legte er das zentrale Paradox seiner Ethik dar: Der Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan, kraft des Glaubens, zugleich aber ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan, kraft der Liebe. Seine letzten Jahre waren auch von einer berüchtigten judenfeindlichen Schrift geprägt, Von den Juden und ihren Lügen (1543), einem Text von äußerster rhetorischer Schärfe, der später vom Nationalsozialismus instrumentalisiert wurde und den dunkelsten Makel seines Vermächtnisses darstellt.