Heraklit
Griechischer vorsokratischer Philosoph (ca. 535 – ca. 475 v. Chr.), geboren in Ephesos, in Ionien, in eine aristokratische Familie, deren erbliche Privilegien —der Überlieferung zufolge einschließlich der königlichen Würde der Stadt— er zugunsten eines Bruders aufgab, und der sich, in offener Verachtung für die Politik und die Masse seiner Zeit, vom öffentlichen Leben fernhielt. Bereits im Altertum wegen seines dichten, orakelhaften und bewusst kryptischen Stils als „der Dunkle“ bekannt, verfasste er ein einziges Buch in Prosa —der Legende nach im Tempel der Artemis niedergelegt—, von dem nur rund hundert Fragmente erhalten sind, überliefert durch spätere Autoren wie Platon, Aristoteles und Diogenes Laertios, häufig ohne Kontext und mitunter scheinbar widersprüchlich zueinander. Sein Denken kreist um die Lehre des universellen Flusses —„alles fließt“ (panta rhei), zusammengefasst in seinem berühmtesten Bild: Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen, denn weder das Wasser noch der Badende sind noch dieselben— und zugleich um eine tiefe Einheit unter diesem beständigen Wandel, den Logos, eine universelle kosmische Vernunft oder Ordnung, die alle Prozesse regelt und die die meisten Menschen, eingelullt in ihre eigene private Meinung, trotz beständiger Eingebundenheit darin nie wahrzunehmen vermögen. Er vertrat, dass die Wirklichkeit eine Spannung von Gegensätzen in dynamischem Gleichgewicht sei („der Weg hinauf und der Weg hinab sind ein und derselbe“; „Krankheit macht die Gesundheit süß“), dass der Krieg (Polemos) „Vater aller Dinge und König aller Dinge“ sei, und dass das Feuer das Urelement sei, aus dem sich alles in einem gemessenen Austausch verwandle, wie Gold gegen Waren getauscht wird. Seine ausdrückliche Verachtung für die Menge, für frühere Dichter wie Homer und Hesiod und sogar für den Weisen Pythagoras, dem er bloße Gelehrsamkeit ohne Verständnis vorwarf, brachte ihm den Ruf eines Menschenfeindes ein, doch seine dynamische Auffassung der Wirklichkeit und seine Logos-Lehre beeinflussten tiefgreifend Platon, die Stoiker —die darin eine Vorwegnahme ihrer eigenen Physik sahen— sowie in der Neuzeit Hegel und Nietzsche.