Anselm von Canterbury
Italienischer Benediktinermönch, Theologe und Philosoph (1033–1109), geboren in Aosta und ausgebildet im normannischen Kloster Bec unter der Leitung Lanfrancs, dem er als Prior und später als Abt nachfolgte — Ämter, von denen aus er Bec zu einem der bedeutendsten geistigen Zentren des späten 11. Jahrhunderts in Europa machte. 1093 wurde er zum Erzbischof von Canterbury ernannt, ein Amt, das er inmitten ständiger Konflikte mit der englischen Krone ausübte — zunächst mit Wilhelm II., dann mit Heinrich I. — im Zuge des Investiturstreits, der ihn in zwei lange Phasen des kontinentalen Exils zur Verteidigung der kirchlichen Unabhängigkeit von der weltlichen Macht führte. Als Vater der Scholastik geltend und oft als zweiter Begründer der natürlichen Theologie nach Augustinus bezeichnet, formulierte Anselm im Proslogion (1078) das sogenannte ontologische Argument, einen der meistdiskutierten Gottesbeweise der gesamten Philosophiegeschichte: Indem er Gott definiert als „das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann“, argumentiert Anselm, dass ein solches Wesen notwendigerweise in der Wirklichkeit existieren müsse und nicht nur im Verstand, da die Existenz in der Wirklichkeit größer sei als die bloße Existenz als Idee; das Argument, bereits zu Lebzeiten von Gaunilo und später von Kant kritisiert, hat bis heute eine ununterbrochene philosophische Debatte ausgelöst. In Cur Deus Homo (Warum Gott Mensch wurde) entwickelt Anselm eine Sühnetheorie, wonach die menschliche Sünde eine unendliche Beleidigung der göttlichen Ehre darstelle, die nur durch das freiwillige Opfer eines zugleich menschlichen und göttlichen Wesens wiedergutgemacht werden konnte — ein Modell, das die abendländische Erlösungstheologie nachhaltig prägte. Sein methodischer Leitsatz, fides quaerens intellectum („der Glaube, der Verständnis sucht“), fasst sein Vorhaben zusammen, die Vernunft in den Dienst des christlichen Glaubens zu stellen, ohne sie ihm vollständig unterzuordnen.
9 Werke
- Brief über die Menschwerdung des Wortes
- Proslogion
- Proslogion (ed. 2)
- Über den Ausgang des Heiligen Geistes
- Über den Fall des Teufels
- Über den Grammatiker
- Über die Freiheit des Willens
- Über die jungfräuliche Empfängnis und die Erbsünde
- Über die Wahrheit